LI 042, Herbst 1998
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Der lange Marsch der Geschichte

Grenzen bedeuteten früher Kampf und Haß. Sie standen für die Teilung von Territorien, die Trennung von Völkern. Die Berliner Mauer war eine Grenze der Angst, eine Möglichkeit des Krieges.
Heute haben wir einen neuen Begriff von der Grenze. In Europa, in Afrika ist sie zu einem Ort des Austauschs geworden, des Handels und der Interaktion, hin und her wandernder Menschen.
Heute bietet die Grenze eine Möglichkeit des Friedens ` selbst zu Zeiten des Krieges. Ich sah es vor kurzem mit eigenen Augen in Liberia. Die Armeen zweier Kriegsherren ` eigentlich nur Kinder mit Gewehren ` ließen ihre Waffen an der Linie zurück, die ihr Gebiet begrenzte, und gingen auf die andere Seite hinüber, um Coca-Cola und Gemüse zu kaufen.
Paradoxerweise sind es gerade die Wächter der Grenzen, die Soldaten und Zöllner, die sie zerstören, wenn auch auf korrupte Art. "Ein Visum gefällig? Zwanzig Dollar bitte."
Irgendwie ist das Konzept des Territoriums kein Konzept der Macht mehr. Stärke und Prestige wurden früher gleichgesetzt mit einem großen Territorium. Das kümmert heute niemanden mehr. Der Sudan ist Afrikas größtes Land, aber auch sein schwächstes. Wichtig ist heute, wie reich ein Land ist, wieviel es mit anderen handelt. In Afrika lösen sich inzwischen die Staaten auf, die früher diese großen Territorien besetzten, denn das Konzept der Macht, auf dem sie beruhten, ist belanglos geworden. Es gibt in Zaire oder im Tschad, in Somalia oder Liberia praktisch keinen Staat mehr. Wo früher staatliche Macht existierte, ist heute nur ein Gefühl der Krise geblieben.
Das Erstaunliche daran ist, daß die Menschen trotzdem zurechtkommen. Sie machen weiter. Die Geschäfte sind geöffnet. In Somalia kann man alles bekommen, was man braucht. Um ihr Leben zu bewältigen, kehren die Menschen zu Verhaltensmustern zurück, die vor Jahrhunderten üblich waren. Sie reorganisieren ihre natürlichen Märkte ebenso wie die Handels- und Verkehrswege, nämlich schlicht die einfachsten Wege von einem Ort zum anderen, die damals wie heute ohne Technologie zurückgelegt werden können.
Als 1996 infolge der von Tutsi geführten Rebellion die Hutu-Flüchtlinge von Zaire nach Ruanda zurück flohen ` was die Vereinten Nationen trotz jahrelangen Drängens nicht zu erreichen vermocht hatten `, erlebten wir dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Ich erinnere mich deutlich an das Zeitungsfoto einer wohlgeordneten Reihe von Zehntausenden Flüchtlingen in ihrer farbenfrohen traditionellen Kleidung, mit Strohkörben, in denen sie all ihre Habe mit sich trugen; sie erstreckte sich meilenweit bis an den von dunklen Regenwolken verhangenen Horizont. Keine Behörde eines Staates oder einer Hilfsorganisation hatte diese Schlange in Gang gesetzt. Sie hatten einfach all ihren Mut zusammengenommen und waren ihrem Schicksal gefolgt, auf einem alten Pfad in ihre Heimat, ganz so, wie sie es auch vor Jahrhunderten getan hätten. Es gibt einfach ein unglaubliches Gefühl der Zusammengehörigkeit und des gemeinsamen Ziels unter diesen Menschen, das sich auf ihre Sprache, ihre spezifische Kultur und ihren Glauben an die lokalen Götter gründet.
In Westafrika funktioniert keine Zentralbank. Dennoch haben in Mali und den Nachbarstaaten Kamerun, Ghana und Senegal die Menschen auf den Märkten irgendwie ausgerechnet, wie sie in Währungen völlig verschiedener Blöcke ` auf der Grundlage des französischen Francs bzw. des britischen Pfunds ` Handel treiben können. Keine Behörde setzt den Wechselkurs fest; es handelt sich um einen reinen, selbstorganisierten Markt.
