LI 054, Herbst 2001
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Gott gegen Geld

Osama Bin Laden ist ein Baumeister. Er stammt aus einer Familie von Baumeistern. Sein Vater hat die Moscheen von Mekka und Medina umgebaut. Und er baute den höchsten Wolkenkratzer im Nahen Osten. Osama selbst hat die Wege und Tunnel gebaut, dank derer die Mudschaheddin die Sowjets nach der Invasion von 1979 aus Afghanistan vertreiben konnten. Jetzt arbeitet dieser Ingenieur an seinem nächsten Projekt.
Minoru Yamasaki, der Architekt des World Trade Center, hat erklärt: "Ich sehe das so: Welthandel bedeutet Weltfrieden, und deshalb war die Absicht der Gebäude des World Trade Center in New York eine weitreichendere, als nur Büroraum für Mieter bereitzustellen. Das World Trade Center ist ein lebendiges Symbol für das Streben der Menschen nach weltweitem Frieden."
Indem Osama Bin Laden die beiden New Yorker Handelstürme mit Hilfe von Amerikas eigener Verkehrstechnologie kastriert hat – und durch sein Eindringen in das Fünfeck der amerikanischen Macht in Washington –, versucht er einen neuen Raum zu schaffen: ein Schlachtfeld, wie wir es nicht mehr gesehen haben, seit die Religionskriege Europa in Stücke gerissen haben, seit der Dschihad von Mohammeds Eroberungsarmeen die Umma spektakulär ausdehnte und seit die Kreuzzüge sich nach Palästina vorarbeiteten. Die Zerstörung der beiden Türme in New York ist Teil eines Versuchs, eine politisierte heilige islamische Gemeinschaft wiederherzustellen und auszudehnen. Mit ihren Blutopfern handeln Bin Ladens Krieger nach ihrer Überzeugung, daß die islamische und die westlich-kapitalistische Kultur unvereinbar sind. Sie entweihen die heiligsten Orte der letzteren und hoffen, damit einen Krieg in Gang zu bringen – einen Krieg, der eine unübertretbare Grenze zwischen dem islamischen heiligen Raum und dem Rest der Welt ziehen soll.
Wir dürfen nicht vergessen, daß Osama Bin Laden mit seiner Kampagne der Gewalt gegen die Vereinigten Staaten begann, nachdem amerikanische Truppen – ungläubige Krieger – von seiner ehemaligen Heimat Saudi-Arabien die Erlaubnis erhielten, die Iraker von jenem Boden aus zu bekämpfen, auf dem einst der Prophet gelebt und gebetet hatte. Hier hatte Mohammed das große Buch enthüllt, und von hier aus hatte er gekämpft, um das Gebiet zu erweitern, das von diesem Buch regiert wurde. Seine Bombenangriffe auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania fanden am 7. August 1998 statt, dem achten Jahrestag der Stationierung amerikanischer Truppen in Saudi-Arabien. Aus der Sicht Bin Ladens entweihten die verschränkten Gewalten der amerikanisch dominierten, globalen Kapital- und Streitmächte das heilige Land – und entweihen es noch heute. Jetzt hat er selbst die amerikanischen Heiligtümer entweiht.
"Da Gott die arabische Halbinsel flach gemacht, ihre Wüste geschaffen und sie von Meeren umgeben hat, wurde sie nie von Mächten wie den Heeren der Kreuzfahrer gestürmt. Diese Kreuzritter haben sich wie Heuschrecken verbreitet, alle Reichtümer verschlungen und alle Pflanzungen vernichtet." So heißt es in der Fatwa, die Bin Laden 1998 gemeinsam mit militanten Islamisten der Islamischen Weltfront aus Ägypten, Pakistan und Bangladesch herausgegeben hat. "Trotz der enormen Verwüstungen, die die Allianz aus Kreuzrittern und Zionisten unter dem irakischen Volk angerichtet hat, und trotz der großen Zahl der Getöteten, die eine Million übersteigt, [...] versuchen die Amerikaner nun ein weiteres Mal, diese entsetzlichen Massaker zu wiederholen. Mit der endlosen Blockade nach ihrem bösartigen Angriff und ihren Zerstörungen sind sie noch nicht zufrieden. Sie kommen wieder, um auch die Überlebenden dieses Volkes noch zu vernichten und deren muslimische Nachbarn zu demütigen."
