LI 059, Winter 2002
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Eine unumgängliche Reise

Besuch des alten Sikh Bir Bahadur in den Dörfern seiner Kindheit

(...) Wir drangen weiter ins Dorf vor. An dem schmalen Streifen von Straße, den wir entlangschritten, kam ein kleines Haus in Sicht. Bir Bahadur erklärte uns, dies sei früher ein Süßigkeitenladen gewesen, dessen Inhaber er gekannt hatte, und schon bald, fast wie auf ein Stichwort, erschien eine Gruppe junger Frauen, Enkelinnen und Schwiegerenkelinnen des besagten Mannes. Ja, bestätigten sie, da war ein Laden gewesen, aber er war nach dem Tode des alten Mannes geschlossen worden. Das Gespräch wurde unterbrochen, als plötzlich ein hochgewachsener, ausgemergelter, schmuddlig aussehender alter Mann in braunen shalvar und kurta, mit bleistiftdünnem Schnurrbart und kurzem Bart, auftauchte.
Er hielt einen Augenblick inne und hörte zu. Dann fixierte er Bir Bahadur mit scharfem, durchdringendem Blick und fragte: „Bist du Biran?"
Ja", sagte Bir Bahadur, „und wer bist du?"
Du kannst dich nicht an mich erinnern?", sagte er, „du kannst dich wirklich nicht an mich erinnern?" Ich war mir nicht sicher, ob er böse oder amüsiert war; in seinen Augen glitzerte irgend etwas Undefinierbares.
Nein, ich bemühe mich", sagte Bir Bahadur, „aber es gelingt mir nicht. Sag mir deinen Namen."
Du Strolch", sagte der alte Mann, „du hast mich fast einmal erwürgt! Du hast dich auf mich gestürzt und mir mit den Nägeln beinahe die Kehle zerfleischt"; dabei gestikulierte er wild an seiner Kehle, und dann stürzte er sich auf Bir Bahadur und tat, als wollte er ihm die Kehle zerkratzen!
Es gab einen jener Augenblicke absoluter Stille. Plötzlich war Furcht zu spüren. Im Nu wurde mir klar, daß wir, mochte das Ereignis auch über 50 Jahre zurückliegen, schließlich die Geschichte jener bitteren Teilung mit uns herumgetragen hatten. Mich durchzuckte Angst vor der Situation, in der wir uns befanden. Und dann sahen wir, daß der alte Mann leise vor sich hinkicherte. Er hatte einen Scherz gemacht! „Du Verrückter", sagte Bir Bahadur, als er an die Geschichte von damals erinnert worden war, „und ich werde dir noch einmal die Kehle zerkratzen!" In einem Scheinangriff stürzte er sich auf ihn, und die beiden rangen miteinander und lachten und weinten zu gleicher Zeit, und der alte Mann erzählte uns seine Geschichte.
Er und Bir Bahadur waren zusammen zur Schule gegangen. Damals hatte sich Aslam auf eine Mutprobe eingelassen, zu der ihn seine Schulkameraden herausgefordert hatten, und das Trinkwasser Bir Bahadurs „verunreinigt", indem er den irdenen Topf, in dem es aufbewahrt wurde, zum Munde führte. Hindus und Muslime tranken nicht aus demselben Gefäß, und sie bewahrten ihr Wasser auch nicht in demselben Topf auf, aus Furcht vor Verunreinigung – das heißt, die Hindus fürchteten, die Muslime würden ihr Wasser verunreinigen. Mir erschien es unglaublich, daß die Familie Bir Bahadurs, die ja die einzige nichtmuslimische Familie im Dorf war, an diesen Tabus immer noch hatte festhalten können, aber sie hatte es getan.
Der junge Aslam hatte aus Bir Bahadurs Topf getrunken und Bir Bahadur dann damit geneckt, und daraufhin hatte sich der junge Sikh wutentbrannt auf seinen Freund gestürzt und versucht, ihm die Kehle zu zerkratzen. „Du hattest damals immer so lange Fingernägel", rief Aslam fröhlich, „zeig mir mal, wie deine Nägel jetzt aussehen", und er packte eine Hand Bir Bahadurs, um die Länge seiner Fingernägel zu prüfen! Die Jungen hatten miteinander gekämpft, und dann hatten die Dorfältesten sie behutsam voneinander getrennt, und sie hatten Aslam erklärt, er hätte das, was er getan hatte, nicht tun sollen, es sei wichtig, daß man die Bräuche anderer Menschen respektiere. Eine Regel, die zu beherzigen uns heute gut täte, dachte ich.
