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Lettre aktuell 1/2022




Lettre International 136 / Neue Ausgabe


 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde,

heute, am 17. MĂ€rz 2022, erscheint die FrĂŒhjahrsausgabe von Lettre International 136 und liegt ab sofort im Buchhandel, am Kiosk, an Bahnhöfen und FlughĂ€fen und ab Verlag fĂŒr Sie bereit!


UND DAS ERWARTET SIE

Lettre International 136 prĂ€sentiert Analysen, Geschichten, Essays und Reportagen zu Literatur und Revolution, zu kĂŒnstlerischer Freiheit und politischer Moral, zu Natur, Mythos und Kultur, zu Film, Kunst, Architektur und Antikenliebe, zu Europa, Afrika, China, Griechenland, den USA und Rußland, zu Alphabet, Religion und Naturgeschichte. Liza Alexandrova-Zorina begleitet Aljoscha, einen russischen Frontsoldaten, den der Krieg in den Wahnsinn treibt. ‱ Ian McEwan schildert George Orwells Lebens- und Gedankenwege ‱ Bora Ćosić legt Rußlands Psyche auf die Couch ‱ Eduardo Halfon erzĂ€hlt von guatemaltekischen Elitekommandos im Tropenwald ‱ Peter Stepan erinnert an Afrikas koloniale Antiparadiese ‱ Rahmane Idrissa fĂŒhrt uns hinter vermeintliche Horizonte reiner Gewalt und durchquert die Dunkelzone des Sahel ‱ Ian Buruma vermißt Chinas Große Mauer aus Stahl ‱ Antonis Liakos untersucht die Tragödie des Griechischen BĂŒrgerkriegs ‱ Ulrike Haß nĂ€hert sich einem UnerklĂ€rlichen Felsgebirge ‱ Christoph Paret assistiert Adolf Loos und Marcel Duchamp bei der Suche nach einer Ă€sthetikbefreiten Existenz ‱ Eckhart J. Gillen portrĂ€tiert den documenta-MitbegrĂŒnder und einstigen Kunstpapst Werner Haftmann ‱ Mit Pier Paolo Pasolini begegnet Yitzhak Laor Christus in Kalabrien ‱ Deutsche Antikenliebe und IdentitĂ€tsprobleme verbindet Anatol Schneider ‱ Den jĂŒdischen Monotheismus und die Gesellschaftsmaschine dechiffriert Martin Burckhardt in Zeichen und Tabu ‱ Franz Maciejewski schaut in die GarkĂŒche der Zukunft und prognostiziert ein Leben am Rande der Geschichte ‱ Rada Iveković fragt, ob man aus einer nutzlosen Geschichte dennoch lernen kann ‱ Stephen E. Bronner sondiert Parameter der Demokratie in Amerika ‱ Der in Kairo lebende sudanesische KĂŒnstler Amado Alfadni mit Ace of Spades, der griechische KĂŒnstler Jannis Psychopedis mit seinem Brief, der nicht ankam sowie Michel Kirch mit einer Kybernetik des Traums intervenieren mit starker Kunst und Photographie!


LITERATUR UND GEWALT

Die russische Schriftstellerin Liza Alexandrova-Zorina konfrontiert uns mit dem Schicksal eines russischen Frontsoldaten im Donbaß, der am Krieg verrĂŒckt geworden ist und durchdreht. Traumatisiert von der Front zur Ukraine besucht er sein russisches Heimatdorf, um den schönsten Tag seines Lebens zu begehen: die VermĂ€hlung mit seiner anmutigen, zarten Braut. FĂŒr diesen Hochzeitstag mit der Familie hat er einen Überraschungsscherz parat: An den Checkpoints vorbeigeschmuggelt hat er eine Handgranate, die zum Höhepunkt des Festes gezĂŒndet werden soll ... Seine wahre Sehnsucht heißt: ZurĂŒck zur Front! Seine Obsession: Einem feindlichen Frontsoldaten endlich beim Scheißen in den Hintern schießen. Eine ErzĂ€hlung ĂŒber das Delirium des Krieges.

Ian McEwan schildert die Lebenswege George Orwells vom britischen Geheimdienstoffizier in Burma zum Sozialisten, der auf Seiten der Republikaner in den Spanischen BĂŒrgerkrieg zieht. In Paris begegnet er Henry Miller, fĂŒr den der politische Kampf eines KĂŒnstlers keinen Sinn ergibt. FĂŒr Orwell hingegen hat der antifaschistische Kampf fĂŒr Freiheit und Demokratie Vorrang, auch KĂŒnstler mĂŒssen dafĂŒr Opfer bringen. Er kĂ€mpft an der Front und berichtet als Kriegskorrespondent. Desillusionierende Erfahrungen prĂ€gen spĂ€ter seine Erinnerungen Mein Katalonien. Er löst sich von der Idee des engagierten Schriftstellers, formuliert mit Farm der Tiere eine allegorische Kritik der entarteten Russischen Revolution und verfaßt mit 1984 eine literarische Dystopie des totalitĂ€ren Überwachungsstaats der Zukunft. FĂŒr Orwell forderte literarisches Schreiben Toleranz, Pluralismus und Liberalismus; jegliches LiebĂ€ugeln mit Orthodoxie oder „politischer Korrektheit“ galt ihm als GefĂ€hrdung schöpferischer Phantasie und intellektueller Redlichkeit. Seine Begriffe „Gedankenpolizei“, „Neusprech“ oder „Doppeldenk“ haben nicht an Bedeutung verloren, im Gegenteil. Die Zerreißprobe zwischen der PrioritĂ€t eines gesellschaftlichen Engagements „jenseits des Wals“ und jener vorbehaltlosen kreativen Freiheit „im Innern des Wals“ bleibt dem Schriftsteller und dem KĂŒnstler weiterhin erhalten. Orwell und der Wal

