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Lettre aktuell 3/2020


Lettre International 130 / Neue Ausgabe


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,

erlauben Sie uns darauf hinzuweisen, da├č am heutigen Freitag, den 2. Oktober 2020, die Herbstausgabe von Lettre International 130 erscheint. Das attraktive Heft bringt eine Vielzahl origineller Reportagen, gedankenreicher Essays, temperamentvoller Bekenntnisse und inspirierender Gespr├Ąche, historischer Recherchen, politischer Kriminalgeschichten, erhellender Zeitdiagnosen. Es geht um den virtuosen ├ťberlebensk├╝nstler Virus, um den Eigensinn der traumatisierenden Natur, um Bildungshunger, um K├╝nstliche Intelligenz, politische und kulturelle Kollisionen, Gewalt und Geschichte, Leben und Schreiben, Pandemie und B├╝hne, Dionysische Wissenschaft und vieles andere. Der K├╝nstler Mark Lammert wickelt Lettre in die Trikolore und es erwarten Sie weitere gedanken- und bildstarke Interventionen.

ENTFREMDUNGEN / MEDITATIONEN

K├Ânig Virus ergreift das Wort in Robert Sch├Ânlaus Noppenball: Er ist ein optimal ausgestatteter Akteur, wehrhaft und angriffslustig, jederzeit bereit anzudocken, ein Wesen ohne Stoffwechsel, Wachstum und Reizbarkeit, jedoch voller Fortpflanzung und Vererbung. Dieser Vertreter eines h├Âchst wandlungsf├Ąhigen V├Âlkchens ist ein Meister im Kopieren, ein ├ťberlebensk├╝nstler, der ├╝ber den Versuch des Menschen, seiner Herr zu werden, nur schmunzeln kann. ÔÇ×Euch Menschen gibt es, gro├čz├╝gig gesch├Ątzt, gerade erst seit 300.000 Jahren, die Mikroben immerhin seit 3,5 Milliarden Jahren und uns noch ein bi├čchen l├Ąnger. Wir waren schon im Urschleim.ÔÇť Die Fastenpredigt eines scheinbar unbesiegbaren Champions an den Menschen, der lernen mu├č, mit einem gef├Ąhrlichen ├ťberlebensk├╝nstler auszukommen. Ein ungew├Âhnlicher Perspektivenwechsel.

Bei seiner Erforschung der Materie, des K├Ârpers, des Gehirns und der Kommunikation hat der Mensch Elementareinheiten entdeckt, die ihn an absolute Grenzen f├╝hren: Atom ÔÇô Gen ÔÇô Neuron ÔÇô Bit, kleinste Einheiten, deren technologische Aktivierung in Kernenergie, Gen- und Biotechnik, k├╝nstlicher Intelligenz und digitaler Informationstechnik stattfindet. Fukushima und Tschernobyl hei├čen die Symbole daf├╝r, da├č bei Nutzung dieser Erkenntnisse ein Umschlag in die Katastrophe jeder Zeit m├Âglich ist. Die Erkundung der Grenzen des ├äu├čersten geht mit gro├čen Freiheitsversprechen einher, doch aus extremer Freiheit kann wildeste Knechtschaft entspringen, wie die Dystopie einer digitalen Totalkontrolle der Massengesellschaft vor Augen f├╝hrt. Wer verf├╝gt ├╝ber Big Data; wer beherrscht die Clouds; wer programmiert die Algorithmen? Mu├č der Mensch seine Rolle als Herr und Meister der Natur aufgeben? G├Âtz Gro├čklaus ├╝ber das prometheische Feuer und den Eigensinn der traumatisierten Natur.

Fragen zur Ethik k├╝nstlicher Intelligenz stellt Roberto Simanowski: Wird der Mensch seine Erfindungen in Zukunft noch selbst beliebig steuern und verwenden k├Ânnen, oder erf├╝llt sich die Prophezeiung des Sch├Âpfers der ÔÇ×Gaia-TheseÔÇť, James Lovelock, der ein Zeitalter der Hyperintelligenz heraufkommen sieht, in der das Anthropoz├Ąn abgel├Âst wird von einem Novoz├Ąn, in dem eine anorganische Hyperintelligenz das Regime auf der Erde ├╝bernimmt? Ein fiktives Gespr├Ąch ├╝ber die Dilemmata der k├╝nstlichen Intelligenz und die R├╝ckkehr ins Paradies.

