LI 041, Sommer 1998
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China?

Kein Vorwort des Herausgebers

Zahlen tun auf ihre eigene Weise heimlich: 9.600.000 Quadratkilometer (einschließlich gewisser abgespaltener Gebilde), zwischen 1.200.000.000 und 1.500.000.000 Menschen (je nachdem, ob man offiziellen oder inoffiziellen Angaben glaubt), 6.000 Jahre Geschichte, vom frühen Neolithikum von Banpo an gerechnet, so lang, daß einem jeder Eindruck verlorengeht und man nicht mehr die Kraft hat zu fragen: Was geschah in den 6.000 Jahren? Ach, und ganz zu schweigen von den insgesamt fast 50.000 Schriftzeichen! Wer kann diese teuflischen Kritzeleien von Primitiven (oder Menschen von einem anderen Stern) entziffern und sie alle im Kopf behalten? Man muß wissen: Von den Schriften der alten Weisen Laozi und Konfuzius, Zeitgenossen von Buddha und Sokrates, bis zu dem Anmeldeformular, das ein Bürger Pekings gerade heute morgen ausgefüllt hat, ist die Schrift selbst nahezu unverändert geblieben. Damit verglichen ist das Wort "Autor" wahrlich eine Ironie.
Wer kennt "China" nicht? Doch wer kennt eigentlich "China"?Was bedeuten die Konstellationen der Geschichte, wechselhaft wie Orakel? Im 19. Jahrhundert brach die göttlich legitimierte Herrschaft des "Reichs der Mitte" nach dem ersten Stoß von außen zusammen. Im frühen 20. Jahrhundert metzelten die feudalistischen Separatregime der Warlords einander mit aus dem Westen importierten Gewehren und Kanonen nieder. In den zwanziger Jahren propagierte die "Bewegung für eine neue Kultur" eine "vollständige Verwestlichung, doch schon in den Dreißigern, im Krieg zur Rettung des Vaterlandes vor der japanischen Aggression, wurde sie vom Nationalismus restlos hinweggespült. Mit der Gründung der "Volksrepublik China" taten wir auf einmal einen Sprung von einem "weit hinter dem Westen zurückgebliebenen Land mitten hinein in die "Zukunft der Menschheit". Zum Beweis machte unsere "Kulturrevolution" in den sechziger Jahren auf der ganzen Welt Furore. Durch den einen Satz von Mao Zedong, "Rebellion ist gerechtfertigt", fanden indonesische Jugendliche, Sartre und Andy Warhol gleichermaßen ihr "Utopia". Doch in den siebziger Jahren begannen Maos eigene Landsleute, denen man nur ein Denken und eine Stimme verordnet hatte, zu zweifeln: War die "Revolution" vielleicht nichts anderes als eine Reihe von Palastrevolutionen, nur zum Schein für das "Volk" entfesselt? Mit der "Mauer der Demokratie" und "Wei Jingsheng", mit "Öffnung und Reformen" und der "Beseitigung geistiger Verschmutzung" (so der Name einer politischen Kampagne von 1983), mit den "Vier Modernisierungen" und dem "Massaker vom Tian"anmen erklang dann die Symphonie der achtziger Jahre, in der frohe sich mit traurigen Stimmen mischten. In den neunziger Jahren war schließlich der Höhepunkt erreicht: Einerseits ist man noch "Kommunist", andererseits herrscht eine Geldgier, hinter der selbst der Kapitalismus auf der Strecke bleibt. Einerseits entsteht eine "Privatsphäre", andererseits geht in der materiellen Gier noch mehr vom geistigen "Ich" der Menschen verloren. Überall Bestseller, Schlager, raubkopierte Videos, Computerspiele ... Auf einer in allen Farben leuchtenden Verpackung blendet einen das "Moderne" wie ein berühmtes Markenlabel und ist doch wie eine Geheimlehre unerreichbar fern.