„Ich bin kein Sozialist, ich bin Freudianer“, so der russische Schriftsteller Viktor Schklowski, dessen literarische Kriegsreportage Sentimentale Reise das katastrophische Ereignisfeuerwerk der Russischen Revolution schonungslos protokolliert. „Das bin ich auch“, meint Bora Ćosić, und „ich versuche herauszufinden, was da in Rußland 1917 und danach geschehen ist. Ich lege Rußland auf die Couch. (...) Ich hatte schon an die hundert Seiten Schklowski gelesen, aber nichts verstanden, als hĂ€tte ich Begebenheiten in einem Irrenhaus verfolgt. Rußland fĂŒhrte zusammen mit Rußland Krieg gegen Rußland, so kam es mir vor. Etwas Derartiges habe ich bisher allerdings in noch keinem Buch ĂŒber die Russische Revolution gefunden. Wo trotz des hĂ€ufig destruktiven Talents des ErzĂ€hlers alles meist irgendwie an seinem Platz war: Die Bolschewisten raubten Banken aus, eroberten die Post- und TelegraphenĂ€mter, ermordeten die Zarenfamilie und wurden halbwegs mit den westlichen Kanonenbooten fertig. Danach gingen sie zum Terror ĂŒber, Fehlen von Salat auf den MĂ€rkten und allgemeiner Hunger. Diese allen verstĂ€ndliche Reihenfolge wurde jedoch durch eine allgemeine Neurasthenie durcheinandergebracht, die man von frĂŒher geerbt hatte und die in feinen bĂŒrgerlichen Familien anzutreffen war, nur daß diese manchenorts zu einer zerebralen Paralyse fortschritt. Bei Tschechow verharrte noch vor Lenins HirnschĂ€den alles in stiller Melancholie, mit Dscherschinski ging man ĂŒber zur Paranoia. Schklowski ist also nicht nur der berĂŒhmte Autor, der die Verwandlung des literarischen Sujets in die Form aufzeigt, sondern auch ein Romancier, der den Übergang des normalen Individuums in ein unnormales beschreibt. Aus dem leeren, schwarzen Rußland wehte ein schwarzer Luftzug herĂŒber, der Luftzug des Wahns.“ Schklowskijs Bericht wirkt wie der von einer Erschaffung der Welt, wenn auch einer Welt auf Reserve. Ein Blick zurĂŒck nach heute und ein Psychogramm: Russisches Brevier

In die Welt des Untergrundkampfes paramilitĂ€rischer Milizen in Guatemala, die gegen vermeintliche Insurgenten und Opponenten der feudalaristokratischen Großgrundbesitzer gnadenlos zu Felde ziehen, nimmt uns der guatemaltekische Autor Eduardo Halfon mit. Ein Zufall macht den ErzĂ€hler zum intimen Augenzeugen von VorgĂ€ngen in einer MilitĂ€rbaracke: Spezialeinheiten und MenschenfĂ€nger brechen auf zur nĂ€chtlichen Hetzjagd in abgelegenen Siedlungen, auf Plantagen, im Dschungel. Sie jagen und verschleppen ortsansĂ€ssige Bauern als vermeintliche WiderstandskĂ€mpfer. Eine soziale Szenerie, in der finstere Macht sich skrupellos durchsetzt: Beni

