LI 058, Herbst 2002
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Wenn der Löwe schläft

Eine magische Melodie aus Afrika im Dschungel des Musikgeschäfts

Einst, vor langer, langer Zeit geschah ein kleines Wunder im Gehirn eines Mannes namens Solomon Linda. Das war 1939, und als das Wunder eintrat, stand Linda vor einem Mikrofon des einzigen Aufnahmestudios in ganz Schwarzafrika. Er hatte die Melodie nicht komponiert oder aufgeschrieben oder dergleichen. Er machte einfach seinen Mund auf, und da war sie: eine eindringliche Folge von 15 Tönen, die durch Kabel in eine zitternde Nadel floß, die winzige Rillen in ein Stück Bienenwachs ritzte, die dann nach England gebracht und zu einer Schallplatte gemacht wurde, die in jenem Teil Afrikas enormen Erfolg haben sollte.
Einige Zeit später machte sich das Lied auf und davon. Es landete in Amerika, mutierte dort zu einer wahren Epiphanie des Pop, eroberte erst die amerikanischen und dann alle anderen Charts, und zwar immer wieder, etwa alle zehn Jahre unter neuem Namen und neuer Aufbereitung. Die Navajo-Indianer singen diesen Song bei ihren Powwows. Die Franzosen jiven und raven zu einer kongolesisch gesungenen Version. Phish spielen ihn live. Das Lied wurde von so verschiedenen Musikern wie R.E.M. und Glen Campbell, Brian Eno und Chet Aktins, den Nylons und dem Muzak-König Bert Kaempfert eingespielt. Das neuseeländische Militärorchester machte daraus einen Marsch, und zur Fußballweltmeisterschaft 1986 machte die englische Mannschaft daraus einen Witz.
Hollywood verbriet es in Ace Ventura – ein tierischer Detektiv. In den USA wird das Lied ohne wesentliche Unterbrechung seit 30 Jahren im Radio gespielt. Es ist die berühmteste Melodie, die je in Afrika entstanden ist, und es hat das Bewußtsein der Menschen über viele Generationen so gründlich durchdrungen, daß man mit vollem Recht behaupten kann: Hier ist ein Song, den die ganze Welt kennt.
Seine lange kulturenübergreifende Saga entspricht in mancher Hinsicht der Geschichte der Popmusik überhaupt, denn diese humpelte blaßhäutig und blutleer in das 20. Jahrhundert und tanzte auf der anderen Seite wieder hinaus – enorm zu Kräften gekommen dank Transfusionen des Ragtime und Rap, des Jazz, Blues und Soul, deren Stammbäume allesamt über Slums, Plantagen und Sklavenschiffe zurück nach Afrika führen. Es verstand sich von selbst, daß bei diesen Transaktionen die Schwarzen mehr gaben als sie bekamen, und daß sie oft völlig leer ausgingen.
Und so widme ich diesen Bericht Solomon Linda: einem Zulu, der eine Melodie schuf, die dem weißen Mann ungezählte Millionen einbrachte, und der selbst so arm starb, daß seine Witwe keinen Stein für sein Grab kaufen konnte. Doch am besten fangen wir noch einmal ganz von vorne an, wie man in dieser Branche sagen würde.
Teil eins, in dem es um Musik geht
Das ist der afrikanische Teil der Geschichte, aber er beginnt mit der außergewöhnlichen Freundschaft zwischen einem Aristokraten des britischen Kolonialreiches und einem weltberühmten amerikanischen Neger. Sir Henry Loch ist ein aufgehender Stern im Colonial Office. Orpheus McAdoo ist Leiter der gefeierten Virginia Jubilee Singers, einer Combo, die sich auf synkopierte Spirituals spezialisiert hat. Die beiden Männer begegnen einander während McAdoos triumphaler Australientournee in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Als Sir Henry später zum Hochkommissar am Kap befördert wird, kommt ihm der Gedanke, daß Orpheus die Kolonie vielleicht gerne besuchen würde. Bald darauf sind McAdoo und seine Truppe in Afrika unterwegs. Sie treten in staubigen Bergbausiedlungen vor Zuhörern auf, denen vor Staunen die Kinnlade herunterfällt. Diese amerikanische Musik ist für die "zivilisierten Eingeborenen" eine Offenbarung, denn bis dahin hat man sie genötigt, gestärkte Krägen zu tragen und unter Anleitung mürrischer weißer Missionare schreckliche Klagelieder zu weinen. Keine Frage, auch McAdoo ist ein bibeltreuer Frömmler, aber in seiner Musik liegt eine subversive rhythmische Intensität, eine Art urzeitliche Regung von Funk und Soul. So etwas haben die Brüder in Afrika noch nie gehört. Die Tournee wird zu einer Fahrt, die sich zu einer epischen Länge von fünf Jahren streckt. Wo immer Orpheus auftritt, bilden sich nach seinem Vorbild Jubilee-Sängergruppen und verbreiten eine frohe Botschaft, die bis zu den verlassensten Vorposten der Zivilisation vordringt.