Bin Laden versteht die amerikanische Invasion des Irak als einen Ausdruck der Interessen des amerikanischen Kapitals einerseits und der strategischen Allianz zwischen Amerika und Israel andererseits. Indem sie den Irak schwächen und die arabische Welt in lauter "papierene Kleinststaaten" spalten, ermöglichen es die Vereinigten Staaten Israel, weiterhin Jerusalem zu besetzen – "al-Quds", das heilige Jerusalem, von dem aus der Prophet seine nächtliche Himmelfahrt ins Paradies antrat.
"Die Weisung, alle Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten – ob Zivilisten oder Soldaten – bedeutet eine persönliche Verpflichtung: für jeden Muslim, der dazu in der Lage ist, in jedem Land, in dem dies möglich ist. Unser Ziel ist, die Al-Aqsa-Moschee und die Heilige Moschee in Mekka aus ihrem Würgegriff zu befreien, und ihre Armeen zum Abzug aus allen islamischen Ländern zu zwingen. Als Besiegte sollen sie in Zukunft keinen einzigen Muslim mehr bedrohen können. Das steht im Einklang mit den Worten des allmächtigen Gottes: ‘Und kämpft alle gemeinsam gegen die Heiden, wie sie euch gemeinsam bekämpfen. Und bekämpft sie so lange, bis es keine Unruhe und keine Unterdrückung mehr gibt, und bis Gerechtigkeit und der Glaube an Gott obsiegen."
Osama Bin Laden hat Kämpfer aus vielen islamischen Staaten finanziert, organisiert und eingesetzt. Er stützt sich wesentlich auf private Zuwendungen von Geschäftsleuten aus vielen Staaten. In New York und Washington, D.C. führte er die Streitkräfte des einen Transnationalismus gegen den anderen ins Feld. Die Macht Allahs trat an gegen die Macht des amerikanischen Geldes und des amerikanischen Militärs. Die Türme des World Trade Center, in denen mit Wertpapieren und Staatsanleihen gehandelt wurde, waren sowohl Orte also auch Symbole für die weltumspannende Macht dieses amerikanischen Geldes. "Mit Gottes Hilfe rufen wir jeden Muslim, der an Gott glaubt und belohnt werden möchte, dazu auf" – so steht es in der Fatwa – "sich an Gottes Gebot zu halten, die Amerikaner zu töten und ihr Geld zu rauben, wo immer und wann immer es ihm möglich ist." Bin Ladens Krieger haben das amerikanische Geld nicht wie Piraten gestohlen. Sie wollten es lahmlegen, seinen Kreislauf unterbrechen, es verdampfen. Daß Geld einen Wert haben kann, ist von der Autorität des Nationalstaates abhängig, in dem es herausgegeben wird. Dieses Verhältnis ist nicht willkürlich, sondern wesentlich. Und genau diese Verbindung wurde von den Flugzeugen der Selbstmordattentäter hervorgekehrt.
Auch Gott wird zunehmend mit dem Nationalstaat verschmolzen. Er wird gegen die kulturelle und materielle Macht des amerikanisch beherrschten Geldes eingesetzt. Es ist wichtig, daran zu erinnern, daß es amerikanische Unterstützung war, die es Osama Bin Laden erlaubte, Kämpfer aus der gesamten islamischen Welt zu mobilisieren, um ein nationalistisches islamisches Regime in Afghanistan installieren zu helfen. Viele dieser Krieger gingen später in den Sudan, wo sie dasselbe zu vollbringen gedachten. So wie die Vereinigten Staaten schon früher militante amerikanische Organisationen in Afghanistan und Ägypten unterstützt hatten, um den sozialistischen Regimen entgegenzuarbeiten, die sich an der Sowjetunion orientierten, unternahm Israel eine vergleichbare Anstrengung, um Arafats palästinensischem Nationalismus zu begegnen. Die Ironie liegt darin, daß Amerika im Kampf gegen Osama Bin Laden die Unterstützung religiös-nationalistischer Staaten wie Pakistan, Iran und Indien brauchen wird. Selbst die Wahl von George Bush zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hing von der Unterstützung der christlichen Rechten ab. Zwei Tage nach den "Bombardements" behauptete Reverend Jerry Falwell: Jene weltlichen Politiker, die Gott aus der öffentlichen Sphäre verdrängt und in Amerika die Abtreibung erlaubt hätten, trügen die Schuld daran, daß Gott seinen "schützenden Vorhang" über Amerika nun hochgezogen und damit den Terror möglich gemacht habe. Auch die christlichen Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten bezeichnen die ungehemmten weltweiten Geldflüsse als eine Macht des Bösen, die beschränkt und wieder unter Kontrolle gebracht werden muß.
