LI 072, Frühjahr 2006
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Rote Kavallerie

Später malte Kasimir Malewitsch sein Bild Rote Kavallerie, Öl auf Leinwand, 140 mal 91 Zentimeter, das sich heute im Staatlichen Museum Sankt Petersburg befindet, in dieser mythischen Ostseestadt, die nach dem glatzköpfigen Bolschewiken Lenin lange Leningrad und etwas früher nach dem Zaren Peter Petrograd hieß, wie übrigens auch Petersburg, aber wegen des Krieges in einer typischer slawischen Form. Rote Kavalleristen vor einem weißen Hintergrund als Horizont, unter einem dichten und sich zunehmend verdüsternden Himmel, stürmten natürlich nach links, mit fliegenden Fahnen, galoppierten hintereinander auf den farbigen Schichten – schwarz, rot, gelb, ultramarin, ocker, flaschengrün – eines harten und langgestreckten Bodens. Sehr viel später. Selbstverständlich erst, nachdem El Lissitzky Schlag die Weißen mit dem roten Keil geschaffen hatte, eine phänomenale Lithographie (69 mal 49 Zentimeter), die in der Staatsbibliothek Moskau aufbewahrt wird, in der Hauptstadt der Union, des Mütterchens Rußland, des ewigen Rußland. Das war auch, nachdem Majakowski, der gewaltige, unvergleichliche Wladimir Majakowski, Zeichnungen auf Bonbonpapier ausgeführt hatte, um auf den Hüllen der für die Rote Armee bestimmten Karamelbonbons kleine Geschichten darzustellen: „Judenitsch kam in das rote Petrograd, man hat ihn mit Bajonetten durchbohrt“, „Wenn die Front bedroht ist, liegt unsere Verteidigung in der Hand der Roten Armee“. Ja, später. Selbst nachdem Alexandr Rodtschenko für Eisenstein das orangefarbige Plakat zu Panzerkreuzer Potemkin gestaltet hatte, dessen Kanonen energisch auf die alte Welt gerichtet waren. Später. Jedoch bevor L. Raitzer die sich wiederholenden Motive des Dekorationsstoffs Die Mechanisierung der Roten Armee entworfen hatte, als die Rote Armee motorisiert, technisiert, mit dröhnenden Metallfahrzeugen ausgestattet wurde. Denn zuvor verließ sie sich vor allem auf ihre Kavallerie. Und die Kavalleristen machten noch in der Zeit, als Malewitsch sein berühmtes Bild malte, den ganzen Stolz der Roten Armee aus.

Die Künstler hatten die Rote Armee und ganz besonders deren Kavallerie in ihr Herz geschlossen. Nicht etwa, weil man sie von nahem gesehen hätte. Tatsächlich hatten sie keine Ahnung von ihr, von den Soldaten oder den Pferden. Außer Babel selbstverständlich. Isaak Emmanuilowitsch Babel, der alles wußte. Aber Babel war etwas Besonderes. Er redete in kurzen Sätzen und schrieb etwas längere Sätze (was ihm nicht nur Freunde einbrachte). „Tuchatschewski, starker Trinker. Schürzenjäger. Vier oder fünf Frauen in Leningrad.“ – „Budjonny hält es immer mit der stärkeren Seite. Hat seine Frau getötet und eine Bürgerin geheiratet.“ – „Gamarnik hat eine schöne Karriere gemacht. Aber er ist sehr krank. Diabetes.“ Babel konnte einiges sagen über die Generäle, die Marschälle, die Oberen und die Unteren. Doch er behielt es für sich. „Ich schreibe ein Buch über Pferde“, behauptete er. „Ja, weil man nicht mehr über die Menschen schreiben kann, schreibe ich über Pferde.“ Denn Babel hatte auf seinem Pferd mitgekämpft und in der Prawda sowie in der Literarischen und wissenschaftlichen Beilage des Nachrichtenorgans des Exekutivkomitees des Sowjets, des Komitees der Kommunistischen Partei der Bolschewiki der Ukraine und der Gewerkschaften der Provinz Odessa  Novellen veröffentlicht. So war Babel: eigensinnig. Aber vorsichtig. Nicht wie Pilnjak. Boris Pilnjak, dieses Spatzenhirn, hatte sich Die Geschichte vom nicht erloschenen Mond ausgedacht, und mit aller Macht handelte er sich Ärger ein. Er bereute es bitter, so sehr man es bereuen kann, wenn man die Polizei auf dem Hals hat. Denn man muß die Polizei in dunklen Leder jacken fürchten. „Deshalb“, gestand er nach reiflicher Überlegung ein, „schließe ich mich der Meinung der Redaktion an und schätze sowohl das Verfassen wie auch die Veröffentlichung der Geschichte vom nicht erloschenen Mond als einen groben Fehler ein.“ Dieser Pilnjak hat nicht das kleinste bißchen Grips, die Geschichte hat man ihm eingeflüstert, murmelten die Lästermäuler, die überall zu finden waren. Nur ein miserabler Politiker konnte wie er von den Militärs mit krapproten Rauten am Arm, von der Armee und ihrem Befehlshaber reden – denn in seiner Fabel ging es ja um die Armee und ihren Befehlshaber: „Er war ein Mann, dessen Name den ganzen Heroismus des Bürgerkriegs bekundete, der Tausende, der Zehntausende, der Hunderttausende Männer, die hinter ihm standen – Tausende, Zehn- und Hunderttausende Tote, Leiden, Verstümmelungen, Kälte, Hunger, Glatteis und brennend heiße Ebenen, donnernde Artilleriegeschütze, das Pfeifen der Kugeln und des Nachtwindes.“ Der geschickte Babel verzichtete auf jeden Kommentar zu delikaten Themen, schüttelte den kleinen, runden und kahlen Kopf, kniff die Augen hinter der Brille zusammen. Er hatte Erfahrung. Budjonny, der schnurrbärtige Krieger aus höheren Sphären, hatte starkes Mißfallen über die Novellen der Reiterarmee Issaak Babels geäußert. „So war es nicht wirklich“, grummelte er und schielte auf den Text. „Sterben wir für eine Salzgurke und die Weltrevolution!“ schrie im Text ein tapferer Kommissar, der dreimal mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet war und mit blankgezogenem Säbel angriff. Das konnte nicht so geschehen sein, grübelte Budjonny, der Rückendeckung bei Leuten hatte, die noch höher als er standen. Denn das war ganz einfach beleidigend. Babel ließ nicht locker. „Ich bedeckte meinen zerbrochenen Feldkoffer mit Heu, machte ein Kopfkissen daraus und streckte mich auf dem Boden aus, um die Prawda und die Rede Lenins auf dem Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale zu lesen … ‘Frau’, sagte ich, ‘ich brauche etwas zu fressen.’“ Budjonny, der sein Leben als Knecht begonnen hatte, fühlte sich gekränkt.