Der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat in seiner 'Theorie des Austauschs' eine Möglichkeit genannt, mit der sich verstehen ließe, was soziale Gruppierungen zusammenhält. Für Lévi-Strauss waren die sich vermischenden Wanderungen von Menschen und Waren zwischen den Angehörigen einer Gesellschaft entscheidend: Sie förderten das gegenseitige Interesse und damit auch das Gefühl der Gemeinschaft und einer gemeinsamen Identität. Und nun erweist sich diese Theorie in der Praxis ` aber nicht nur im Rahmen territorialer Begrenzungen, sondern über sie hinaus.
Heute herrscht auf der ganzen Welt eine Atmosphäre der Offenheit. Die Menschen wollen in ihren kleinen Gärtchen in Ruhe gelassen werden. Sie wollen keine Konflikte. Sie wollen friedlich und normal leben. Sie wollen über Staatsgebiete und Grenzen hinweg zusammenarbeiten, selbst über die Grenzen von Zivilisationen hinweg.
Alles in der Geschichte bewegt sich in dieser Richtung. Liest man die europäische Presse der dreißiger Jahre, so steckt sie voller Hinweise auf den 'kommenden Krieg'. Kaum jemand zweifelte daran, daß dieser Krieg unvermeidlich war. In der Presse von heute findet sich nichts dergleichen. Trotz einzelner Nischen des Konflikts und des Hasses tendiert die allgemeine Stimmung zu einer Welt auf der Grundlage von Lévi-Strauss' Theorie des Austauschs.
Ich kann in der heutigen Welt nichts von dem berühmten "Zusammenstoß der Zivilisationen" entdecken, über den Samuel Huntington seine Theorien aufgestellt hat. Es gibt vielmehr größere Zusammenstöße innerhalb der Zivilisationen.
In diesem Augenblick der Geschichte sehe ich keine einzige Zivilisation, die eine andere bedroht. Schon fast per definitionem entstehen Zivilisationen, indem sie nach innen schauen und ihre eigene Art und Weise des Sehens und Lebens herausbilden. Nur ein Intellektueller europäischer Herkunft konnte sich einen Weltkonflikt dieser Art vorstellen, denn nur die westliche Zivilisation zeigte die Tendenz zur Expansion und löste damit entsprechenden Widerstand aus. Die chinesische Zivilisation versuchte schließlich niemals, Europa zu unterjochen.
Der heutige Islam hat seine Fundamentalisten, die im Konflikt mit der herrschenden Meinung stehen. Aber ihr Bestreben richtet sich gegen ihre eigene Regierung, gegen ihre eigenen Mitbürger. Die ägyptischen Fundamentalisten bekämpfen nicht den polnischen Katholizismus, sondern die ägyptische Regierung. Aufgrund der Medien und der Sprachunterschiede ist das Bild des Islam zu einem Stereotyp heruntergekommen. Der Islam ist sehr gespalten, angefangen mit Sunniten und Schiiten. Die Muslime in der arabischen Welt unterscheiden sich von den afrikanischen, diese wiederum von den Muslimen in Malaysia. Sie alle besitzen konfligierende Interpretationen des Koran.
Es mag einen oberflächlichen Konflikt mit dem Westen geben ` in dem Sinne, daß Traditionen, von denen man glaubte, der westliche Kolonialismus habe ihnen ein Ende gemacht, sich noch immer als tief verwurzelt in den Herzen und Köpfen der Menschen erweisen.
Als ich in den fünfziger und sechziger Jahren erstmals nach Afrika kam, war der europäische Einfluß sehr stark und lebendig. Inzwischen haben die Europäer Afrika verlassen. Ihre Institutionen gibt es nicht mehr. Afrika ist wieder sehr afrikanisch geworden. Die alte Mentalität, die alten Gebräuche sind zurückgekehrt. Nichts läßt sich organisieren. Alles ist im Chaos. Man gerät in Wut, weil es kein Zeitgefühl zu geben scheint. Niemand achtet auf seine oder ihre Uhr. Zu einem Termin kommt man rechtzeitig, wenn man kommt. Das ist eben Afrika.
Das gleiche gilt für die ehemalige Sowjetunion, wo die alten Wurzeln wieder sichtbar werden. Wir haben entdeckt, daß McDonald's und Coca-Cola oder auch die Errichtung einer Lenin-Statue einen Menschen nicht verändern können.
