LI 058, Herbst 2002
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Transatlantische Scheidung

Zur wachsenden Entfremdung zwischen Europa und den USA

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Während sich der Krieg gegen den Terrorismus mühsam dahinschleppt, hat sich ein anderer Konflikt verschärft, und zwar in einem Teil der Welt, wo Großmachtansprüche lange von Stellvertretern ausgefochten wurden. Die blutige Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern ist rasch zu dem klarsten Beleg für den ideologischen kalten Krieg zwischen Europa und Amerika geworden. Für amerikanische Unterstützer Israels ist die "antizionistische" Haltung mancher Europäer unerträglich. So reagierte Charles Krauthammer in der Washington Post auf diese Lage sowie darauf, daß der französische Botschafter in Großbritannien auf einem Essen zu seinen Ehren der Autorin Barabara Amiel, Conrad Blacks Frau, sagte, Israel sei ein "beschissenes kleines Land": "In Europa ist man als Jude nicht sicher. Wie konnte es dazu kommen? ... Wir sehen hier einen aufgestauten Antisemitismus, die Entladung – mit Israel als Auslöser – eines jahrtausendealten Drangs, der die europäische Geschichte massiv befallen und geformt hat. Das Seltsame ist nicht der gegenwärtige Antisemitismus, sondern die Tatsache, daß er im letzten halben Jahrhundert weitgehend verschwunden war. Das war die historische Anomalie."
Antisemitismus in Europa? Sind Europäer Antisemiten? Was bedeutet das? Ich erinnere mich schaudernd an ein Klezmer-Konzert in Berlin, das von einer Gruppe ordentlich frisierter, wohlmeinender nichtjüdischer deutscher Twens gegeben wurde. Sie wollten ihre Solidarität mit der untergegangenen jüdisch-europäischen Kultur demonstrieren, produzierten aber lediglich schlechte Musik. In einem kollektiven europäischen Akt der Sühne wurden viele Denkmäler errichtet. War all das vergeblich? Sind nazistische Ansichten wieder auf dem Vormarsch? Einige meiner jüdischen Freunde glauben das, aber ich sehe den derzeitigen Antisemitismus eher als Seitenstrang des derzeitigen Antiamerikanismus denn als Wiederaufleben von Anschauungen aus der Vorkriegszeit.
Die Auseinandersetzung zwischen Arabern und Israelis ist ein Stellvertreterkrieg in der eigentlichen Auseinandersetzung zwischen Europa und Amerika. Gegenwärtig glauben die Europäer, sie spielten in der Welt eine begrenzte Rolle, die ihnen von den USA zugewiesen werde. Während sie im Kalten Krieg Juniorpartner waren, haben sie heute, sobald die richtigen Kämpfe und diplomatischen Anstrengungen beendet sind, die Aufgabe, Fahrzeuge mit Vierradantrieb und Lebensmittel zu liefern, den Opfern beizustehen. Europäer sind kriegsmüde und, wie es Conrad Black formuliert, "neigen dazu, auf Gewalt mit Gewaltlosigkeit zu antworten". Gutwillig und eifrig treten wir als globale Sozialarbeiter auf, aber wenn man ständig untergeordnete Tätigkeiten verrichtet, und sei es für einen guten Zweck, führt das zu mangelnder Selbstachtung.
Zu den Kämpfen in Palästina, bei denen von den USA aufgerüstete israelische Truppen häufig Gebäude der palästinensischen Verwaltung zerstören, die mit Mitteln der EU erbaut worden sind, fällt den Europäern zunächst einmal wenig ein. Sie können – die Gründe liegen in der blutigen europäischen Vergangenheit – nicht den Israelis allein die Schuld in die Schuhe schieben. Daher ist es leichter, den Palästinensern gefühlsmäßig die vertraute Opferrolle zuzuweisen. Da die Europäer aber ein Ende der Kämpfe wollen, sehen sie sich genötigt, die Amerikaner zu bitten, in ihrem Sinne Druck auszuüben, was die USA natürlich nicht tun werden. Daß in Palästina eine Demokratie à la Sternenbanner entstehen könnte, auf Trümmern und auf Geheiß von Ariel Sharon und George Bush errichtet, findet man in Europa völlig grotesk. Doch wieder werden die Europäer einfach beiseite gewischt. Das erklärt die aktuellen europäischen Frustrationen in bezug auf Israel besser als so etwas wie erblicher Antisemitismus.
"Die einzige Supermacht der Welt zeigt etablierten Institutionen die kalte Schulter", klagt der ehemalige britische Außenminister Douglas Hurd, der dafür berüchtigt war, daß er nur widerstrebend Maßnahmen sanktionierte, die geeignet waren, auf dem Balkan Massaker zu verhindern, sogar wenn die Amerikaner inständig darum baten, endlich handeln zu dürfen. Allmählich fragte ich mich, ob Amerika nicht bei den wirklich wichtigen Fragen immer allein agiert hat. 1919 wehrten sich Woodrow Wilson und US-Außenminister Robert Lansing zum erstenmal gegen die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofes. 1944 lehnten die USA den Vorschlag ab, eine internationale Reservewährung zu etablieren, und nahmen dafür lieber den Dollar. Haben FDR oder Eisenhower wirklich auf Churchill gehört? Wer hat die Europäer um Erlaubnis gefragt, ob man die Wasserstoffbombe bauen dürfe? Und hat Nixon sich groß um die Europäer gekümmert, als er das Weltwirtschaftssystem umkrempelte?
