LI 073, Sommer 2006
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Ein erlesener Kadaver

Es ist ein Déjà-vu, aber in verschlimmerter Form, gemäß der originellen Formel von den „Retro-Avantgarden“: Mit Rosenwasser parfürmierter Horror (der erste Kuß für Mira bei jenem Baum, unter dem er heute begraben wurde), kombiniert mit dem Schauder des Todes! Ah, welch schönes Begräbnis! Wie wirkmächtig sind doch die Toten! Doch, die vielen Leute bei der in eine ultranationalistische Demonstration umfunktionierten Trauerfeier vor dem Belgrader Parlament und die Menschenmenge beim Begräbnis in Pozarevac (unter ihnen der völlig abgedrehte Peter Handke) können einen schon ziemlich konsternieren. Gewiß, es ist nicht das ganze serbische Volk. Es handelt sich um den Gedächtnisverlust bei einem Teil dieses Volkes, hervorgerufen durch eigenen Krieg und eigene Schuld. Das Begräbnis und die Heiligsprechung von Milosevic zum nationalen Märtyrer sollte diesen Prozeß besiegeln und der unbefleckten Nation ihre Unschuld zurückgeben. Das ist nur ohne den Kontakt zur Außenwelt und den durch die „ethnischen Säuberungen“ zu Feinden gewordenen Nachbarn möglich. (Nicht, daß die Nachbarn tugendhafter gewesen wären, weit davon entfernt, aber das ist eine andere Geschichte.) Je heftiger man die historischen Gegen-Wahrheiten einhämmert, desto wirklicher werden sie durch die Kraft der Wiederholung und des Vergessens erscheinen, um schließlich ein Gegen-Gedächtnis zu konstruieren.

Und diese Gerüchte von einer Vergiftung und einem „mysteriösen“ Tod! Alle die Einheit des Volkes symbolisierenden Gründerväter sterben unter „mysteriösen“ Umständen! Erst kürzlich: Arafat! Der pathetische Bericht des Fürsprechers Borislav, des großen Bruders von Milosevic; die Familie, die aufgrund ihrer Mafiaverbindungen und der dort in Sicherheit gebrachten Reichtümer schließlich in Moskau vor Anker ging. Und dann die jämmerlichen serbischen Behörden, die sich einerseits des auf dem Wege nach Europa störenden Leichnams entledigen wollten, gleichzeitig aber von ihm zu profitieren suchten, um sich für den internen Gebrauch ein neues nationalistisches Karma zu verschaffen. Trauerfeierlichkeiten, die gleichzeitig offiziell und offiziös waren, anerkannt und nichtanerkannt, nach dem Motto: Hier erlaube ich, und dort verbiete ich. Die Regierung sah sich in einem widersprüchlichen Zwang gefangen, so daß die Ankunft der sterblichen Überreste in Serbien sowohl privat als auch öffentlich war und ebenso ausgebuht wie gefeiert wurde. Man hat den Leichnam übrigens an äußerst symbolische Orte gebracht, zunächst in das lächerliche Museum mit den grotesken Geschenken, die Tito von ausländischen Staatschefs erhielt, anschließend, unerwarteterweise, vor das Parlament. Dort spielte sich das große Theater der Selbststilisierung als Opfer ab, die Inszenierung des internationalen Komplotts gegen „unser“ Volk, eine Art Plattform für einen letzten Versuch einer neuerlichen Selbstgründung. Das betrübliche Schauspiel eines Volkes, das von eben jenem gespalten wurde, der es nun, da er gestorben ist, wieder vereinen soll. Den ganzen Tag über bis in die Nacht hinein versammelte sich eine ständig wachsende Menge, um auf diese Weise um den geliebten Toten herum eine nationale und nationalistische Neubegründung auf den Weg zu bringen. Welch ein Glücksfall ist doch dieser Tod für einen maßlosen Nationalismus, der keine Feinde mehr fand, in die er sich praktischerweise hätte verbeißen können (nachdem Europa, die NATO, die UN und die Vereinigten Staaten allzu große Brocken waren – obwohl …). Es findet eine Homogenisierung statt, die gefährlich ist, weil sie in der Abspaltung des radikalsten Teils der extremen Nationalisten besteht. Die Sache auf dem Balkan ist noch nicht vorbei.

Ein Teil der weinenden alten Menschen muß schon beim Begräbnis Titos 1980 dabeigewesen sein, damals ebenfalls in Tränen aufgelöst. Das weinende Publikum aller Beerdigungen. Denn es ist die Trauer, die zählt, und nicht die Vernunft. Komu klacka koske?: „Wer läßt ihn mit den Knochen klappern?“, was soviel bedeutet wie: „Wer schert sich darum?“ Doch das Klappern der Gebeine war im Kriegsgetrommel deutlich zu vernehmen, angefangen bei den – mythologisch grundlegenden – Gebeinen des „Zaren“ Lazar, die Milosevic immer wieder hin und her wendete, indem er den Konflikt in Gang setzte, der sein Ende und auch das des Landes der Völker des jugoslawischen Raums besiegeln sollte.

