LI 040, Frühjahr 1998
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Becken der Wirbelstürme

In dem Jahr, in dem ich Ihre Bekanntschaft machte, liebste Anna-Maria de la Huerta, fand am selben Tag und zur selben Stunde in Peru eine Sonnenfinsternis statt, und in der Provinz Guandong, irgendwo in China, bebte die Erde. Um ein Haar hätte ich mich von meinen Gefühlen überwältigen lassen, als ich im Auslandsteil der einzigen hierzulande erhältlichen Tageszeitung blätterte, aber ich habe mich dann doch wieder eingekriegt. Zu den in den Fluten verloren gegangenen peruanischen Seeleuten und den, von tektonischen Rissen verschluckten, kleinen Schlitzaugen kamen unvermeidlicherweise Hunderte, ja Tausende ganz gewöhnliche, normale, banale und, sprechen wir es ruhig aus, stinklangweilige Tote hinzu, und das in Hunderten von Ländern rund um den Globus. Man vergißt nur allzu oft: In jeder Minute einer jeden Stunde eines jeden Tages eines jeden Jahres geben Menschen, ohne den geringsten Protest zu äußern, den Löffel ab. Während ich die Zeitung schloß, überlegte ich mir, daß ich, wenn ich mich nicht unwiderruflich mit ihm verkracht hätte, Victor Saint-Martineau, einem erlauchten Mathematiker, dessen Ruhm von der Mündung des Orinoko bis zum Ursprung des Mississippi reichte, diese berühmte Frage hätte stellen können, die mich seitdem dermaßen quälte, daß sie die meisten meiner früheren metaphysischen Probleme vom Tisch fegte. Die Frage war, ob seit dem Bestehen der Welt, das heißt, seit diese widerliche Spezies, die sich homo erectus nennt, vermeinte, erst den faber und dann den habilis (oder umgekehrt, ich erinnere mich nicht mehr) ausspielen zu müssen, ob es da, mathematisch gesprochen, auch nur eine einzige Minute hätte geben können, in deren Verlauf kein menschliches Wesen gestorben ist. Aber leider! Unsere Freundschaftlichkeit, die damals die Bewunderung der Amseln in den unteren Zweigen der Tamarindenbäume auf dem Platz der Savanne erregte, bestand nur noch auf dem Papier, wie man zu sagen pflegt, oder war "ein zerbrochener Traum", um es poetisch im Stil von Axel Timonier auszudrücken, eines tropischen Verseschmiedes mit großen Ambitionen, schändlicherweise aber völlig verkannt von den kulturellen Einrichtungen der deutsch-pfälzischen Republik, deren (literarischer) Imperialismus, wie jeder weiß, nur noch mit dem (zugegebenermaßen wirtschaftlichen) der Vereinigten Staaten vergleichbar ist. Und dieser Hansdampf von Sonson Tête-Concombre war nicht unschuldig an der Zerstörung einer Beziehung, die auf der gesunden Basis des Tauschhandels beruhte ohne Verschlechterung der Tauschbedingungen. Jedesmal, wenn ich ihm eine blauschwarze Negerin mit kugelrundem Hintern ins Haus schickte, ließ er mir eine rothaarige Chabine mit umwerfenden Hüften zukommen oder eine Coulie mit endlos langem Haar, die ihre Göttin Mariémen anrief, kaum hatte sie die mohammedanische Gebetshaltung eingenommen.