Was ist "China"? Die Menschen im Westen kommen nicht dahinter, und auch für die Chinesen selbst ist es ein Rätsel. Angeblich hat das Yijing (Buch der Wandlungen) Leibniz zur Entdeckung des "binären Systems" bei Rechnern inspiriert, doch daraus lassen sich kaum Vermutungen ableiten, von welcher Zeit an der in den Klassikern einst so strahlende Stern der "Individualität" erloschen ist. Von einer Partie Go, die nach der Sage zwei Unsterbliche in ihrer Höhle spielten, rezitierte man einst: "In der Höhle erst sieben Tage, auf der Welt schon tausend Jahre", doch wie kann man das viele zwischen den schwarzen und weißen Steine dahingegangene Leben einfach ignorieren? Chan-Meditation und Qigong sind keine Antworten. Die Hexerei der Zeit besteht wohl nur darin, sich selbst still und leise auszustreichen ` wie ein Verb im Chinesischen, das nie nach Person oder Tempus seine Gestalt ändert. Sie ist wie ein teuflischer Spiegel, der jedes in ihn hineingeworfene Gesicht zu einem immer "gleichen" abstrahiert und jede Veränderung zu etwas "Unveränderlichem" macht. In den zwanziger Jahren hat der Schriftsteller Lu Xun mit seiner Kritik an den "tief verwurzelten schlechten Angewohnheiten" des chinesischen Volkes das "Ich" und die "Individualität" wiederzufinden versucht, die in den hermetisch abgeschlossenen Gesellschafts- und Denkstrukturen allzu lange in Vergessenheit geraten waren. Doch sein Leiden daran war bei weitem nicht ausreichend! Wenn er hören könnte, wie die "Kulturelle Reflexionsbewegung der achtziger Jahre seine Worte nur wiederholt hat. Ist es ein Fluch? Nach zweitausend Jahren unter dem "Weg des Himmels" im konfuzianischen Einheitsstaat ist von der "Geschichte" nicht mehr übriggeblieben als der Wechsel der Dynastien auf dem Papier. Der "Mensch" "existiert" nur oder verschwindet: Sein Denken, sein Charakter, ja sogar sein Gesicht gehen im "System" auf. Das Ich und das Du, diese Epoche und jene sind so unscharf, da man sie nicht unterscheiden kann. Ein Bauernaufstand nach dem anderen. Die Denkweisen unverändert abkopiert von der vergangenen Dynastie. Große Mengen an importiertem Wortschatz: "Sozialismus", "Materialismus", "Diktatur des Proletariats" (auch "Postmoderne" und "Globalisierung"?) ... Doch das stumme Schicksal läßt sich nicht verbergen: Hinter den stets neu herausgeputzten Dynastie- und Epochennamen steckt ein Land ohne Menschen. Wer weiß, was "China" ist? Wer weiß, ob es ein "China" gibt? Auf der Welt war und ist "China" immer nur ein Wort. Ein "Nichtsein", das sich in der Vorstellung der Menschen eingenistet hat. Ein allzu tiefes Schweigen in der Geschichte, eine zu große Leere. Im Vergleich dazu sind die Toten vom Tian"anmen-Platz nur eine zu erwartende Fußnote aus Fleisch und Blut.
Doch wer hat es dann erdacht? Wie wurde "China" Schicht für Schicht sorgfältig zu einer zierlichen, innen hohlen Elfenbeinkugel ziseliert?
Ein Fall von Politik? Doch wo gibt es in China eine "Politik"? In kollektiver Hypnose haben wir einander niedergemetzelt, unter Einsatz unseres Lebens die eine, gleiche "Wahrheit" verteidigt, an die jeder von uns so unerschütterlich glaubte. Wir waren äußerst geschickt im Basteln von verbalen Bomben, sie mußten den Gegner nur in eine ausweglose Lage bringen. Die Logik des "Klassenkampfs" brachte unzählige Opfer von Machtkämpfen hervor, doch das einzige Bedauern der als "Machthaber auf dem kapitalistischen Weg" Gestürzten war, daß die Partei nicht an ihre Loyalität glaubte. Ebensowenig kann die "Kommunistische Partei" heute einen Widerspruch erkennen zwischen ihren Prinzipien und den Mafia-Methoden, mit denen sie sich bereichert, denn Prinzipien hatte sie ohnehin nie. Von dem westlichen "politischen Wortschatz", den sie selbst nie verstanden hat, einmal abgesehen, ist das einzige Prinzip, das sich in der chinesischen Gesellschaft in Umlauf befindet, der materielle Nutzen. Und das "Volk"? Hat es aus der Heuchelei der Politik zu seiner eigenen Aufrichtigkeit gefunden? Man lese einmal die "Narben-Literatur" nach dem Ende der Kulturrevolution: Wenn jeder sich "Verfolgter" nennt, wer sind dann die Verfolger? Gibt es in diesem riesigen, leidgeprüften Land etwa gar keine Täter? Was für eine peinliche Frage!
