LI 061, Sommer 2003
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Psittacorum regio

Papageien des Paradieses in der mythischen Topographie Australiens

Vielleicht das bekannteste mythische Interieur Australiens ist sein "Binnenmeer". Viktorianische Forschungsreisende wie Edward J. Eyre und Charles Sturt bekamen das Gefühl, daß sie einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen seien. Die offenen, leicht abfallenden Ebenen in der Region des sogenannten Lake Eyre (im nördlichen Südaustralien) sahen wie Meeresküsten aus. Regelmäßig wuchsen an den Horizonten verheißungsvolle Trugbilder einer auf dem Kopf stehenden Vegetation und irgendwie maurisch aussehender Bauwerke empor. Doch schließlich hinderten Wassermangel und lähmende Temperaturen diese geographischen Seher daran, ihre Träume zu erhärten.
Spätere Geographen haben Verständnis für das Pathos ihrer Fehlwahrnehmungen aufgebracht: Diese kolonialen Visionäre waren dem Wasser nahe gewesen. Es lag unter ihren Füßen, in den riesigen artesischen Reservoiren, die es der Viehzuchtindustrie später gestatteten, ihre aus Rinder- und Schafpfaden bestehenden Tentakeln über den gesamten Einzugsbereich des Diamantina auszustrecken. Sie haben auch darauf hingewiesen, daß diese Vorläufer der Zukunft, was das Oberflächenwasser angeht, entweder ein paar Millionen Jahre zu spät gekommen sind oder gerade nicht den richtigen Zeitpunkt erwischt haben. Einstmals war das Eyrebecken ein Meer. Heutzutage verwandeln bedeutende Regenfälle im Innern von Queensland die glitzernde Salzpfanne des Lake Eyresees gelegentlich in ein seichtes Meer, das sich von einem Horizont zum anderen erstreckt.
Das psychologische Ergebnis dieser frühen Erfahrungen ist kein Gefühl einer wachsenden Beziehung zu den Eigenarten der australischen Hydrologie gewesen, sondern ein Gefühl des Zurückgewiesen- und Verratenseins. Die Gewalttätigkeit - und der, wie sich herausgestellt hat, für die Umwelt langfristig zerstörerische Charakter – des Snowy Mountains-Projekts (1949-1958) war Ausdruck der Ansicht, dort, wo der genius loci der zivilisierten Ansiedlung ganz eindeutig feindlich gegenüberstehe, solle man ihn zähmen. Wenn eine natürliche Flut nicht garantiert werden konnte, würde man eine künstliche Flut schaffen, selbst wenn das bedeutete, den Lauf von nicht weniger als fünf Flüssen umzukehren.
Die heutigen Pendants zu den Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts sind die Wirtschaftswissenschaftler. Als unsere modernen Astrologen betrachten sie den Markt als ein weiteres Outback, das erobert werden muß. Es überrascht somit nicht, daß das Auf und Ab der gelegentlichen und leichten Überflutungen des Lake Eyre vor allem für Leute von Interesse ist, die mit Landwirtschaftsaktien spekulieren. Ansonsten sind die bisweilen fließenden Wasser im Landesinnern, abgesehen davon, daß sie die Ausbreitung schädlicher Unkräuter und eingeschleppter Schädlingsarten fördern, eine quasi mediterrane Touristenerfahrung für Australier, denen aus Angst vor tödlichen Atemhauchen die Lust vergangen ist, über andere Meere zu reisen.
Im kollektiven psychogeographischen Imaginären ähnelt Australien einem gigantischen Atoll, einem Land, das die Form eines doughnut hat. Die Tatsache, daß das Atoll nicht die Wasser des Pazifik, sondern ein "rotes Zentrum" umschließt, verringert nicht die Nützlichkeit dieses Bildes für die Aufrechterhaltung jenes doppelten Gefühls von Zusammengehörigkeit und Getrenntheit, auf dem anscheinend die legendäre kollektive Identität beruht. Denn das australische "Zentrum" ist anders als der amerikanische "Westen". Es geht dabei nicht darum, sich einem Ziel zu nähern. Die symmetrische Anordnung der Küstenlinien Australiens suggeriert den illusorischen Charakter anderer Orte. Die Phantasie, daß man den einen Vorstadthinterhof verläßt und durch den Kontinent wandert, um schließlich in einem anderen anzukommen, enthält den Verdacht, daß diese Übung vergeblich wäre – denn wie soll man die eine Küste von der anderen unterscheiden?