Rainer Willert widmet sich jedermanns Sache und doch nicht jedermanns Sache: unseren Ausscheidungen. Wie Fremde treten die Menschen ihren ureigensten Produkten gegen├╝ber, seit man in anst├Ąndiger Gesellschaft ÔÇô au├čer Tr├Ąnen ÔÇô keine K├Ârpererzeugnisse mehr erw├Ąhnt. W├Ąhrend schl├╝pfrige Bettgeschichten durch alle Medien wabern, wird der ├Âffentliche Umgang mit unseren allt├Ąglichsten und vertrautesten K├Ârpersubstanzen dezent ignoriert, vernehmlich jene, die dem nat├╝rlichen Drang zur sachdienlichen Entleerung von Blase und Ged├Ąrm entspringen. Die K├╝nste allerdings zeigen uns immer schon und immer wieder neu, welchÔÇś gro├čes Potential jenes abgelehnte Fremde birgt, welchÔÇś sch├Âne Fr├╝chte uns die Besch├Ąftigung mit dem verleugneten K├Ârperkosmos bescheren, welchÔÇś gro├če Chance, sich kreativ zu verewigen, uns daraus erwachsen kann: Schei├če.

ÔÇ×Weltbetrachtung war den Philosophen Einb├╝rgerung in die Welt, der Blick nach oben zum gestirnten Himmel. Wenn aber die Sterne funkeln, ist es hier unten, am Boden, im Staub des Weltalls dunkel,ÔÇť so Hannes B├Âhringer in seinen Meditationen ├╝ber die Sohlen und den Boden, ├╝ber die Philosophiegeschichte und die Lebensformen, ├╝ber Sokrates, der barfu├č umherzugehen pflegte und die Bescheidenheit eines selbstwu├čten Nichtwissens: Staub und Sterne

BILDUNGSHUNGER

ÔÇ×Verbindet sich mit der Institution Universit├Ąt heute noch eine Vorstellung von Aufkl├Ąrung und Bildung? Wenn nicht, wo finden wir sie dann?ÔÇť so lautet die Preisfrage des diesj├Ąhrigen Essaypreises der Klaus und Renate Heinrich-Stiftung. Der preisgekr├Ânte Essay von Christoph Paret, Schiffbruch ohne Zuschauer, erforscht die Misere der real existierenden Universit├Ąt und fordert eine grundlegende Umorientierung. Von einer renommierten Institution ohne Inspiration, die geistige L├Ąhmung ausstrahlt, mu├č die Universit├Ąt wieder zu einem Ort ├╝berraschender Erkenntnisse und gef├Ąhrlicher Gedanken umgestaltet werden. Es gibt keine Ersatzinstitution, die ihr Verschwinden aufwiegen k├Ânnte. Also mu├č sie gerettet werden.

KOLLISIONEN ... USA SCHWARZ / WEISS

Amerika ist in Aufruhr und seit dem brutalen Erstickungstod von George Floyd durch das m├Ârderische Vorgehen wei├čer Polizisten rei├čen die Antirassismusproteste nicht ab. Rassismus war es, den Barack Obama als die Urs├╝nde der amerikanischen Gesellschaft bezeichnete, einer Gesellschaft, die aus Protest gegr├╝ndet worden war. Ohne die hoffnungsvoll-protestantische Tradition des Dissenses w├Ąre die politische Revolution in den amerikanischen Kolonien nicht m├Âglich gewesen. Die Beseitigung der Kluft zwischen Sein und Sollen durchzieht die Kulturgeschichte der USA. Seit ihrer Gr├╝ndung stehen die machtkritischen Ideale der Revolution in stetem Konflikt mit der Wirklichkeit politischer Institutionen. Immer wieder wurden die USA von sozialen Protesten und Reformbewegungen, von Demokratisierungswellen erfa├čt, deren Ziel die ├ľffnung des politischen Systems war, im Sinne des ÔÇ×American CreedÔÇť. Zu diesem Nationalglauben z├Ąhlen Werte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Individualismus, Konstitutionalismus und Rechtsstaatlichkeit. G├Âtz-Dietrich Opitz zeichnet in seinem Essay We CanÔÇÖt Breathe die gro├čen Linien und Konfliktstrukturen und ihre aufeinanderfolgenden Entwicklungswellen nach, aber er betont mit Samuel Huntington: ÔÇ×Ein politisches System, das prinzipiell offen ist f├╝r Reform, ist auch offen f├╝r Gegenreform.ÔÇť Die Zyklusschwankungen zwischen Fortschritt und R├╝ckschlag k├Ânnten sich allerdings so intensivieren, da├č sie sowohl Ideale als auch Institutionen zu zerst├Âren f├Ąhig sind und in der Folge zum N├Ąhrboden werden f├╝r steigende Frustration und eine zunehmend gewaltt├Ątige Oszillation zwischen Moralismus und Zynismus. Wohin treibt Amerika?