Es fällt nicht schwer, im Stile eines Scheidungsanwalts Trennungsgründe für die Partner Europa und USA aufzulisten. Die Liste könnte beispielsweise so aussehen: Unberechenbarkeit des Ehepartners (die Tendenz, Schlachtpläne aufzustellen, ohne vorher den französischen Präsidenten informiert zu haben), Indifferenz gegenüber früheren Vereinbarungen (Nichteinhaltung diverser Abkommen, die in Orten wie Kyoto getroffen wurden), sich nicht an Vorschriften halten (Stahl- oder Agrarzölle), sich über das Gesetz stellen (Weigerung, die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs zu akzeptieren) sowie, für Europäer besonders beunruhigend, die Neigung, in Zeiten der Gefahr prompt zu reagieren (die USA setzen ihre Militärmacht ein, bevor Aggressoren ihre Bomben in Stellung gebracht haben).
Auch die amerikanisch-russische Freundschaft beruhigt die Europäer keineswegs, sondern bietet großen Anlaß zur Sorge, genau wie die geplante Verschrottung dermaßen vieler Atomwaffen, an deren Stelle ein Raketenschutzschild noch unbekannter Leistungsfähigkeit treten soll. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, daß diese Verstimmungen allein ausreichen, um die Abwendung Europas von Amerika zu erklären. Mir kommt es so vor, als würden wir Zeuge einer ernsteren Entfremdung. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob sich nicht Amerika verändert hat, sondern Europa.
Eines ungemütlichen Tages nahm ich wieder den Eurostar, diesmal nach Brüssel. Ich begab mich zu der häßlichen Ansammlung von Gebäuden, die an die Zentrale einer in Konkurs geratenen Telekomholding erinnern, und wo regelmäßig das Europäische Parlament zusammentritt. Hier tagte der wichtigtuerisch benannte Konvent über die Zukunft Europas. Unter dem Vorsitz von Valéry Giscard d’Estaing, eines sechsundsiebzigjährigen ehemaligen französischen Präsidenten mit dem zerknitterten Aussehen eines Gründungsmitglieds der chinesischen Mandarinkaste, war diese illustre Versammlung großer und bedeutender Europäer zusammengetreten, um eine Verfassung der Europäischen Union zu erstellen. Angeblich hat sie jene Versammlung zum Vorbild, die 1787 in Philadelphia stattfand.
Ich hatte gehofft, einen flüchtigen Anklang an Hamilton, Madison oder Jay zu finden, wurde aber enttäuscht. Dem insektenartigen Summen der Übersetzungen in dem riesigen Raum erlag jede Eloquenz, die in Reden des maltesischen oder litauischen Außenministers verborgen sein mochte. Diskutiert wurde über das Thema "Subsidiarität" – das europäische Kodewort für die Rechte der Mitgliedsstaaten. Niemand konnte sagen, was am Ende von der Souveränität solcher ehemals zweifellos stabiler Einheiten wie Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Luxemburg oder Lettland übrigbleiben würde. Die höflich und unleugbar ermüdend ablaufenden Verhandlungen waren auf länger als ein Jahr angelegt, dann mußten sie noch von jedem einzelnen Land ratifiziert werden. Dies hieß, daß der europäische Supranationalismus keineswegs den knappen Sommer der Beratungen in Philadelphia nachahmte, vielmehr sollten die Gespräche im Stil eines Films von Andy Warhol endlos lange dauern, und die zahllosen mehr oder weniger identischen Konsultationsphasen dürften sich viele Jahre dahinschleppen. Selbst die Befürworter gaben zu, daß die europäische Verfassung vielleicht nie in Kraft treten wird. Während ich den Reden lauschte, kam mir der – vielleicht ein wenig gemeine – Gedanke, daß die Europäer keine Angst vor einem Angriff haben müßten. Niemand begriff die EU gut genug, um sie vernichten zu wollen.
Ideologie der KleinmutEndlich verstand ich, warum es die feinen Europäer für nötig halten, sich als eine Art Gegenpart der Vereinigten Staaten zu begreifen. Einigermaßen reserviert hatte ich mir jahrelang angesehen, was französische föderalistische Ideologen hartnäckig die "Konstruktion" Europas nennen. Europapolitiker wie der italienische Wirtschaftsprofessor Romano Prodi, der Chef der Europäischen Kommission, gewann meinen Respekt für seine Ehrlichkeit, als er mir gestand, die Schaffung eines neuen Europas werde noch mindestens 50 Jahre dauern. Haben wir so viel Zeit, um über Feinheiten zu debattieren, während sich die Weltwirtschaft rasant verändert? Vielleicht nicht.
(...)

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Nicolas Fraser
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 12
Aus dem Englischen von Hans M. Herzog

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Hauptthema
  • Verhältnis von Europa und den USA

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