Die Welt, wie wir sie heute erleben, ist eine Welt mit vielen Kulturen und vielen Religionen. Die Menschen können nicht ohne Wurzeln leben. Aber sie wollen ihre eigenen Wurzeln, nicht die Wurzeln anderer. An manchen Orten wird Beten wichtiger sein als Arbeiten. An manchen Orten ist vielleicht der Materialismus das ein und alles. Die Zivilisationen werden koexistieren.
Sobald man die Nischen der internationalen Hotels, der Flughäfen und Banken verläßt, ist der Rest des Planeten ein sehr ruhiger und sehr langweiliger Ort, an dem sich alles nur sehr langsam bewegt. Die meisten Menschen hüten schlicht ihre Herden und leben von ihrem kleinen Stück Ackerland.
Geschwindigkeit und Wohlstand gehen Hand in Hand. Das ist eine Katastrophe, denn es bedeutet, daß die Kluft zwischen Arm und Reich, die wir gegen Mitte dieses Jahrhunderts am Verschwinden glaubten, immer dauerhafter und tiefer wird. All die Wachstumstheorien der fünfziger Jahre, über den Take-off der Entwicklungswelt und die Verringerung ihres Rückstands, erwiesen sich als leer.
Die wichtigste Tatsache der gegenwärtigen Zeit ist weder die Atombombe noch der Zusammenstoß der Zivilisationen. Es ist die Ungleichheit im Weltmaßstab. Eigenartigerweise handelt es sich jedoch entgegen der Marxschen Annahme um eine Ungleichheit, die in der sogenannten Dritten Welt keinen aggressiven Aufruhr ausgelöst hat. Es ist eine Ungleichheit, die inzwischen von der Mehrheit als Teil der Realität akzeptiert wird.
In den fünfziger und sechziger Jahren, in der Euphorie der Entkolonialisierung, waren die Führer der Dritten Welt und ihre Anhänger überzeugt, sie könnten die Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd, in einer ungeheuren antiimperialistischen Revolte angreifen und beseitigen. Dreißig Jahre später hat bittere Erfahrung die Menschen gelehrt, daß dieser Weg eine Sackgasse ist. Die Führer haben ihren Kredit verspielt und die Menschen ihre Illusionen verloren.
Also haben sie ihre Taktik geändert: hin zur langsamen Durchdringung mittels der Wanderung. Einer nach dem anderen, Familie nach Familie, suchen und finden sie einen kleinen Platz in der entwickelten Welt. Sie putzen und pflücken Erdbeeren in Kalifornien, vor dem Pantheon in Rom oder dem schiefen Turm von Pisa verkaufen sie Andenken an Touristen. Diese kleinen Akte der Durchdringung, die auf eine Massenwanderung hinauslaufen, sind keine Angelegenheit der Ideologie, sondern des Überlebensinstinkts.
Und wenn diese Menschen es schaffen, in die entwickelte Welt zu gelangen, bleiben sie unter sich. Sie organisieren sich nicht, um in ihren Gastgeberländern Macht zu erringen. Ob Polen in Kanada, Türken in Deutschland oder Koreaner in Amerika ` sie führen ihre Geschäfte und machen ihre Arbeit. Sie sind anstellig, ruhig und zurückhaltend, zufrieden mit ihrem kleinen Leben im fremden Land.
Diese Durchdringung verwandelt das Aussehen Europas ebenso, wie es das Gesicht Amerikas verändert hat. An einem heißen Sommerabend in Paris nahm ich einen Bus vom Flughafen in die Stadt. Ich kam durch ein afrikanisches Viertel von Paris, das sich auch in Lagos hätte befinden können. 1991 war ich gegen zehn Uhr abends im Bahnhof von Rotterdam. Es gab zwei Weiße, den Fahrkartenverkäufer und mich. Alle anderen waren schwarz. Ich hätte im Bahnhof von Nairobi sein können.
Dieses Phänomen wird unsere Zukunft prägen. Die Menschen werden bleiben. Sie werden Kinder haben, und die Kinder werden zur Schule gehen und arbeiten. Ihre Durchdringung wird dauerhaft geworden sein und in einer Gesellschaft gemischter Zivilisationen resultieren.
Als ich über die iranische Revolution berichtete und dann mein Buch darüber schrieb, merkte ich, daß die Idee der islamischen Revolution, wie Khomeini sie predigte, im Ausland wichtiger genommen wurde als im Lande selbst. Für die meisten Menschen sprach da ein alter Mann, und niemand hörte richtig zu. Sein ganzes Projekt der Verbreitung der islamischen Revolution hatte nur wenige wirkliche Anhänger.