Bir Bahadur hatte diesen speziellen Fall nicht mehr in Erinnerung, aber Wasser und Speise spielten auf seiner Reise in die Heimat eine bedeutende Rolle. „Es gibt zwei Dinge, die ich tun möchte, wenn wir es schaffen, nach Saintha zu kommen", hatte er mir bei früherer Gelegenheit gesagt, „Wasser aus dem Dorfbrunnen trinken und im Haus eines Muslims essen." Das war seine private Buße, seine Wiedergutmachung, die Form, in der er um Vergebung für die Strenge und Grausamkeit der hinduistischen „Unberührbarkeit" und die mit Reinheit und Verunreinigung zusammenhängenden Tabus der Hindu-Religion bat. Nun wandte er sich zu Aslam und sagte zu ihm: „Bruder, kannst du mich zum Dorfbrunnen bringen? Ich will Wasser von dort trinken."
Ohne ein Wort zu sagen, fast so als ahnte er, was Bir Bahadur dazu drängte, eine solche Bitte auszusprechen – denn zwischen dem ersten Fall spielerischer Verunreinigung und dem heutigen Tag stand eine lange Geschichte von Haß und Gewalt –, führte uns Aslam die Straße hinunter zu einem halb zugedeckten Brunnen. Zwei junge Männer aus dem Dorf wurden ausgesandt, um ein paar Becher zu holen, während andere den Eimer in den Brunnen hinabließen – der auf den ersten Blick so aussah, als sei er gesundheitlich vielleicht nicht allzu unbedenklich – und einen Eimer klares, kühles, frisches Wasser heraufholten.
Bir Bahadur nahm den Becher von dem jungen Mann, der ihn gefüllt hatte und ihm hinhielt, berührte damit seine Stirn und trank in tiefen Zügen. Er schloß die Augen, und es schien, als bete er beim Trinken – die Worte konnte ich nicht identifizieren, aber ich glaubte, er habe um Vergebung gebeten, nicht so sehr für sich selbst als auch für sein Volk –, und dann bückte er sich, nahm eine Handvoll Erde, berührte damit seine Stirn und ließ sie über seinen Turban rieseln. Ringsum war Stille: Wir alle sahen zu, nahmen irgendwie teil an diesem ganz privaten Ritual und fühlten uns doch ein wenig wie Störenfriede. Ich konnte spüren, wie sich meine Augen mit Tränen füllten – wie hatten wir, dachte ich, wie hatten wir uns das antun können? Wie hatten wir es zulassen können, daß wir in dieser Weise geteilt wurden?
Und dann wurde der Bann gebrochen, als zwei alte Frauen, die uns von einem oberhalb der Straße gelegenen Balkon aus beobachteten, das Wort an Bir Bahadur richteten und ihn fragten, ob er Biran sei. Nun strebte er schon wieder weiter. Nicht aber, bevor er sich an mich gewandt und mir den Rest des Wassers angeboten hatte: „Hier, Kind, trink du auch", sagte er. Nach einem Augenblick des Zweifels, was die Sauberkeit des Wassers anging – schließlich lag der Brunnen unter freiem Himmel, auch wenn das Wasser in dem Eimer klar aussah –, entschied ich, daß es Augenblicke gibt, in denen es auf Gedanken an Bakterien und Gesundheit einfach nicht ankommt. Ich setzte das Glas an die Lippen und trank.
Die Nachricht von Bir Bahadurs Besuch war im Dorf von Mund zu Mund gegangen, und plötzlich hatte sich hinter uns ein ziemlich großes Gefolge angesammelt. Wir zogen weiter, Bir Bahadur und Aslam vorneweg, sie sprachen über dieses Feld und jene Feldfrucht, über das Haus hier und den Hügel dort. Wir waren, so vermutete ich, auf dem Weg zu Sadq Khan. Ihn zu finden würde, das war mir klar, nicht schwer sein – das geheimnisvolle dörfliche Nachrichtensystem sorgte dafür, daß überall, wo wir hinkamen, die Leute aus dem Haus traten, um Bir Bahadur zu begrüßen, das Gesicht mit einem Lächeln des Willkommens geschmückt. Der Tag blieb klar und strahlend, so als wollte er unserer kleinen Expedition Beistand leisten, und Hitze und Feuchtigkeit hielten sich auf wunderbare Weise zurück.