SCHAUPLÄTZE DER GEOPOLITIK

Er erhob die orale ErzĂ€hlkunst Afrikas zur Höhe eines Weltkulturerbes, die Griots und ehrwĂŒrdigen Vertreter der GedĂ€chtnistraditionen zu lebenden KulturschĂ€tzen, deren Tod jedes Mal dem Brand einer Bibliothek gleichkomme. Als Vordenker und Partisan eines immateriellen Kulturbegriffs inkarnierte er zugleich jene epischen Talente, deren Lobpreis er zeitlebens sang. Als frĂŒhe Lichtgestalt der afrikanischen Literatur sammelte er nicht nur ungezĂ€hlte Geschichten, Mythen und Legenden des Sahel und brachte sie als erster zu Papier, sondern entwarf als Historiker und literarischer Autobiograph ein umfassendes Panorama der Kultur und Geschichte des Hirten- und RinderzĂŒchtervolkes der Fulbe, dessen Sproß er war. Von Leben und Werk des Gelehrten Amadou HampĂątĂ© BĂą erzĂ€hlt Peter Stepan in Afrikas Antiparadiese und erkundet dabei den Kosmos der französischen Kolonialwirklichkeit. Dem Exil entging er nur knapp, als sein Spagat zwischen Kolonialdienst und muslimischem Credo prekĂ€r wurde. Die schillerndste Figur in HampĂątĂ© BĂąs BĂŒchern ist ein gerissener und skrupelloser Übersetzer namens „Wangrin“, der in die goldenen SteigbĂŒgel eines Regierungsdolmetschers gelangt und sich verschlagen und trickreich nach oben mogelt. Oft als literarische Fiktion mißverstanden, wird er hier dokumentarisch zum Musterfall einer afrikanischen Urseuche: Korruption. Auch HampĂątĂ© BĂą kommt nicht ungeschoren davon, wenn er als Enthusiast der Frankophonie die Greuel des Kolonialismus verschweigt. Über antikolonialen Widerstand, Kollaboration, Erinnern und Verschweigen

Die Unsichtbarkeit des Feindes ist eine Konstante in der Sprache ĂŒber den „Krieg gegen den Terror“. Er ist ungreifbar, unkontrollierbar, und der Raum, aus dem er auftaucht, hat etwas Gespenstisches. So treten Dschihadisten in Erscheinung aus wenig bekannten Terrains. Das Desaster des westlichen MilitĂ€rs in Afghanistan rief unglĂ€ubiges Staunen hervor und wurde öffentlich alsbald wieder verdrĂ€ngt, anstatt aufgearbeitet zu werden. Und heute vollzieht sich auf einem Kontinent, den Hegel aus der Philosophie der Geschichte ausgeschlossen hat, erneut ein lautloser Aufstand. Im Sahel, eine Region, die Mauretanien, den Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger, den Tschad und den Sudan umfaßt und berĂŒhrt und etwa 7 000 Kilometer von West nach Ost und 800 Kilometer von Nord nach SĂŒd durchmißt, erklĂ€ren Dschihadisten den frĂŒheren KolonialmĂ€chten und dem Westen den Krieg. Jener Sahel ist fĂŒr EuropĂ€er abstrakt, verstellt durch Klischees, reduziert auf Trockenheit, Hunger, extreme Armut und dramatisches Bevölkerungswachstum. Derselbe Sahel ist heutzutage Schauplatz französischer, deutscher, internationaler MilitĂ€rinterventionen, also westlicher Interessenpolitik. Es gilt, ihn kenntlicher zu machen, seine Natur, seine Ethnien wie die Tuareg, Fulani, Songhai, Songhai-Zarma, seine Hirten und Nomaden, seine Traditionen, Lebensweisen, Glaubenssysteme und Weisheitslehren, seine Lebenswirklichkeit zu verstehen. Der nigrische Politikwissenschaftler Rahmane Idrissa fĂŒhrt uns hinter vermeintliche Horizonte reiner Gewalt und eröffnet uns Geschichte und Kultur, Konflikte und Gefahren einer fast unbekannten Welt: Den Sahel vermessen

Der Essayist Ian Buruma, lange Jahre Reporter in Ostasien, betrachtet aus Anlaß der Hundertjahrfeier der Kommunistischen Partei Chinas den erstarkenden Chinesischen Nationalismus. China bezeichnet zugleich eine Zivilisation und einen Staat und die chinesische IdentitĂ€t verbindet ethnische, kulturelle und politische Momente. Die weit ĂŒberwiegende Mehrheit der Bewohner sind Han-Chinesen, doch umfaßt die Nation auch turkstĂ€mmige Uiguren und Mongolen, Mandschu, Tibeter und andere Völker. Seit mehr als zweitausend Jahren verlangten die chinesischen Herrscher Gehorsam von ihren Untertanen. LegitimitĂ€t reklamierten sie auf Basis einer Orthodoxie, ob konfuzianisch oder marxistisch-leninistisch; anstelle einer sich abschwĂ€chenden maoistischen Leitideologie tritt heute zunehmend der Patriotismus. Die Kommunistische Partei und ihr Vorsitzender Xi Jinping appellieren an den Stolz der Han-Chinesen und locken mit dem Versprechen von GrĂ¶ĂŸe als Kompensation fĂŒr die Geschichte von DemĂŒtigung und Unterwerfung unter Ă€ußere Feinde. AufstĂ€ndische und RevolutionĂ€re versprachen im Verlauf der Geschichte immer wieder, die Nation moralisch zu erneuern, sie wiederzuvereinigen und zu verjĂŒngen, in einer Mischung aus Utopismus und Fremdenfeindlichkeit. So stehen Xis feurige Worte ĂŒber die Einheit des chinesischen Volkes in einer langen Tradition. Am Horizont sichtbar ist Taiwan. Buruma ermißt die Energien, die sich im neuen chinesischen Nationalismus bĂŒndeln: Große Mauer aus Stahl.

