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Lettre aktuell 2/2021




Lettre International 133 / Neue Ausgabe


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde,

heute, am 24. Juni 2021, erscheint Lettre International Nr. 133. Das lebensvolle und farbenreiche Sommerheft ist ab sofort im Buchhandel und am Kiosk erhÀltlich, an Bahnhöfen und FlughÀfen sowie ab Verlag (www.lettre.de).


IN EIGENER SACHE

Mehr als 600 Neuabonnements seit Ende 2020, inmitten der Pandemie, ermutigen uns, unbeirrt an QualitÀt und UnabhÀngigkeit, InternationalitÀt und InterdisziplinaritÀt festzuhalten! Wir sagen: Herzlichen Dank!

Und Abonnements, die Entscheidungen der Leser selbst, sind neben AnzeigenverkĂ€ufen unser wichtigstes Gegenmittel gegen die ökonomischen Konsequenzen des Pandemie-Lockdowns. Die Einbeziehung von Kulturzeitschriften in die Corona-Hilfsprogramme fĂŒr Verlage wurde vom Staatsministerium fĂŒr Kultur und Medien abgelehnt. Eine Zeitschrift wie Lettre International zĂ€hle nicht zur Kultur, sondern zur Press.

„Bei der Konzipierung der Kriterien fĂŒr das Verlagsförderprogramm wurden Zeitungen und Zeitschriften bewusst ausgenommen, weil die Beauftragte der Bundesregierung fĂŒr Kultur und Medien (BKM) keine Presseförderung mit diesem Programm betreiben will. (...) Literaturzeitschriften fallen aber eben auch unter den Zeitschriftenbegriff und sind damit (auch) der Presse zuzuordnen. Die Pressefreiheit bedingt das medienrechtliche Prinzip der Staatsferne, aus dem sich ein Gebot der NeutralitĂ€t und ein Verbot jeglicher Einflussnahme ergeben. Ebenso darf der Staat nicht in den publizistischen Wettbewerb der Presse eingreifen. Eine finanzielle Förderung einzelner Zeitschriften mit öffentlichen Geldern unterlĂ€ge daher sehr hohen (verfassungsrechtlichen) HĂŒrden und könnte nicht unter denselben Bedingungen wie eine Förderung der Buchbranche abgewickelt werden.“ (Soweit ein Auszug aus der Lettre zugeschickten BegrĂŒndung der Ablehnung einer ÜberbrĂŒckungshilfe durch das BKM.)

Alle mindestens viermal pro Jahr regelmĂ€ĂŸig erscheinenden Kulturzeitschriften gelten demnach als „Periodika“ und also als „Presse“, auf welche das verfassungsmĂ€ĂŸige Gebot der „Staatsferne“ anzuwenden sei. Folglich sei Lettre als Presse von allen Pandemie-ÜberbrĂŒckungshilfen ausgeschlossen.

Dieses vom BKM ins Feld gefĂŒhrte Verfassungsgebot hindert das BKM wie auch andere Ministerien wie das AuswĂ€rtige Amt – und damit auch dieselben Politiker, die unter Berufung auf das Gebot der Staatsferne eine UnterstĂŒtzung von Kulturzeitschriften selbst in existenzbedrohlichen Krisen ablehnen – jedoch nicht daran, andere, genauso regelmĂ€ĂŸig erscheinende und im freien Verkauf und im Abonnement vertriebene Kulturzeitschriften und -medien mit erheblichen Dauersubventionen als staatsfinanzierte und staatsabhĂ€ngige Konkurrenten unabhĂ€ngiger Kulturzeitschriften prĂ€chtig am Leben zu erhalten.

In diesen spezifischen FĂ€llen ist Kultur und PeriodizitĂ€t erstaunlicherweise kein Hindernis mehr, und es gilt weder das „Gebot der NeutralitĂ€t“ noch das Prinzip, nicht „in den Wettbewerb einzugreifen“. Doch genau dieses tut man, und zwar massiv. Und in wachsendem Maße erweitert sich das Terrain scheinunabhĂ€ngiger, de facto jedoch staatsfinanzierter Publikationen. Das zitierte Verfassungsgebot soll hier nicht gelten. Man hilft staatsabhĂ€ngigen Zeitschriften dabei, unabhĂ€ngigen Zeitschriften mit Hilfe von Steuermitteln (Steuern, die unabhĂ€ngige Zeitschriften selbst bezahlen), nach Möglichkeit Leben schwer oder auch den Garaus zu machen. Man kann Leistungen teurer einkaufen, höhere Honorare und die Zeitschriften zu billigeren Preisen verkaufen. Das ist kein fairer Wettbewerb. Keine dieser staatsfinanzierten Publikationen und Redaktionen könnte lĂ€nger aus eigener Kraft ĂŒberleben.

Hier herrscht zweierlei Maß, Heuchelei und WillkĂŒr. Leben wir mittlerweile in einer Republik, in der eine doppelzĂŒngige, intransparente und zynische Ministerialpolitik, ĂŒber Verfassungsgebote hinweg machen kann, was sie will? NĂ€hern wir uns wieder einer Staatspublizistik Ă  la DDR, in der staatsabhĂ€ngige Zeitschriften und Redakteure auf Steuerkosten prosperieren, wĂ€hrend unabhĂ€ngigen Zeitschriften, ungeachtet aller QualitĂ€t ĂŒbervorteilt werden?

Hier handeln Ministerien, nimmt man ihre eigenen ErklĂ€rungen zum Maßstab, auf verfassungswidrige Weise.

Auf unsere Nachfrage, wie sich dieses widersprĂŒchliche Verhalten und die WidersprĂŒche zwischen erklĂ€rtem Prinzip und realer Subventionierungspraxis erklĂ€ren, erhalten wir seit Monaten seitens der verantwortlichen Ministerien keine Antwort. Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz werden abgeblockt. Eine Kommunikationskultur scheint im Bundesministerium fĂŒr Kultur und Medien nicht vorgesehen zu sein.