Ein Fall der Kultur? Ja, doch was für einer Kultur? Verfolgung von Dissidenten, Arbeitslager oder Zensur weichen kaum von den "traditionellen" Methoden der ideologischen Herrschaft ab, unter der Bücher verbrannt, Gelehrte lebendig begraben, Hab und Gut konfisziert, Familien ausgerottet und Strafprozesse gegen Autoren geführt wurden. Die "Intellektuellen" (im Chinesischen: die das Wissen besitzenden "Elemente", also a priori der Gesellschaftsstruktur untergeordnet) tragen in ihrem Pragmatismus, ihrer Geschwätzigkeit, ihrer Anpassungsfähigkeit, ihrem Hang zu Betrug und Selbstbetrug immer noch das tausend Jahre alte Geburtsmal der durch das kaiserliche Prüfungssystem an die Macht Gekommenen. Von der "Verbotenen Stadt" bis nach "Zhongnanhai" finden wir durchgängig diese absolut stabile Struktur des "Beamtenressorts" ... Wenn man das China des 20. Jahrhunderts nicht von seinen kulturellen Schichten her betrachtet, ergeben sich keine inneren Zusammenhänge. Die "kulturelle Reflexion" der Achtziger hat den Begriff des "absurden Zirkels" hervorgebracht, um den historischen Alptraum eines ständigen Kreislaufs zu charakterisieren: eine von der Illusion des "Fortschreitens" hervorgehobene gänzliche Bewegungslosigkeit, eine von heftigen Emotionen betonte völlige Gleichgültigkeit, eine vom Grauen vor den Jahren und der wachsenden Bevölkerung aufgewertete "Null"! Doch in Wirklichkeit ist der "absurde Zirkel" nicht absurd ` viel grausamer als eine geschichtliche Realität, in der sich alle paar hundert Jahre ein Kreis vollendet, ist die Apathie all der Menschen sich selbst gegenüber, diese Teilnahmslosigkeit angesichts des Schicksals, das sie unbemerkt "ausradiert". Unter der "Maske, die man nicht abnehmen kann", ist nichts. So wie die Helden in den Romanen des "revolutionären Realismus" stets mit dramatischem Gehabe ihre Nebenrolle der "Geschichte" spielen und doch innen hohl und leer sind. Können wir unser so lange schon verlorenes "Ich" wiederfinden? Gibt es ein "Ich in diesem Moment", das mich von anderen Menschen oder sogar von meinem "Ich" in einem anderen Moment unterscheidet? Dann wäre es der Ichlosigkeit oder Löschung des Ich im "absurden Zirkel" diametral entgegengesetzt. Gibt es für die uralte kulturelle Tradition Chinas die Möglichkeit einer "modernen Umgestaltung" vielleicht nur in jedem einzelnen Menschen selbst?
Letzten Endes ist es ein Fall, der die "Menschen" betrifft. Was ist "China"? Das heißt zu fragen: Was ist ein Chinese? Ein Chinese ist, was er/sie denkt. Den Kontrast zu der im "Land ohne Menschen" mit immer neuen Kräften fortgeführten "Volksverschwendungsbewegung" bilden das "Ich", die "Menschenrechte", die "Meinungsfreiheit", das "Sich-Besinnen auf die eigenen kulturellen Fähigkeiten ..." Diese ideologischen Hauptthemen in der Umgestaltung der Moderne sind sowohl zu hoch als auch zu tief gegriffen. Für Dinge, die jedem Menschen selbstverständlich zustehen, muß ein Leben lang gekämpft werden; das Ziel sollte eigentlich der Ausgangspunkt sein. Ein Bemühen, von "unter Null" auf Null zu kommen? Wieviele sinnlose "Unternehmungen", wertlose "Errungenschaften", das Denken nicht lohnender "Gedanken", wieviel unliterarische "Literatur" lassen einen im "Minus" leben! Diese unzähligen "Leblosen" suchen ausgerechnet Halt bei ihresgleichen, und das ist trauriger als selbst der Tod. Die äußerste Unfreiheit auf dieser Welt ist die, sich selbst nicht einmal im Innersten Freiheit geben zu können; und die "Unmöglichkeit" kommt genau daher, da man die in der tiefsten Not verborgene Offenbarung nicht erkennt ` die Realität ist nie arm. Was also habe ich getan? War ich zumindest "ich"? Zumindest habe ich mich geweigert angeglichen zu werden. Wer sich des "absurden Zirkels" bewußt wird, hat der nicht schon begonnen, in den "absurden Zirkel" eine ganz kleine Lücke zu schlagen?