Der amerikanische Politikberater Stephen Eric Bronner skizziert in Die gespaltene Nation die Geschichte des wei├čen Nationalismus in der gespalteten amerikanischen Nation. Zwei Seelen wohnen in der amerikanischen Brust, und der Kampf zwischen beiden reicht zur├╝ck bis zur Geburt der Nation. Schon die widerspr├╝chlichen Ansichten mancher Gr├╝ndungsv├Ąter, welche die Sklaverei bef├╝rworteten und pers├Ânlich davon profitieren, war Ausdruck einer Trennungslinie zwischen F├Âderalisten, die eine moderne, zentralisierte Nationalregierung favorisierten und Anti-F├Âderalisten, welche die r├╝ckst├Ąndigeren, landwirtschaftlich gepr├Ągten W├Ąhler repr├Ąsentierten. Die gro├če Debatte ├╝ber die Frage der Gleichberechtigung einerseits und die wei├če ├ťberlegenheit andererseits, der Konflikt zwischen egalit├Ąren Idealen und faktischen Vorherrschaften durchziehen die letzten zwei Jahrhunderte. Wei├čer Nationalismus in seinen Erscheinungsformen des institutionellen RassismusÔÇś, der Ungleichheit im ├Âffentlichen Leben, der Vertreibung der Native Americans von ihrem Land, der Arbeitssklaverei vieler Schwarzer, die Verweigerung von Bildung, Ausgrenzung im Alltag, Angst vor Lynchjustiz haben eine lange Geschichte. Und wei├če Nationalisten betrachten die amerikanische Geschichte nach wie vor als die Geschichte der wei├čen Amerikaner. Und auch heute noch schwelt die Glut des wei├čen Nationalismus. Wie dessen Klischees sind auch seine Anh├Ąnger unverw├╝stlich und gro├če Br├Ąnde erscheinen nicht ausgeschlossen.

R├ęgis Debrays sarkastische Polemik Reiht euch ein! wirft eine Frage auf, die schon Simone Weil 1943 gestellt hatte: W├╝rde Europa nach dem Krieg eine Amerikanisierung erfahren, w├╝rde die Welt sich amerikanisieren und die Menschheit damit ihre Vergangenheit verlieren? Ist es nicht genau das, was mit dem Siegeszug des globalen Kapitals, der Musik, des World Wide Web geschieht? Heute, so der Autor, findet eine kulturelle Achsenverschiebung statt, und eine ÔÇ×gl├╝ckliche AmerikanisierungÔÇť ist bereits zur stillen Kraft und zweiten Natur Europas geworden. Es handelt sich dabei um eine Art zu denken, zu sprechen, zu tr├Ąumen, zu handeln. Er seziert die Zeichen der Abl├Âsung europ├Ąischer Traditionen durch amerikanische Verkehrsformen. Mit Chateaubriand meint er: ÔÇ×Man mu├č die Welt, die kommt, nicht lieben, um sie kommen zu sehen.ÔÇť M├╝ssen wir uns mit der Welt, die kommt, arrangieren? Gibt es wirklich kein Entkommen? Ein Wachruf.