Man darf sich fragen, ob die betreffenden Ministerien selbst gegen ein Verfassungsgebot verstoßen.

Über diese Sachverhalte wird öffentlich noch eingehender zu sprechen sein.


SOMMERPICKNICK FÜR PRÄMIENFANS

Bis Ende August 2021 dreht sich unser sommerliches PrĂ€mien-Karussell, reisen Sie mit einer SommerprĂ€mien in Gedanken. Ein Jahr dolce vita oder drei Jahre Cassata Siciliana wie bei „Achteinhalb“. WĂ€hlen Sie aus unter schönen und attraktiven PrĂ€mien fĂŒr alle neuen Abonnements! Auf zur PrĂ€mienseite: www.lettre.de/sommerpicknick. Auf frisch Entschlossene warten: NotizbĂŒcher + Musik + SprachfĂŒhrer + KochbĂŒcher + Espresso-Tassen + HörbĂŒcher + Globen + HĂ€ngematten + ... und einiges mehr! Rufen Sie einfach an! Tel. +49 30 308 704 62. Die Abonnementbedingungen finden Sie am Ende dieses Briefes.


DAS SOMMERHEFT â€“ DIE THEMEN

Wie Sternbilder entstehen / Himmel und Höhle / Weltmitbewohner Virus / Nordische Weiten / Frauenmilizen in Kurdistan / Geopolitische Explosion im Kaukasus / Demokratieverteidigung in Myanmar / Urbanismus des Offenen / Architektur im AnthropozĂ€n / Umbau der Champs-ÉlysĂ©es / Albert Speer in Bildern von Luc Tuymans / China – Bataillone des Himmels / Martin Scorsese: Il Maestro Fellini / Paolo Sorrentino: Regie und Psyche / Die russischen SĂ©ancen des Andrei Tarkowski / Musik und Macht und Politik / Kunst von Maia Flore und vieles andere Entdeckenswerte.

HIMMEL UND HÖHLE

Wie alles begann? Die Grotten schweigen nicht mehr, konstatiert Patricia Görg, die rot umrandeten HandabdrĂŒcke der Steinzeithöhlen stammen zu 75 Prozent von Frauen, doch das Geheimnis bleibt bestehen: Warum pusteten Frauen Farbe auf ihre HĂ€nde auf den Felsen? Aus kultischen, religiösen, kĂŒnstlerischen oder SelbstdarstellungsgrĂŒnden? Ein Abdruck wurde hinterlassen, eine Information, so wie heutzutage eine versehentlich miteingescannte schwarze Hand bei Google Books, wo unzĂ€hlige Buchseiten digitalisiert werden, oder ein ominöser Teebeutel, den Rudi Dutschke an die Decke einer Charlottenburger Kneipe pfefferte. Spuren des Alltags, Fingerzeige der Geschichte, Interpretation dessen, was nicht ist und doch ist. Körpersprache, AbdrĂŒcke, FĂ€hrten der Menschheitsgeschichte – ĂŒberall lauern EntschlĂŒsselungsprojekte: Hand und Fuß.

Raoul Schrott fragt Wie Sternbilder entstehen. Unserer ist kein Vorbild fĂŒr einen Sternenhimmel, weil wir unsere Sternbilder aus dritter Hand erhielten. Griechen schauten sich von Babyloniern deren Figuren ab und deuteten sie um; sie gaben deren Göttern und Mythen andere Namen, erfanden neue KunstmĂ€rchen dafĂŒr. Die Römer wiederum ĂŒbernahmen diese hybriden Embleme, gaben sie weiter an arabische Astronomen, ĂŒber die sie im Mittelalter zu uns gelangten. Folge war, daß die Zeichnung der Sternbilder, wie wir sie kennen, nur noch als grobe Etiketten auf den Sternen kleben: irgendein Stern, irgendwo und irgendwie den Kopf oder eine Hand markierend. Kein Wunder, daß wir sie kaum noch wahrnehmen.
Jede andere Kultur, ob historisch oder indigen, ob die alten Ägypter oder Maya, die Maori oder Inuit, hat ihre eigenen Sternbilder detailgetreu aus den Sternen herausgelesen. Doch warum sehen wir ĂŒberhaupt Bilder in den Sternen? Sie sind das grĂ¶ĂŸte Bilderbuch der Menschheitsgeschichte. Die UNESCO erklĂ€rte sie zum unangreifbaren Kulturerbe der Menschheit. Es gilt, den Sternbildern den Rang zurĂŒckzugeben, der ihnen gebĂŒhrt.

PANDEMIE UND ZIVILISATION

Pandemieforscher Alex de Waal, Direktor der World Peace Foundation, fragt in Die Schönheit der Viren nach den Ursachen der Corona-Pandemie: Wie ist das Virus in die Gesellschaft gekommen? Durch Ansteckung, Übertragung durch ein Tier oder einen Laborunfall? Fledermaus oder chinesisches Forschungslabor – eine höchst brisante Frage. „Biologische Waffensysteme sind Kandidaten fĂŒr „normale UnfĂ€lle“. Das gilt auch fĂŒr avancierte virologische Forschung. Virologen geben ungern den ganzen Umfang der Gefahren bei ihrer Forschung zu, vom Sammeln und Transportieren von Proben bis hin zur Laborarbeit und Lagerung. Eine der mit Insistenz vorgetragenen Botschaften der Mikrobiologie besagt, daß wir, um unseren Lebensstil aufrecht erhalten zu können, der Evolution von Pathogenen immer einen Schritt voraus sein mĂŒssen. Um des Menschen Dominanz zu sichern, ist eine immer elaboriertere technische Intervention in die planetare Umwelt erforderlich, vom Klima bis zu den Viren. Doch wenn wir andere Lebensformen als unsere BesitztĂŒmer oder Feinde ansehen, verschreiben wir uns einem Krieg, den wir – so die Logik der Evolution – nicht gewinnen können. Zwei hochgeachtete AutoritĂ€ten, David Morens und Anthony Fauci, geben einen weisen Ratschlag: „Die Wissenschaft wird uns gewiß viele lebensrettende Medikamente, Vakzine und diagnostische Möglichkeiten bescheren, doch besteht kein Grund zu der Annahme, daß dies allein die Bedrohung des Auftretens stets hĂ€ufigerer und tödlicherer Krankheiten bannen kann. COVID-19 ist einer der grellsten Weckrufe seit ĂŒber einem Jahrhundert. Dieses Virus sollte uns dazu zwingen, ernsthaft und gemeinsam nachzudenken ĂŒber ein Leben in schöpferischerer Harmonie mit der Natur.“ Ein Krieg gegen die Krankheit kann so gefĂ€hrlich sein wie der Feind