Geld ist ein weltumspannendes Medium und ein Speicher der sozialen Wertzuschreibung geworden, über die der Nationalstaat durch die Multinationalisierung der Geldgeschäfte und die Deregulierung der Finanzmärkte immer weniger Kontrolle ausübt. Während der Handel, die Investitionen in Betriebskapital und die Aktienmärkte wesentlich regional verankert bleiben, hat sich ein Weltmarkt der Währungen und Staatsanleihen herausgebildet. Kann es wirklich überraschen, daß in einer Zeit, da die vorherrschenden kollektiven Repräsentanzen von den irdischen Mächten des Nationalstaates weder in Grenzen gehalten noch kontrolliert werden können, Gott – dieses andere totemische Prinzip – wieder so großen Zulauf findet? Da das Proletariat als kollektives Subjekt offenbar in sich zusammengefallen und der Demos in seiner Gangart nach wie vor unentschlossen ist: Wer sonst könnte der Macht des Geldes und dessen territorialem und zeitlichem Einfluß noch irgend etwas entgegensetzen?
Das Geld als Repräsentanz – im Gegensatz zum Geld als Ware – ist an kein "Ding" mehr gebunden. Sein Wert hängt offensichtlich nur vom Glauben ab – und vom Glauben an den Glauben. Wie ein transzendenter Gott ist das Geld zu einem unsichtbaren numerischen Geflecht aus Versprechungen und zu einer puren Abstraktion geworden. Das Geld ist mittlerweile eine rein gesellschaftlich verankerte und definierte Kraft. Seine Macht ist unüberwindbar, und seine Identität hat keine nationale Zugehörigkeit. Die globale Wirtschaft scheint über jede Buchführung, Rechtfertigung oder auch nur Spezifizierung erhaben. Dagegen ist Gott als unbegreifliche Gewalt einmal mehr zum Koautor der Menschheitsgeschichte geworden, denn er wohnt in bestimmten Gebieten kraft eines Paktes, einer Entscheidung, oder einer Gnade. Gott ist ein Gegenglaube zur Illusion des Geldes.
Religiöse Nationalisten entfalten ihre Kritik des Kapitalismus in einem Diskurs der Entweihung. Es sind die Unterschiede zwischen den beiden symbolischen Ordnungen Gottes und des Geldes, die das ermöglichen. Wenn das Kapital nervös, launisch und ein unzuverlässiger Gast ist, dann ist Gott beständig, immer verfügbar und zugänglich. Diese Kasse schließt niemals; diese Währung verliert nie an Wert. Gott sorgt für jene Unwandelbarkeit, die die Nationen in der Natur gesucht haben – nicht zuletzt in der Natur eines Kollektivs, das durch die Rasse definiert wird. Wenn das Geld relativiert, dann ist Gott eine absolute Größe. Er bildet das Fundament einer Zone, die von Preisrelationen unberührt bleibt. Die Neigung religiöser Nationalisten zum Terror – die sich nun im Angriff auf die phallischen Monumente des amerikanischen Weltkapitals, und hier besonders auf die Händler von Wertpapieren und Staatsanleihen entlud – ist ein Ausdruck und sogar eine Besonderheit von absoluten und unbezahlbaren Wertvorstellungen. (Amerikanische Geheimdienste haben eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Informationen ausgeschrieben, die zur Ergreifung Osama Bin Ladens führen. Dieser hat die Machtlosigkeit des westlichen Geldes schon dadurch bewiesen, daß sein Netzwerk Tausender Ergebener durch diese Prämie nicht korrumpiert werden konnte.) Wenn Geld ein abstrakter Wert und eine metrische Größe ohne jede substantielle Logik ist, dann zeichnet sich Gott durch die besonderen substantiellen Werte aus, für die er steht. Wenn das Geld notwendigerweise ein Medium des niederträchtigen Eigensinns ist, dann ist Gott für die Gläubigen ein potentielles Medium der Gleichheit und Solidarität und eine einigende Repräsentanz. Wenn das Geld ein Objekt ist, das jene Subjekte zu beherrschen scheint, die ihm so eifrig hinterherlaufen, dann bürgt Gott als Subjekt für die Subjektivität aller Männer und Frauen, die sich ihm unterwerfen.
