LI 053, Sommer 2001
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Rasputin, russisches Rätsel

Narr und Heiliger, Mystiker, Erotomane und Berater des Zaren

Rasputin wendet sich verzweifelt an Geistliche um Hilfe. Barfüßig wandert er von Kloster zu Kloster, wechselt monatelang die Unterwäsche nicht. Die theologische Armseligkeit der Orthodoxie, die weder mit dem Heidentum des Volkes noch mit der Staatsmacht fertig wurde, ließ wüste Sekten entstehen, die direkt mit Gott sprechen wollten. Rasputin stürzt sich in eine der schismatischsten Gemeinden. Er läßt sich zwar nicht kastrieren, aber er besäuft sich an schamlosen Riten, er weiß, daß ein religiöser Mensch stundenlang ohne Pause tanzen soll und ein guter Tänzer sein muß wie König David. Er wird ein Chlyst. Die Chlysten sind der lebendige Widerspruch des russischen Menschen; sie suchen durch Selbstkasteiung Christus in sich und werden zu Christus; sie sind bereit, ehelichen Sex abzulehnen, sich aber größter Sünde hinzugeben und somit durch die Sünde aus der Sünde herauszukommen. Insgeheim bleibt Rasputin für immer ein Chlyst. Ein heiliger Narr, ein Spinner und einfach ein Idiot, dringt er in Petersburg bis ins Mark vor, läßt Metropoliten antreten, ermutigt Aristokratenweiber, tröstet den melancholischen Zaren und packt die Zarin Alexandra Fjodorowna an ihrer weichsten, mütterlichen Stelle.
Er geht bei "den Zaren" (so nennt er das kaiserliche Ehepaar) ein und aus wie bei sich zu Hause. Nachdem die Zarin vier Töchter geboren hat (später wird Rasputin beobachten, wie sie sich im Kinderzimmer entkleiden), kommt endlich der Thronfolger Alexej zur Welt, der an Hämophilie leidet, der Erbkrankheit der Zarenfamilie. Rasputin wird mit Erfolg sein krankes Blut besprechen. Aber das Entscheidende ist nicht, daß er ein Kurpfuscher oder Vampir ist. Sondern daß derjenige siegt, der weniger liebt.
Grigorij Rasputin war ein Ungetüm der Liebe. Zahllose Bücher, die ihm gewidmet sind, gingen am Wesentlichen vorbei: Er hat in seinem Leben niemals jemanden geliebt, weder seine Frau noch seine Geliebten. Nicht eine einzige Frau hatte für ihn einen eigenen Wert. Radsinski zitiert Rasputins Worte "Nur die Liebe ist heilig", aber er scheint zu übersehen, daß Rasputin in Wirklichkeit die Liebe gegen eiskalte Neugier eingetauscht hat. Er hat alles mit den Händen gegessen, sogar Fisch. Frauen aß er ebenfalls mit den Händen. Rasputin liebte es, alles und jeden anzufassen, zu betasten, zu beobachten und zu erniedrigen. Siege interessierten ihn nicht. Rasputins erotisches Geheimnis besteht nach Radsinski nicht in der Unterordnung, sondern in der Verlängerung des Widerstandes der Frau bis hin zur Geistesstörung. Die Frau sollte erst im absoluten Wahn nachgeben. Offenbar erregte Rasputin erst die geschmolzene Sünde. Er verknüpfte Bumsen und Beten zu einem untrennbaren Ganzen. Das war jene besondere Rasputinsche Ekstase, die ihm eine einzigartige energetische Macht verlieh. Unter Heiligkeit der Liebe verstand er, daß eine Frau, die ihren Mann nicht liebt, aber mit ihm verkehrt, sündig ist; sie muß erst durch das Rasputinsche Bett gehen, vergewaltigt werden, sich in Schande wälzen, um danach zu bereuen. Er liebte es auch, andere zu schlagen. Sein Verleger Filippow war zufälliger Zeuge folgender Szene: Rasputin schlug in seinem Schlafzimmer frenetisch die Frau eines Petersburger Generals, die Salonlöwin Olga Lochtina. Die hielt Rasputins Glied fest und schrie: "Du bist Gott!"
Die Legende besagt, daß Rasputin einen enormen Schwanz hatte, und Radsinski beweist sich auch hier als pingeliger Biograph: Er verkürzt die Legende. Nicht der Schwanz, sondern der Name macht den halben Erfolg des Grigorij Rasputin aus. Grischka (d.h. Grigorij) - das ist die wiederholte Metapher für den russischen Usurpator, angefangen im 17. Jahrhundert, der Zeit der Wirren, dem Synonym für das nationale russische Blutbad. Rasputin ist kein Familienname, sondern eine Diagnose des Landes. Vieles steckt in diesem Namen: rasputje - Scheideweg, rasputiza - Unwegsamkeit, am stärksten aber das etymologisch passendere raspuschtschennost - Undiszipliniertheit - der Normalzustand meines wunderbaren Heimatlandes. Sich gehenlassen - raspustitsja -, sich in die Niederungen begeben, ausschweifend leben, aufs Geratewohl, grunzend, mit Rotz an der Nase, Speichel an den Lippen, bis auf den Grund verfallen, das Denken vergessen. Alle Verantwortung ablegen, als zöge man sich nackt aus. Das ist für Russen der süßeste Zustand.
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 42
Aus dem Russischen von Beate Rausch

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Hauptthema
  • Rasputin und Rußland

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