LI 053, Sommer 2001
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Goldene Nase mit System

Selfmademan Robert Parker und die Revolution im Weingeschäft

Der einflußreichste Kritiker von heute ist ein Weinkritiker. Er ist nicht etwa ein Snob, wie manch einer vielleicht denken könnte, und er ist auch kein offensichtlicher Ästhet, sondern ein ganz gewöhnlicher Amerikaner, ein korpulenter, unbeholfener, schwer arbeitender Mann aus dem Hinterland Nord-Marylands, fast noch mit Strohhalmen im Haar. Er heißt Robert Parker jr., kurz Bob, und er besitzt keine formale Weinausbildung. Er lebt nahe dem Ort, wo er aufgewachsen ist, zwischen Molkereien und nachgewachsenen Wäldern in einem Städtchen namens Monkton, das zwar eine Post besitzt, aber kein Stadtzentrum. Eine neue Autobahn hat die Fahrtdauer nach Baltimore auf dreißig Minuten reduziert, aber sonst hat sich nicht viel verändert. Monkton bleibt ländlich und blaß – ein Fleckchen vergessenes Amerika, kulturell so isoliert und unscheinbar wie nur je ein Kaff des Mittleren Westens. Parker mag es so. Er ist verheiratet mit seiner Freundin aus Schultagen, Pat, und sie haben eine halbwüchsige Tochter namens Maia, die sie als Kind aus einem koreanischen Waisenhaus adoptiert haben. Die Familie führt ein ruhiges und anscheinend idyllisches Leben. Parker scheint ein glücklicher Mann zu sein. In der Entspannung zeigt er das gelassene Gesicht eines wohlhabenden Bauern. In seinen Beutelhemden und Sommershorts, mit schwer hängenden Armen wirkt er, als könne er eine Kuh zu Boden ringen.
Das kann er nicht, weil er mit dreiundfünfzig Jahren einen schlimmen Rücken hat. Aber stark ist er doch: Viele Leute glauben inzwischen, daß Robert Parker ganz allein die Geschichte des Weins verändert. Das sagt eine ganze Menge. Es gibt inzwischen über vierzig weinproduzierende Länder – Frankreich steht an erster Stelle und die USA an vierter; auch China steht auf der Liste. Diese Länder haben acht Millionen Hektar Weinberge bepflanzt und stellen jedes Jahr Wein in einer Menge her, die für 35 Milliarden Flaschen ausreicht. Die direkte Kontrolle übt Parker nur über ein winziges Fleckchen aus – einen Mikro-Weinberg namens Beaux Frères, in der Nähe von Newburg in Oregon; er besitzt ihn zusammen mit seinem Schwager, aber er weigert sich, für seinen Wein zu werben. Die dort produzierten Weine (aus Pinot noir- Trauben) gehören nicht unbedingt zu den besten, aber Parker ist der Meinung, sie verhinderten immerhin, daß er über das Weinmachen rede wie ein Eunuch über die Liebe. Er ist kein Exporteur, kein Importeur, kein Geldmann. Er ist ein selbsternannter Anwalt der Verbraucher, ein Kreuzfahrer in einer besonders amerikanischen Tradition. Eigentlich ist alles sehr einfach; jedenfalls wirkt es so auf den ersten Blick. Parker verkostet im Jahr 10.000 Weine. Er schnüffelt und schlürft sie und schreibt kurze Notizen zu ihnen nieder. Einige der Weine sind gut und manche nicht - laut Parker. Wenn er die Weingeschichte ändert, wie es die Leute behaupten, dann einzig und allein, indem er seinen Geschmack zum Ausdruck bringt.
(...)
Im Bordeaux werden die Weine nicht aus einer einzigen Traubensorte hergestellt, sondern aus ständig wechselnden Kombinationen. Diese Kombinationen gründen sich auf die Cabernet Sauvignon-Traube, mit unterschiedlichen Zugaben von Merlot, Cabernet franc und einer weiteren, selteneren Traube, der Petit verdot: Sie alle werden nach der Berechnung eines jedes einzelnen Weinherstellers gemischt, um etwas "Tiefe" zu erzielen, den Wein zu intensivieren. Das Ergebnis waren traditionell komplexe, hellfarbige Weine, verkörpert in den eleganten Clarets, die von den alten Weingütern im Norden der Stadt hergestellt werden, im Médoc, am linken Ufer der Gironde. Die Briten haben seit dem 18. Jahrhundert mit Claret gehandelt, und die Regeln des Spiels sind ihnen seit langem in Fleisch und Blut übergegangen. Es gibt unglückliche Jahre mit zuviel Kälte und Regen, aber wenn der Wein dünn ist, dann ist er eben fein oder lobenswert nüchtern. Wenn er untrinkbar sauer oder in seiner Jugend adstringierend ist, dann soll er, wie ein Familienerbstück, nicht alsbald verbraucht, sondern gelagert werden, um zu reifen, damit ihn spätere Generationen genießen können.