Im Schatten von Corona war 2020 auch das Hölderlin-Jahr. Der Geburtstag des Dichters jĂ€hrte sich zum 250. Mal. Infolge der PandemiebekĂ€mpfung fielen die meisten Veranstaltungen dazu aus. Die EnttĂ€uschung darĂŒber wurde konterkariert durch die Stilisierung eines Hölderlin-Zitats aus der Patmos-Hymne: „Wo aber Gefahr ist, wĂ€chst / das Rettende auch.“ Es fand sich, halb als Abwehrzauber, halb als Mutmacher, gedruckt auf Atemschutzmasken oder als kunstvolles Tattoo. Hier fand die Begierde nach Rettung symbolischen Ausdruck. Die agency des Coronavirus konfrontiert uns mit einer Weltenkatastrophe unbekannter GrĂ¶ĂŸe. Hier und jetzt erfĂ€hrt die Menschheit eine zeitgleich erlebte, existentielle Bedrohung an Leib und Leben – ein vollkommen neuer Ausnahmezustand. Weil es jeden treffen kann, erleben wir uns ganz unmittelbar als „Sterbliche“, und dies nicht nur als Einzelwesen, sondern als Teil einer in ihrer Existenz bedrohten Gattung. Die Begierde nach Rettung ist stark und ĂŒberall zu spĂŒren; sie darf jedoch nicht nur dem Ende der Pandemie gelten, sonst wĂ€ren wir lediglich zufĂ€llig Überlebende, die ungerettet einem blinden „Weiter-so“ verfallen. Eine schonungslose Konfrontation mit der Wahrheit ist ohne geistige ErschĂŒtterung nicht zu haben. Franz Maciejewski ĂŒber unsere Pandemie-Erfahrung.

Odessa 1975. Mit einem Stipendium in der Tasche, um ihre Diplomarbeit zu schreiben, steckt sich die Ungarin Zsuzsa HetĂ©nyi durch eine frisch erblĂŒhende Liebe zu einem Studenten im Wohnheim mit einer Krankheit an, von der sie nur im mittelalterlichen Kontext gehört hatte: Cholera. Es folgt eine Zeit surrealer Erlebnisse in baulichen Gefilden, die im Sommer als „Irrenhaus“, im Winter als Krankenstation genutzt werden. Mit schwarzem Humor berichtet die Autorin von einem Körper, den sie nicht mehr kennt, nicht mehr beherrscht, in der Fremde, in der Provinz. Von alten Parteikadern bewacht, einer starren sowjetischen Administration geplagt, von Isolation, Desinfektionskellern, Ärzten, Schwestern und Patienten und schließlich jener List, die den ersehnten RĂŒckweg in die Heimat ermöglicht: Mit Chorela in Odessa.

WEITE WELT

„Schon als Kind wollte ich nur fort und sobald ich in einem Alter war, daß ich alleine reisen konnte, war ich auch weg“, mit diesen Worten hat Wim Wenders auch das Programm von Karl Wetzig umrissen, der seiner Sehnsucht nach unbekannten Landschaften nachspĂŒrt: Fernweh, nordwĂ€rts. Aus einer Industriestadt im Ruhrgebiet trĂ€umt er sich in sommerliche Landschaften der Heide, in die borealen WĂ€lder Finnlands, ins Zederngebirge des Libanon, in die WĂ€lder östlich von Schwedens lĂ€ngstem Fluß KlarĂ€lven, doch ist sein Fernhunger nicht gestillt, es zieht ihn hinaus in die Tundra Lapplands ĂŒber Grönland hinweg zum Kanadischen Schild. Nach Eisregen und dichtem Nebel folgen Wanderungen unter kreisenden Weißkopfseeadlern, Schiffspassagen zwischen Belugawalen und in seinen Ohren klingt die kanadische Nationalhymne: Mit glĂŒhendem Herzen sehen wir, wie du dich erhebst, wahrer Norden, stark und frei.