Andrej Smirnovs packender Spielfilm Ein Franzose in Ru├čland nimmt uns mit nach Moskau, in die Hauptstadt des Weltkommunismus. Mit Stalins Tod 1953 war dort die Eiszeit vorbei und im anbrechenden Tauwetter versp├╝rte man ├╝berall neue Lebensfreude, Wahrheit, Licht und Hoffnung. Das Leben vibrierte, bis eine neue Frostperiode anbrach, erinnert sich der Slawist Georges Nivat. Wie fern sie ist, die Utopie, von der Ru├čland tr├Ąumte, durch die es sich n├Ąhrte und mit der es sich vergiftete! ├ťberdauert sie noch in einem geheimen Winkel? Hat sie einen Platz in einem Land, in dem sie mehr Verw├╝stungen als irgendwo sonst in Europa angerichtet hat? Nachdem sie Generationen von m├Ânchischen Priestern des ÔÇ×FortschrittsÔÇť als geistige Nahrung gedient hat, ist sie im Despotismus zugrunde gegangen. Und das Ende dieses Despotismus hat die Utopie und den Dialog ├╝ber die Zukunft nicht wiederzubeleben vermocht. Aber welche Gesellschaft kann ohne einen Lichtstrahl der Utopie ├╝berleben? Setzt diese t├Âdliche Entropie heute, lange nach dem Sturz des Kommunismus, ihre Zerst├Ârungen fort? Man kann es bef├╝rchten, denn ohne Dialog kann sich kein Land seine Zukunft vorstellen, und keine kollektive Zukunft l├Ą├čt sich ohne einen Lichtstrahl der Utopie gestalten: Lufthauch der Freiheit.

Als Anfang 2018 in Europa Millionen digitale Uhren zweimal drei Minuten zur├╝ckfielen, wurden Stromverluste f├╝r diese Vorf├Ąlle verantwortlich gemacht. Der Balkanexperte Alexander Clapp ging den Ursachen dieser mysteri├Âsen Ereignisse nach. Seine Recherchen f├╝hrten ihn nach Mitrovica ins ÔÇ×GanglandÔÇť im Norden des Kosovo, dem j├╝ngsten Staat Europas. Die Einwohner der einst bl├╝henden Minenstadt Mitrovica, die unter Kontrolle einer Mafia steht, die sich als politische Partei maskiert, m├╝ssen f├╝r Strom hier nicht zahlen. Deshalb brummt das Kryptomining, das Sch├╝rfen von digitalem Geld, das fast ├╝berall sonst durch die immensen erforderlichen Stromkosten unrentabel ist. Clapp taucht ein in die entlegenen Grenzgebiete zwischen Serbien und dem Kosovo, einstmals Vorzeigegebiet jugoslawischer Eisenerzminen, sp├Ąter Kriegsgebiet, heute in der Jagd nach Bitcoins vereint: Electric Crypto Balkan Acid Test.

GEWALT UND GESCHICHTE

Mitte bis Ende der drei├čiger Jahre: Es ist die Zeit des Spanischen B├╝rgerkriegs und auch der Moskauer Prozesse. In dem kleinen beschaulichen Dorf Barbizon bei Paris haust ein finsterer Fremder in einer verrufenen Villa. Besch├╝tzt von Sch├Ąferhunden, umgeben von einigen Gehilfen. Ein Russe, ein alter Verschw├Ârer, wie er sich nennt, der eine neue kommunistische Internationale im Sinn hat. Der vormalige F├╝hrer der Roten Arbeiter- und Bauernarmee Ru├člands sucht hier Asyl, Leo Trotzki und war Stalins H├Ąschern in der Sowjetunion ├╝ber Fluchtstationen wie Odessa und Istanbul nach Paris entkommen. Die Indiskretion ├╝ber seine Anwesenheit entflammt die Presse und die franz├Âsische Regierung betreibt seine Ausweisung. Trotzki flieht durch Europa, zuletzt nach Norwegen, von wo aus er nach Mexiko entkommt. Sein Sekret├Ąr und einige seiner Unterst├╝tzer bleiben vor Ort, um in Br├╝ssel die Gr├╝ndungskonferenz der Vierten Internationale vorzubereiten. Geheimagenten und Auftragskiller von Stalins Tscheka machen sich aus dem Barcelona des Spanischen B├╝rgerkrieges auf den Weg, um ihr Werk zu verrichten. Eine Schl├╝sselfigur verschwindet spurlos vom Erdboden. Etwas sp├Ąter entdecken Spazierg├Ąnger ein im Flu├č treibendes Paket, darin ein Torso, der zu dem Verschwundenen pa├čt. Ein politischer Thriller entrollt sich. Der Historiker-Detektiv Philippe Videlier rekonstruiert das Geschehen nach der ÔÇ×Methode MaigretÔÇť: Die Spur verfolgen, Stunde um Stunde, ohne auf unmittelbaren Erfolg zu hoffen. Agenten, Verschw├Ârer, Revolution├Ąre in einer politischen Kriminalgeschichte, einer fesselnden historischen Reportage voller Enth├╝llungen: Wie Klement verschwand.