Wir müssen unsere Ansichten ebenso schnell revidieren, wie sich auch die Geschichte bewegt und sich alles verändert. Heute gibt es im Iran keine Spur mehr von Khomeini. Es ist ein sehr pragmatisches Land.
Heutzutage herrscht keinerlei kontinentale Solidarität in Afrika oder Lateinamerika, noch gibt es so etwas wie eine islamische Solidarität. Auf der ganzen Welt existieren nur ethnische Interessen, kulturelle Bindungen und Individuen, die ihren eigenen Ausweg in der Auswanderung suchen.
Was der mexikanische Kommentator Carlos Monsivìs über seine eigene Gesellschaft gesagt hat, gilt auch für viele andere. In Gesellschaften, in denen die politische Struktur korrupt und nicht vertrauenswürdig ist und wo die Wirtschaft stagniert, tun die Menschen alles, was sie tun müssen, um zu überleben. Jeder wird, wie Monsivìs sagt, zum Opportunisten. Das ist die unvermeidliche Reaktion von Menschen ohne Hoffnung.
Für den größten Teil der Welt gibt es wirklich keine Zukunft. Die Hoffnungslosigkeit geht auf diesem Planeten mit dieser großen Spaltung zwischen Reich und Arm einher.
Anscheinend ist uns die Vorstellungskraft abhanden gekommen, wie wir dieses Problem der Armut der Mehrheit lösen könnten. Was immer man versuchte: es funktionierte nicht. Die asiatischen Tigerstaaten sind eine kleine Gruppe von Ländern unter besonderen Bedingungen, wie sie für andere nicht gelten. Und gewiß läßt sich der Hunger an diesem oder jenem Ort durch eine Welle humanitärer Hilfe aus der Welt schaffen. Aber alle Computer der Welt mit all ihren Daten tragen zur Beseitigung der Massenarmut nichts bei. Man ist versucht, die Vorstellungskraft des Menschen für begrenzt zu erklären. Früher errichtete diese Vorstellungskraft gewaltige Kathedralen. Aber angesichts dieses Problems scheint sie erschöpft.
Wissen Sie, was den Analphabetismus in Afrika verursacht? Es ist der Mangel an Stiften. Es gibt Schulen. Aber die Menschen haben keine Stifte.
Wenn ich in Afrika durch entlegene Gegenden kam, wurde ich bei meiner Ankunft in einem Dorf häufig von Kindern umringt. Sie bettelten nicht um Essen, auch wenn sie hungrig waren, oder um Geld. Sie wollten meinen Kugelschreiber, damit sie in der Schule schreiben konnten.
Vor ein paar Jahren wurden am MIT und in Paris große Pläne gewälzt, Computer nach Afrika zu bringen, um im Informationszeitalter die Kluft zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen schließen zu helfen. Aus den Plänen wurde nichts. Aber die Chinesen sind mit Stiften gekommen. Stifte, die drei oder fünf Cents kosten.
China hat sogar die entlegensten Dörfer erobert, indem es kleine Dinge für die arme Welt herstellt. Vor kurzem wollte ich in Senegal Freunden ein Geschenk mitbringen. Ich beschloß, ihnen eine Lampe zu kaufen, weil sie kein Licht hatten. Jeden Tag mußten sie nach sechs Uhr abends im Dunkeln leben.
Ich ging auf den einzigen Markt in der größten Stadt dieser Gegend und fand dort eine kleine chinesische Lampe mit Batterien. Sie kostete fast nichts. An diesem Abend feierte das ganze Dorf ein Fest, weil endlich das Licht in diesen kleinen Erdenflecken Einzug gehalten hatte.
Stifte, Lampen, ein Hemd oder Plastikschuhe für fünfzig Cents ` mehr können sich diese Menschen nicht leisten. Der arme Mensch in Afrika hat praktisch kein Geld ` er hat ein kleines Stück Land, auf dem er ein paar Tomaten oder Kirschen anbaut. Er bringt sie auf den Markt und verkauft sie für fünfzig Cents. Und für diese fünfzig Cents kann er sich ein paar kleine notwendige Dinge kaufen, die in China hergestellt wurden.
Die Franzosen verließen Afrika. Die Briten gingen. Die Chinesen sind gekommen.
