LI 073, Sommer 2006
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Schwellenzauber

Liminalität und Globalität in einer Genialogie geteilter Räume

AM Ende der Epoche globaler Entdeckungen werden die Räume leer. Dauerfrostige Steppen, Eisflächen, glühender Sand, schollentreibendes Salzwasser – es sind monotone, abweisende Gegenden, was im 18. Jahrhundert an noch unbekannten Erdzonen existiert. Wer ein halbes Jahrtausend nach Marco Polo zu Entdeckungen auf der Erdoberfläche aufbricht, begibt sich unweigerlich in so lebensfeindliche wie unabsehbare Umgebungen. Es bedarf des ganzen Maßes an aufklärerischer Besessenheit, um Menschen zu veranlassen, sich jetzt auch in Areale vorzuwagen, um die seit je der mythische Horror gewoben ist, Landschaften des Dämonischen, des Chaos, der Gottesferne, ja einer Welt vor der Kosmogonie. Ob in den endlosen sibirischen Steppen, die Johann Georg Gmelin von 1733 an fast zehn Jahre lang mit wissenschaftlichem Auftrag erstmals erkundet, ob in nördlichen oder südlichen Eismeeren. Als der Forschungsreisende Georg Forster am 22. November 1772 vom Kap der guten Hoffnung in Richtung Antarktis ablegt, die über ein halbes Jahrhundert später erst von den drei Schiffen der amerikanischen Ex Ex (Explorer Expedition) entdeckt werden sollte, bricht durch seinen nüchternen, beobachtungsgenauen Bericht immer wieder der alte Mythos-Schauder. Je mehr er sich dem Polarkreis annähert, um so öfter spricht er von „dem unermeßlichen Ocean“, „diesem ganzen ungeheuren Ocean“.

Typische Szenen gewagter Raumprojekte, von denen sich eine andere im Jahr 1798 abspielt. Napoleon, damals Befehlshaber der französischen Invasionstruppen, landet mit der imperialen Absicht in Ägypten, das Gebiet am Nil für Frankreich in Besitz zu nehmen. Neben den beinahe 23 000 Soldaten befinden sich in seiner Entourage 167 Wissenschaftler und Künstler. Zwar ist das militärische Abenteuer der Raumeroberung nach wenigen Wochen bereits beendet – hauptsächlich durch das Eingreifen der britischen Flotte unter Admiral Nelson –, nicht jedoch die wissenschaftliche Unternehmung. Ihre Bedeutung sollte sich als erheblich folgenreicher erweisen, vornehmlich aufgrund extremer Expeditionen. Dominique Denon, von Haus aus Porträtmaler und Schriftsteller, der als späterer Generaldirektor der französischen Museen Napoleons Kunstraubzüge in Europa organisiert und den Louvre mit der Beute ausgestattet hat, gerät dabei in den Erfahrungssog der für Europäer noch unbekannten nordafrikanischen Wüste – ein Schock der Grenzenlosigkeit: „Wüste, ein furchtbarer Name für den, der sie einmal gesehen hat! Ein Horizont ohne Grenzen, dessen Raum erdrückt. (…) Mit einem Worte: Es bleibt das Nichts!“ Auch nachfolgende Pioniere des Raums, etwa der durch die Sandwüste Tinivi/Ténéré zum Tschadsee sich durchkämpfende Leutnant Dixon Denham, notieren ähnliches: „Solch ein Marsch ist furchtbar traurig; so weit man nur sehen kann, erblickt man nichts als Wogen von Sand.“

Deprimierende Ausdehnungen. Am Ende abendländischer Raumsuche steht, was in den darauffolgenden, nachromantischen Jahrhunderten photographische Ästhetisierungen und filmische Inszenierungen weitgehend verdeckt haben, sich in schriftlichen Zeugnissen fast beliebiger Anzahl, die von „traurigem Einerlei“, „endlosen Ebenen“, „trauriger Einöde“ reden, jedoch stereotyp antreffen läßt. Die Erfahrung des Vakuums, in dem der Mensch nichtig wird – plötzlich ist sie faßbar im Fassungslosen, Formlosen weißer oder gelber Weiten. Im Ungeheuren unterwegs, wird das innere und äußere Hauptdatum offenkundig: der Nihilismus des Raums. Es bleibt das Nichts. Und diese enorme Tristesse des Raums ohne Anhalt bringt die Forschungsabenteurer der Aufklärung den schaudervollen archaischen Erfahrungen des Leeren und Unbegrenzten weitaus näher, als ihnen das selbst bewußt war: jenen obskuren und unheimlichen Urgrößen, welche die antike Philosophie in apeiron und kenon vor allem Sein und Dasein wähnte. Eine Nähe, die vielleicht zum letzten Mal in der Geschichte westlichen Raumbewußtseins derart deutlich wird.