Aus meiner persönlichen Vorliebe heraus möchte ich noch sagen: Es ist ein Fall für die Poesie. Es handelt sich hier nur um das "China" eines inneren Territoriums, fast um eine Chimäre. An leidvoller Inspiration mangelte es ihm nie, und daraus hat es eine Ästhetik gewonnen, so prächtig wie Fäden von Blut. Seine Aufführungen kennen kein Skript, sondern werden direkt ins Schicksal lebender Menschen übersetzt. Je tiefer dies von der "menschlichen Situation" Geschriebene ist, desto weniger kümmern es die Landesgrenzen. Selbst ich, der ich fern von der Heimat lebe, kann wegen meiner Sprache nicht klar unterscheiden, ob ich nun ein aus der Falle entkommener Wolf oder sein von der Falle abgetrenntes Bein bin. Die Schmerzen verbinden uns noch! "China" ` eine schreckliche Verführung, eine nie vollendete Metapher?
Heute ist dieses Land erfüllt von Ungeduld, Spannung und Sorge. Der "Einzelne" und die "Wahl", über die man in den achtziger Jahren noch ebenso nutzlos wie harmlos plaudern konnte (alle hielten ja wie gehabt die "eiserne Reisschale" eines Staatsbetriebs in den Händen), sind nun kein hohler Gesprächsstoff mehr, sondern bedrohliche Realität. Eine einzige Unbedachtheit, und im Leben ist nichts mehr wie zuvor. "Geschäfte machen", "reich werden", das ist der Zeitgeist, "Investitionen" und "Aktien" sind in aller Munde. Selbst die Arbeiter, denen der Staat keinen Lohn mehr zahlen kann und die ihren "Posten verlassen" haben, müssen nun selbst entscheiden, ob sie sich mit 200 Yuan im Monat durchschlagen oder, mit dem Rücken zur Wand, einen anderen Ausweg suchen ... So reell und klar sind also die "Werte des Einzelnen", in genau dieser Kunst zu überleben bestehen sie! Ein reizvolles, facettenreiches "kulturelles Phänomen"? Leider im Gefolge einer armen und blassen Kultur. Wo der "Nutzen" die größte Zahl von Bekehrten um sich schart, wer wählt da noch das edle, arme Dasein eines Dichters? Nach einer zehnjährigen Odyssee bin ich es gewohnt, vom "Nicht-Hoffen" auszugehen. Aber wenn ich Freunde sagen höre: "Ich habe mich schon lange nicht mehr so über Lyrik unterhalten!", dann muß ich immer noch aufstöhnen. Sind wir etwa auch nichts anderes als die ins Heute projizierten Trugbilder der "Erwachten" vergangener, ins Dunkel verschwundener Generationen? Und gibt es dann noch eine Hoffnung, dem "absurden Zirkel" der Geschichte zu entrinnen? Oder ist möglicherweise das auf dem 9.600.000 Quadratkilometer großen Stück Erde nie dagewesene Durcheinander der Werte, sind die Haltlosigkeit, das Zögern und Zaudern, die Verwirrung, der Tumult, der Lebensdurst, sind sie alle selbst die Hoffnung?
"China", sind das diese Zeilen?
Zerstörung ist unser Wissen
doch diese verurteilte Pagode
Mund
und Augen vollgestopft mit Teer
ist noch nicht angekommen im Wortlosen
(Yang Lian, Konzentrische Kreise)
Ich bitte auf keinen Fall das Fragezeichen zu übersehen!

Mehr von:
Yang Lian
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 40
Aus dem Chinesischen von Matthias Hoop

Genre

Hauptthema
  • Chinas Kultur und Gesellschaft

Schlagworte

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