Im Norden Nigerias kam ich einmal zu einem halbnomadischen Volk. Diese Menschen ziehen auf jede Weide, auf der ihr Vieh Wasser finden kann. Wenn die Trockenzeit kommt, gehen sie in die Städte, wo es Wasser gibt und sie Gelegenheitsarbeiten verrichten können, bevor sie nach der Trockenzeit mit ihrer Herde wieder losziehen.
Einmal brachten ihnen ein paar Leute aus einer Hilfsorganisation einen batteriebetriebenen Fernseher. Sie sahen fern, bis die Batterien leer waren. Dann nahmen sie ihre alte nomadische Lebensweise wieder auf, wie ihr Stamm sie seit tausend Jahren kennt. Nichts hatte sich geändert.
So läuft es für viele in der armen Welt. Etwas Fremdes tritt in ihr Leben, interessant, aber künstlich. Dann verschwindet es wieder, und das Leben geht weiter wie zuvor.
In einem Dorf in Uganda, in der Nähe des Victoriasees, besuchte ich einmal eine Familie auf ihrem Grundstück. Alle schliefen gemeinsam in einer einräumigen Hütte auf dem Boden; eine weitere Hütte war die Küche. Als ich dort die Utensilien aus Lehm sah und drei große Steine, die für das Kochfeuer in einem Dreieck angeordnet waren, schien mir das seltsam vertraut. Als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, daß ich als Archäologiestudent eine solche Küche in Illustrationen der menschlichen Lebensweise vor fünftausend Jahren gesehen hatte.
In einer solchen Umwelt hat man ein völlig anderes Zeitgefühl. Es besteht absolut keine Verbindung zwischen dieser Welt und der unseren. Absolut keine.
Wenn sich aus all den gescheiterten Revolutionen des 20. Jahrhunderts eine Lehre ziehen läßt, aus dem Kommunismus, dem panafrikanischen oder panarabischen Sozialismus, dann lautet sie: Es gibt keine Abkürzung in die Zukunft. Der ideologische Weg in die Utopie ist trügerisch. Er ist ungangbar, nicht praktikabel.
In der Konsequenz ist die Geschichte in ihre pragmatische Phase eingetreten. Die Menschen versuchen zu tun, was funktioniert. Sie tun, was sie können.
Dieser Mangel an prägenden Ideen kann gefährlich sein, weil dieses Vakuum mit Haß und Mißtrauen gefüllt werden kann. Aber die Welt insgesamt, von der reichsten bis zur ärmsten, ist über die Ideologien hinausgeschritten. Es scheint in unserem Zustand der Desillusionierung unmöglich, daß irgendeine Menschenmasse sich durch eine Aneinanderreihung von Ideen mobilisieren läßt. Und das ist positiv. Die Menschen sind somit dazu bestimmt, einen Mittelweg einzuschlagen, einen pragmatischen Weg, der kleine Schritte vorwärts erlaubt, je nachdem, was funktioniert und was nicht. Die Ära der großen Sprünge und gescheiterten Träume ist vorüber.
Was aber wird in pragmatischen Gesellschaften aus Intellektuellen? Intellektuelle sind die Schöpfer der Kultur. Und zwischen all den verlorenen Illusionen des 20. Jahrhunderts ist die uultur eines bestimmten Volkes das einzige, was zwischen den Ruinen von Staaten und Ideologien überdauert hat.
Eine wichtige Rolle der Intellektuellen wird darin bestehen, auf die Medienmanipulation zu achten, auf die Auswahl und Gestaltung der Information. Sie werden sagen müssen, was sonst nicht gesagt wird, auf das hinweisen, worauf sonst niemand hinweist, über den Teil der Realität sprechen, der nicht seinen Weg ins Kino oder auf den Bildschirm findet.
Jede Auswahl der Information ist Zensur. Sie kann autoritär und administrativ sein, wie in der alten Sowjetunion oder im China von heute. Oder sie kann daherkommen als Konsequenz der Entscheidungen von Verbrauchern und Produzenten, die sich dem Massengeschmack anbiedern.
Beide Formen der Auswahl zerstören die Wahrheit über die Realität. Die Rolle der Intellektuellen besteht darin, den Schleier dieser beiden Formen von Zensur zu zerreißen.

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 107
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann

Genre

Hauptthema
  • Konflikte in der Zivilisation

Schlagworte

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