LI 072, Frühjahr 2006
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Vater, Sohn, heiliges Rad

„Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ - Spuren einer Legende

NACH NORTH DAKOTA Erster Tag. Montag. Kapitel 1–3. Es ist halb neun Uhr morgens an einem heißen Julitag in Minnesota. Ein Motorradfahrer auf einer Honda 305 SS verläßt Minnesota in nordwestlicher Richtung, auf dem Weg nach North Dakota. Hinter ihm sitzt sein elfjähriger Sohn Chris, und auf einer BMW vor ihm fahren seine Freunde John und Sylvia Sutherland. Sie fahren langsam, bevorzugen Nebenstraßen, und die gesamten Ferien liegen vor ihnen.

So beginnt Robert M. Pirsigs Buch Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten (Zen and the Art of Motorcycle Maintenance ZAMM). Es ist eines der verblüffendsten Bücher, die jemals erschienen sind – ein Becher östlicher Philosophie, gezapft im Mittleren Westen, zugleich Essay, Roman, Reiseschilderung und Selbstbekenntnis.

Nicht verwunderlich, daß 121 Verleger das Manuskript ablehnten, ehe es der 122. veröffentlichte. Der Erfolg war um so erstaunlicher. George Steiner verglich das Buch im New Yorker mit Melvilles Moby Dick und meinte, es werde bestehen können. Andere führende Kritiker glaubten den wiedererstandenen Thoreau zu lesen oder einen neuen Emerson. Das Publikum liebte das Buch und kaufte es millionenfach, überall auf der Welt.

Das war 1974. Dreißig Jahre später verkauft sich das Buch noch immer. Warum? Vielleicht kommt man dem Geheimnis auf die Spur, wenn man es in seinem eigenen Milieu liest? Schon als ich ZAMM zum ersten Mal gelesen habe, wollte ich die Reise machen, dem Text auf Nebenstraßen durch das Hinterland der USA folgen, weitab von Touristengegenden und Autobahnen, durch das endlose Kartoffelland zwischen Minneapolis und San Francisco kreuzen und wieder jede Eisdiele und jede Tankstelle besuchen, die das Buch beschreibt.

Zuerst versuchte ich meinen in Amerika lebenden Bruder dafür zu begeistern, wir beiden sollten die Reise zusammen auf einem Motorrad machen.

„Nie im Leben“, sagte er. „ich bin über diesen Pfannkuchen geflogen. Da gibt es nichts zu sehen.“

„Pirsig behauptet, draußen in der Prärie gebe es etwas, das es dort gibt, weil es dort alles andere nicht gibt“, sagte ich. „Etwas, das man sehen kann, weil alles andere fehlt.“

„Die Hotels sind erbärmlich, das Essen ist ungenießbar, die Uhren gehen rückwärts, das ist alles“, sagte mein Bruder.

„Aber das ist doch das wirkliche Amerika“, sagte ich. „Wir wollen es zusammen entdecken!“

„Wenn du mit mir zu einem Baseballmatch kommst, das drei Wochen dauert“, sagte er.

Jetzt begriff ich.

Meine Frau hätte die Reise gern gemacht, aber nicht auf dem Motorrad. Das sei gefährlich und unbequem, meinte sie.

„Ich bin mit dem Motorrad bis nach Athen gefahren“, sagte ich. „Das ist keine Kunst.“

„Das ist vierzig Jahre her“, sagte sie, „ich weigere mich, mich auf den Betschemel zu setzen.“

Die Dame oder der Hobel? Ich mußte mich entscheiden.

Die Dame gewann.

Und nun sind wir also hier, an einem Montag Anfang Mai 1994, in einem Chevrolet Caprice, der langsam durch den Verkehr von Minneapolis rollt und über die unendliche Ebene schaukelt.

Wir folgen der Landstraße 12 bis Wilmar, dann der 9 in Richtung Breckenridge. Die Höfe liegen da wie einsame weiße Schlösser, mit Silotürmen und Windradzinnen, von schwarzglänzenden Feldern umgeben, die stellenweise vom ersten dünnen Schleier frühlingsgrüner Saat überzogen sind. Der Frühling kommt in diesem Jahr spät, das Knospen der Bäume kann man nur ahnen, und nach dem Schneesturm vom vergangenen Samstag liegen noch Schneestreifen auf den Grabenrändern.