Der bedeutende griechische Historiker Antonis Liakos erzĂ€hlt die Geschichte der Griechen im BĂŒrgerkrieg, der von 1946 bis 1949 das Land zerriß. Er folgte bald nach der Befreiung des Landes von der deutschen Besatzung. Der BĂŒrgerkrieg durchzog StĂ€dte und Dörfer, Gemeinden und Familien, und er wurde mit Haß und Rachsucht, Gewalt und Grausamkeit gefĂŒhrt. Er kostete 68 000 Menschenleben, 3 500 Gefangene wurden hingerichtet, 70 000 fĂŒr Jahrzehnte inhaftiert oder verbannt. 700 000 Menschen wurden zwangsweise umgesiedelt. Dieses Ereignis erschĂŒtterte das Land und hinterließ bitterste Verletzungen in Erinnerungen, GefĂŒhlen und Beziehungen. WĂ€hrend der griechische König Georg II. und die Regierung vor der deutschen Besatzung nach Ägypten geflohen waren, kĂ€mpfte unter großen Opfern ein politisch heterogener bewaffneter Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht. Dessen stĂ€rkster Akteur war die kommunistisch dominierte Nationale Befreiungsfront. Nach kurzer Euphorie ĂŒber das Besatzungsende entwickelten sich jedoch bewaffnete Konflikte zwischen den unterschiedlichen politischen Gruppierungen des Landes. Unter britischer Anleitung und mit Hilfe US-amerikanischer Finanzmittel setzten sich in einer blutigen Konfrontation mit den bewaffneten Partisanen der Linken die bĂŒrgerlichen KrĂ€fte durch, Monarchisten, Großgrundbesitzer MilitĂ€r- und Polizeiapparate. Antonis Liakos ruft diese Tragödie und ihre geopolitischen HintergrĂŒnde in Erinnerung: Die Teilung Europas nach 1945 in östliche und westliche Einflußzonen, der anhebende Kalte Krieg, die Bestrebung, aus Griechenland, TĂŒrkei und Iran ein Bollwerk gegen die Sowjetunion zu bilden, die Spaltung des Kommunismus in Moskau und Belgrad. Eine Anatomie der letzten großen bewaffneten Erhebung in Europa. Mit einer EinfĂŒhrung von Ulf-Dieter Klemm

NATUR, MYTHOS, KULTUR

Der Kulturhistoriker Franz Maciejewski prĂ€sentiert eine so skeptische wie richtungsweisende Gegenwartsdiagnose. Er richtet seinen Blick in die GarkĂŒche der Zukunft. „Ecce homo: Ein manisch Getriebener, der die BauplĂ€ne der Natur aufdeckt und benutzt, zu seinem Wohl und (hĂ€ufig) ihrem Wehe; der nicht aufhören kann mit der AusĂŒbung seiner verfeinerten Herrschaftstechniken ĂŒber Erde und Wasser, Pflanzen und Tiere, schließlich ĂŒber sich selbst – zuletzt durch die biopolitische Unterwerfung des menschlichen Körpers und seine Auslieferung an kĂŒnstliche Intelligenzen. Der RĂŒckblick auf die abgelaufene Zeit und der Anblick unserer Jetztzeit, dieser gewollten und zugleich nicht intendierten Epoche, lassen den dĂ€monischen Motor erahnen, der die menschliche Geschichte bis heute antreibt. Naturkatastrophen. FlĂŒchtlingswellen und BĂŒrgerkrieg. FĂŒr etliche Firmen droht ein Cyberangriff als Gefahr der Stunde, viele BĂŒrger fĂŒrchten sich vor der nĂ€chsten Finanzkrise. Starr vor Schreck abzuwarten, ist keine Option. Es gibt eine Menge anderes zu tun. Daher gilt es gerade jetzt, das Leben zu riskieren und nicht vor dem ‘grĂ€ĂŸlichen Fatalismus der Geschichte’ (Georg BĂŒchner) zu kapitulieren ... Wir mĂŒssen uns befreien zu neuen Taten und Wagnissen.“ Es gilt, das Richtige zu tun im falschen Leben.