Saint-Martineau besaß außergewöhnliche kopulatorische Kenntnisse, die er angeblich geerbt hatte, doch ich glaubte ihm das nur halb, da ich wußte, welch dunkle Geschäfte in seiner Juckelbude getätigt wurden, wenn er das Tor des Schoelcher-Gymnasiums hinter sich geschlossen hatte, wo er vor Trauben verpickelter Rotznasen, die dem Kleinbürgertum von Fort-de-France entstammten, seine Gleichungen aufstellte. Seine Juckelbude, oder Garconnière, wie man im Festlandfranzösischen sagen würde, auf das ich, o hochheilige Académie, feierlichst einen lasse, war äußerst geräumig. Der Kerl hatte sie mit uralten Büchern vollgestopft, von denen er noch nie eines zur Hand genommen hatte, und die allen möglichen, auf der Insel heimischen Kriechtieren Unterschlupf gewährten, und diese Biester sind bekanntermaßen um einiges virulenter als ihre Artgenossen in den gemäßigten Breiten. Wenn ich mir einen Schuß Rabelais oder Montaigne verpassen wollte, mußte ich gegen eine regelrechte Wand aus Spinnweben ankämpfen, um dann über eine Meute von Ameisen und Kakerlaken zu laufen, immer auf der Hut, daß mir keine Margouillat-Eidechse ins Gesicht sprang. Saint-Martineau rühmte sich, das ganze Erbe der Menschheit auf seinen Regalen versammelt zu haben: Aristoteles, Plato, Ibn Khaldun, Konfuzius, Diderot, Marx und alle die andern alten Säcke ähnlichen Kalibers, die jetzt, wo man sie auf Mikrofilmen verewigt hat, bis zum Ende aller Tage in unsern Köpfen herumspuken können. Wo bist du heute, mein lieber Victor? Hast du dir meinen Vorschlag überlegt, eine "internationale Vereinigung zur geistigen Euthanasie" zu gründen? Die Idee ist ganz einfach und eigentlich ziemlich blöd: Nach Ablauf von, sagen wir, dreißig Jahren, sollen alle Dichter, Denker, Schreiberlinge und andere Tintenpisser, die von einem unvoreingenommenen und unabhängigen Komitee der allgemeinen Nutzlosigkeit und Gefahrenhaftigkeit für das geistige Gleichgewicht der Eliten überführt wurden, eingestampft werden. "Du hast sie wohl nicht alle", empörte sich regelmäßig Anna-Maria de la Huerta mit dem deliziösen dominikanischen Akzent und dem sinnlichen Mund, der selbst bei dem fundamentalistischsten aller Bischöfe oder Mullahs eine wahrhaft seismische Erektion verursacht hätte (und bei mir eine nervöse Spannung, die ich abbaute, indem ich an ihrem Vorderarm knabberte, warum, weiß ich auch nicht). Sie überschlug ihre wohlgeformten, honigfarbenen Beine, und ich vergaß schlagartig meinen Vorschlag von der geistigen Euthanasie, um mich der Betrachtung ihrer Schenkel hinzugeben. Warum, zum Teufel, hatte es mir gerade dieser Teil der weiblichen Anatomie so angetan, mit dem man, oder vielmehr ich, eigentlich gar nichts damit anzufangen wußte, wenn ich der fleischlichen Lust frönte. Wahrscheinlich hat sie der Allmächtige nur erschaffen, um uns Männern den Mund wäßrig zu machen. Die Schenkel als Aperitif der Lust, ah, was für ein hübscher Gedanke, ich muß ihn gleich in meinem Stundenbuch notieren, das Ihnen, o Anna-Maria hoffentlich nie in die Hände fallen wird. Ich fing damit an, als meine Großmutter gerade am Tag, da das französische Pokalfinale zwischen dem Olympiasieger Marseille und der Mannschaft von Saint-Etienne via Satellit übertragen wurde, auf die unglückselige Idee kam, die Dimension wechseln zu wollen, oder zumindest so zu tun. Und sie schaffte es sogar, in der siebzehnten Minute ihren ersten, die Agonie einleitenden Schluckauf zu kriegen, als der sagenhafte Marius Trésor von der Verteidigungslinie der Marseiller Mannschaft aus zu einem phantastischen Lauf ansetzte, zwei Grüne aus dem Weg räumte, bevor er in die Mitte, auf Magnusson, den Schweden, flankte. Mamie machte: "Aaah!", als der geniale Dribbler sich des Balls bemächtigte, um ihn mit einem präzisen, schnellen Stoß in den Käfig des aus Jugoslawien stammenden und für Saint-Etienne