LI 079, Winter 2007
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Japans Heiliger Berg

Alt, Unveränderlich und Still - Besuch in der Dämmerung von Koya-San

(…) Berge sind die aufgeladenen heißen Zentren überall in Japan, die einzigen Orte in dem häufig überentwickelten Land, an denen so etwas wie eine Verbindung zum ursprünglichen Reich der Geister und alten Bräuche zustande kommt. Vielleicht trifft dies auch auf andere Länder zu, aber in Japan, wo fast alle Städte im Anschluß an den Krieg nach dem Vorbild des Westens neu aufgebaut wurden, fällt der Kontrast viel stärker auf. Sobald man die überfüllten Straßen Kyotos mit seinen Wolkenkratzern verlassen hat und etwa auf die alten Hänge des Berges Hiei zufährt, nur zwanzig Minuten entfernt, spürt man etwas Erhebendes, während die Landschaft nach und nach verschwindet und man eine Welt mit Steintoren, dichten Täler und tiefem Schnee betritt. In den japanischen Bergen ist man im Reich der kami-sama, der Götter, die angeblich in Flüssen und Bergen leben. Hier in den Bergen sieht man wunderschöne Frauen, die sich (so die alten Legenden) als verkleidete Füchse oder Tanukis entpuppen, waschbärähnliche Trickster, die das Ende der Stadt und den Übergang zu etwas Wildem markieren.

Koya-san macht sich diesen Magnetismus zunutze und verdichtet ihn, indem es sich gegen alles andere abschirmt. Das erste, was man sich ansehen sollte, sobald man auf dem Berg ankommt, ist der Hain mit den riesigen Zedern, deren Umfang bis zu 15 Meter betragen kann, rings um die Gräber. Diese säumen einen langen Pfad, der bis zum Mausoleum von Kobo Daishi (dem Gobyo) führt. Der schattige Weg wirkt immer still, selbst wenn mehrere Gruppen von Pilgern ihn benutzen. Ganz gleich, wie viele Menschen gerade anwesend sind, immer wird ihre Anzahl von den Steinstatuen am Wegesrand, gewöhnlich Darstellungen des Schutzgottes Jizo, übertroffen.

Die Gräber in Koya-san sind in der charakteristischen fünfstufigen Form der sogenannten gorinto gebaut – reserviert für ranghohe japanische Familien. Dies hat seinen Grund in der Tatsache, daß es in Japan genauso wie in China fünf Elemente gibt und nicht vier (zum Teil deshalb, weil das Wort für „vier“ genauso klingt wie das für „Tod“): Erde, Feuer, Wasser, Luft – und Wind. Die Jizos tragen häufig rote Lätzchen und Bommelmützen und stehen dort im Namen aller Kinder, die zu früh, also vor ihren Eltern gestorben sind. In der Nähe des großen Mausoleums hat man aus all den kleinen verfallenen oder verlassenen Grabsteinen, die man im Lauf der Zeit im Boden gefunden hat, eine riesige Stupa gebaut.

Für die Japaner hat der Besuch des Oku-no-in oder „Allerheiligsten“ etwas von einem feierlichen Gang durch die Geschichtsbücher ihres Landes. Hier liegen Daimyo, Samurai, Kabuki-Schauspieler und koreanische Soldaten begraben. Auf einer Seite befindet sich das Grab des legendären Kriegers Toyotomi Hideyoshi (der Koya-san einst von seiner Festung in Kyoto aus angreifen wollte) und auf der anderen das Denkmal, das an seinen berühmten Vorfahren Nobunaga Oda erinnert (der den strategisch günstig gelegenen Berg ebenfalls erobern wollte). Kobo Daishi hatte nicht nur zahlreiche Verdienste aufzuweisen (seine Anhänger behaupten, er habe ein Wörterbuch verfaßt, den Menschen den Gebrauch von Kohle beigebracht oder gar Riten praktiziert, die Regen bringen sollten, wenn Dürre herrschte), er gehörte zudem zu den ersten religiösen Lehrern in Japan, die die volkstümliche animistische Tradition des Shinto mit dem Buddhismus verbanden. Deshalb gibt es auf seinem Friedhof so viele Gräber von Führern und Anhängern anderer, rivalisierender buddhistischer Schulen, aber auch einer Gruppe chinesischer Christen. Manche Denkmäler erinnern an Krieger, die im Jahr 1600 während der Belagerung von Otsu fielen, an Studenten, die im Zweiten Weltkrieg umkamen oder an die Australier, Japaner und Einwohner von Borneo, die im selben Krieg im Norden der Insel Borneo starben.

Tatsächlich ist der Buddhismus in Japan, gleich welcher Prägung, ganzheitlich, wie mir ein Mönch in Koya-san sichtlich entzückt erklärte: „Wir integrieren sogar die Hölle in unsere Erleuchtungsmandalas.“ Zumindest werden die Grenzen zwischen dem Heiligen und dem Profanen hier ganz anders als im Westen gezogen. Neuankömmlinge in Japan staunen nicht schlecht, wenn sie feststellen, daß Priester oft verheiratete Männer mit Familie sind, die in weitläufigen, alten, aber hochmodern eingerichteten Villen wohnen, Faßbier trinken und sich in eleganten schwarzen Mercedes-Limousinen durch die Straßen kutschieren lassen. Das erste, was mir der Mann im Touristencenter sagte, als ich mein Zimmer im Tempel buchte, war: „Bier kostet extra!“ (Und tatsächlich sind viele Tempel für ihren Sake oder ihr Bier berühmt).