Der Kulturtheoretiker Martin Burckhardt befragt Zeichen und Tabu. Kommt eine vermeintlich entzauberte Welt ohne Tabus aus? Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß das UnberĂŒhrbare nur seine Gestalt gewechselt hat und nun dasjenige schĂŒtzt, was unser Allerheiligstes ist: die Vernunft. Das Alphabet erschöpft sich keineswegs in seiner Funktion als phonetischer Zeichenschrift, sondern es gibt, als universale Maschine, seinen Adepten einen geistigen Werkzeugkasten mit auf den Weg. (...) „Um die epistemische Gewalt der universalen Maschine zu fassen, ist es hilfreich, sich das Psychodrama vor Augen zu halten, das mit dem Monotheismus einhergeht, genauer: mit jener eifersĂŒchtigen, bild- und vaterlosen Gottheit, wie sie das Judentum uns prĂ€sentiert. So wie das Alphazeichen sich der Erinnerung an die Stiergottheit entledigen muß, ist der Gott Jahwe genötigt, den stierköpfigen Baal aus dem GedĂ€chtnis der Israeliten zu entfernen. Wenn die Parallelsetzung von Alphabet und Monotheismus erstaunt, gilt es, sich in Erinnerung zu rufen, daß sie mit der phönizischen Schrift eine gemeinsame Herkunft aufweisen. (...) AusgeprĂ€gter jedoch als diese Verwandtschaftsbeziehung ist der Riß, der diese Welten voneinander trennt. Zwar schaut man auf eine gemeinsame Herkunft zurĂŒck, aber diese drĂŒckt sich in einem obzwar komplementĂ€ren, jedoch gĂ€nzlich unterschiedlichen WeltverstĂ€ndnis aus. (...)WĂ€hrend sich die griechische Welt in Gestalt des deus ex machina mit einer Gottesprothese begnĂŒgt, markiert die Gottheit des Judentums ein Maß an Weltfremdheit, welche die Welt zuvor nicht gesehen hat.“

Ulrike Haß erschließt uns ein UnerklĂ€rliches Felsgebirge. Hier hat jemand ein ungewöhnliches Werk geschaffen. Roger Rousseau ist ein ehemaliger Lehrer aus Beauregard im Quercy, der ĂŒber 20 Jahre lang in einem bestimmten Terrain die Felsen des Karstgesteins von ihren Erdschichten befreit hat. Zutage treten gewaltige, in schwerer, nasser Tonerde lagernde Gesteinsformationen, die von Spalten, Rissen, Verwerfungen durchklĂŒftet sind. Die Tonerde zwischen den Gesteinsfaltungen hat Rousseau ebenfalls entfernt. In einigen Metern Tiefe endet seine Bewegung der Entbergung der Steine mit dem immer geringer werdenden Spielraum fĂŒr die arbeitende Hand mit ihrem Werkzeug und mit dem Übergang des Gesteins in den gewachsenen Felsen. Was vor uns liegt, ist ein Feld von Steinen in unterschiedlichster GrĂ¶ĂŸe und Lage. Sedimentgestein, fein wie Papier geschichtet, massige Felsblöcke von gewaltigen Ausmaßen, die meisten von ihnen oben abgeplattet, unten in der massiven Tonerde verschwindend oder aus ihr aufsteigend. Hervor kommen die „Steine, die unter unseren FĂŒĂŸen leben und sterben“, wie Roger Rousseau sagt und eine planetarische Zeitlichkeit, die dem Betrachter den Atem nimmt. Die BerĂŒhrung mit der kosmischen Dimension, in der Steine leben und sterben, wird allein durch die betonte Schlichtheit des Handwerkers möglich, der sich als KĂŒnstler zurĂŒcknimmt und dessen Ausdrucksmilieus so weit wie möglich von sich weist. Er wird zum kosmischen Handwerker. Über erdgeschichtliche ZeitrĂ€ume und das Leben der Materie.

KÜNSTLER IHRER ZEIT

Das PortrĂ€t eines deutschen Kunstpapstes liefert der Kunsthistoriker Eckhart J. Gillen in Weltsprache Abstraktion ĂŒber Werner Haftmanns harmonikale Weltordnung der Kunst auf der ersten documenta (1955) im Geist deutschnationaler IdentitĂ€tsfindung. Haftmann war im 20. Jahrhundert ĂŒber Jahrzehnte der wohl einflußreichste Theoretiker und Praktiker der kĂŒnstlerischen Moderne. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte er die Rolle eines harmonischen BrĂŒckenbauers ĂŒber die „dunkle“ Zeit der NS-Herrschaft hinweg und postulierte einen Neubeginn. Sein apolitischer Kunstbegriff dient nach 1945 dazu, die jĂŒngste Vergangenheit vergessen zu machen durch das Dogma einer aller Inhalte entleerten „reinen“ Kunst. Mit Naturmetaphern wie „Quellgrund“, „orphischer Grund“, „Erlebnisgrund des Wirklichen“ versuchte Haftmann, seine „harmonikale“ Kunstkonzeption zu erden. Die ewigen Werte sollen gereinigt werden „von den Verkleidungen der Geschichte“. Seine Mitgliedschaften in der SA, der NSDAP und seine Rolle als „SonderfĂŒhrer“ bei der Spionageabwehr und PartisanenbekĂ€mpfung („verschĂ€rfte Verhöre“, Erschießungen) in Italien sind unbestritten. Haftmanns Karriere im Kunstmilieu war typisch fĂŒr jene der Eliten in den 1950er Jahren. Nach dem Ende der Nazizeit wurde er zum KĂŒnstlerischen Leiter der ersten Kasseler documenta (1955), der II. documenta (1959) und der documenta III (1964), spĂ€ter zum Leiter der Berliner Neuen Nationalgalerie und Mitglied der Akademie der KĂŒnste. Haftmanns Vorstellung, mit der „Weltsprache Abstraktion“ sei die Entwicklung einer immer autonomer werdenden Kunst an ihr Endziel gekommen, erwies sich als Sackgasse. Neo-Avantgarden legten die Axt an diese LebenslĂŒge der Nachkriegszeit.

