LI 032, Frühjahr 1996
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Cybersex

Von der abweichenden zur ausweichenden Sexualität

(...) Der Sex existiert nicht mehr, an seine Stelle ist die Angst getreten.
Die Angst vor dem Anderen, dem Ungleichen hat über die sexuelle Anziehung den Sieg davon getragen. Nach dem Kampf gegen die Schwerkraft der Körper und den Forschungen über die Techniken der Levitation und der Schwerelosigkeit beginnt nun ein ähnlicher Kampf gegen jene universelle Anziehungskraft, die der Gattung das Überleben sichert: Gentechnologie, künstliche Befruchtung usw., es gibt viele Beispiele ebenderselben gegen das Leben gerichteten Versuchung.
Man stelle sich einen Moment lang vor, daß der Zeugungsakt weder ein Bedürfnis, noch eine Lust sei, sondern eine Sache bloßer überlegung und Vernunft: könnte die menschliche Gattung dann noch fortbestehen? fragte Schopenhauer in seiner Abhandlung über die Metaphysik der Geschlechtsliebe.
Hundert Jahre spaeter stellt sich angesichts der kybernetischen Forschungen über eine Umleitung der Sexualität von neuem die Frage, wohin uns diese Trennung der Körper, diese Diastase des Lebendigen führen wird.
Nach den diversen Perversionen, jenen Abweichungen "wider die Natur", zeichnen sich nun also alternative Liebespraktiken ab, andere und komplexe Ausweich- und Ablenkungsph nomene diesmal, die nicht mehr "tierischer" oder zoophiler Natur, sondern "maschinell" und offen technophil sind.
Doch was verbirgt sich hinter diesem panischen Rückzugsphänomen, dem Rückzug vom körperlichen Akt? Die Angst vor der Ansteckung mit Aids oder andere Ängste, andere Schrecken, solche, die man sich nicht eingestehen kann ...
Seltsamerweise verbannt uns die Wissenschaft der Maschinen sowohl aus der geophysischen Welt als auch aus dem physischen Körper des Naechsten, der stets meinem Ego widerspricht und dessen Lebensnotwendigkeit nicht mehr das ist, was sie früher war, zu der Zeit, als das Tierreich mit all seiner energetischen Macht noch über jene Energien der Synthese oder vielmehr der Substitution dominierte, die heute die Überhand gewinnen.
Niederlage der Tatsachen gegenüber der Verbreitung einer Information, die ihrerseits vollkommen synthetisiert ist durch die Massenkommunikationsmittel, in denen das Bild bereits den Sieg über die Sache davonträgt, von der es niemals nur "Abbild" ist, aber auch, und darauf kommt es uns hier an: Niederlage der Tatsache des Liebemachens, hier und jetzt, zugunsten einer maschinellen Täuschung, bei der die "Distanz" wieder zur distentio wird, zur Auseinanderziehung und Trennung der Partner, wobei die Liebes- und Glücksspiele zu einem gewöhnlichen Gesellschaftsspiel werden; eine Art virtuelles Casino, in Analogie zur Wertpapierbörse, an der sich die Händler und die übrigen golden boys auf den berühmten Derivaten-Märkten tagein tagaus damit amüsieren, die Bank zu sprengen.

Mehr von:
Paul Virilio
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 74
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

Genre

Hauptthema
  • Neue Technologien der Sexualität

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