Ich stecke die erste ZAMM-Kassette in den Rekorder des Autos und höre das Ich, den Erzähler, den Motorradfahrer, den Vater, der seine Reise durch die Landschaft beschreibt, die auch wir durchfahren. Für ihn ist die Straße voll von Moorgeruch und Kindheitserinnerungen. Nur auf einem Motorrad kann man wirklich die Gerüche wahrnehmen, sagt er.

Das Auto ist für ihn ein rollender Raum, in den man eingesperrt ist. Der Autofahrer betrachtet die Wirklichkeit durch die Windschutzscheibe, die eine Art Fernsehen aus ihr macht. Auf dem Motorrad dagegen hat man totalen Kontakt. Man befindet sich mitten in der Szenerie. Das Gefühl, gegenwärtig zu sein, ist überwältigend.

Aber wäre das Gegenwärtigkeitsgefühl auf einem nicht motorisierten Rad nicht noch stärker? Das Fahrrad vermischt keine Abgasgerüche mit denen des Moors. Das Fahrrad baut keinen Schirm zwischen dem Menschen und der Wirklichkeit auf. Auf dem Fahrrad hätte der Erzähler wirklich hören können, wie „jeder Meter dieses Moors summt und brummt und zwitschert“.

Die Gründe, die für das Motorrad zu sprechen scheinen, sprechen stärker für das Fahrrad. Und in noch höherem Maße dafür, zu Fuß zu gehen. Oder vielleicht geradezu zu kriechen, wie Edward Abbey in seinem Buch Desert Solitaire vorschlägt – einem amerikanischen Kultbuch, das zum ersten Mal 1968 erschien, im selben Jahr, in dem Pirsig jene Reise unternahm, die in ZAMM geschildert wird.

„Stürze nur nicht hinter das Lenkrad, um loszufahren und dir anzusehen, wovon ich erzählt habe“, schreibt Abbey. Denn erstens könne man aus einem Auto nichts sehen; man müsse den verdammten Apparat verlassen und lernen, wie man zu Fuß geht oder, noch besser, wie man auf allen Vieren über Sandsteinboden, durch dornige Büsche und Kaktusgestrüpp kriecht. „Erst wenn du eine Blutspur hinterlassen hast, wirst du wirklich etwas sehen, wenn überhaupt.“

Ich ziehe es jedoch vor, mich San Francisco nicht kriechend zu nähern. Die Aussicht durch die Windschutzscheibe bietet an diesem eiskalten Frühlingstag exakt so viel Wirklichkeitskontakt, wie ich ertragen kann.

Und während ich höre, wie der Erzähler seinen Freund, den Technikidioten John Sutherland, beschreibt, geht mir auf, daß ich genau die gleiche Einstellung zur Technik habe wie John. Ich schraube nicht gern. Ich möchte nur wissen, auf welchen Knopf ich drücken muß.

Als ich Anfang der fünfziger Jahre nach Griechenland fuhr, konnte ich anfangs nicht einmal Zündkerzen meiner Maschine wechseln. Als ich auf meiner ersten Duett durch Indien fuhr, beging ich einige Male den gleichen Fehler, den der Erzähler an John kritisiert – ich würgte einen bereits glühendheißen Motor mit dem Choke ab. Und jetzt fahre ich einen Mietwagen, ohne eine Ahnung zu haben, was sich unter der Haube befindet. Ich bezahle dafür, daß ich es nicht zu wissen brauche. Und damit ich nicht frieren muß. Ich bezahle, damit mir die Helmisolierung erspart bleibt und weil ich mich mit meiner Reisegefährtin unterhalten möchte, ohne zu schreien. Um beim Fahren eine Haydn-Symphonie hören zu können. Und nicht zuletzt, um Pirsigs Text hören zu können, während mich seine Geographie umgibt.

Der Erzähler argumentiert gerade sehr geschickt, jeder müsse sein Motorrad verstehen und es pflegen können. Es sei nicht sicher, so sagt er, daß sich eine Werkstatt in der Nähe befindet, wenn am Motorrad etwas kaputtgeht. Man kann sich auf Werkstätten nicht verlassen. Und man lernt viel über das Leben beim Schrauben.

(...)

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Mehr von:
Sven Lindqvist
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 70
Aus dem Schwedischen von Jörg Scherzer

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