Wenn man die binnenländische Lage der australischen "Buschhauptstadt" Canberra als Beweis dafür anführt, die Australier hätten ihre Umwelt angenommen, dann muß man dabei die doughnut-Phantasie im Kopf haben. Die Verkehrssysteme, die die Hauptstädte der Staaten und Territorien Australiens miteinander verbinden, verlaufen an der Küste entlang. Würde der Ring, den sie bilden, gegenüber von Canberra – etwa irgendwo bei Broome – durchtrennt und als gerade Linie ausgerollt, dann nähme die australische Bundeshauptstadt tatsächlich eine zentrale Stellung ein. Sonst bleibt sie ein exzentrischer geometrischer Landeplatz, eine Art nationaler Golfplatz, dessen Bunker kahlgeschorene Hügel sind und dessen auf der anderen Seite des Lake Burley Griffin gelegenes Clubhaus Aldo Giurgolas neues Parlamentsgebäude ist, bei dem man an den Krieg der Welten denkt.
Der exzentrische Charakter eines Landes, dessen Bevölkerung sich weitgehend an die Küste klammert, wird von australischen Kommentatoren selten beachtet. Diese Mißachtung steht im Kontrast zur überproportionalen Aufmerksamkeit, die man dem Strand und der Strandkultur schenkt. Der Versuch, den lässigen, vorgeblich hedonistischen Lebensstil der Australier von einer durch eine Werbeagentur gestalteten Collage von Surfbrettern, Brandung, liegenden Nackten und vielfarbigen Sonnenschirmen abzuleiten, ist nicht sehr erfolgreich. In Wirklichkeit stellt das, was die Strände Australiens überwiegend verorten, den Triumph des visuellen Bildes über die taktile Wirklichkeit dar. Die Apotheose hiervon, die passenderweise den Namen Kodak Beach trägt, ein voll funktionstüchtiger künstlicher Strand am Brisbane River gegenüber von Brisbanes zentralem Geschäftsviertel, liefert, wie der Kulturgeschichtler John MacArthur bemerkt, ein "hypervisualisiertes Environment". Sie liefert auch eine Modelldorf-Version der Phantasie vom Binnenmeer.
Worauf ich hinauswill, ist jedoch, daß, wer sich auf diese mikrokulturellen Adaptationen konzentriert, die historische Seltsamkeit einer Nation von Küstenbewohnern aus den Augen verliert. Eines der großen "Was wäre wenn"s der australischen Geschichte – mit dem man jede erlahmende Dinnerparty garantiert wieder zum Leben erweckt – lautet: Was wäre aus "Australien" geworden, wenn La Pérouse den fünfzehnjährigen Napoleon nicht abgewiesen, sondern auf seine erste Expedition in die großen Südländer mitgenommen hätte? Ich vermute, Bonaparte hätte sein militärisches Genie unterfordert gefunden und seinem Verwaltungstalent die Zügel schießen lassen. Alle Straßen wären strahlenförmig von einem Arc de Triomphe ausgegangen, der in der französischen Kolonialhauptstadt Alice Springs gestanden hätte. Das ist kein so idiotisches Szenario.
Die meisten imperialen Abenteuer – der berühmteste Fall war Cortés, als er weit ins Landesinnere gegen die Hauptstadt Moctezumas marschierte – haben ihre Invasion damit gerechtfertigt, daß sie von der Hypothese eines im Zentrum gelegenen "Bagdad" ausgingen. In Australien dagegen war es anders: Abgesehen von ameisenartigen Beutezügen zu inländischen Goldfeldern und dem weitmaschigeren Netz von Schafpfaden, die, aus allen Richtungen kommend, allmählich irgendwo nördlich des Wendekreises des Steinbocks konvergierten, verteilten sich die meisten Kolonisten über die Hinterlandstreifen der Küsten. Das psychogeographische Resultat ist tiefgreifend. Im Gegensatz zu den meisten Europäern, die im Landesinnern leben und für die (zumindest in der Vergangenheit) die Küste eine Art ultima Thule darstellt, das die äußerste Grenze der bewohnten Welt markiert, haben die Australier den Eindruck, daß ihr Ortsgefühl an der Küste seinen Ursprung hat. Die Reise ins Landesinnere ist es, die ein Abenteuer fern vom eigenen Wohnort bedeutet.