Suzanne BrĂžgger berichtet aus dem Land, das nicht ist. „Erst jetzt wird mir klar, daß ich den Tigris eigentlich illegal ĂŒberquert habe – ĂŒber die humanitĂ€re Grenze gefahren bin, genau wie die NGOs, welche die IS-Gefangenenlager versorgen – und wie wichtig es ist, einen Chauffeur zu haben, der selbst im Krieg gekĂ€mpft hat und die Orte kennt, in denen die Regierung prĂ€sent ist, und sie umfĂ€hrt, damit man nicht in Damaskus im GefĂ€ngnis landet. Ich fahre aus Erbil, Irak, in den syrischen Teil von Kurdistan, Rojava, in „das Land, das nicht ist“ – und bald nicht mehr sein wird –, ein revolutionĂ€res Experiment, als Teil einer sĂ€kularen, feministischen Graswurzel-Konföderation, allseitig unter Druck gesetzt von Polizeistaaten. Aus dem SĂŒden von Syrien, aus dem Norden von der TĂŒrkei. In dem bewachten Hotel in Erbil, Irak, hatte (natĂŒrlich) am heiligen Tag, am Freitag, eine Hochzeit stattgefunden, und die GĂ€ste wurden zur BegrĂŒĂŸung mit einer netten kleinen Dusche empfangen – einer erotischen Mischung aus „Duftender Garten“ und Maschinengewehren. Wenn die Hochzeit als Höhepunkt des Lebens so tief in der Tradition verankert ist, wie hĂ€tte man sich da vorstellen können, daß revolutionĂ€re Frauengruppen den Ehering, der alles bedeutet, aber das Leben in solchem Ausmaß einengt, abschaffen wollten?“ Man kann sich vorstellen, welche Auswirkungen das, was die Frauen in Kurdistan erreichen, auf die ganze Region hĂ€tte, die unter der mangelnden ökonomischen, sozialen, demokratischen Entwicklung leidet, was vor allem darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist, daß die HĂ€lfte der Bevölkerung – die Frauen – durch Beschneidungen, Kinderehen und Analphabetismus in RĂŒckstĂ€ndigkeit gehalten wird.
„Können wir nicht einen ‘NĂŒrnberger Gerichtshof’ gegen den IS einsetzen?“ wird gefragt. Die Menschen fĂŒrchten sich vor den IS-Mitgliedern, die GefĂ€ngnisse und Gefangenenlager sind voll von ihnen, und es gibt keinen Plan, wie es weitergehen soll, wenn sie freigelassen werden. Überall laufen sie ungeniert herum, auf freiem Fuß, mit BĂ€rten und hochgekrempelten Pluderhosen. Doch sie können nicht dorthin zurĂŒck, von wo sie gekommen sind, niemand will sie kennen, kein Land oder Nachbar will sie haben. Sie sind die meistgehaßten Menschen auf der ganzen Welt, die Verdammten dieser Erde, und so wachsen IS-Kinder inmitten von Haß auf. Denn wie die Kurden sagen: Einem arabischen Sprichwort folgend muß ĂŒber vier Generationen gehaßt werden ...“

Der armenische Weltbeobachter Georgi Derluguian nimmt uns mit in den Kaukasus. Der jĂŒngste Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan ist Ausdruck einer geopolitischen Explosion und einer neuen Phase der welthistorischen Entwicklung: „Covid, Brexit, Trump: Der letzte Herbst hatte einiges im Angebot, um die Weltaufmerksamkeit von jenem Krieg abzulenken, der am sonnigen Morgen des 27. September 2020 begonnen hatte. Unmittelbare Kriegsteilnehmer waren die kleinen kaukasischen Nationen Armenien und Aserbaidschan, die um das seit langer Zeit umstrittene Gebiet Bergkarabach kĂ€mpften – so lautete formelhaft die 'unparteiische', in der Nachrichtenflut untergehende Schlagzeile im Westen. Aserbaidschan brachte Erdoğans TĂŒrkei mit und mobilisierte schlechtbezahlte syrische Dschihadisten und teure israelische Drohnen. Pakistan stellte sich auf Aserbaidschans Seite, im Geben und Nehmen fĂŒr die Anerkennung seiner Rechte ĂŒber Kaschmir. Bakus enormes Waffenarsenal, ĂŒber die Jahre aus Rußland importiert, wurde ergĂ€nzt durch moderne Raketen der weißrussischen und tschechischen Artillerie. (...) Zu guter Letzt erfolgte das Eingreifen Rußlands nach 44 Tagen brutaler KĂ€mpfe, als die angeschlagenen Armenier bereits verloren schienen. Am 9. November 2020, als die aserbaidschanischen KrĂ€fte sich darauf vorbereiteten, Stepanakert, die Hauptstadt der Enklave, anzugreifen, stellte Putin ein Ultimatum: Wenn Baku die Operationen nicht einstellte, wĂŒrde Rußland intervenieren. Wenige Stunden spĂ€ter verkĂŒndete er ein Friedensabkommen.“ Dieser Kleine Weltkrieg bedeutet – so der Autor – den Anbruch des Vierten Akts der Moderne.

PHOTOREPORTAGE

Badoom, Myanmar. Tage des Ungehorsams
Regierten in der Vergangenheit Diktaturen das Land, verschwand Myanmar jeweils hinter dem Bambusvorhang. Unter Lebensgefahr erzÀhlen heute einheimische Journalisten der Welt von der eskalierenden Krise und verteidigen dabei dieselben Rechte wie die Menschen auf den Barrikaden. Dramatische Bilder vom Widerstand gegen den Staatsstreich der MilitÀrjunta, von Entschlossenheit, Opfermut und verzweifelten KÀmpfen. Eine Photoreportage

DIE STADT UMBAUEN

Rem Koolhaas ist ein weltberĂŒhmter Architekt und Urbanist. Seine GebĂ€ude stehen in Beijing, Dubai, London und Kuala Lumpur. Seine kosmopolitische Lebensgeschichte prĂ€gte ihn von frĂŒh an: „Mich interessiert mein Leben als Russe, Franzose, Deutscher, EnglĂ€nder, Amerikaner, Chinese, Araber und wie ich in all diesen LĂ€ndern und Kulturen mein Selbst losgeworden bin, was ich dort gelernt habe, wie jede dieser Erfahrung mein Schaffen bereichert hat.“ Was hat sich von Koolhaas’ bahnbrechendem Buch Delirious New York ĂŒber den Bau des fĂŒr die Olympischen Spiele 2008 konstruierten „China Central Television“-Headquarters bis heute geĂ€ndert und warum? „Architektur ist ungeheuerlich in der Art und Weise, wie jede Wahl zur Reduzierung der Möglichkeiten fĂŒhrt. Dies impliziert ein Regime von Entweder-Oder-Entscheidungen, die selbst fĂŒr den Architekten oft klaustrophobisch sind. Architektur ermöglicht und verhindert, nimmt weg. Ihre Mythologie, ihre Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Aura ... Das ist eine paradoxe Ideologie. Sie vermittelt ein erhebendes GefĂŒhl, wenn sich AktivitĂ€ten auf neue Art und Weise arrangieren und kombinieren lassen. Gleichzeitig ist es alarmierend, daß Architektur diese Neuheit „fixiert“, möglicherweise fĂŒr Jahrzehnte. Das ist der Grund, warum ich in den letzten Jahrzehnten immer mehr versucht habe, in unserer Architektur selbst die MentalitĂ€t des Urbanismus gegen die Starrheit der Architektur zu mobilisieren. Denn Architektur friert ein bestimmtes Programm ein und schließt alternative Nutzungen aus. Der Urbanismus ist das Gegenteil: Er antizipiert VerĂ€nderungen, ermöglicht Evolution, verlangt FlexibilitĂ€t.“ Hat er noch Utopien? „FĂŒr mich ist Architektur, die nichts mit utopischen Ambitionen zu tun hat, wertlos. Aber heute gibt es angeblich keinen Raum mehr fĂŒr utopisches Denken. So viele Utopien sind gescheitert, wurden entlarvt, mußten als Alibi fĂŒr schreckliche Verbrechen herhalten. Vielleicht ist Nachhaltigkeit – im Umgang mit der Klimakrise – eine schöne neue Utopie, eine Utopie, welche die unterschiedlichsten politischen Systeme verbinden könnte. Ein kollektiver Traum! Sie mĂŒssen schon weit zurĂŒckgehen, um etwas Ähnliches zu finden“. Ein GesprĂ€ch mit Heinz-Norbert Jocks: Coole Ekstase.

