LI 071, Winter 2005
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Pure Gewalt

Unkorrekte Reflexionen zu New Orleans, Frankreich und Verwandtem

Im Zusammenhang mit den Gewaltausbrüchen in Frankreich werden gerne zwei Parallelen gezogen: zu den Plünderungen in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina und zum Mai 68. Trotz erheblicher Unterschiede lassen sich aus beiden Parallelen Lehren ziehen. Was New Orleans angeht, hatten die Feuer in Paris eine ernüchternde Wirkung auf europäische Intellektuelle, die am Beispiel von New Orleans die Vorzüge des europäischen Modells des Wohlfahrtsstaats gegenüber dem wilden US-Kapitalismus hervorgehoben hatten; nun wissen wir, daß das gleiche hier geschehen kann. Diejenigen, die die Gewalt in New Orleans einem Mangel an Solidarität europäischen Stils zuschrieben, lagen so falsch wie die US-amerikanischen, den freien Markt feiernden Liberalen, welche schadenfroh zurückschlugen, indem sie darauf hinwiesen, die Starrheit der staatlichen Eingriffe, die den Wettbewerb des Marktes und seine Dynamik einschränken, habe den wirtschaftlichen Aufstieg der marginalisierten Immigranten in Frankreich verhindert – im Gegensatz zu den USA, wo viele Immigrantengruppen zum erfolgreichsten Teil der Bevölkerung zählen. Im Vergleich zum Mai 68 hingegen fällt das Fehlen irgendeiner positiven Perspektive seitens der Protestierenden auf. Während der Mai 68 ein Aufstand mit einer utopischen Vision war, handelte es sich bei der jüngsten Revolte nur um einen Gewaltausbruch ohne Vorspiegelung einer Art positiver Vision. Wenn der Gemeinplatz des„postideologischen Zeitalters“ einen Sinn hat, dann hier.

Die erste Schlußfolgerung ist, daß sowohl konservative als auch liberale Reaktionen auf die Unruhen unzutreffend sind. Die Konservativen betonten den Kampf der Kulturen und Recht und Ordnung. Immigranten sollten unsere Gastfreundschaft nicht mißbrauchen, sie seien hier zu Gast, und müßten unsere Gepflogenheiten achten; unsere Gesellschaft habe das Recht, unsere einzigartige Kultur und Lebensweise zu schützen. Zudem gebe es für die Verbrechen und das gewalttätige Verhalten keine Entschuldigung: Junge Immigranten bräuchten nicht mehr soziale Unterstützung, sondern Disziplin und harte Arbeit. Die Linksliberalen hingegen klammerten sich an ihren Refrain von den vernachlässigten Sozialprogrammen und Integrationsbemühungen, was die jüngere Generation von Immigranten jeder positiven wirtschaftlichen und sozialen Perspektive beraube, so daß ihnen nichts anderes übrigbleibe, als ihre Unzufriedenheit derart zu artikulieren. Es ist es sinnlos, darüber zu debattieren, welche der beiden Reaktionen schlechter ist: Sie sind beide schlechter, inklusive der von beiden Seiten formulierten Warnung, die eigentliche Gefahr dieser Gewaltausbrüche liege in der vorhersagbaren rassistischen Reaktion der französischen populistischen Masse auf diese.

Was kann ein Philosoph hier tun? Die Aufgabe des Philosophen besteht nicht darin, Lösungen vorzuschlagen, sondern darin, das Problem neu zu formulieren, den ideologischen Rahmen zu verschieben, in dem wir das Problem bisher gesehen haben. Ein guter Ausgangspunkt wäre, die jüngsten Gewaltausbrüche in eine Reihe mit anderen Arten von Gewalt zu stellen, die die liberale Mehrheit als Bedrohung unserer Lebensweise wahrnimmt: erstens direkte „terroristische“ Angriffe (von Selbstmordattentätern); zweitens rechte populistische Gewalt; drittens suburbane jugendliche „irrationale“ Gewaltsausbrüche. Ein heutiger Liberaler sorgt sich um diese drei Störungen seines täglichen Lebens: Terrorangriffe, Gewalt von Jugendlichen, populistischen Druck des rechten Flügels.

Der erste Analyseschritt besteht darin, jede dieser Formen mit ihrer Gegengewalt zu konfrontieren: Der Gegenpol zu „terroristischen“ Angriffen ist die neokoloniale Rolle des Weltpolizisten, die das US-Militär spielt; der Gegenpol zur rechten populistischen Gewalt ist die Kontrolle und Regulierung durch den Wohlfahrtsstaat; der Gegenpol zu den jugendlichen Gewaltausbrüchen ist die anonyme Gewalt des kapitalistischen Systems. In allen drei Fällen stecken Gewalt und Gegengewalt in einem tödlichen Teufelskreis, bei dem jeder jenes Gegenteil erzeugt, das er zu bekämpfen versucht. Zudem ist allen drei Modi, ungeachtet ihrer grundlegenden Unterschiede, die Logik eines blinden passage à l’acte gemein: In allen Fällen ist Gewalt ein implizites Eingeständnis der eigenen Ohnmacht/Impotenz.