Inmitten dieses undefinierbaren Gefühls also, auf dem Friedhof eine andere Welt zu betreten – der durchdringende Duft des Weihrauchs und der Zedern, die kleinen Schirmtannen (Koyamaki) am Fuß vieler Grabsteine, die Einfriedung in der Nähe von Kobo Daishis Mausoleum, das allein den Gebeinen von neun Kaisern und ihren Familien vorbehalten ist –, tauchen plötzlich verblüffende Bilder des Alltäglichen auf. Ein Schrein hat die Form eines Kugelfischs (aber bestimmt nicht zum Gedenken an jemanden, der an der berühmten giftigen Delikatesse verstorben ist, schoß es mir durch den Kopf), und vor der Empfangshalle, dort, wo der Weg endet, hatte eine Gruppe namens „Wunderwerkstatt“ eine riesige Anzeigetafel mit kunstvollen Kindercomics und rätselhaften Sprüchen aufgestellt. Einer lautete: „Ich habe einen Zigarettenstummel am Strand ausgedrückt. Es war, als hätte ich etwas im Sandkasten vergraben.“ Ein anderer: „Du hast deine Zigarette aus dem Fenster geworfen. Es sah aus, als würdest du vom Ort eines Verbrechens fliehen.“ Doch vielleicht paßt das alles gut zu Tempeln, auf deren Bürofenstern die Zeichen von Visa Card und Mastercharge prangen. In dem, wo ich übernachtete, standen schimmernde Verkaufsautomaten in den Gängen, und neben mein Bett hatte jemand fürsorglich ein Comicheft gelegt. Nichts ist von Natur aus gut oder böse, um mit Hamlet zu sprechen, erst das Denken macht es dazu.

An der dunkelsten Stelle, fast am Ende des Pfades, gibt es eine Reihe von Statuen, die die Bittsteller mit Wasser übergießen, um ihre Vorfahren im Jenseits zu beschützen, und einen kleinen Jizo-Schrein, in dem der Schutzgott als Vorkoster auftritt (wie jene Pechvögel, die die Speisen ihrer Herrscher probieren mußten, bevor sie serviert wurden). Zweimal am Morgen spricht ein alter Mönch in safrangelber Robe vor seinem Schrein Gebete, anschließend tragen zwei ebenfalls in safrangelbe Gewänder gehüllte jüngere Mönche eine einfache Sänfte mit einer hellen Holzkiste herbei (besser gesagt einer Truhe), die frisches Essen für Kobo Daishis Geist enthält. Man geht davon aus, daß der Gründer des Berges nach wie vor in seinem Schrein sitzt und meditiert. Ob Taifun, Krieg oder Erdbeben, Tag für Tag bekommt Kobo Daishi morgens und mittags eine erlesene Mahlzeit serviert, wobei die in ihre Gewänder gehüllten Mönche nicht selten durch tiefen Schnee stapfen müssen, um sie ihm zu bringen.

Verläßt man jedoch den heiligen Ort und geht wieder Richtung Hauptstraße, hat einer der ersten großen Schreine, an denen man auf dem sogenannten „Neuen Friedhof“ vorbeikommt, die Form zweier riesiger Kaffeetassen aus Stein. (Wenn man einen Blick hineinwirft, stellt man fest, daß der Grund aus dunklem Marmor besteht, der Farbe des Kaffees nachempfunden). Die UCC-Kaffeerösterei sah in Koya-san einen idealen Ort, um die Aufmerksamkeit – vielleicht sogar die Gunst – einiger der Millionen von Pilgern zu erwecken, die jedes Jahr hierherkommen. Ganz in der Nähe steht ein prächtiger Schrein mit zwei gesunden jungen Männern, die aussehen, als zögen sie in den Krieg. (Doch als ich näher hinsah, entdeckte ich das Nissan-Logo, und dann wurde mir klar, daß der Schrein all jenen gewidmet ist, die beim Bau von Nissan-Autos gestorben sind.) An einer Stelle hat ein Strumpfhosenhersteller sein bekanntes Maskottchen aufgestellt, und ein großer Marmorstein der Firma Sharp, in dem man sich selbst sehen kann, wenn man daran vorbeigeht, soll einen hochauflösenden Bildschirm darstellen. Auf dem Neuen Friedhof steht sogar eine überdimensionale glänzende Rakete. Man erzählte mir, die Behörden von Koya-san hätten diese Art von Schrein zuerst nicht genehmigt, bis ihnen die mächtige Luftfahrtgesellschaft versichert hatte, die Rakete bestehe aus fünf Teilen, welche die fünf Stufen der klassischen gorinto oder Stupa darstellten.

(…)

Mehr von:
Pico Iyer
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 124
Aus dem Englischen von Pociao

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