Ist die Aussage „Jeder Mensch ist ein KĂŒnstler“ nun verheißungsvoll, kitschig oder bedrohlich? Die Kontrastfiguren Adolf Loos und Marcel Duchamp jedenfalls sind Arbeitsverweigerer im Ă€sthetischen Raum. Duchamp fĂŒhrte mit seinen Readymades vor, daß ein beliebiges Objekt zum Kunstwerk erklĂ€rt werden kann, ohne Ă€sthetischer VerĂ€nderung unterzogen worden zu sein. Loos forderte, die Arbeit an dem einzustellen, was er Ornament nannte, also an jeder Art von „Verschönerung“. Er wollte alle Ă€sthetischen BemĂŒhungen ins Museum oder in die KonzerthĂ€user verbannen und die KĂŒnstler und ihre Kunst in die StĂ€tten der Kunst einschließen. Im Gegenzug wollte er einen ornamentlosen, reinen Raum zurĂŒckbehalten. Duchamp realisierte Loos’ Vorhaben einer ornamentlosen Herstellung. Loos ging es darum, im Alltagsleben den großen Ă€sthetischen Streik anbrechen zu lassen, Duchamp streikte Ă€sthetisch in den StĂ€tten der Kunst selbst. Loos bekĂ€mpfte die Expansion der Kunst in den Alltag, Duchamp sorgte fĂŒr die Expansion des profanen Industriellen in die Kunst. Loos wollte das Handwerk von der Kunst befreien, Duchamp die Kunst von allem Handwerklichen. Was wurde aus dem Traum einer Ă€sthetik-befreiten Existenz? fragt Christoph Paret in ZurĂŒck auf Loos.

Hier ist nichts los. Diesen Ort kennt fast niemand. Doch kreuzen sich im ost-mecklenburgischen Achthundert-Seelen-Ort Ankershagen die Wege zweier MĂ€nner, die sich wie wenige um das Erbe der griechischen Antike bemĂŒht haben. Johann Heinrich Voß hatte Ost-Mecklenburg lĂ€ngst den RĂŒcken gekehrt, als der 1822 in Neubukow geborene Heinrich Schliemann als EinjĂ€hriger dorthin gelangte. Der MaßstĂ€be setzende Übersetzer der Ilias und Odyssee und der selbsterklĂ€rte AusgrĂ€ber Trojas konnten sich persönlich nicht begegnen. Aber BildungsbĂŒrger Voß und ArchĂ€ologie-Unternehmer Schliemann sind beide Archetypen der Antikenfaszination. Nimmt man den 1717 in Stendal geborenen Johann Joachim Winckelmann sowie den 1915 geborenen Berliner Kurt Wilhelm Marek (Autor des unter dem Akronym C. W. Ceram veröffentlichten Nachkriegs-Bestsellers Götter, GrĂ€ber und Gelehrte) hinzu, so bĂŒndeln sich unterschiedliche GrĂŒnde dafĂŒr, warum man die griechische Antike derart benötigte. Schliemanns JubilĂ€umsjahr bietet Gelegenheit, diese Antikenbegeisterung unter die Lupe zu nehmen. Das Antikeninteresse diente auch identitĂ€tspolitischen Interessen. Anatol Schneider ĂŒber die AusgrĂ€ber der Antike

Der israelische Dichter Yitzhak Laor schildert Leben und Werk des vor hundert Jahren geborenen Pier Paolo Pasolini: Christus in Kalabrien. Geboren in eine bĂŒrgerliche Familie in Bologna, aufgewachsen im dialektgeprĂ€gten Friaul, homosexueller Übergriffe an einem Jugendlichen bezichtigt und aus der Kommunistischen Partei ausgestoßen, flĂŒchtet er mit seiner Mutter nach Rom, mit der er bis zu seinem Tod dort zusammenleben sollte. Er entdeckt die römischen Borgate, die subproletarischen VorstĂ€dte mit ihrem Volksdialekt „Romano“ und den dort lebenden Jugendlichen, deren VitalitĂ€t und Erotik er poetische Texte und erste Filme widmet. In einem Italien, dessen AuthentizitĂ€t und Vielfalt zunehmend nivelliert und zerstört wird durch Konsumismus und Fernsehen, wird er zur Ein-Mann-Opposition gegen den Pseudofortschritt der Industrialisierung. Er kritisiert die herrschende Kaste, die Verfilzung von Staat und der politischen Rechten und legt sich mit der linken Studentenbewegung an; er kritisiert die Katholische Kirche, polemisiert gegen die Abtreibung und beklagt den Verlust des Sakralen; er romantisiert das imaginĂ€re Andere der Kulturen jenseits Europas und zeigt sich desillusioniert bei der wirklichen Begegnung mit dem realen Anderen der arabischen Welt. Seine Filme, Essays und Poesie sind Ă€sthetisch ĂŒberragende Werke eines genialischen EinzelgĂ€ngers. Seine brutale Ermordung am Strand von Ostia ist bis heute unaufgeklĂ€rt.