Die tristen Terrains bildeten schon lange kulturelle Topographien des Negativen. Hier, wo die ungreifbaren und übermächtigen Größen des Unermeßlichen und Leeren den Hintergrund von Welt und Existenz abgeben, tiefenbewußte Areale, die keinesfalls eingeschlossen waren in den griechischen Begriff des Kosmos – der ja nicht das große Ganze, das Universum meinte, sondern konkret Einteilung (etwa des Heeres), Ordnung (beispielsweise des Staats) oder schöne Gliederung (vornehmlich des weiblichen Körpers und der Waffen), eben Kosmetik der bedeutungsvollsten Erscheinungen –; hier zeigt sich schroff die Unerträglichkeit des Unabsehbaren, des ungegliederten Raumes und der eintönigen Erstreckung. Dies Schauderliche bleibt das kosmisch Externe: das Unmenschliche. Ein Schauder, der aus dem Raum – dem schrecklichen, maliziösen Meer (der Griechen), der Wüste als Synonym der Unterwelt (der Sumerer und Ägypter) – zu kommen scheint, aus Erdregionen, in denen es keinen menschlichen Alltag geben kann, keine Geschichte vorstellbar ist. Und wenn es Lebensräume gibt, dann muß hier von Todesräumen die Rede sein. Ausdehnungen der Unbewohnbarkeit, verschmelzend mit einem ewig dunstigen oder flirrenden Horizont. Nirgendwo kann der exquisite poetische Topos von menschlicher Verlorenheit in der Welt sich so einleuchtend zum tatsächlichen Ort verdichten als im erdrückend leeren Raum.

Und nirgendwo läßt sich deshalb präziser die regelmäßige Stimulation eines anthropologischen Wissens beobachten, das im Menschen den profunden Raumteiler erkennt. Raumunterscheidungen bilden eine überragende kulturelle Konstante und evolutionäre Grunderfahrung. Dieses gravierende Prinzip, das – lange vor neolithischer Seßhaftigkeit in Steinmalen, Pfaden, Plätzen und so weiter ausgeübt – die natürliche Feindseligkeit und Fremdheit, das Scheußliche (foedus), Finstere (obscurus) und Geheimnisvolle (occultus) der inhumanen Gebiete unterbricht und mit den Spuren der Erinnerung und des Menschlichen durchzieht, bildet eine, vielleicht die Urgeste der Schrift. Bis hin zu den extremwissenschaftlichen Exkursen bedeutet sie vor allem eins: Auslöschung der Leere. Bodeneinteilung, Flächenraster, Raumaufriß. Was Anthropogeographen, Archäologen oder Ethnologen an frühen Ortsmarkierungen und Raumbeziehungen rekonstruieren konnten, zeigt unmißverständlich: Die Landschaften des Menschen werden überall mit einem Gewebe von Zeichen und Erzählungen überzogen. Sie werden als genuiner Aufenthaltsraum der Gruppe gefurcht und so aus dem zeichenlosen, unfaßbaren Raum herausgeschnitten. Claude Lévy-Strauss stellte entsprechend fest, die totemistischen Topographien dienten dazu, „den Raum zu organisieren“, in ihm „eine territoriale und geographische Ausdehnung des klassifizierenden Systems“ zu errichten. Mythische Geographie, die mit den Repräsentationsweisen mathematischer Kartographie vor 2 000 Jahren dann in ihr wissenschaftliches Zeitalter eintritt, erschafft neben räumlichen Zeichen ebenso weitreichende wie folgenreiche Territorien im Kopf. Und so entsteht allmählich, was als Ineinander von räumlichen Marken und mentalen Gebieten funktioniert: eine Sprache des Raums.

(...)

Mehr von:
Volker Demuth
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 108

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  • Lebensräume

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