Doch in der Zeit, als sich Isaak Babel den roten Kosaken anschloß, sich hier und da Notizen für sein Tagebuch machte und mit dem Tod auf du und du stand, hatte Malewitsch andere Dinge im Kopf. Im eigenen Auftrag zog er zur Eroberung von Neuland, von den Generalstabskarten unbekannten Grenzregionen aus. „Alles geht im Lack der glänzenden Linien und der raffinierten Farbgebung unter“, formulierte er, um seine Gedanken zusammenzufassen. Kasimir Malewitsch dachte über die neuen Systeme in der Kunst nach, besuchte regelmäßig Marc Chagall und hielt Vorträge. „Nachdem ich mich zum ökonomischen Plan des suprematistischen Quadrats als Vollendung der heutigen Zeit geäußert habe, lasse ich es leben und der ökonomischen Entwicklung seines Wirkens zugrunde liegen.“ Dem Zeitalter der von ihm verkörperten neuen Kunst hatte Malewitsch tatsächlich den Namen Suprematismus gegeben, der energischer als ein Hornsignal klang. Der Maler blieb weit entfernt vom knisternden Heu der Scheunen, von den Salzgurken, den blutbefleckten khakibraunen Uniformjacken, obwohl er nicht unempfänglich für soziale Themen war. Er übernahm den Auftrag, Dokumententaschen für die armen Bauern zu entwerfen, die einen Kongreß im Petrograder Winterpalais abhielten. Sein wunderbarstes Bild hatte den Titel Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen und wurde auch Rotes Quadrat auf weißem Grund genannt. Er hatte es 1915 gemalt. Das heißt, daß er zur Avantgarde gehörte. Mit groben Pinselstrichen entwarf er auch die farbigen Massen in der vierten Dimension eines Fußballspielers. Striche, Balken, Vierecke, unregelmäßige Polygone. Rot, Blau, Grün, Gelb. Schwarz und Weiß. Das war die Gegenwart in allen ihren Bestandteilen. „Der neue Schöpfungstag wird das Firmament wie ein neuer Planet noch blauer machen“, ereiferte sich Malewitsch in seinen überschwenglichen Momenten, denn diesen Weg hatte die Revolution zurückgelegt. Die Revolution war Mahlstrom, Strudel, Hexenkessel. Die Roten und die Weißen entrissen sich gegenseitig die Macht in einem unbeschreiblichen Zusammenprall, die Sowjets, die Offiziere mit dem Sankt-Georgs-Kreuz, die Arbeiter des Rayons Wyborg, das Frauenbataillon des Todes, die rauhbeinigen Kronstädter Matrosen, die erbarmungslosen Schwarzhunderter, die auf Lastwagen hockenden zerlumpten Soldaten, die am Rand der Brücken postierten leichten Maschinengewehre, die im Finnischen Bahnhof pfeifenden Lokomotiven, und jeder ungewisse Tag unterschied sich vom vorhergehenden. Dichte Massen von Demonstranten zogen über den Newski-Prospekt: „Nieder mit den kapitalistischen Ministern!“ Kornilow, der General mit dem Wolfskopf, warf seine Wilde Division gegen Petrograd, gegen die aus Arbeiter-, Bauern- und Soldatenabgeordneten bestehenden Sowjets. „Die, deren Herz für Rußland schlägt, die an Gott und seine Kirchen glauben, mögen zu Unserem Herrn beten, damit das allergrößte Wunder geschieht.“ Aber der Herr ließ Kornilow im Stich. Die groben Matrosen, die Infanteristen im Wollmantel, die erschöpften Eisenbahner nahmen ihm den Schwung, und die Bolschewiki richteten sich als Herren im Smolny-Institut ein, einem ehemaligen Pensionat für höhere Töchter.

(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 9
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

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