Der französische Architekt Philippe Chiambaretta ist Meisterplaner der elementaren Umgestaltung der Pariser Champs-ÉlysĂ©es bis zum Jahr 2030. In seinen Essays Artefakt und BiosphĂ€re und Urbaner Metabolismus umreißt er Prinzipien einer Architektur der Zukunft. Zum Hintergrund: 1960 lebten drei Milliarden Menschen, 2050 werden es neun Milliarden sein. BehĂ€lt die Erde ihre jetzige Entwicklungsdynamik bei, dann benötigt die Menschheit 2050 gleich zwei Planeten Erde, um ihre BedĂŒrfnisse zu befriedigen; die rĂ€umlich-ökonomische Konzentration der Welt in den Megalopolen verdichtet Reichtum, Macht, Technik, Wissen aus allen Kontinenten auf einem supranationalen Archipel, von dem die Weltökonomie gesteuert wird. Ein Urbanismus der Zukunft erfordert ein neues BĂŒndnis von Gesellschaft und Natur. Es gilt, das Lebendige, das Leben ins Zentrum aller Planungen zu rĂŒcken. Sozial- und Lebenswissenschaften mĂŒssen ineinandergreifen, Nano- und Biotechnologie, Materialanalyse, Umwelt und urbane Funktionen digital vernetzt werden. Es gilt, komplexe VerknĂŒpfungen und Synergien zwischen Artefakten und BiosphĂ€re zu erzeugen. Der Architektur kommt eine neue Verantwortung zu.

Wiederverzauberung: Die Champs-ÉlysĂ©es sollen umgestaltet und wiederverzaubert werden. Das Ereignis der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024, deren Organisation der Stadt Paris unter der Bedingung anvertraut wurde, daß sie diese zum Innovationslabor einer nachhaltigen Stadt macht, bietet die einmalige Gelegenheit, diese Transformation einzuleiten, die Champs-ÉlysĂ©es bis 2030 zum Musterbeispiel einer nachhaltigen, inklusiven und wĂŒnschenswerten Stadt zu machen. „An der Wiederverzauberung eines Gebietes zu arbeiten bedeutet, die Frage nach dem Sein in der Welt zu stellen und zu lernen, die Stimmen, die zum Schweigen gebracht wurden, wieder zu hören.“, so Philippe Chiambaretta

Ihre historische Entwicklung aus den GĂ€rten des königlichen Schlosses von Ludwig XIV durch das Genie AndrĂ© Le NĂŽtres schildert Allen S. Weiss. UrsprĂŒnglich waren die Champs-ÉlysĂ©es eine Avenue, die den königlichen Palast in Paris mit dem Schloß von Versailles verbinden sollte. Diese in Linearperspektive angelegte Zentralachse war Zeichen der Macht, eine symbolische Struktur zur Verherrlichung des Sonnenkönigs. Sie war zugleich EinfĂŒhrung der Moderne in die damals noch mittelalterliche Stadt. Bis dahin galt „Unendlichkeit“ als theologisches PrĂ€dikat zur Beschreibung der transzendenten Attribute Gottes, als Symbol fĂŒr die Unvergleichbarkeit des Menschlichen und des Göttlichen. Mit der Erfindung der Infinitesimalrechnung wurde nun das Unendliche sĂ€kularisiert und der Fluchtpunkt der Linearperspektive zur Manifestation des Unendlichen innerhalb der Welt. In der Avenue vom Schloß des Königs zu den GĂ€rten von Versailles verbinden sich die Geometrie und die Leidenschaften der Seele, Mathematik und Ästhetik: Elysische Felder

Drei GemĂ€lde des belgischen KĂŒnstlers Luc Tuymans setzen sich mit dem Meisterarchitekten der Nazizeit, Albert Speer, auseinander. Vincenzo Latronico motivieren sie zu einer Tiefenanalyse eines Karriereintellektuellen, der als NS-FĂŒhrungsgestalt mit nur 20 Jahren Festungshaft im Spandauer KriegsverbrechergefĂ€ngnis davonkam. Speer hatte sich vor Gericht als genialischen Baumeister und Ästheten ausgegeben, der, ganz hingegeben an seine visionĂ€re Aufgabe, von Konzentrations- und Vernichtungslagern nichts gewußt haben wollte – was sich post mortem als LĂŒge erwies. Nach seiner Freilassung wurde Speer als Autor sogar noch zum reichen Mann. Ist Speer ein singulĂ€res PhĂ€nomen? Oder verkörpert er einen Charaktertypus, der sich aus Ehrgeiz und Eitelkeit jeglicher Macht, jedem Zweck andient? Das Psychogramm eines so kultivierten wie skrupellosen Karrieristen: (K)ein Mann der Zukunft. Über die vielen Bilder des Architekten Albert Speer