Diese Reise markiert auch einen Eintritt in das Reich der irreführenden Erscheinungen. Wenn sich schlichte empirische Faktizität um den Rand drängt, dann charakterisiert Mutmaßung das Landesinnere. Das lakonische Understatement des australischen Humors beruht auf diesem Kontrast. Schon für sich allein hätte die Ungeheuerlichkeit der Lüge – Wüsten dort, wo es fruchtbare Seenlandschaften hätte geben sollen – eine Literatur des magischen Realismus inspirieren können. Doch in Australien ließ sich die Ungeheuerlichkeit der Täuschung immer in Grenzen halten, indem man sich auf den von der Küste stammenden Maßstab des gesunden Menschenverstandes berief.
In der nach Schlagzeilen haschenden Phantasie wandernder Journalisten ist das Innere Australiens die Provinz verlorener Kinder, entführter weißer Frauen und einer bestimmten Sorte von Mischwesen zwischen Tier und Mensch – darunter der amphibisch lebende Bunyip und ein Swiftscher Yahoo – gewesen. Es war aber auch das Terrain des Wanderarbeiters, des Aussie-Kämpfers und des Neusiedlers im Busch. Diese Subspezies des legendären australischen Mannes trug den Skeptizismus eines Praktikers ins Binnenland. Doch in der Begegnung mit einer menschlichen und natürlichen Umwelt, die die Erwartungen wiederholt enttäuschte, entwickelte sie eine defensive Art und Weise, Dinge zu beschreiben. In einer erfolgreichen Buscherzählung ist die Litotes alles. Der egalitäre Praktiker, der in der australischen Legende verherrlicht wird, ist ein geborener Ironiker. Rhetorisch ebenso wie mit den Händen liebt er es, "Dinge zurechtzustutzen".
Der Vorstädter, der in seine Fußstapfen tritt, ist der australische Nachkriegsmann, der in den eintönigen Ritualen des Ehelebens und in der Büroroutine gefangen ist. In Generationen von Kurzgeschichten wird seiner satirefähigen Ausdrucksunfähigkeit eine gewisse wehmütige Volksweisheit zugeschrieben. Ständig als jemand geschildert, der sich über den Hinterzaun lehnt, baut er keine Luftschlösser im Geiste – im Gegenteil: Er sieht zu, wie sich alles real Feste in Luft auflöst. Das ist der ultimative reduktionistische Triumph des gesunden Menschenverstandes in einem Lande, in dem die Fanfaren, die von einer besseren Zukunft künden, sich als bedeutungslos erweisen und wo infolgedessen die klangvolle Eloquenz des Verkäufers zu Recht als bloßer Quatsch eingestuft wird.
Das Grenzland, das Outback und das Binnenmeer sind mythische Territorien. Gleiches gilt aber auch für das Küstenbewußtsein, das sie so einstuft. Das Studium der Psychogeographie des australischen kollektiven Unbewußten bringt auch den Ertrag, daß es die praktische Vernunft des einfachen Mannes und der einfachen Frau als einen weiteren für die Kultur vorteilhaften Mythos entlarvt.
Als im Jahre 1771 Sir Joseph Banks, der mit Cook auf der "Endeavour" segelte, sein Fernglas auf die Küste richtete, kamen ihm "Eingeborene" vor die Augen. Was ihn am meisten überraschte, war, daß sie von seinem Segelschiff nicht überrascht waren. Ja, sie bemerkten es anscheinend gar nicht. Was war vernünftiger, das Verhalten der Bewohner des Ortes, die ihren Beschäftigungen nachgingen, oder die Erwartungen des großen Botanikers? Banks rechnete fest damit, mit dem kleinen Schritt, den er in Kürze auf das Ufer des festen Landes zu machen gedachte, einen gewaltigen Sprung vorwärts für die Wissenschaft der Aufklärung (und den britischen Merkantilismus) zu tun.
Doch die "Küste" in diesem Weltteil ist nicht wie eine Linie auf der Landkarte: Sie ist eine fraktale Zone aus Flußmündungen, kleinen Buchten, Lagunen, Landzungen, Isthmen und Vorgebirgen. Banks’ fest verankerte Küste war die geographische Entsprechung zu seinen deduktiven Gewohnheiten, aber diese machte jene nicht vernünftig. Als Banks zu dem Schluß kam, daß das Landesinnere Australiens weitgehend unbewohnt sein müsse, weil die Wirtschaft der Aborigines, die er beobachtet hatte, auf dem Fischfang beruhte, veranschaulichte er die Tatsache, daß im Spiegel der Vernunft nicht das Gesicht der Natur, sondern das des Wissenschaftlers erscheint
(...)

Mehr von:
Paul Carter
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 75
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer

Genre

Hauptthema
  • Mythologie, Geographie und Geschichte Australiens

Schlagworte

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