Einer dieser Orte ist die Gordon Memorial School am Rand eines wilden Tals namens Msinga im Kernland der Zulu, etwa 500 Kilometer südöstlich von Johannesburg. Unter den halbnackten Hirtenjungen, die durch die Mission geschleust werden, ist auch ein hochgeschossener, 1909 geborener Bursche namens Solomon Linda. Er lernt diese Orpheus-inspirierte Synkopensache kennen und verarbeitet Teile davon mit den Liedern der Zulus, die er und seine Freunde bei Hochzeiten und Festen singen.
Mitte der dreißiger Jahre klopfen die Jungsden Staub und Kuhmist aus ihren Kleidern und steigen in einen Zug nach Johannesburg – zur Stadt des Goldes. Sie ziehen in die Slums und verdingen sich als Küchenjungen und Hilfsarbeiter. In dieser ersten Zeit ist ihr Leben voll verblüffender Neuheiten. Solly hält seine Augen offen. Was er sieht, verarbeitet er zu Liedern, die er und die anderen Jungs vom Dorf an Wochenenden a capella aufführen. Sie singen Lieder über die Arbeit, über das Verbrechen, über Banken, die einen ausrauben, indem sie für echtes Geld nur Papier herausrücken, und darüber, wie grob einen die Weißen behandeln, wenn man seinen Paß stempeln lassen muß. Den Leuten gefällt die Musik. Solly und seine Freunde sind Kult für eine Schar von Anhängern. Innerhalb von zwei Jahren entwickeln sie sich zu einer sehr coolen Nummer, tragen Nadelstreif, Melonen und dandyhafte zweifarbige Schuhe. Sie nennen sich Solomon Linda and the Evening Birds und erfinden eine Musikrichtung, die später unter dem Namen Isicathamiya bekannt wird – abgeleitet von "Cothoza, bafana" oder "Vorsicht Jungs, sanft auftreten!".
Denn sie waren nun mal Zulus, und ihre traditionellen Tänze begleiteten sie mit einem kräftigem Aufstampfen, das im wörtlichen Sinn die Erde erzittern ließ, wenn es alle gemeinsam und gleichzeitig taten. Im Busch war so etwas kein Problem, aber wenn man in der Stadt auf dieselbe Art trampelte, zertrümmerte man Holzböden, sprengte Beton und brach sich manchmal die Füße. Also mußte der ganze Tanz etwas beherrschter und moderater werden. Kenner werden sich vielleicht an Ladysmith Black Mambazos katzenhafte und merkwürdig vorsichtige Bewegungen auf der Bühne erinnern – so geht das, wenn man "sanft auftritt".
Jedenfalls gab es in den Städten Südafrikas Legionen solcher careful treaders oder sanft Auftretenden. Meist waren sie zugewanderte Zulus, und ihre Samstagabende waren endlosen Gelagen gewidmet, bei denen sehr viel Bier floß. Diese "tea meetings" oder "Teekränzchen" waren teils Modeschauen und teils Sängerwettkämpfe zwischen rivalisierenden a capella-Gladiatoren. Oft wurde ein vorbeistreunender Weißer von der Straße geholt, um als Preisrichter zu dienen, und als Siegerprämie gab es eine Kuh oder Ziege. Das ansässige schwarze Bürgertum war von diesen Possen zutiefst beschämt. Careful treaders wurden allgemein für ihr "primitives" Gegröle und ihre rückständigen Texte gegeißelt, die unter anderem von Hexerei, Verbrechen und dem Einsatz von Liebestränken zur Eroberung von Frauen handelten. Die Gruppen gaben sich Namen wie Naughty Boys oder Boiling Waters, und als der Zweite Weltkrieg ausbrach, nannten sich einige ‘Mbombers, weil sie in den Wochenschauen Bomben abwerfende Stukas im Sturzflug gesehen hatten. Die ‘Mbombers waren mit Abstand das Coolste und Gefährlichste, was Schwarze in dieser Zeit hervorbrachten.
Gefährlich? Und wie! Wer es nicht glaubt, sollte sich Ngazula Emagumeni (Rounder CD 5025) anhören – eine frühe Aufnahme der Evening Birds, deren hirnmarternde Intensität jedem den Magen umdreht, der glaubt, a capella bedeute sanfte Töne für eher ruhige Menschen.
Der wilde rockige Klang entstand durch das Verdoppeln und Aufblähen der Bässe und ihrer Stimmkraft – eine Neuerung, die hauptsächlich auf Linda zurückgeht, ebenso wie die Eleganz der Auftritte und die neuen Tanzfiguren. Linda war der Elvis Presley seines Landes und seiner Zeit – ein schüchterner, schlaksiger Mann in den Dreißigern, der wegen seiner Größe gebückt durch Türen gehen mußte. Merkwürdig, sich diesen Mann als Sopran vorzustellen, aber genau das war üblicherweise seine Rolle in der Gruppe. Linda war der Anführer, der "Kontrollierer", und er sang das, was bei den Zulus "fasi pathi" heißt: ein durchdringendes Falsett, das aus jedem Weißen einen ersten Tenor gemacht hätte.