Eine Konferenz fĂŒhrt den Architekturhistoriker Tom Leiermann ins „Reich der Mitte“. Er besucht religiöse StĂ€tten, Siedlungen und Industrieanlagen, Metropolen und Naturlandschaften. ZeitsprĂŒnge katapultieren den Reisenden von MassenstĂ€dten und Serienarchitektur ins Kernland der uralten Flußzivilisation. Er rauscht in HochgeschwindigkeitszĂŒgen durch Maisfelder, GebirgstĂ€ler, Steppen und Kohleregionen, die an die industrielle FrĂŒhzeit erinnern, hin zu Gebieten, die noch vom frĂŒhen chinesischen Buddhismus geprĂ€gt sind. Dorfstrukturen, Klöster, Tempel, HĂ€user, Lehmbauten, Höfe und VorgĂ€rten lassen ihn staunen ĂŒber die ÜberlebensfĂ€higkeit konfuzianischer Elemente im hypermodernen China. Das dynamische Land birst vor Spannungen. Doch ist China mehr als ein Land: Die Formeln heißen: „Reich der Mitte“, Heimat der „Söhne des Himmels“, „Spitze der Revolution“, „Kommender WeltmarktfĂŒhrer“. Die Etiketten verĂ€ndern sich, doch etwas bleibt gleich: Die Zugehörigkeit zu einem Kosmos, der schĂŒtzt, verpflichtet, GrĂ¶ĂŸe verspricht. Die Herrschaft des Systems scheint ungebrochen: Bataillone des Himmels.

FILMKÜNSTLER

Der New Yorker Star-Regisseur Martin Scorsese huldigt seinem Vorbild Federico Fellini: Il Maestro. Scorsese wuchs auf in Little Italy, als die Leinwand noch Magie ausstrahlte. Neue Filme kamen unablĂ€ssig aus aller Welt. Ob Godard oder Bertolucci, Antonioni oder Bergman, Imamura oder Ray, Cassavetes oder Kubrick, Varda oder Warhol – jeder riskante Kameraschwenk, jeder tollkĂŒhne Schnitt konnte den Film neu erfinden. Orson Welles, Robert Bresson, John Huston und Luchino Visconti genossen als etablierte FilmfĂŒrsten das umstĂŒrzlerische Treiben ihrer Nachfolger. Im Zentrum all dieser Strahlungen stand wie ein Magier Fellini: La Strada, I Vitelloni, La Dolce Vita, 8Âœ, Amarcord ... So wie Chaplin, Picasso und die Beatles erschien er in persona noch grĂ¶ĂŸer als seine Werke. Einen „Fellini“ anzuschauen war so, als hörte man die Callas in der Oper oder sĂ€he Nurejew beim Tanzen zu. Der Amerikaner Scorsese feiert das kĂŒnstlerische Kino Europas: „Wir mĂŒssen unser VerstĂ€ndnis davon, was Kino ist und was es nicht ist, neu befragen und verfeinern. Fellini muß der Ausgangspunkt dafĂŒr sein.“

Ingmar Bergman meinte: Wenn der Film kein Dokument ist, dann ist er Traum; und darum ist Tarkowski der grĂ¶ĂŸte Filmemacher von allen. Dessen Filmepos Andrej Rubljow, so der New Yorker Kritiker Alex Ross, ist ein Meisterwerk, aus Schlamm gemacht. „Ich hatte das GefĂŒhl, das Rohmaterial der Geschichte vor Augen zu haben, gefiltert durch kĂŒnstlerische Vorstellungskraft.“ Dieses Werk machte Tarkowski berĂŒhmt. Die postapokalyptische Landschaft seines Films Stalker von 1979 schien die Atomkatastrophe von Tschernobyl vorauszusehen, das Attentat auf den schwedischen Premierminister Olof Palme VorgĂ€nge seines Films Opfer Wirklichkeit werden zu lassen. Der Kult um den VisionĂ€r wuchs ins Unermeßliche. Tarkowski galt als Gipfelpunkt sowjetischer Filmkunst – und wurde zum Dissidenten. „Wie oft“, so der Autor, „zogen in mir Motive aus Tarkowskis Werken vorbei, tropfendes Wasser, brennende HĂ€user, Körper, die sich in die LĂŒfte erheben, aus ihrem Innersten leuchtende Landschaften, menschliche Relikte halb von der Natur verschlungen, eine Sonne, die blaß vom Horizont her scheint.“ SĂ©ancen der russischen Seele.

„Davon besessen sein, das war mein Rat“, so Paolo Sorrentino, an alle, die wissen wollten, wie man es schaffe, „Filme zu machen“. In einem ungeschminkten GesprĂ€ch mit Malcom Pagani spricht der Schöpfer von Il Divo und La Grande Bellezza von seiner Obsession, derart „verflixte Filme“ zu drehen, von seinem Willen, einem Kreis von Menschen zu beweisen, daß auch er es könne und zwar „besser“. Revanche, meint er, sei heimtĂŒckisch und befriedigend. Woher rĂŒhrt diese Motivation? Sorrentino gesteht, von frĂŒh auf immer ein wenig langsamer gewesen zu sein als die anderen, fĂŒr alles etwas lĂ€nger gebraucht zu haben. Er spricht ĂŒber Traumata, den frĂŒhen Verlust der Eltern, das jĂ€he Erwachsenwerden, ĂŒber Vorbilder, TrĂ€ume, Filmsets, Kollegen, das KĂŒnstlerleben nach einem Oscar: Das heilige Feuer – Mysterien der Regie.