spielenden Torwarts Curkovic zu plazieren (Fußball ist anti-xenophob, verdammt!), der von Anfang an ein grandioses Manöver nach dem andern gestartet hatte. Ich rief auf der Stelle unsern Herrn Pfarrer an, der sich aber erst nach dem Schlußpfiff auf den Weg machen wollte, denn wo gibt's denn so was, die letzte Ölung zu verlangen, wenn die Mannschaft von Saint-Etienne wieder aufholt und es den Marseiller Arschgeigen endlich zeigt? Ich flehte also meine Großmutter an, noch etwas zu warten, und wenn es nur die letzten fünf Minuten vor der zweiten Halbzeit wären, was sie auch gerne tat, wo sie sich doch ihr ganzes Leben lang dieser exquisiten kreolischen Höflichkeit früherer Zeiten befleißigt hatte. "Hundesohn!" brüllte mir mein Gewissen zu, "du verkommenes Subjekt, du Schwein, du Mistkerl du, der du vor nichts Respekt hast, nicht einmal vor dem Geheimnis des Todes!" Aber Victor Saint-Martineau, dem ich meine Qualen offenbarte, beruhigte mich: "Großmütter, mein Alter, denen bleibt doch nur das Abnibbeln. "Ein geniales, unwiderlegbares Argument, würdig dieses unfehlbaren Auflösers von irgendwelchem Blödsinn zweiten Grades. Das Dumme an der Sache, meine himmlische, angebetete Anna-Maria de la Huerta, war nur, daß die alte Hippe beschloß, das Ganze auf die lange Bank zu schieben. Die bliche Meute von Bekloppten und Psychopathen auf den Fersen, hatte Marius, seinen Pokal schwenkend, bereits drei Runden um den Prinzenpark gedreht, während Mamie immer noch auf die bläuliche Fläche starrte, die eine Reklame für Windeln ausstrahlte. Ich kriegte daraufhin einen meiner Wutanfälle, und was für einen, kaum vorstellbar, Anna-Maria! Ich raste in die Küche, um mir einen doppelten Wodka einzugießen. Saint-Martineau und ich hatten uns dieses sibirische Getränk ausgesucht, weil es uns exotischer als unser guter alter einheimischer Rum und weniger vulgär als Whisky erschien. Wodka besaß außerdem den Vorteil, daß wir in neun von zehn Fällen unseren Organismus schonten, da es in Fort-de-France kaum eine Kaschemme gab, in der wir einen kriegten.
Meine Großmutter verschied also nicht wie versprochen an jenem Tag, und ich mußte den Kauf des BMW meiner Träume verschieben. Ich fuhr weiterhin mit meinem klapprigen Autobianchi, dessen hintere Stoßdämpfer von einem Roßhaarseil gehalten wurden, und der bei dem kleinsten Nieselregen dicken Qualm ausstieß, dessen Herkunft kein Mechaniker erklären konnte, und der mich, einen erbitterten Gegner der Luftverschmutzung und engagierten Umweltschützer, dazu zwang anzuhalten. In diesen Augenblicken ärgerte ich mich mehr, als die Polizei erlaubt. Das Kratzen der Scheibenwischer auf meiner Windschutzscheibe konnte meine Aufmerksamkeit nur für kurze Zeit fesseln, danach fing ich an, auf meinem Sitz herumzurutschen, was charmanterweise die verfickten, tropischen Kriechtiere aus ihrem Schlummer riß, die sich in meinem Wagen angesiedelt hatten. Meine einzige Waffe war eine alte Straßenkarte Martiniques, von der ich nicht wußte, was sie hier zu suchen hatte, da dieser Fliegenschiß auf dem Atlantik gar nicht so viele Straßen besaß, als daß auch der dumpfeste Fahrer nach einem Monat noch eine Karte brauchte. Nachdem ich zwei, drei Kakerlaken erschlagen und eine Wolke von fliegenden Ameisen platt gemacht hatte, entfaltete ich besagte Karte und war wie immer perplex oder noch perplexer ` angesichts der merkwürdigen Morphologie meines Heimatlandes. Die Insel hatte eine verteufelte Ähnlichkeit mit einem Fötus! Einem Fötus, der den linken Arm leicht angehoben hatte, als wolle er um Hilfe rufen oder sich strecken, um ausgiebiger zu gähnen. Wer hat schon eine Ahnung, was sich in einer Gebärmutter zusammenbraut! Angeblich kommt man mit einem Apparat, der sich "Echograph" nennt, in sie reinkommen, wie mir eine schlaue Freundin Anna-Marias erklärte. Was Martinique