LI 065, Sommer 2004
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Das tägliche Öl

Wie man die Nahrungskette bis zum Irak zurückverfolgen kann

Eine journalistische Grundregel besagt: Folge dem Geld! Doch diese Regel ist weniger ein Axiom als eine Ableitung, denn Geld, das würde selbst Amerikas Vizepräsident Dick Cheney zugeben, ist selbst nur eine Art, der Energie nachzugehen. Wir wollen also hier der Energie folgen. Als Kinder lernen wir, daß es auf der Welt nichts geschenkt gibt, daß von nichts nichts kommt, daß alles, was aufsteigt, auch wieder fallen muß, und so weiter. Die wissenschaftliche Formulierung dieser Wahrheiten ist nur ein klein wenig komplizierter: James Prescott Joule entdeckte im 19. Jahrhundert, daß es nur eine begrenzte Menge Energie gibt. Man kann sie von Bewegung in Hitze oder von Hitze in Licht umwandeln, aber die Energie wird dabei nie weniger oder mehr. Die Erhaltung der Energie ist keine Alternative, sondern eine Tatsache. Das ist das erste Gesetz der Thermodynamik.
Obwohl wir Menschen etwas Besonderes sind, gibt es für uns keine Ausnahmen von dieser Regel. Alle Tiere fressen Pflanzen, oder sie fressen Tiere, die ihrerseits Pflanzen fressen. Das ist die Nahrungskette. An ihrem Anfang steht die einzigartige Fähigkeit von Pflanzen, die Energie des Sonnenlichts in Form von Kohlehydraten, dem Grundnahrungsmittel aller Tiere, zu speichern. Die sonnenbetriebene Photosynthese ist die einzige Möglichkeit, diesen Treibstoff herzustellen. Zur pflanzlichen Energie gibt es keine Alternative, ebensowenig wie zum Sauerstoff. Würde uns diese Energie entzogen, so kämen die Folgen vielleicht nicht so plötzlich wie beim Ausbleiben des Sauerstoffs. Aber sie wären mit Sicherheit dieselben.
Wissenschaftler haben einen Namen für die gesamte Pflanzenmasse, die auf der Erde in einem Jahr entsteht. Das Gesamtbudget des Lebens nennen sie die „Primärproduktivität" des Planeten. Bis jetzt hat es zwei Versuche gegeben, den Verbrauch dieser Produktivität zu berechnen – einen führte eine Forschergruppe an der Stanford University durch, den anderen der unabhängige Biologe Stuart Pimm. Beide Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, daß wir Menschen, eine einzige Gattung unter Millionen, ungefähr 40 Prozent der globalen Primärproduktivität verbrauchen – also 40 Prozent der gesamten zur Verfügung stehenden Energie. Allein diese Zahl könnte vielleicht schon erklären, warum heute die Gattungen tausendmal schneller aussterben als vor der Herrschaft des Menschen über die Erde. Wir sechs Milliarden haben den anderen die Nahrung gestohlen – die Reichen unter uns viel mehr als alle anderen.
Energie kann zwar nicht geschaffen oder vernichtet werden, doch sie läßt sich bündeln. Das ist der größere und äußerst aufschlußreiche Kontext eines Sicherheitsmemorandums, das George Kennan 1948 als Leiter eines Planungskomitees im US-Außenministerium verfaßte. Vordergründig handelte dieses Papier von Amerikas Asienpolitik, aber eigentlich ging es darum, wie die Vereinigten Staaten mit ihrer neuen Rolle als beherrschender Kraft auf Erden zurechtkommen sollten. „Wir verfügen über ungefähr die Hälfte des Reichtums auf der Erde, aber nur über 6,3 Prozent ihrer Bevölkerung", schrieb Kennan. „In dieser Situation ist es unvermeidlich, daß wir zum Ziel von Neid und Ressentiments werden. Unsere eigentliche Aufgabe besteht in nächster Zeit darin, ein Geflecht von Beziehungen zu entwickeln, mit deren Hilfe wir unsere Stellung in der Welt halten können, ohne unsere nationale Sicherheit direkt zu gefährden. Um das zu schaffen, werden wir auf jede Sentimentalität und Tagträumerei verzichten müssen. Überall muß unsere Aufmerksamkeit in erster Linie unmittelbaren politischen Zielen der Nation gelten. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, daß wir uns heute den Luxus der Selbstlosigkeit und der globalen Wohltäterschaft leisten können. Der Tag wird nicht lange auf sich warten lassen", schloß Kennan, „da wir in Begriffen direkter Machtausübung denken müssen."
Folgt man der Energie, steht man am Ende auf irgendeinem Acker. Obwohl der Mensch eine unübersehbare Vielfalt an Industrien und Kulturtechniken entwickelt hat, stammen nach wie vor zwei Drittel dessen, was wir zur Primärproduktivität der Erde beitragen, aus der Landwirtschaft. Davon wiederum entfallen zwei Drittel auf drei Pflanzen: Reis, Weizen und Mais. Seit der Mensch vor 10 000 Jahren diese Getreidearten zu kultivieren begann, hat sich an ihrer Vorherrschaft nichts geändert – wahrscheinlich, weil sie Sonnenenergie in einzigartig dichten und transportfähigen  Ballen von Kohlehydraten speichern können. Reis, Weizen und Mais haben innerhalb der Pflanzenwelt etwa dieselbe Bedeutung wie raffiniertes Öl im Reich der Kohlenwasserstoffe. Von letzteren abgesehen, bewahren sie den eigentlichen Reichtum unseres Planeten – die Sonnenenergie – in unerreichbar konzentrierter Form.