Osama Bin Laden setzt alles daran zu zeigen, daß sich die islamische Welt nicht nur gegen die westliche kapitalistische Kultur verteidigen muß, sondern daß Allah mächtiger ist als amerikanische Kanonen und amerikanisches Geld. Islamische Krieger haben das bewiesen – im Iran, in Jemen und im Libanon, in Ägypten, in Afghanistan und im Sudan. Es ist ihnen gelungen, die amerikanischen Ungläubigen innerhalb der Umma durch eine langfristige Kampagne gewalttätiger Attacken in einen Kampf zu verwickeln. Nun wollen sie beweisen, daß der militante Islam die Mächte Amerikas so gut wie überall besiegen kann. Für Bin Laden war dieser Terrorangriff eine Finte, die die Amerikaner in einen Krieg auf seinem Schlachtfeld verstricken sollte. Diese Finte diente dazu, ein solches Schlachtfeld überhaupt erst zu konstruieren. Wir sollten darauf achten, nicht selbst zu Baumeistern dieses manichäischen architektonischen Projektes zu werden. Wir sollten nicht das aufbauen, was Bin Laden durch seine Zerstörung zu schaffen sucht.
Um zu gewinnen, müssen die Vereinigten Staaten zugleich die Herausforderung eines moralischen Krieges auf sich nehmen. Diese Auseinandersetzung wird nicht durch "intelligente" Marschflugkörper und Aufklärungsinstrumente gewonnen. Bei der diffusen Natur dieses Terrornetzwerks sollten die Vereinigten Staaten die Hilfe von Dutzenden islamischen Staaten sowie solcher Staaten mit großen islamischen Bevölkerungsanteilen oder starken islamischen Bewegungen in Anspruch nehmen. Diese Staaten müssen umfassend kooperieren, weil diese Operationen detaillierte Bodenoperationen erfordern, wie auch die Rekrutierung von Insidern, die Mitarbeit lokaler Sicherheitsdienste, die Bereitschaft von Freunden und Nachbarn, Informationen zu liefern. Es gibt Millionen von Muslimen, die verabscheuen, was Bin Ladens Krieger in Manhattan und Washington, D.C. zustande gebracht haben, aber viele teilen seine Vision der amerikanischen Rolle in der Welt. Sie wissen, daß die Vereinigten Staaten sich gegenüber den Bemühungen, das Thema der sozialen Gerechtigkeit in die Entschlüsse und Verfahrensweisen der Welthandelsorganisation einzuführen, auf einzigartige Art und Weise verschlossen haben. Sie wissen, daß die Bush-Administration John Negroponte zum Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen ernannt hat, einen Mann, der einst Präsident Reagans Botschafter in Honduras war und der – als Bestandteil von Amerikas Feldzug zur Niederringung der Sandinisten in Nicaragua – die Aktionen jener Todesschwadronen in Honduras gedeckt hat, die ihre politischen Gegner zu foltern und zu ermorden pflegten. Sie wissen auch, daß die Regierung der Vereinigten Staaten stillschweigend Hilfe leistete, als Israel seine Siedlungen im besetzten Westjordanland erheblich ausweitete, während es gleichzeitig mit den Palästinensern über eine Friedensregelung verhandelte. Auf lange Sicht braucht es mehr als Geld und Waffen, um diesen Krieg zu gewinnen. Wir werden neu darüber nachdenken müssen, was es wirklich meint, die "good guys" zu sein.

Mehr von:
Roger Friedland
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 106
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Genre

Hauptthema
  • Zum Verhältnis von Religion und Geld

Schlagworte

Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript