LI 057, Sommer 2002
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Die Banalität der Macht

Könige, Tyrannen, Theokraten - von der Eitelkeit des Herrschens

(...)
Es kann keinen Zweifel daran geben, daß Macht sich als verlockend erweisen kann – soviel jedenfalls müssen wir eingestehen. Macht versteht es, der menschlichen Neigung zu schmeicheln, sich der Strenge von Pflicht und Verantwortung zu entziehen. Denn was könnte einfacher, verführerischer sein, als – zum Beispiel – sich jener einst unanfechtbaren Vorstellung vom „göttlichen Recht der Könige" in die Arme zu werfen – an die Stelle der „Könige" setzen wir heute natürlich den Diktator, militärischer, ziviler oder auch theokratischer Version. Und die theokratische Version hat sich in jüngster Zeit zu einem geradezu skrupellosen Konkurrenten um die Beherrschung des Geistes verwandelt, so daß wir keineswegs übertreiben, wenn wir heute davon sprechen, daß eine ganze Anzahl von Nationen durch das „absolute Recht" der Priester regiert wird.
Das vom bloßen Überlebenskampf erschöpfte Individuum gibt sowohl die Gedankenfreiheit auf als auch die Aufmüpfigkeit der Intuition und damit auch seine Handlungsfreiheit. Ein solches Individuum sucht Erleichterung – ja suhlt sich sogar in einem Gefühl totaler Erlösung –, indem es seine eigene Willenskraft ganz und gar einer unvermutet über es kommenden Autorität unterwirft, die ihm im Austausch dafür Nahrung, Unterkunft, spirituelle Gewißheiten garantiert und die sogar behauptet, ihm Schutz und Sicherheit zu gewähren. Und dann begibt sich dieses Individuum – in seiner ganzen diesseitigen Mühsal – auch noch jener mentalen Funktionen und kreativen Kräfte, die doch die Grundlage seiner eigentlichen Existenz sind und diese garantieren, die zudem die Grundlage seiner sozialen Funktionen sind, welche wiederum in den Pflichten gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen ihren Ausdruck finden.
Diese Art eines sich unterwerfenden Überlebens finden wir in zunehmendem Maße in theokratischen Staaten. Diese Unterwerfung aber ist unvereinbar mit der Selbstverwirklichung, die allein der menschlichen Existenz Würde verleiht – ein Gut, das verscherbelt worden ist für das Reich der Pietismen, ein Allheilmittel hirnlosen Trostes, das alle säkularen Ungewißheiten durch die göttlichen Pfründen und das paradiesische Versprechen eines jenseitigen Lebens sublimiert.
Selbst derart offensichtlich atheistische Reiche wie die stalinistische Sowjetunion begriffen dies. Denn was sonst ist das Paradies, wenn nicht Utopia? Stalins kommunistisches Utopia, in dessen Namen er in Friedenszeiten Millionen seiner Landsleute liquidieren ließ, unterschied sich in nichts vom versprochenen Utopia der Taliban in Afghanistan oder dem ihrer mörderischen Zeitgenossen (des algerischen Front Islamique) – auch wenn diesen die staatliche Macht fehlte. Josef Stalin setzte sich selbst und seine Idee – umgesetzt von einer blindwütigen Bande ideologischer Apostel (die ihrerseits in periodischen Abständen der Dezimierung ausgesetzt waren) – an die Stelle des parasitären Zaren und des „Heiligen Russischen Reiches", das vom Adel und den theologischen Sturmtruppen der allgewaltigen orthodoxen Kirche gestützt wurde.
Beiden gemeinsam war das Projekt einer abstrakten Superrealität – vergessen Sie einfach die intellektuell verführerische Rhetorik des dialektischen Materialismus, der versuchte, sich an die Stelle des nebelhaften Reiches der Religion zu setzen oder an die Stelle von Hegels Idealismus. Beide packten die Menschheit an der Gurgel und manipulierten ihr Bewußtsein mit dem einzigen Ziel, den individuellen Willen zu eliminieren und somit die freie Wahl einem Machtzentrum auszuliefern – all dies im Namen des ultimativen Utopia. Und die Geschichte hat uns immer und immer wieder gezeigt, daß es nur allzu häufig ebenso leicht gesagt wie getan ist. Die Menschheit kennt eben eine Gemütssaite, die konstant danach trachtet, ihren Besitzer ins Unendliche loszulassen, und ein in der Manipulation des Mobs geübter Psychologe kann diese Saite zum Schwingen bringen, indem er sie viszeral oder durch meisterhaftes Räsonieren anschlägt:durch die einfache Manipulation der räsonierenden – oder genauer der rationalisierenden – Fähigkeit des Geistes. Ein Kartenhaus kann entweder als ein ästhetisches Konstrukt oder als ein Stück Feinmechanik überzeugend wirken – was wirklich dahinter steckt, zeigt sich dann, wenn der Wind ein wenig Stärke entwikkelt und sich in Richtung dieses Kartenhauses bewegt.
Der König oder der Priester – eine unheilige Wechselseitigkeit – wird zum einzigen Vermittler zwischen dem Menschen und den Göttern – wo immer sie auch wohnen mögen – und deren Forderungen an eine mit Mühsal beladene und unterwürfige Menschheit. Historisch gesehen ist dies keineswegs eine absonderliche Verbindung. Die bekanntesten Faschisten dieses Jahrhunderts waren Männer Gottes: Nicht umsonst findet sich diese obszöne Verkupplung – „Für Gott und Vaterland" – stets prominent auf den Insignien der Diktatoren verzeichnet: je brutaler, desto mehr von Gott inspiriert. Sie erwählen eine Autorität jenseits des säkularen Selbsts und heften diese, auf parasitäre Weise, an die spirituellen Sehnsüchte der Gläubigen, um diese daraufhin in wahre metaphysische Schrecknisse zu verwandeln. Ein in allen Zeiten bewährtes Vorgehensmuster, durch das die Forderungen des Obersten Herrschers auf Erden verstärkt und unangreifbar gemacht werden.
Selbst einige Revolutionsschulen oder Befreiungsbewegungen, die an und für sich legitim und zu rechtfertigen sind oder wenigstens als legitim erachtet werden könnten, verstehen dieses Spiel. Ich möchte hier auf ein Ereignis aus dem Tschetschenienkrieg zurückkommen. Seinerzeit besaß ich ein geraumes Maß an Sympathie für die Bestrebungen Tschetscheniens für eine bestimmte Form von Selbstbestimmung – ich besitze sie noch immer. Doch ich konnte jene kleine Episode einfach nicht verdrängen, denn sie verdeutlicht vieles von dem, was in gewissen Befreiungskriegen an Konditionierung abläuft. Es handelt sich um eine von jenen Episoden, die einem bereits im voraus einen Vorgeschmack davon geben, welche oppressiven Veränderungen unweigerlich eintreten werden, wenn erst einmal die Phase der Befreiung vorüber sein wird. In einem aufständischen Krieg, in dem ein weiteres Gebiet, nämlich Dagestan, aus dem russischen Territorium herausgeschnitten werden sollte, um nach der Vereinigung mit Tschetschenien eine „Größere Islamische Republik" zu schaffen, erklärte Bajadjew: „Wenn die Leute mich fragen, wer hiervon profitieren wird [will heißen, von diesem Krieg mit all seiner Schlächterei und seinem Leiden], dann sage ich: Gott. Allah wird einen neuen Teil der Welt bekommen."
Man achte bitte genau darauf: nicht Bajadjew, nicht Tschetschenien, nicht Dagestan. Unser revolutionärer Warlord wußte sehr wohl – jedenfalls wußte er dies zum Zeitpunkt seiner Aussage –, daß die Unterstützung Dagestans – anders als die im Falle Tschetscheniens selbst – bestenfalls lauwarm war. Und so sollten wir denn all diese Vernichtung von Menschenleben, die Kidnappings, die allgemeine Selbstverstümmelung, die Vergewaltigungen und das Blutvergießen begreifen als Leiden, die veranstaltet wurden im Namen … Gottes! Welche Argumente aber kann ein gewöhnlicher Sterblicher schon anführen gegen einen privilegierten Führer, der offensichtlich als Abgesandter direkt mit Gott kommuniziert? Nun gut denn, ein Stück Landbesitz für den unerreichlichen Gott, doch welchen Anteil hat übrigens Gottes Vertreter auf Erden daran?
Die Antwort lautet natürlich: Macht! Die Ekstase der Macht. Der Raum, in dem Herrschaft ausgeübt wird. Bajadjews Antwort war eines General Franco oder eines Mussolini würdig. Oder eines Pinochet. Sie alle waren eifrige Kirchgänger; von ihnen war bekannt, daß sie nie eine Sonntagsmesse versäumten, daß sie nie verabsäumten, den Pomp der Kathedrale zu nationalen Anlässen zu nutzen. Dies zahlte sich – und sollen wir darin nun ein Zeichen göttlicher Gerechtigkeit sehen? – nur allzu gut aus für die ETA, als die baskischen Separatisten sich eines der berüchtigsten Generäle Francos annahmen – mit jener berühmten Explosion, die aus einem unter der Straße gegrabenen Tunnel ausgelöst wurde. Die Separatisten kannten seinen sonntäglichen Tagesablauf auswendig und hatten deshalb nicht das geringste Problem, die Bombe zu legen, deren Sprengkraft ihn mitsamt seinem gepanzerten Wagen und allem drum und dran auf eine Bahn katapultierte, die ihn augenblicklich mit seinem Schöpfer vereinte.
Die brutale Rücksichtslosigkeit der ETA, wie sie sich in der Ermordung von Unschuldigen zeigt, ist natürlich ein anderes Gesicht jener heimlichen Anziehungskraft der Macht, die so häufig das Verhalten von Revolutionären oder auch bloßen Freiheitskämpfern kennzeichnet. „Wenn ich dich im geheimen anklagen, dich für schuldig erklären, dich heimlich beobachten und über den Augenblick deiner Exekution entscheiden kann, dann agiere ich als ein Agent der Beherrschung über deine Existenz, und ich genieße diese heimliche Macht, die ich über dich ausübe." Es gibt, dessen bin ich mir sicher, diese Erregung angesichts heimlicher Macht, die der Attentäter genießt, gleich wie gerechtfertigt sein oder ihr Anliegen auch sein mag. Hier handelt es sich ebenfalls um ein Terrain banaler Beziehungen, die zwischen einem menschlichen Wesen und einem anderen existieren.
Die emotionale Heraufbeschwörung des „Für Gott oder/und Vaterland" stellt eine tödliche Verbindung säkularer und göttlicher Usurpationen des populären Willens dar, eines Willens, der sich aus dem abergläubischen Bedürfnis des Bürgers speist, sich an eine spirituelle Zone der Omnipotenz zu binden. Der kalkulierende Despot oder auch der Möchtegern-Despot, ein gerissener Psychologe, ist sich in höchstem Maße dieses Hungers bewußt; er salbt sich selbst zum Sprecher oder Stellvertreter einer solchen Omnipotenz. Vielen bietet dies ein illusionäres Gefühl der – wenn auch nur vermittelten – Kommunion mit der inneren Gnade des Göttlichen, die im Austausch für absolute Unterwürfigkeit im Hier und Heute Belohnungen im jenseitigen Leben verspricht.
Wenn der Oberste Stellvertreter auf Erden dekretiert, es sei der Wille Gottes, daß der Bürger sieben Tage in der Woche 18 Stunden arbeite oder aber den „Ungläubigen" die Hälse durchschneide, so geschieht dies vorgeblich zur Verherrlichung Gottes im Himmel, doch sichtlich zum Zwecke der Machtkonsolidierung seines irdischen Vertreters – ein Handel, der bloß die Sprache der Frömmigkeit zu sprechen, eine Versicherung, die alle säkularen Ungewißheiten in göttliche Pfründen zu sublimieren scheint.
(...)

Mehr von:
Wole Soyinka
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 94
Aus dem Englischen von Gerd Meuer

Genre

Hauptthema
  • Macht und Diktatur

Schlagworte

Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript