LI 066, Herbst 2004
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Kultur der Demokratie

Von der Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen, der einen töten will

(...) Diejenigen von uns, die auf dem Gebiet der Kultur arbeiten, sind oft in einer kulturellen Praxis zu Hause, die noch ganz aus dem Zeitalter der Imperien stammt. Jeder folgt dem Mann mit dem Stock. Wer leitet die größeren Museen und entscheidet, welche Ausstellungen man seieht und welche nicht? Es geht dabei nicht sehr demokratisch zu. Wer entscheidet, was im Fernsehen gesendet wird? Wird darüber demokratisch entschieden? Ich glaube nicht. Wir sind noch immer tief in den undemokratischsten Praktiken befangen, wenn es darum geht, wie unsere Kultur hervorgebracht und verbreitet wird. Können wir als Künstler die Produktionsmechanismen und mehr noch die bloße Art und Weise, wie wir zu unseren Mitbürgern sprechen, wirklich in die eigene Hand nehmen?

Wenn in den USA heute nur 25 Prozent der Bevölkerung zur Wahl gehen, wer ist dann im Gespräch mit den übrigen 75 Prozent? Gibt es da überhaupt ein Gespräch? Denn wenn es keines gibt, dann haben wir ein Problem. Für mich ist dies die wirkliche Herausforderung für die Künstler heute: Wie spricht man zu Leuten, die selbst nicht sprechen? Und wie sagt man denjenigen, die nicht vom Mikrofon ablassen wollen, daß auch einmal jemand anderes zu Wort kommen sollte?

Im letzten Teil der Orestie des Aischylos gibt Athene auf die liebenswürdigste Weise zu verstehen, daß eine Abstimmung eine gute Sache wäre und daß die Wahl geheim sein sollte. Sie sagt dies ohne jede Aggressivität, ohne jeden Befehlston. Denn Demokratie ist immer das, wovon man die Menschen überzeugen kann, daß es richtig ist. Man muß sehr überzeugend sein. Und damit kommen wir zu den Künsten und dazu, daß die Künstler lernen müssen, überzeugender zu sein.

Für mich liegt die Schönheit der Kultur der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Stücken wie Mozarts Idomeneo und Händels Theodora – Stücken, in denen das Wort „Freiheit" auf jeder Partiturseite vorkommt. Ich glaube, Freiheit war der entscheidende Punkt, um den es ging. Diese wunderbare Vision der Aufklärung warf die Frage auf: „Wie bereitet man die Menschen auf die Demokratie vor? Wir leben unter diesen unmöglichen Autokratien, und wir müssen einer demokratischen Kultur den Weg bereiten." Aus diesem Grund wurde im 18. Jahrhundert der Rhetorik und der Redekunst so ungeheure Aufmerksamkeit geschenkt. Die „Redekunst" fragte: „Wie hebt man das Niveau des öffentlichen Diskurses über das der Zeitungsmeldungen? Wie kann man Menschen dazu bringen, etwas auszusprechen, an das sie von ganzem Herzen glauben, ohne es im Aussprechen zu verfälschen oder es unter Preis zu verkaufen?"

Ich komme aus einem Staat, der auf dem Prinzip einer „Unabhängigkeitserklärung" gegründet wurde: Um frei zu sein, muß man damit beginnen, sich für frei zu erklären. Dieser Erklärungsakt läßt plötzlich andere Leute munter werden und sagen: „O ja, genau das habe ich auch gedacht, aber ich habe nicht gewagt, es in aller Öffentlichkeit auszusprechen." Was geschieht, wenn ein Mensch oder eine Gruppe aufsteht und es plötzlich möglich macht, etwas zu sagen, was zuvor nicht hätte gesagt werden können? Die Griechen haben eine ganze Kultur geschaffen, um dies zu ermöglichen, und auf einem Hügel nahe der Stadt, auf einem Berg, ein riesiges Ohr in den Boden gekratzt, mit einem Sitzplatz für jeden einzelnen Bürger. Direkt in den Berg hinein, mit Blick über Meer und Himmel, gruben sie diese riesige Kosmologie eines Auditoriums, weil der erste Schritt in der Demokratie darin besteht, nicht immer nur zu sprechen, sondern zuhören zu lernen. Und zwar anderen zuhören zu lernen. Es ist kein Zufall, daß fast jedes griechische Drama nach einer Frau benannt ist. „Wir bringen alle Bürger zusammen, damit sie Leuten zuhören, die keine Bürger sind." Die meisten griechischen Chöre rekrutieren sich aus „jungen Männern, jungen Frauen", und die Männer sind alle Fremde: Das ist es, was das griechische Theater allen Bürgern an ein und demselben Ort zu hören gab. „Hören wir doch einmal Fremden zu!" – „Laßt uns hören, was diese Teenager zu sagen haben!" – „Laßt uns hören, was diesen älteren Leuten durch den Kopf geht!"