KORRESPONDENZEN, BRIEFE & KOMMENTARE

Der römische Psychoanalytiker Sergio Benvenuto bereist seit zwanzig Jahren immer wieder sowohl die Ukraine als auch Rußland. In Eine zerbrochene Geschichte schildert er facettenreich die zunehmende ZerrĂŒttung der einst freundschaftlichen Beziehungen beider LĂ€nder, sprachlich, politisch, kulturell: Die ukrainischen Regierungen seit 2014 drĂ€ngten auf eine systematische kulturelle Ukrainisierung des Landes. Die SchriftzĂŒge der GeschĂ€fte mĂŒssen – wie eine jede öffentliche Beschriftung – alle auf Ukrainisch sein. Der Unterricht in den Schulen, an der UniversitĂ€t und Examen mĂŒssen in uk-rainischer Sprache abgehalten werden. Die Strategie ist, die klassische ukrainische Zweisprachigkeit durch eine neue Art von Zweisprachigkeit zu ersetzen: das Russische durch das Englische. SĂ€mtliche russische TV-KanĂ€le sind verboten, aber es gibt private ukrainische Sender in russischer Sprache, so wie es auch Sender in den Minderheitensprachen Polnisch, Ungarisch, Bulgarisch und RumĂ€nisch gibt. DirektflĂŒge zwischen Rußland und der Ukraine existieren schon seit Jahren nicht mehr. Auch sind keine in Rußland produzierten Filme mehr zu sehen. Es zirkuliert eine schwarze Liste von russischen Regisseuren, Autoren und Schauspielern, die die Annexion der Krim öffentlich gebilligt haben. Keines ihrer Werke kann in der Ukraine noch gesehen oder gelesen werden.“

Stephen Eric Bronner umreißt in Demokratie in Amerika? die Logik und das Labyrinth des amerikanischen politischen Systems und der politischen Philosophie der GrĂŒndervĂ€ter und Verfasser der Federalist Papers (1788). Ihr Bild vom StaatsbĂŒrger ging vom eigeninteressierten Menschen aus, nicht vom engelhaften Altruisten. Sie erstrebten eine dezentralisierte Regierung und den Schutz individueller Freiheit und zugleich Gegenmechanismen, die das „große Biest, die Armen und Eigentumslosen“ unter Kontrolle halten konnten. Sie ließen Sklaverei zu, Indigene, Amerikaner afrikanischer Herkunft, Frauen und Grundbesitzlose besaßen kein Wahlrecht. Dieses inzwischen modifizierte politische System mit seinen „Checks and Balances“, seinen demokratischen und undemokratischen Mechanismen folgt grundsĂ€tzlich allerdings immer noch dem Prinzip „The winner takes all.“

Marco D’Eramo berichtet ĂŒber Diskussionen unter chinesischen Intellektuellen. „Tianxia“ lautet das neue Modewort. Wer es nicht kennt, ist nicht auf der Höhe der Zeit. Das entsprechende chinesische Ideogramm 怩䞋 bedeutet soviel wie „Alles-unter-dem-Himmel“. In der Praxis bezeichnete es den Teil der Welt, ĂŒber den der Herrscher Chinas die Oberhoheit ausĂŒbte. Mit dem RĂŒckgriff auf das Tianxia-Konzept soll die moralische Überlegenheit der konfuzianischen geopolitischen Sicht Chinas gegenĂŒber der sogenannten WestfĂ€lischen Tradition untermauert werden (einer auf der SouverĂ€nitĂ€t der Nationalstaaten als gleichberechtigten Rechtssubjekten basierenden Tradition, die auf dem WestfĂ€lischen Friedenskongreß 1648 etabliert wurde): gegenĂŒber dem „Gesetz des Dschungels“ – eines Kampfes aller gegen alle –, das angeblich der westlichen Sicht internationaler Beziehungen entspricht. FĂŒr die Chinesen ist diese freiwillige Selbstzerstörung des eigenen kulturellen Erbes völlig unverstĂ€ndlich: Mit einer Kultur, der es an Respekt fĂŒr ihre Vorfahren mangelt, mĂŒsse etwas – vieles – nicht stimmen. So werden die Klassiker des westlichen Denkens heute in China beinahe intensiver studiert als im Westen, weil die Chinesen bei Platon und Aristoteles nach einem SchlĂŒssel zur Interpretation der aktuellen westlichen Politik suchen: Tianxia gegen Platon