Zu Unrecht vergessene Schicksale der Nazi-Zeit ruft Thomas Poeschel mit seinen Gebr├╝der Olden in Erinnerung. Seine Entdeckungen f├╝hren ins linksliberale Intellektuellen- und K├╝nstler-Milieu der 1920er und -30er Jahre in Wien und Berlin. Der Journalist Rudolf Olden und sein Bruder Balder als Romancier konnten ihre Haut im letzten Augenblick durch Flucht ins Prager Exil retten, kurz nach dem Reichtagsbrand am 28. Februar 1933. Seit den 20er Jahren hatten Balder und Rudolf Olden als brillante Publizisten fr├╝hzeitig vor der faschistischen Machtergreifung gewarnt, sektiererische Verschw├Ârungstheorien und atavistische Tatbereitschaft sichtbar gemacht, Feme und politischen Mord angeklagt, gezeigt, wie Fanatismen und Massenpsychosen erbl├╝hen, Heils- und Geheimlehren um sich griffen. In einer Biographie hatten sie Hitler als kollernden Truthahn karikiert und vor dem ÔÇ×tiefen StaatÔÇť der Weimarer Republik gewarnt. Beiden trachteten die Nazis nach der Machtergreifung 1933 nach dem Leben. Rudolf Olden und seine Frau ertrinken 1940 im Atlantik, als ihr Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert wird. Balder Olden stirbt 1949 in Montevideo, fast die gesamte Familie war spurlos verschwunden, von den Nazis ausgel├Âscht. Die Gebr├╝der Olden zahlten f├╝r ihren Widerstand den h├Âchsten Preis.

Den Namen Italiens nicht nur auf den Lippen, sondern auch im Herzen trugen Giuseppe Garibaldi, seine Frau Anita und sein Freiwilligenheer, das am 2. Juli 1849 von der Piazza San Giovanni in Rom aufbrach, um die nationale Einheit des Landes zu erk├Ąmpfen. Im Geist der europ├Ąischen Revolutionen von 1848 gegen die ├ľsterreicher und die Franzosen, gegen den Vatikanstaat und das K├Ânigreich Neapel versammelten sich Tausende, um den Traum vom Nationalstaat gegen die fremden Besatzer zu realisieren. Tim Parks folgt den damaligen Wegen und Pfaden des Idealisten und Abenteurers, durch Berge und T├Ąler, Ebenen- und K├╝stengebiete. Im Erleben des Italiens von heute erinnert er an Garibaldis Kampf um die Herzen und Gem├╝ter seines Volkes. Das Unternehmen scheiterte, viele seiner Gefolgsleute bezahlten es mit ihrem Leben. Garibaldi entfloh ins Exil, doch kam 1860 zur├╝ck; sein neuer Feldzug fegte das alte Regime hinweg und schuf das geeinte Italien: Auf Garibaldis Spuren.

LEBEN UND SCHREIBEN

Am Beispiel des Auftauchens, Erbl├╝hens und Vergessenwerdens des Schriftstellers Wolfgang Hildesheimer verfolgt Christan Linder die Entwertung der Schreibkunst und des dichterischen Nimbus. In den Nachkriegsjahrzehnten fieberten Leser grandiosen literarischen Erfindungen entgegen und erwarteten B├╝cher, die auf poetische Weise T├╝ren zur Erkenntnis ihrer Zeit ├Âffneten. Heute wird ohne Unterla├č geredet, doch ist es, als spr├Ąche eine Leere, als k├╝ndige sich ein wortloses Zeitalter an, in dem nichts dem alles ├╝berflutenden L├Ąrm noch Schweigen gebieten k├Ânnte. Als taumele die Menschheit durch ein Labyrinth, dessen Eingang, Ausgang und Struktur keiner kennt und welches wir Geschichte nennen. Ob es bald keine Leser mehr geben wird? Das Ende von etwas. Ein gro├čer Essay ├╝ber den Abschied von der Geste des Schreibens.