Der Filmer Heinz Peter Schwerfel erzĂ€hlt von seiner cineastischen Initiation, von Ă€sthetischen und sinnlichen Erlebnissen im magischen Flimmern und von seiner „Erziehung der GefĂŒhle“ durch französische und deutsche Filme der 70er und 80er Jahre. Ob Zelluloid, Video und Digital-Streaming – immer gilt: Der Underground von gestern wird zum Fundament der Gegenwart – was auch heute noch gilt. Doch vermag das Publikum in Zeiten eines digitalen Streamings noch, „zwischen Bildern zu lesen“? Warum pflegt man in Deutschland, im Unterschied zu Frankreich, Film nicht als Kunst? Ein Grund, warum im heutigen Deutschland Kino nicht Kunst sein darf: Man mißtraut ihm, als sei es subversiv, so wie der Staat in den sechziger und siebziger Jahren der zeitgenössischen Kunst mißtraute, solange sie gesellschaftskritisch war. Dabei sind Avantgarde und Underground in der bildenden Kunst des vereinigten Deutschlands lĂ€ngst passĂ©, Kunst schmĂŒckt heute die BĂŒros der MĂ€chtigen, Regierungssitze und die GĂ€nge von Banken und Unternehmen. Immer noch ist jedes Kunstwerk politisch, auch wenn Liberalismus mit Konformismus verwechselt wird. „Kunst liegt immer im Bett der Herrschenden“, nennt das Kunstgeschichtler Beat Wyss. Kino hat in Deutschland seit der Nachkriegszeit nicht einmal das geschafft, es ist nur Kulturgut, sprich gehobene Unterhaltung. Wie erklĂ€rt es sich, daß Politik und Politiker hierzulande ohne wirkliche Liebe zum Kino sind? Eine Zeitreise: Große Leinwand

SPHÄREN UND KLÄNGE

Klaviervirtuosen sind WĂŒrdentrĂ€ger, Reizfiguren oder Idole, manchmal sogar Dissidenten des klassischen Musiksystems; hĂ€ufig pochen sie darauf, unpolitische Musiker zu sein. Sind sie wirklich so politikfern? Innigen Verflechtungen von Piano und Politik spĂŒrt Ulysses Belz nach. Seltsame Umkreisungen gab es: Ferdinand III. von Habsburg vertraute seinem Cembalisten Johann Jacob Froberger geheime diplomatische Missionen an. Johann Sebastian Bach hat vor Friedrich dem Großen zu erscheinen und improvisiert vierstimmige Fugen. Kaiserin Maria Theresia unterliegt dem Charme des sechsjĂ€hrigen Mozart. Liszt spielt in Privataudienzen vor dem Zaren, Königin Victoria, Napoleon III und dem Papst. US-PrĂ€sident Richard Nixon, selbst als Pianist im Fernsehen aufgetreten, gönnte sich 1969 eine Jazz-SoirĂ©e der Extraklasse, bei der er Duke Ellington zu dessen 70. Geburtstag die Presidential Medal of Freedom verlieh. Mit Nixon an Ellingtons FlĂŒgel sang die Jazz-Royalty der Vereinigten Staaten „Happy Birthday to You“ ... Über ungeahnte Verstrickungen von Musik und Politik.

Constantin Floros widmet sich dem Schaffen des ungarischen Komponisten György Ligeti und dessen Durchdrungen-Sein vom Absurden, von der Zivilisationsbedrohung, der Sinnlosigkeit des Daseins und der Unbeholfenheit einer rationalen Lebensweise. Das Irrationale, das VerrĂŒckte, das Unwirkliche jenseits von NormalitĂ€t und kausaler Logik, die Mischung von Komischem und Tragischem sind Ingredienzien jener verrĂŒckten Welten, die er in seiner Oper Le Grand Macabre kompositorisch auf die BĂŒhne brachte.

BRIEFE & KOMMENTARE & KORRESPONDENZEN

Arne Eppers ist Orpheus zugeneigt, jenem mythischen Dichter und „hochgepriesenen Vater der GesĂ€nge“ (Pindar, Pythische Oden), „Mozart der antiken Welt“ (Stephen Fry, Helden). Apollon selbst hat ihm die Lyra geliehen, die er so einzigartig zu spielen versteht, daß er mit Musik und Gesang die WĂ€lder, die Herzen der wilden Tiere und die Steine, die ihm folgen, in Bann zu ziehen vermag. Es gelang ihm, in den Hades hinabzusteigen, nicht aber, seine Geliebte Eurydike aus dem Totenhaus zu befreien. Ironischerweise wird er bald darauf von einem Mob thrakischer Frauen, die ein Fest zu Ehren des Dionysos feiern und sich von ihm abgewiesen fĂŒhlen, erschlagen und verstĂŒmmelt. Urworte. Orphisch heißt ein vor 200 Jahren entstandenes Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, in dem er dem, „was sich hier nur ahnen lĂ€ĂŸt“, klaren Sinn und reine Erkenntnis verleihen will. Über jene besonderen MĂ€chte, die das Leben bestimmen: DĂ€mon, GlĂŒck, Liebe, Not und Hoffnung - ĂŒber das Wollen und Sollen und die Hoffnung als Flucht nach vorn: „Ein FlĂŒgelschlag und hinter uns Äonen.“ Hören Sie Orpheus singen?

Mit kaum einem deutschsprachigen Autor von Rang ist die Literaturgeschichte so ruppig umgesprungen, wie mit August von Kotzebue, so AndrĂ© Georgi in Die vier Tode des August von K. Der Name löst heute noch Beißreflexe aus: Kotzebue, Autor des Trivialen, des RĂŒhrseligen, der falsch-verkitschten Emotionen, der dramatischen Massenproduktion, der dem Publikum nach dem Munde schreibt und nur auf seinen Geldbeutel schielt. Und wenn man noch etwas ĂŒber ihn weiß, dann, daß er 1817 von einem radikalen Burschenschaftler ermordet wurde, und dieser Mord die Restauration in Deutschland eingeleitet hat. Mit nahezu unheimlicher Konstanz waren seine StĂŒcke vierzig Jahre lang erfolgreich und beherrschten die europĂ€ischen BĂŒhnen. Am Ende hatte er rund 230 StĂŒcke geschrieben, Romane, ErzĂ€hlungen, Reiseberichte und mehrere historische Werke. Ein immenser Erfolg also und andererseits eine tiefe Ablehnung, man muß sagen: Haß, der so abgrĂŒndig war, daß Kotzebue nur noch eine Fußnote der Literaturgeschichte ist. Das PortrĂ€t eines Verfemten.