Es war der ultimative Trauerinzest: Jeder mit jedem. Zuerst waren die Politiker der Region alle miteinander, dann alle gegeneinander, dann wieder miteinander, wenn es von Nutzen war; all das in einer Geschichte ohne historische Tiefe, einer verflachten und an Amnesie leidenden „Geschichte“. Keinerlei Vernunft, kein Prinzip, kein Leitfaden, keine Logik, keinerlei Kohärenz. Kein Versprechen, das gehalten worden wäre. Und nun sieht man in den Medien (die hinsichtlich dessen, wer was getan hat, einer völligen Amnesie unterliegen) die Bilder der letzten 15 Jahre erneut vorbeiziehen, auf denen die Verantwortlichen der verschiedenen, einstmals föderierten Republiken – oder die verfeindeten Freunde eines neuen Balkan-Bantustans – je nach Sachlage engumschlungen oder getrennt erscheinen. Alle zusammen, inklusive der in Den Haag einsitzenden Kriegsverbrecher, vereint in einer Traueranzeige, die sie gemeinsam in der Belgrader Tageszeitung Politika veröffentlichten. Die Unterschrift Ante Gotovinas, des kroatischen Henkers, war auch dabei. Was man im ehemaligen Jugoslawien als „Knochen im Mixer“ bezeichnete, eine auf dem Balkan verbreitete Formulierung für eine „Versöhnung“ ohne vorhergehende Wiederherstellung der Gerechtigkeit sowie für die Tendenz der Behörden der „neuen Demokratien“, Denkmäler zu errichten, die nicht nur den Opfern, sondern auch den Henkern des Zweiten Weltkriegs sowie deren Doppelgängern vom Ende des 20. Jahrhunderts gewidmet sind. Wie Franco es in Spanien bezüglich des Bürgerkriegs versucht hat. Aber auch andernorts gab es solche Versuche. Warum hat man sich zehn Jahre lang bekriegt, wenn am Schluß alle gemeinsam unterzeichnen? Für die Kriegsherren, die untereinander mehr gemeinsam hatten als mit den jeweiligen Bevölkerungen, die sie massakrierten, ist die Solidarität wiederhergestellt. Warum dann diese Hunderttausenden von Toten auf allen Seiten, die unzähligen Flüchtlinge und Exilanten? Seit 15 Jahren herrscht die Agonie der Verwesung, und sie ist noch lange nicht zu Ende: Sie entspricht dem Maß des Aufbaus Europas und ist sein Spiegelbild. Sie ist auch der Preis für seine Gestaltung.

Ohne eine klare Verurteilung des vergangenen Kriegs, ohne eine Art Entnazifizierung in den Ländern der Region, zumindest in Kroatien und Serbien, die es bitter nötig hätten, wird diese Zersetzung – der wichtigste Prozeß im heutigen Serbien – nicht beendet werden können, zumal alle mit einem Europa-Versprechen „belohnt“ werden. Es wäre nötig, zwischen den Erinnerungen wieder für Gerechtigkeit zu sorgen und nichtnationalistischen Historikern Gehör zu verschaffen. Doch übertönen die nationalistischen Monologe alle anderen Stimmen. Es müßte Gerechtigkeit geschaffen werden, aber dies ist auf lokaler Ebene noch nicht möglich. Jedenfalls nicht in ausreichendem Maße. Die in den Trauerzügen umherziehenden Rächer halten gemeinsam die Porträts der schlimmsten Kriegsverbrecher in die Höhe: Milosevic, Mladic, Karadzic.

Den Voraussagen des Schriftstellers und Architekten Bogdan Bogdanovic zufolge müßte all dies normalerweise in einen Bürgerkrieg innerhalb Serbiens selbst münden. Nach einer Runde über den Balkan wäre der Krieg an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt. Das stimmt, doch scheint in dieser Region nichts mehr „normal“ zu sein. Anstelle des Bürgerkriegs herrscht endloser Niedergang, Verwesung ohne Ende, ohne die Möglichkeit einer Erlösung. Alles schleppt sich endlos dahin, ohne jemals an ein Ziel zu gelangen. So wie man Milosevic, den Henker des Balkans, im Gefängnis sterben ließ, um schließlich einen Helden aus ihm zu machen. So wie Tudjman, sein kroatischer Gegenpart, seelenruhig in seinem Bett starb, ohne je vor dem Kriegsverbrechertribunal angeklagt worden zu sein. Beide haben den verrücktesten nationalistischen Phantasmen Vorschub geleistet, weil kein stärkeres Symbol da war, um sie außer Kraft zu setzen.

(...)

Mehr von:
Rada Iveković
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 118
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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