Die Evening Birds wurden 1938 von einem Talentesucher entdeckt und in den obersten Stock eines Bürohauses in der Innenstadt von Johannesburg gebracht. Dort sahen sie das erste Aufnahmestudio im Afrika südlich der Sahara. Aus England importiert hatte es Eric Gallo, ein jovialer Italiener, der den Buren der Arbeiterklasse amerikanische Hillbilly-Platten verkauft hatte und damit ins Musikgeschäft eingestiegen war. Bald schaffte er sich ein eigenes Aufnahmegerät an und begann, das Liedgut der amerikanischen dust bowl am laufenden Band in den heimischen Sprachen Südafrikas zu produzieren: erst Afrikaans, dann Zulu, später Xhosa und noch viele andere.
Sein Mitstreiter bei diesem Experiment war Griffiths Motsieloa, der erste schwarze Musikproduzent Südafrikas. Er war eigentlich ein durch und durch feinsinniger Klassizist, und diese Verslumung der Kultur widerte ihn an. Aber er hatte keine Wahl, denn sein Boß war nun mal entschlossen, Platten an Schwarze zu verkaufen. Als sich der Afro-Hillbilly als Ladenhüter erwies, beschlossen die beiden, ein paar Isicathamiya-Aufnahmen zu machen und den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Solomon Linda und seine Evening Birds spielten unter Motsieloas Anleitung mehrere Lieder ein.
Doch die eine Nummer, die uns hier interessiert, nannte sich "Mbube" – Zulu für "der Löwe" – und entstand erst bei der zweiten Session der Evening Birds im Jahr 1939. "Mbube" war ein einfaches Lied mit drei Akkorden und einem Text, der in etwa auf "Löwe! Ha! Du bist ein Löwe!" hinauslief. Es ging auf ein gemeinsames Kindheitserlebnis der Evening Birds im Tal der Zulus zurück: Sie hatten damals Löwen gejagt, die den Herden ihrer Väter zu nahe gekommen waren. Der erste Take war eine Niete. Der zweite ebenso. Motsiela wußte nicht weiter. Dann trat er auf den Flur, trieb einen Pianisten, einen Gitarristen und einen Banjospieler ins Studio und versuchte es noch einmal.
Die dritte Aufnahme scheiterte beinahe schon am Beginn, weil die unvorbereiteten Musiker klimperten und nach der Tonart suchten. Doch als sie sich endlich warm gespielt hatten, entstand ein Lied, dem der Ruhm sicher war. "Mbube" hatte keine besonders großartige Melodie, aber der darunterliegende Chor hatte etwas Unheimliches und Überwältigendes: ein dichtes Netz tiefer männlicher Stimmen, über denen Solomon zwei ekstatische Minuten lang jodelte, jaulte und immer wieder etwas Neues dazu erfand. Dieser dritte Take war großartig. Seine eigentliche Unsterblichkeit erlangte er aber erst in den allerletzten Sekunden. Da holte Solly noch einmal tief Luft, machte seinen Mund auf und improvisierte eine Melodie, die heute auf der ganzen Welt mit den folgenden Worten verbunden wird: "In the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight".
Griffiths Motsieloa muß sofort gewußt haben, daß er hier einen ganz besonderen Fang gemacht hatte, denn die Bienenwachsscheibe wurde nach England geschickt und kehrte in Form von 78rpm-Schellacks wieder zurück. Sie kamen genau in dem Moment in den Handel, als Hitler in Polen einmarschierte. Die Platte war nicht leicht zu vermarkten, denn 1939 gab es in Südafrika so gut wie kein schwarzes Radio. Doch dann wurde das Lied auf "Re-Diffusion" gespielt, einem Sender, der Musik, Nachrichten und propagandistische "Eingeborenenangele genheiten" unters Volk brachte. Bald fragten die ersten Kunden in den Läden nach "Mbube".
Aus einer zäh anlaufenden Nachfrage wurde bald ein ständiger Strom, der über die Jahre nicht abnehmen wollte. Die Platte wurde so oft nachgepreßt, daß das Original schließlich auseinanderfiel. Bis 1948 verkaufte sich der Song ungefähr 100.000 Mal. Solomon Linda war der ungeschlagene und unschlagbare Meister aller Sängerwettbewerbe. Er war ein Superstar in der Welt der zugewanderten Zulus.
(...)

Mehr von:
Rian Malan
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 56
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Genre

Hauptthema
  • Eine afrikanische Melodie erobert die Welt

Schlagworte

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