Stephen Eric Bronner analysiert die jĂŒngsten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas. „Israelis und PalĂ€stinenser sind zwei Nationen mit zwei Kulturen und zwei sehr unterschiedlichen Geschichten: der des Kolonisators und der von Kolonisierten. In einer Welt, die es ablehnt, die Logik von Ereignissen zu erforschen, hat der tunesisch-jĂŒdische Denker Albert Memmi uns einiges zu sagen. Sein 'Nero-Komplex' erklĂ€rt, wie Kolonisatoren ein Land ĂŒbernehmen, stolz darauf, die Vorteile der 'Zivilisation' zu exportieren, wĂ€hrend die Kolonisierten sich gegen solche Wohltaten wehren. Bei der Niederschlagung des Widerstands empfindet der 'zivilisierte' Kolonialist eine unbewußte Schuld und zugleich ein Ressentiment gegenĂŒber der Undankbarkeit der Kolonisierten. Die 'Notwendigkeit' der Gewalt mildert die Schuld. Mit jedem Aufstand wird sich daher die UnterdrĂŒckung durch den Kolonisator intensivieren, was zu noch intensiverem Widerstand der Kolonisierten fĂŒhrt – und so weiter. Der BĂŒrgerkrieg bleibt eine Möglichkeit auf beiden Seiten der Barrikaden. Zionistische und palĂ€stinensische Extremisten halten ihr Veto gegenĂŒber jeglichem Friedensplan aufrecht. Fanatische Siedler und orthodoxe religiöse Eiferer in Israel sowie sektiererisch-militante Fraktionen der Hamas und des 'Islamischen Dschihad' in PalĂ€stina können versuchen, jede FriedensbemĂŒhung durch neue Provokationen zu unterlaufen. Der Status quo ist fĂŒr das 'Volk' unhaltbar, fĂŒr Politiker beider Seiten aber wĂŒnschenswert.“ Die Aussichten auf einen dauerhaften Frieden sind dĂŒster: Die Rache ist mein

Dem letzten Meisterdenker TĂŒbingens, dem Religionstheoretiker Heinz KĂŒng, dem „Papst im roten Alfa Romeo“, widmet Sergiusz Michalski seine Korrespondenz und umreißt das WeltbeglĂŒckungspotential der beschaulichen UniversitĂ€tsstadt, in der Persönlichkeiten wie der Philosoph Ernst Bloch, der Philologe Heinz Meier, der Rhetor Walter Jens oder der Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg zu Hause waren. Eine kathederrhetorische Tradition hat TĂŒbingen stĂ€rker geprĂ€gt als andere deutsche UniversitĂ€ten. Und auch jĂŒngere Rhetoren versuchen sich an dem spezifischen TĂŒbinger sprachlichen Duktus zwischen gravitas und Ironie. (...) Der öffentlich-moralisierende Impetus hat der Stadt immer wieder eine Option auf geistige Ausstrahlung verschafft, auch deshalb, weil er auf die historische Tradition der lokalen Versuche einer Weltverbesserung zurĂŒckgreift.

Mit Post-Corona-Schwung stĂŒrzt sich unser Wiener Korrespondent ins hymnische Geschehen: „Raus aus den Federn, rein ins frisch gebĂŒgelte AdamskostĂŒm! Husch, husch, ab in die Sonne – es war Zeit genug zum Nachdenken, zur Selbstfindung, zur Erfindung, Auffindung von uns selbst, unserer IdentitĂ€t, unseres So-und-nicht-anders-Seins, unseres Ichs, des richtigen Lebens im falschen und umgekehrt. Wir sind wieder da, mittendrin im Wie und im Wer: als Individuum und Kollektiv. Wir, das europĂ€ische, das nationale und internationale Menschenmaterial, sind wieder wer, mehr denn je, nicht nur immateriell. Nun heißt es: hinaus in die Welt, als Botschafter der Zivilisation, des europĂ€ischen Gedankens, der humanistischen Ideale, des abendlĂ€ndischen Selbstbewußtseins ... Eben dazu brauchen wir unsere Hymnen, die wir in der Abgeschiedenheit des Inneren angesichts der lebensbedrohlichen Bedingungen des Äußeren wieder richtig gut zu singen gelernt haben, Ton fĂŒr Ton, Wort fĂŒr Wort, zackig und gelockt, mit jeder Faser unseres Herzens.“ Herbert Maurer ĂŒber Tralala und IdentitĂ€t

KUNST

Maia Flore, Anderswo, ĂŒber den Dingen
„Wer am Tag trĂ€umt, wird sich vieler Dinge bewußt, die dem entgehen, der nur nachts trĂ€umt“, meinte Edgar Allen Poe, und auch die Montagen der KĂŒnstlerin ließen sich als inszenierte TagtrĂ€ume lesen. Es geht darum, sich dem Unbekannten zu ĂŒberantworten, dem Spiel der Natur, jenem Zufall, der RĂ€ume hinter den Spiegeln öffnet, die sonst verschlossen bleiben. Es gilt, sich ganz hinzugeben, loszulassen, ja, zu fallen, aber auch, sich zu konzentrieren und sich neu zu sammeln, um neue Posen und Gesten einzunehmen, um etwas zu riskieren und sich vielleicht wiederzuentdecken im Schutz anderer KrĂ€fte, dort, wo Einsamkeit und Stolz und die Macht der Phantasie zu Hause sind, selbstbewußt, ohne Angst vor dem Licht, mit einer Sonne in der Hand.

In diesem Sinne wĂŒnschen wir Ihnen anregende, abwechslungsreiche LektĂŒre und einen guten Start in den Sommer!

Bleiben Sie uns gewogen!

Mit den besten GrĂŒĂŸen,

Lettre International

Die kommende Ausgabe Lettre 141 erscheint Mitte Juni 2023