Doch wie auch Kennan erkannte, bedarf das Aufrechterhalten großer Energiekonzentrationen nicht selten der Gewalt. Die Landwirtschaft ist ein relativ neues Experiment des Menschen. Denn über den größten Teil unserer Geschichte lebten wir vom Sammeln oder Töten eines breiten Spektrums natürlicher Gaben. Warum die Menschen dieses Leben irgendwann für die komplizierte Landwirtschaft aufgegeben haben, ist eine interessante und seit langem kontrovers diskutierte Frage – vor allem, weil Skelettfunde klar belegen, daß die frühen Bauern nicht nur schlechter ernährt, sondern auch häufiger von Krankheiten geplagt und verunstaltet waren als die Sammler und Jäger unter ihren Zeitgenossen. Die Landwirtschaft brachte den meisten Menschen keine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Der vielversprechendste Hinweis zur Beantwortung dieser Frage ist ein signifikanter Unterschied zwischen den frühen Bauernsiedlungen und den Dörfern der voragrarischen Kulturen: Die Bauern hatten nicht nur Häuser, sondern auch Getreidespeicher. Und vor allem waren einige wenige der direkt an die Speicher anschließenden Häuser bedeutend größer und üppiger dekoriert als andere. Die Landwirtschaft hatte weniger mit Ernährung zu tun, als mit der Ansammlung von Reichtum. Sie war für einen bestimmten Menschentyp von Vorteil, der bis heute auf der Welt das Heft in der Hand hat.
Die Kulturpflanzen sorgten auch innerhalb der botanischen Welt für einen radikalen Wandel bei der Verteilung des Reichtums. Pflanzen können ihre Einnahmen an Sonnenenergie auf verschiedene Arten ausgeben. Die vorherrschende und vorsichtige Strategie besteht darin, die meiste Energie in den Bau von Wurzeln, Stielen und Rinden zu stecken – eine risikoarme Anlageform, die es der Pflanze erlaubt, leichter Energie aufzunehmen und die Krisenjahre zu überstehen. Diese mehrjährigen Pflanzen wachsen darüber hinaus in artenreichen Gesellschaften (jeder Flecken der ursprünglichen Prärie enthält ungefähr 200 verschiedene Spezies) und profitieren voneinander. Sie halten das Wasser zurück, schützen sich gegenseitig vor Wind und binden freien Stickstoff aus der Luft, um ihn als Dünger zu verwenden. Die Artenvielfalt erlaubt es einem System, „die eigene Fruchtbarkeit zu fördern", wie der visionäre Agrarwissenschaftler Wes Jackson es ausdrückt. Dieses Vorgehen ist in der Pflanzenwelt Standard.
Doch es gibt eine winzig kleine Gruppe einjähriger Pflanzen, die in großen Ansammlungen einer einzigen Gattung gedeihen und fast ihr gesamtes Energieeinkommen in Form von Samen speichern – also in kompakten Ballen von Kohlehydraten, die Körnerfresser wie wir leicht ausbeuten können. Unter normalen Umständen ist diese Strategie, alles auf eine Karte zu setzen, für eine Pflanze ziemlich dumm. Das gilt aber nicht bei Katastrophen wie Überschwemmungen, Bränden und Vulkanausbrüchen, denn diese vernichten eingesessene Pflanzengemeinschaften und bieten den unternehmerischen Produzenten windverbreiteter Samen neue Chancen. Es ist kein Zufall, daß sich die Landwirtschaft überall auf der Welt zuerst in der Nähe von Flüssen verbreitete. Man könnte meinen, wie lange Zeit geglaubt wurde, daß die Pflanzen auf deren Wasser oder Nährstoffe angewiesen waren. Doch diese Annahme ist zum größten Teil falsch. Was die Gräser brauchten, war die Gewalt der Überschwemmungen. Sie verwüstete ganze Landschaften und dezimierte Wettbewerber. Es kann nach meiner Überzeugung auch kein Zufall sein, daß die Landwirtschaft weltweit und unabhängig voneinander gegen Ende der letzten Eiszeit entstand. Das war eine Zeit enormer Umwälzungen, als die Eisdecke schmolz und meeresgroße Seen mit erodierenden Flutwellen hinterließ. Es war eine Zeit der Katastrophen.
Mais, Reis und Weizen sind besonders gut an die Katastrophe angepaßt. Die Katastrophe ist ihre Nische. Im natürlichen Verlauf der Dinge machte eine Katastrophe irgendwo reinen Tisch, und der nackte Boden kam den Gräsern sehr entgegen. Doch gewöhnlich begann sich diese Nische bald zu schließen. Einjährige kolonisierten das Gebiet. Ihre Wurzeln festigten den Boden, sammelten organisches Material an und ließen eine Krume entstehen. Irgendwann war die Nische der Katastrophe verschwunden. Die Landwirtschaft ist ein Vorgang, bei dem diese Nische immer wieder aufgerissen wird. Jahr für Jahr benötigt diese künstliche Katastrophe das Äquivalent von acht bis zehn Tonnen TNT pro Hektar einer modernen amerikanischen Landwirtschaft. Die Felder von Iowa verbrauchen dafür jährlich die Energie von 4 000 Nagasaki-Atombomben.
(...)

Mehr von:
Richard Manning
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 46
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

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Hauptthema
  • Die Lebensmittelindustrie im globalen Ökosystem

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