Ein typischer Actionfilm aus Hollywood macht dies in der Regel anschaulich. Gegen Ende von Andrew Davis’ Film The Fugitive konfrontiert der zu unrecht verfolgte Arzt (Harrison Ford) seinen Kollegen (Jeroem Kraabe) auf einem Medizinerkongreß mit der Tatsache, daß dieser zugunsten eines großen Pharmakonzerns medizinische Daten manipuliert hat. Genau dann, wenn man erwartet, daß die Aufmerksamkeit sich auf den Konzern – das korporatistische Kapital – als wahren Schuldigen richtet, unterbricht Kraabe seine Ausführungen, fordert Ford auf, mit ihm den Saal zu verlassen, und beginnt eine brutale Schlägerei, bei der sich beide blutige Gesichter holen.

Der lächerliche Charakter dieser Szene ist aufschlußreich. Er erweckt den Eindruck, man wolle dem ideologischen Chaos, das durch den spielerischen Umgang mit dem Antikapitalismus entsteht, durch einen Schritt entkommen, der die Risse in der Erzählung unmittelbar faßbar macht. Ein weiterer Aspekt ist die Verwandlung des Schurken in einen tückischen, feixenden, pathologischen Charakter, als ob die psychologische Verderbtheit, die mit dem faszinierenden Schauspiel des Kampfes einhergeht, an die Stelle des anonymen nichtpsychologischen Triebs des Kapitals treten sollte; es wäre ja wesentlich angemessener gewesen, den korrupten Mediziner als psychologisch aufrichtigen und im privaten Umfeld ehrenwerten Arzt darzustellen, der sich infolge der finanziellen Schwierigkeiten seines Krankenhauses dazu verleiten ließ, den Köder des Pharmaunternehmens zu schlucken.

The Fugitive bietet daher eine Version des gewaltsamen passage à l’acte, der als Köder, als Vehikel einer ideologischen Verschiebung dient. Ein Schritt weiter gegenüber dieser Nullstufe der Gewalt geht Paul Schraders und Martin Scorceses Taxi Driver, wo Travis (Robert de Niro) gegen Ende des Films die Zuhälter angreift, die das Mädchen (Jodie Foster), das er retten möchte, in ihrer Gewalt haben. Entscheidend ist die diesem passage à l’acte innewohnende selbstmörderische Dimension. Während er sich auf den Angriff vorbereitet, übt Travis vor dem Spiegel das Zücken der Pistole. In der bekanntesten Szene des Films spricht er sein eigenes Spiegelbild auf herablassend-aggressive Weise an: „Redest du mit mir?“ In dieser perfekten Veranschaulichung von Lacans Begriff des „Spiegelstadiums“ richtet sich die Aggression gegen den Aggressor selbst. Die selbstmörderische Dimension wird erneut am Ende des Gemetzels klar, als der schwerverwundete Travis an der Wand lehnend mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand eine Pistole imitiert und spöttisch deren Abzug betätigt, als wolle er zum Ausdruck bringen, das wahre Ziel seines Ausbruchs sei er selbst gewesen. Travis’ Paradox besteht darin, daß er sich selbst als Teil des entarteten Schmutzes des städtischen Lebens wahrnimmt, den er beseitigen möchte, so daß er, wie Brecht es in Die Maßnahme im Hinblick auf revolutionäre Gewalt formulierte, selbst der letzte Dreck sein möchte.

Solche „irrationalen“ Gewaltausbrüche, eines der zentralen Themen der amerikanischen Kultur und Ideologie, sind keinesfalls Ausdruck imperialer Arroganz, sondern ein implizites Eingeständnis der Ohnmacht. Gerade ihre Gewalttätigkeit, die Zurschaustellung ihrer destruktiven Kraft, muß als Erscheinungsform ihres Gegenteils begriffen werden. Wenn überhaupt, dann sind sie exemplarische Fälle eines ohnmächtigen passage à l’acte. Diese Ausbrüche fördern die verborgene Kehrseite des vielgepriesenen amerikanischen Selbstvertrauens und Individualismus zutage: das geheime Bewußtsein, daß wir alle hilflose Opfer von Kräften sind, die sich unserer Kontrolle entziehen.

(…)

Mehr von:
Slavoj Žižek
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 36
Aus dem Englischen von Nikolaus G. Schneider

Genre

Hauptthema
  • Gewalt und Demokratie

Schlagworte

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