Währenddessen wußte Bir Bahadur nicht, ob er lachen oder weinen sollte – während immer wieder jemand auf ihn zukam und ihn umarmte, strömten seine Tränen irgendwie hemmungslos, und Tropfen glitzerten auf seinem weißen Bart. „Das sind Freudentränen, Beta, mach dir keine Gedanken", versicherte er mir jedesmal, wenn ich zu ihm hinsah. „Ich bin so glücklich. Hatte ich dir nicht gesagt, man würde uns willkommen heißen?"
Wir überquerten eine kleine Brücke, die über einen Kanal führte, gingen um matschig-nassen Lehm herum, der sich noch von dem starken Regen der letzten Nacht erholte, und zogen weiter zwischen niedrigen Büschen eine grüne, grasbewachsene Anhöhe hinauf. Direkt über uns, zur Linken und zur Rechten, standen zwei Häuser, das eine eine Art provisorische Scheune und das andere ein offenes, luftiges Wohnhaus, in dem sich drei oder vier alte Männer und Frauen aufhielten. Zwischen den beiden Häusern verlief ein schmaler Fußweg, der zu einem weiteren Haus führte, das im Hintergrund lag. Während wir voranschritten, kamen die Leute aus dem Haus, um Bir Bahadur zu begrüßen, und begannen zu reden. Plötzlich merkte ich, daß Bir Bahadur zum erstenmal, seit wir Saintha betreten hatten, nicht bei der Sache war.
Er hörte nicht zu. Statt dessen blickte er auf den schmalen Fußweg, der zu dem Haus im Hintergrund führte. Auf ihm kam jetzt mit mühsamen Schritten ein kleiner, untersetzter Mann in shalvar kurta, mit zwei oder drei Tage alten Stoppeln im Gesicht. Als er näherkam, senkte sich so etwas wie Schweigen über unsere Gruppe, und wir sahen zu, wie er sich von der Gruppe alter Frauen und Kinder vor dem Haus löste und seinen beschwerlichen Weg hinunter zu uns nahm. Auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, aber in seinen Augen glänzten Tränen. Ich glaube, beide wußten sofort, wer der andere war, aber einige Augenblicke lang schien es, als seien wir alle in einem Zustand der Ungewißheit gefangen. Keiner konnte sich rühren.
Dann war er nur noch wenige Schritte von Bir Bahadur entfernt und sagte flüsternd zu ihm: „Biran, bist du’s wirklich? Nach all den Jahren?" Und Bir Bahadur lachte und weinte zugleich und dankte Gott und bat um Vergebung, und er breitete die Arme weit aus und sagte: „Sadq, mein Freund Sadq … die Götter seien gepriesen … vahe guru." Er hob die Augen zum Himmel und sagte: „Vahe guru, mein Becher ist gefüllt …" Und Sadq Khan legte den Arm um Bir Bahadur und drehte ihn sanft in Richtung auf das Haus und sagte: „Komm, laß mich dich zu deinem Zuhause bringen." Da wurde mir klar, daß das Haus am Ende des Fußwegs, das Haus Sadq Khans, der Ort war, an dem Bir Bahadur aufgewachsen war.
Wie auf ein Stichwort begann die Gruppe von Frauen und Kindern mit lautem Geschnatter. Wir kamen in einen großen Hof, nunmehr von unserem ganzen Gefolge begleitet, und es gab reichlich gutmütiges Geplänkel: „Also, Biran", sagten sie zu ihm, „bist du gekommen, um dein Haus zu übernehmen? Willst du dein Eigentum zurück? Da wirst du dich aber erst mal mit uns auseinandersetzen müssen, weißt du." Und Bir Bahadur lachte und sagte: „Nein, nein, das gehört euch und nicht mir, es ist eures …" Das Haus lag in einer Art geschützter Mulde: zur einen Seite hin ein kleines Feld, auf den anderen Seiten ein Hof, an den zwei weitere Häuser angrenzten, und hinter dem Haus eine gewundene Straße. An einer Stelle waren junge Frauen beim Kochen, mit bedecktem Kopf und verschleiertem Gesicht. Man führte uns im Haus herum, und ich dachte an die junge Maan Kaur, die hier mit ihren Freundinnen gespielt und nicht geahnt hatte, was für ein schreckliches Schicksal sie erwartete.
(...)

Mehr von:
Urvashi Butalia
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 95
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer

Genre

Hauptthema
  • Erinnerungen aus der Zeit von Indiens Unabhängigkeit und Teilung

Schlagworte

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