DAS VIRUS AUF DER B├ťHNE > ZWEI POLYPHONIEN

├ťber Nacht bringt ein Virus die B├╝hnen auf der Welt zum Erliegen. Was aus theaterhistorischer Sicht kaum mehr sein d├╝rfte als ein Aper├žu in einer ├╝ber zweieinhalbtausendj├Ąhrigen Geschichte, trifft ganze H├Ąuser und viele Einzelne mit ungeheurer Wucht. Vielfach kreuzten sich bereits die Wege von Epidemie und Theater. Antonin Artaud tr├Ąumte im 20. Jahrhundert von einer B├╝hne, die ├Ąhnliche Entgrenzungen bewirkte wie jene Pest, welcher der Magister Faust schon als junger Mann begegnet war. Eine Erfahrung, die ihrerseits Voraussetzung seiner Wette mit Mephistopheles und des sp├Ąteren Geschehens ist. Oder die Pest in Theben, die K├Ânig ├ľdipus veranla├čt, einen lange zur├╝ckliegenden, blutigen Vorfall aufzukl├Ąren. Eine Ermittlung, die Nachbeben im Seelenleben der freudianischen Moderne hervorrufen sollte. Die kurze Zusammenschau zeigt, da├č dem Theater etwas Unersch├╝tterliches zu eigen ist, das die Kraft besitzt, sich den kleinen wie den gro├čen Katastrophen der Menschheit entgegenzustellen. Was ist nun den Theaterschaffenden in dieser Pandemie widerfahren? Wie hat die Krise in ihr k├╝nstlerisches Werk eingegriffen? Wie erfahren sie die dramatisch ver├Ąnderte Welt? Und wie stellen sie sich ein Wiedererwachen der B├╝hnen vor? Zwei internationale Umfragen versuchen, dieser Erfahrung nahezukommen.

HERZSCHLAG VERLANGSAMT

In einer weltumspannenden Aktion haben die New Yorker Theatermacher Bonnie Marranca und Frank Hentschker Regisseure, Schauspieler, Leiter von Ensembles um Statements geben: Sahar Assaf, Schauspielerin, Regisseurin aus dem Libanon, Meredith Monk, Komponistin, S├Ąngerin aus den USA, Aristide Tarnagda, Regisseur aus Burkina Faso, Grzegorz Jarzyna, TR Warszawa aus Polen, Milo Rau, Regisseur aus der Schweiz, Richard Schechner, Schriftsteller, Regisseur aus den USA, Guillermo Calder├│n, Dramatiker, Regisseur aus Chile, Jalila Baccar, Schauspielerin aus Tunesien, Peter Sellars, Theaterregisseur aus den USA, Anna Lengyel, PanoDrama aus Ungarn, Amir Nizar Zuabi, Dramatiker, Regisseur aus Pal├Ąstina, Edouard Elvis Bvouma, Regisseur aus Kamerun, Hermine Yollo, Schauspielerin aus Kamerun, Kris Verdonck, Regisseur aus Belgien, Anne Bogart, Regisseurin aus den USA, Eugenio Barba, Odin Teatret aus D├Ąnemark.

VERST├ľRUNGEN

Das Experiment Verst├Ârungen des Theaterdenkers Marek K─Ödzierski pr├Ąsentiert Stimmen aus der COVID-19-Krise von zahlreichen B├╝hnenk├╝nstlern. Romeo Castellucci verweigert sich, Krzysztof Warlikowski meditiert in einem Dorf, Barry McGovern ist in Dublin alleine zu Hause, Silvia Costa bannt ihre ├ängste durch n├Ąchtliche Zeichnungen, Krystian Lupa ├╝berdenkt in Asyl und Quarant├Ąne die literarischen Konzepte von Kafkas Proze├č, Sebalds Austerlitz und Thomas Bernhards Ausl├Âschung und Heldenplatz. Auf Gotland lenkt Karl Dun├ęr seine kreative Energie ins Skulpturale, Robert Scanlan studiert irische Poesie. Zu Wort melden sich auch Natalie Ringler aus Stockholm, Lucas Margarit aus Buenos Aires, Zoe Hutmacher aus New York oder Fabienne Tr├╝ssel aus Bern. ÔÇ×Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit denken wir an das Ende unserer eigenen Spezies. Es wird einem bewu├čt, da├č das Verschwinden n├Ąherr├╝cktÔÇť, so Romeo Castellucci.