betrifft, so hatte die Sache einen Haken, und ich bezweifle, ob ein derartiger Apparat uns hätte weiterhelfen können, da es sich offensichtlich um eine extra-uterine Schwangerschaft handelte, denn Mama Hexagon ist siebentausend Kilometer entfernt, das heißt, acht Flugstunden mit einem normalen Flugzeug und dreieinhalb mit der Concorde. Armer kleiner verlassener Fötus, dachte ich laut, während der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben des Autobianchi blatterte, um sich dann durch eines der unzähligen Löcher im Dach zu schlängeln und mir den Nacken zu kühlen. Selbst ein Rechengenie wie mein Freund Victor Saint-Martineau hatte mir keine plausible Erklärung für diese seltsame Ähnlichkeit geben können, die bislang auch unseren Schwafelgeographen entgangen war: "Pech gehabt", hatte er nach einem halben Jahrhundert intensivster Berechnungen gesagt, "deine Theorie läßt sich nicht aufrecht erhalten!" "Und warum nicht?" rief ich. "Zugegeben, ich bin kein Gynäkologe, aber ich kann trotzdem einen Fötus erkennen, Himmel, Arsch und Zwirn! Das Problem ist nämlich", setzte er noch einen drauf, "daß dein angeblicher Fötus, niedrig angesetzt, fünfzigtausend Jahre alt ist ... dixit der Radiokohlenstoff 14. Und zur Zeit seiner Empfängnis hatte dein Hexagon noch nicht einmal die Form eines Hexagons, das kannst du in der Encyclopaedia Universalis nachlesen." Wie immer hatte er recht, der Scheißkerl. Das Europa von damals ähnelte einer dicken Blutwurst, und wer in ihr steckte, hätte schon sehr schlau sein müssen, um die Entstehung des lieblichen Frankreichs voraussagen oder die Zukünftige iberische Halbinsel von Italien unterscheiden zu können. Damit war meine Fötus-Theorie also vom Tisch! "Und wie, bitte schön, hat unser Martinique damals ausgesehen?" ärgerte ich mich, "hmm? Kannst du mir das sagen?" Der Mann der Zahlen und Gleichungen hatte plötzlich tausend Falten auf der Stirn; er strich sich über den Ziegenbart (das Instrument, mit dem er die Mandoline dieser Damen kitzelte) und wagte folgende Vermutung: "öhh, hmm, na ja ... ich würde sagen, wie eine Erbse." "Na, das ist ja gar nicht so abwegig, keineswegs: eine Erbse! Sozusagen das getreue Abbild des Gehirns von neunzig Prozent unserer Inselbewohner." "Nein, Quatsch", brüllte er, "ich sehe eher eine rote Bohne." Ich nahm mir also die Karte vor und überzeugte mich: Martinique sah tatsächlich einer roten Bohne ähnlich. Wahrhaftiglich, wie meine Großmutter sagen würde, die einfach nicht abkratzen wollte, das alte Miststück. Sofort schoß mir ein anderer Gedanke durch den Kopf: Wenn es eine Wissenschaft gibt, die die Physiognomie der Menschen studiert, um ihren Charakter und ihr intellektuelles Niveau davon abzuleiten, warum sollte man diese nicht auf die verschiedenen Länder des Globus anwenden können? Der italienische Stiefel stünde für die mussolinische Großmannssucht, die sich hinter dem gutmütigen, jovialen Äußeren eines jeden Spaghetti verbirgt, der was auf sich hält, während das Horn Afrikas, wie die passende Bezeichnung lautet, das rhinozeroshafte Temperament der somalischen Stämme erklären würde. Wenn Martinique also auch nur fälschlicherweise wie ein Fötus aussieht, so bleibe ich doch bei meiner Theorie, meine liebe Anna-Maria de la Huerta, es ist völlig unnötig, anderswo nach Erklärungen für unsere angeborene Infantilität zu suchen, die manch ein Soziologe-Anthropologe-Psychologe-Quatschologe vom Ausland mit hochtrabenden und gleichzeitig, was für ein Paradox!, schmeichelnden Adjektiven bedachte. Hätte die Insel hingegen das Aussehen einer roten Bohne, würde ich zugegebenermaßen völlig im Dunkeln tappen.
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 94
Aus dem Französischen von Uta Goridis

Genre

Hauptthema
  • Leben auf Martinique

Schlagworte

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