Aber nun kommt dieser Parker, naiv wie Amerika, mit seinem unkultivierten Talent, seinem unverhältnismäßig großen Einfluß und seiner sturen Mißachtung der Hierarchie des Geschmacks. Die Leute im Bordelais macht es rasend, daß selbst in Frankreich die Verbraucher sich zunehmend auf Parker berufen. Sie glauben, daß Parker dunkle und dramatische Weine bevorzugt – Weine, die nach ihrer Behauptung in ihrer Jugend am besten sind, oder besonders gut bei Weinproben bestehen können, und die, noch schlimmer, durchaus eines Stammbaums ermangeln können. Weine wie diese hängen stärker von der Merlot-Traube ab als vom Cabernet Sauvignon. In einem gewissen Ausmaß gab es sie schon lange auf dem rechten Ufer der Gironde, in der Gegend um St.-Emilion und Pomerol, Gebieten, die gegenüber dem Médoc als Neuankömmlinge gelten, die plebejische und einigermaßen einfache Weine herstellen. Die neuen kleinen Weine ähneln diesen Weinen vom rechten Ufer, betonen ihre Charaktereigenschaften jedoch noch stärker - sie sind dunkler, intensiver und für den ungeschulten Gaumen schmackhafter. Dies sind die Boutique-Gewächse, die sogenannten Garagenweine, die allmählich die höchsten Preise erzielen, und sie breiten sich in der Region aus wie Fäule. Daran trägt Parker die Schuld.
Die alten Familien versuchen, die Ruhe zu bewahren. Als ich im letzten Frühjahr nach Bordeaux kam, um sie über Parker zu befragen, sagte man mir, er verhalte sich voller Respekt, er komme zweimal im Jahr, er unterhalte ein kleines Büro in Bordeaux, von dem aus er die einzige fremdsprachige Ausgabe des Wine Advocate veröffentliche, und er behandle die Region als Bezugspunkt der Welt. Bohrte man jedoch ein bißchen nach, dann gaben sie auch zu, daß er ihnen Angst und Schrecken einjagt. Wenn Parker ihre Weine kritisiert, sehen sie ihre Preise brökkeln. Lobt er ihre Weine, dann können sie der Versuchung nicht widerstehen, dies auszunutzen und der Welt ihre Noten zu verkünden. Privat beklagen sie sich, daß er sie benutze wie Marionetten. Öffentlich, aus Geschäftsgründen, lächeln sie und geben sich als seine Freunde aus. Diese Doppelzüngigkeit ist demütigend - und schlimmer noch, sie weist darauf hin, daß ihnen die Kontrolle verlorengeht.
Man muß diese Menschen für ihre Ironie bewundern. In der Region von Bordeaux sagte mir eines Tages einer von ihnen - untadelig gekleidet in Jackett und Schlips, in einem Büro, in dem schon Thomas Jefferson Wein gekostet hatte, mit Ahnenporträts an den Wänden - Bordeaux solle Parker zu Ehren ein Standbild errichten. In seinen Augen schimmerte ein bloßer Hauch von Belustigung. Es war die Art trockener Scherze, die er auch gegenüber seinen patrizischen Freunden machen würde. Zweimal in den letzten zehn Jahren haben es die Weinanbauer des Bordelais mit Hilfe lokaler Politiker arrangiert, Parker einen nationalen Orden zu verleihen, beim letzten Mal war es die Ehrenlegion - Frankreichs höchste Auszeichnung. Sie wurde Parker im Juni letzten Jahres in Paris von Präsident Jacques Chirac überreicht, für seine Verdienste bei der Förderung französischer Weine. Parker hatte Tränen in den Augen, als er sie entgegennahm.
Wenn Reform eine Art der Förderung ist, dann hat Parker die französischen Weine wirklich gefördert - und vielleicht hatten einige Familien tatsächlich den Eindruck, das müsse ihm zugute gehalten werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß diese Auszeichnung ein öffentliches Eingeständnis war, daß sie sich mit ihm arrangieren müssen. Die Methode ist bekannt: Man gibt einer Person eine Auszeichnung, wenn man sie nicht zum Schweigen bringen kann. Natürlich haben sie auch das versucht. Zum Zeitpunkt der Pariser Verleihungszeremonie hatten die Franzosen Parker mit allen möglichen Begründungen verklagt - wegen dem, was er geschrieben hatte, wegen dem, was er nicht geschrieben hatte, sogar für etwas dazwischen - einen Übersetzungsfehler. (Eine Kellerei, die Parker "abscheulich" genannt hatte, wurde zu "dégueulasse" – "zum Kotzen", und das war mehr, als er hatte sagen wollen.) Sie hatten ihn zu öffentlichen Entschuldigungen gezwungen. Sie hatten ihm Prozesse angehängt, die ihm Hunderttausende Dollars gekostet haben. Sie hatten ihm den Zugang zu ihren Gütern verboten, seine Freunde gefeuert, Flüsterkampagnen gegen ihn in Gang gesetzt und ihn häufig in französischen Zeitungen und Zeitschriften an den Pranger gestellt. Zu allem Überfluß hatten sie mittels schwarzer Listen und einer koordinierten Bemühung, ihn für seine Leser nutzlos zu machen, eine Reihe von Fehlern ausgebeutet, die Parker begangen hatte, und es war ihnen fast gelungen, ihn aus Burgund zu vertreiben. Die Geschichte von Parkers Scheitern in Burgund ist lang und kompliziert und für Bordeaux nicht besonders relevant. Aber in keinem anderen Land außer in Frankreich ist ihm etwas Ähnliches widerfahren. Parker sagte mir, er wolle nicht wie Oliver Stone klingen, auch wenn er manchmal an Verschwörungen zu glauben scheint. Und vielleicht hat er gute Gründe dafür. Natürlich schwebt er nicht in Lebensgefahr, aber immerhin sprachen Leute in Bordeaux offen von der Möglichkeit, eine Festnahme wegen Alkohols am Steuer zu arrangieren. Parker erzählte mir, daß ihn vor einigen Jahren einer mit einem Hund angegriffen habe.
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 82
Aus dem Englischen von Meino Büning

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Hauptthema
  • Der Weinkritiker Robert Parker

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