ASYL UND QUARANTÄNE

Vom permanenten Katastrophenzustand in New York, Vilnius, Marienbad, Theresienstadt und Krakau und seinen inneren Beunruhigungen erz├Ąhlt der polnische Regisseur Krystian Lupa. Das Empfinden eines unheilverk├╝ndeten Traums bef├Ąllt ihn in den Wochen des Lockdowns. Momente der Panik, der undefinierten Katastrophe, ein Gef├╝hl des Irrealen, ein Arsenal phantastischer Motive, ausgel├Âst von einer noch nicht genau identifizierten Seuche zieht sein Leben in Bann. Es ist ihm, als w├╝rde pl├Âtzlich ein schizophrener Regen niedergehen, der sich in einer gro├čen, stehenden Pf├╝tze sammelte und das Wirklichkeitsempfinden ver├Ąnderte. Die Epidemie ist f├╝r ihn ein Katalysator gesellschaftlicher Umw├Ąlzungen, in der ausgrenzende Denkweisen und das Schaffen von Feindbildern, das Selbstwertgef├╝hl heben. Und er ist Beschleunigung gesellschaftlicher Regression und Entwicklung hin zu einer inhumaneren und zynischeren Gesellschaft. Lupa schildert, wie er durch seine theatraliche Arbeit an Kafkas Proze├č, Sebalds Austerlitz und Thomas Bernhards Ausl├Âschung und Heldenplatz die psychischen Dimensionen von Auflehnung und Autoaggression, Hoffnung und Absurdit├Ąt, aufr├╝hrerischer Energie und nihilistischer Ohnmacht zu erschlie├čen versucht. Epiphanien aus Asyl und Quarant├Ąne.

DIONYSISCHE WISSENSCHAFT

Was auch immer die Zukunft bereith├Ąlt ÔÇô ohne Erdsystemforscher, Planetologen, Meteorologen, Atmosph├Ąrenchemiker ÔÇô wird sie kaum zu meistern sein. Wer aber einen Blick auf das Geb├Ąude des wissenschaftlichen Theaters wirft, das Bertolt Brecht mit Hilfe seiner Referenzfigur Galileo Galilei entwarf, stellt fest, da├č es in die Jahre gekommen ist. Wo Brecht die Beherrschung der Natur preist, stellt sich heute die Frage, ob deren Ausbeutung tats├Ąchlich von jener des Menschen zu trennen ist. Frank M. Raddatz betreibt dionysische Wissenschaft und entwirft die Architektur eines wissenschaftlichen Theaters des 21. Jahrhunderts, das auf jenem Terrain siedelt, auf dem Brecht seine theoretischen Bauten errichtete und das zugleich deren epistemologische Grenzziehungen deterritorialisiert. Auf welchem Fundament w├Ąre ein Theatermodell zu gr├╝nden, das die Verlagerung von einer politischen ├ľkonomie hin zu einer politischen ├ľkologie ├Ąsthetisch einl├Âst: Aktanten-Theater. Vom Naturausbeutungsmodell zu erdsystemischen Zukunftshorizonten

BRIEFE & KOMMENTARE

Regina Hilber sagt Adieu, Hipster zum Antagonisten des Nonkonformisten, einem Allesversteher, ├╝bersensitiv, ├╝berverst├Ąndnisvoll, ├╝berdiplomatisch, der sich begn├╝gt, seinem selbstgebauten Zeitgeist zu entsprechen, eine neue H├Ąuslichkeit zu pflegen und froh ist, nicht dem Prekariat anzugeh├Âren. Das Sensibilisierungsbarometer f├╝r eine spie├čige Gesellschaftsgruppierung.

Michael T. Klare sieht Robotergener├Ąle kommen. S├Ąmtliche Komponenten eines modernen Generalstabs ÔÇô die Planung von Schlachten, Informationsbeschaffung, Logistik, Kommunikation und Entscheidungsfindung ÔÇô sollen zuk├╝nftig, neuesten Pl├Ąnen des US-Genralstabs zufolge, an ein komplexes Netzwerk aus Sensoren, Computern und Software ├╝bertragen werden. All das soll in ein ÔÇ×System der SystemeÔÇť, ein milit├Ąrisches Internet der Dinge, integriert werden. Die Kriegsf├╝hrung wird automatisiert. Schlachten, die sich fr├╝her ├╝ber Tage oder Wochen entwickelten, werden zuk├╝nftig in Stunden oder Minuten geschlagen werden und dabei werden solche Mengen von Daten ├╝ber das Schlachtfeld aus derart vielen Quellen generiert, da├č Stabsoffiziere davon ├╝berfordert w├Ąren. Nur hochentwickelte Computer, sagt man, k├Ânnten so viele Informationen verarbeiten und im erforderlichen Zeitfenster Entscheidungen treffen.