Wunderbarerweise war das griechische Theater ein Ort, an dem das, was in der Öffentlichkeit zu sagen nicht erlaubt war, doch gesagt werden durfte: durch Tanz, durch Musik, durch Dichtung. Es mußte überzeugend sein – und es gibt nichts Überzeugenderes als Musik. Einfach zu sagen, was man zu sagen hat, genügt nicht – man muß es singen. Wir begegnen hier der Vorstellung, daß das Singen – die lyrische Kunst – nicht einfach nur „Reden, Reden, Reden, Reden" ist, sondern die Verfeinerung der Rede, ihr Reifestadium, ihre Kunstfertigkeit, ihr Zugewandtsein. Um zu singen, muß man Jahre seines Lebens der Ausbildung der eigenen Stimme widmen. Und um diesen spirituellen Weg geht es, um die Entscheidung, an sich zu arbeiten, sich der Selbstdisziplin zu unterwerfen. Was man singend sagt, sagt man nicht nur so daher, dahinter steht das in Jahren des Studiums, der Vorbereitung, des Nachdenkens erworbene volle Überzeugtsein, dahinter steht schon der bloße Mut, die Bühne zu betreten und diese großartigen Töne hervorzubringen.

Die schmerzhaftesten Dinge, die in der Gesellschaft zur Sprache gebracht werden müssen – wie man im letzten Krieg die Kriegsgefangenen behandelt hat; was es bedeutet, daß Kinder ihre Eltern oder Eltern ihre Kinder töten –, diese Dinge müssen so schön wie nur möglich gesagt werden. Man greift abscheuliche Themen auf und behandelt sie mit einem Höchstmaß an Schönheit, Zärtlichkeit, Einsicht, Mitgefühl. Man schafft ein ausgedehntes Universum, das zugleich multikulturell und multidisziplinär ist. Damit meine ich, daß das griechische Theater eine Verbindung von Musik, Tanz, Poesie und visueller Kunst darstellte, von all diesen Künsten, die zusammengebracht wurden, um ein facettenreiches Bild zu schaffen – nicht nur ein Bild, sondern ein facettenreiches Bild, da unsere Wirklichkeit facettenreich und komplex ist und aus einer Perspektive allein nicht angemessen dargestellt werden kann. Wie läßt sich das Vieldimensionale der Erfahrung darstellen? Gut und Böse sind stets so miteinander verflochten, daß man einfach nicht sagen kann: „Jenes Volk dort ist das Reich des Bösen", da das Böse überall am Werk ist und für das Gute dasselbe gilt. Jeder kann dies am eigenen Familienstammbaum nachvollziehen.

Das griechische Theater war ein außergewöhnlicher Ort, an dem diese komplexen Zusammenhänge vor der Öffentlichkeit ausgebreitet wurden; an dem die schwierigsten Themen, mit denen die Gesellschaft konfrontiert war, in aller Komplexität entwickelt und nicht simplifiziert wurden, in Vorbereitung auf die Pflicht, über andere zu Gericht zu sitzen. Ins Theater zu gehen war eine Form, die eigene Fähigkeit zu prüfen und weiterzuentwikkeln, auf Argumente zu hören, die Wahrheit herauszufinden und ein Votum abzugeben. Die Griechen wußten, daß man im Senat alles sagen und damit durchkommen konnte, daß im Theater aber höhere Maßstäbe angelegt wurden. Ein großer Dichter wählte die Worte genau, die er im Theater sagte oder sagen ließ. Euripides hielt einmal eine Lobrede auf das Geld und wurde dafür ausgebuht vom wütenden Volk, das nicht duldete, daß man sich zu ihm herabließ.

(...)

Mehr von:
Peter Sellars
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 111
Aus dem Englischen von Jens Hagestedt

Genre

Hauptthema
  • Macht und kulturelle Demokratie
  • Theater

Schlagworte

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