LI 054, Herbst 2001
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Das Kamel haben wir von den Barbaren

Rita Dove

DAS KAMEL HABEN WIR VON DEN BARBAREN

Dies eine ist riesig: grob geschnitten

sein Fell, wie gewalkter Filz –

und gleich so viel davon erhebt sich

in zwei unanständigen Hügeln auf seinem Rücken,

als hätte der Sand selbst in den Bart

des Himmels gerülpst. Ihr Götter,

welche Böswilligkeit! Das Auge, ein beständig

rotierender Planet, der unheilvoll glitzert,

gelblich, haarverklebt – mehr Haare

als du oder ich jemals zählen könnten –,

beobachtet jede Bewegung seines Wärters

und wartet, daß er ihm zu nahe kommt –

ein einziger Tritt würde jeden zum Krüppel machen.

Ein zweites Exemplar steht brüllend dort hinten

unter der Palme. Etwas schmächtiger,

doch genauso erschreckend – seine Lenden zerren

am Pflock –, mächtig wie der Gestank,

der unseren ausgedörrten Marktplatz sättigt.

Im größeren scheint ein Entschluß zu lauern:

Mit gespreizten Hinterbeinen reißt es an den Seilen,

schnaubt wütend, sabbert, zwingt den wuchtigen Kopf

zu diesem furchtbaren Laut. Könnte

das farblosere ein Weibchen, seine Gefährtin sein?

Noch weitere Monster, mitten unter uns!

Und doch... wenn diese scheußlichen Kreaturen

wie Gänse oder Hunde sind, ihr Junges

lernt, sich an den zu schmiegen,

der sie zuerst liebkost – es ist doch

so, unser Schicksal ist festgepflockt.

Laßt uns mit aller Strenge auf sie blicken,

und dann sie, ihren Diensten angemessen,

mit dem entlohnen, was sie am meisten begehren.

Ein ungewöhnliches Gut sind diese Tiere –

die nicht ahnen können,

welchen Durst nach Schönheit das Mitleid stillt,

welche Berge es versetzt.

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Rita Dove
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 88
Aus dem Englischen von Jan Wagner

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