Rada Iveković rekapituliert das Zerbrechen des multikulturellen Jugoslawiens und denkt ĂŒber Nutzen und Vergeblichkeit ihrer Erfahrungen nach: Von den Wogen im Denken werden â€žĂŒberflĂŒssige“ Geschichten verschlungen. Es gibt viele „unnĂŒtze“ Geschichten. Sie werden selbst vergessen und tragen dazu bei, andere eventuelle VerlĂ€ufe der Geschichte und die Dimension unrealisierter Möglichkeiten auszulöschen. Die Zeit der Erschöpfung der großen ErzĂ€hlungen hat ein radikales politisches Vergessen etabliert, eine rĂŒckwirkende Auslöschung von Teilen unserer kollektiven und politischen Geschichte. 1989 bedeutete die Aufgabe der Utopien, der großen ErzĂ€hlungen und Ideologien – die Verabschiedung jedes universellen politischen Projekts. Ausgelöscht sind die parallelen, komplementĂ€ren, alternativen, reziproken Geschichten. Dies hatte die allgegenwĂ€rtigen, vor allem nationale und nationalistische Identitarismen zur Folge. Bei der „nutzlosen Geschichte“ handelt es sich um eine Geschichte, aus der wir nicht fĂ€hig waren zu lernen, es aber noch könnten: Wege, die nicht nach Rom fĂŒhren

Herbert Maurer widmet sich einem intellektuellen Verrat im Ersten Weltkrieg: Fake News aus dem Wienerwald. „Es ist appetitlich und/oder unappetitlich genug, die Chemie der Namen und das Parfum der Personen wirken zu lassen, als Teil des geistigen GebrĂ€us, das von der Kriegspresse 1914-1918 zubereitet wurde, verbunden mit dem Duft nicht nur des Todes und des Pulvers, sondern auch der Wiesen und WĂ€lder von Rodaun oder Mauer oder gar Perchtoldsdorf, verschwindend kleine Winzerörtchen zwischen dem Kaiserschloß Laxenburg in Niederösterreich und der Kaiserresidenz in Wien. (...) Karl Kraus hat darauf hingewiesen: „Man weiß, daß die freiwillig untauglichen Angehörigen des journalistischen Gewerbes, zu denen sich auch ein paar mittelmĂ€ĂŸige, aber sonst gesunde Malermeister gesellt haben, bei Kriegsbeginn eingefangen und in einen abgesonderten Raum gesperrt wurden, der Kriegspressequartier heißt, ein Raum, dessen Zugang nur den dort UnbeschĂ€ftigten gestattet ist.“ (Fackel 508-513 bzw. 413-417). Die Wahrheit soll sich dort mit diesen Dichtern, Malern und Journalisten herumgetrieben haben, darunter die Besten ihres Faches, die als wahre Patrioten die Klugheit oder die Chuzpe besaßen, den Weltkrieg unbeschadet zu ĂŒberleben und vaterlĂ€ndisch erotisiert im friedlichen Hinterland und sicherer Distanz zur angeblichen Wirklichkeit im Felde durchzudienen. Seine TĂ€tigkeit bezeichnete der immer friedlicher reimende Rilke rĂŒckblickend liebevoll als „Heldenfrisieren“. Bis zu tausend KĂŒnstler aus allen Sparten sollen dabei zugearbeitet haben.

Sergiusz Michalski skizziert die historischen Beziehungen zwischen der Ukraine und Rußland, die sich aus der tausendjĂ€hrigen Perspektive mehr als ein Nebeneinander denn als ein Miteinander darstellen. „In der Urzelle Rußlands, dem Kiewer Staat und seinen zahlreichen NachfolgefĂŒrstentĂŒmern von Nowgorod im Norden bis zum Schwarzen Meer, waren die Verbindungen sehr, sehr eng, doch waren die in den nördlichen Gebieten siedelnden frĂŒhen Russen die jĂŒngeren BrĂŒder, ehe sie spĂ€ter zum großen Bruder avancierten. Erst nach dem Mongoleneinfall des 13. Jahrhunderts, dessen Folgen die nördlichen und mittleren Russen fĂŒr immer prĂ€gen sollten, gingen die Entwicklungslinien beider slawischen Völkerschaften definitiv auseinander, damit einher ging eine sprachliche Ausdifferenzierung. (...) Eine der dauernden Bruchlinien der russisch-ukrainischen Beziehungen ist in der ambivalenten, aber noch immer spĂŒrbaren Nachwirkung der Tatsache begrĂŒndet, daß der eindeutig grĂ¶ĂŸere Bruder doch dann wiederum nur der jĂŒngere Bruder war und ist und daß das Kiew der frĂŒhen Zeiten mit seinen berĂŒhmten Kirchen, die sich direkt an die Hagia Sophia und andere Kirchen Konstantinopels anlehnten, ein religiöses Ursprungsprestige besaß, mit dem Moskau, trotz seiner AnsprĂŒche, ein Drittes-Rom zu sein, sich symbolisch nicht messen konnte.“

KUNST

Das Projekt Ace of Spades des sudanesischen KĂŒnstlers Amado Alfadni ruft die vergessene Geschichte von Sklavenhandel und Kolonialismus im Ă€gyptisch-sudanesischen Raum in Erinnerung. PhotoĂŒbertragung, Übermalung, Collage und Monoprintverfahren sind seine Mittel.

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Die kommende Ausgabe Lettre 141 erscheint Mitte Juni 2023