Constantin Floros sp├╝rt der geistigen Dimension von Beethovens Musik nach und einer Kraft, die den Geist zu st├Ąrken, die Seele zu aktivieren und das Bewu├čtsein zu sch├Ąrfen vermag: Ein Archetypus bei Beethoven

Den poetischen Geographen Iain Sinclair hat es nach Br├╝ssel verschlagen. Er ist Guy Vaes auf den Spuren. Dieser war ein gl├Ąnzender Autor, Nachtwanderer; ein Kenner von Vorst├Ądten und Badeorten au├čerhalb der Saison. Immer auf der Suche nach Gehwegen, wo ÔÇ×das Anderswo Fu├č gefa├čt hatteÔÇť. Ein Psychogeograph, der sich den Situationisten oder Surrealisten geistesverwandt f├╝hlte. Er durchstreifte zwielichtige Gegenden, um Echos von Arthur Conan Doyle oder Thomas De Quincey aufzusp├╝ren. Der leidenschaftliche London-Durchwanderer Sinclair reist nach Br├╝ssel, besucht Waterloo und Antwerpen auf Spurensuche nach dem brillanten, zuwenig bekannten Schriftsteller.

Herbert Maurer aus Wien f├╝hlt sich den sprachlichen Hoheitsverwaltung ├ľsterreichs innig verbunden. Die Wiener Amtssprache bietet seit Jahrhunderten R├╝ckhalt, sie ist sozusagen die Geheimsprache, die das ├ťberleben der Menschen garantiert und den Sinn ihres Lebens vermittelt. Wer kein Beamter ist, kann bei der Lekt├╝re von Akten oder Amtsbriefen die Gewissenhaftigkeit des Staates f├Ârmlich erriechen. So hat sich auch unter den schwierigeren B├╝rgern die Tradition einer ÔÇ×InkassoprosaÔÇť herausgebildet, nach dem Motto: ÔÇ×Ich bin zahlungswillig, aber nicht zahlungsf├Ąhig ÔÇô ich danke f├╝r Ihre Bem├╝hungen und werde die Sache umgehend einer L├Âsung zuf├╝hren, soweit es meine Mittel erlauben."

Andrea Porcheddu aus Rom beschreibt das etablierte italienische Theater in seinem Verh├Ąltnis zur politischen Macht entweder als Komplize oder in v├Âlliger Opposition. Doch es gibt zudem eine in ihren k├╝nstlerischen Formen v├Âllig freie alternative B├╝hne, die in der Begegnung mit dem Anderen die Chance zur Erneuerung des Theatermachens sucht. Dieses Theater baut Theaterbr├╝cken f├╝r die Polis. Br├╝cken ├╝ber das Mittelmeer nach Afrika. Br├╝cken ├╝ber die sozialen Klassen hinweg. Br├╝cken zur ├ťberwindung individueller und kollektiver Grenzen. Man baut mit theatralischen Mitteln an einer neuen Gemeinschaft und setzt auf die Wahrheit. ÔÇ×Theater ist die beh├╝tete L├╝ge, die wir als Wahrheit darstellen. Die Trag├Âdie ist der Wahnsinn. Und Trag├Âdie ohne Wahnsinn ist Wahnsinn. Trag├Âdie ist das Synonym von Wahrheit, weil sie vom Tod spricht. Nur der Tod sagt die Wahrheit. Nur der Tod, die Kinder und die Wahnsinnigen.ÔÇť, sagt dazu Theodoros Terzopoulos aus Griechenland.

Ich war viele Jahre nicht hiergewesen. Das Private war halbwegs wiederhergestellt, ab und zu ein paar Thujen, gestutzte Hecken, Z├Ąune aus Eisenstangen, hier und da Putz in Farben, die den Augen wehtaten, aber das waren Inselchen in einem Meer aus uralten Zeiten, einem Meer von Gr├╝n. Das Staatliche dagegen war in permanentem Zerfall begriffen. Zerbr├Âckelter Beton, schiefe Pfosten, schwarze, resignierte Kabel, die knapp ├╝ber der Erde hingen, verzweifelte Br├╝cken, Bahnarbeiter, v├Âllig durchn├Ą├čt von einem Wolkenbruch in der Pampa, ohne jede Abschirmung, postindustrielle Ruinen, die von der Natur vereinnahmt wurden, verrostetes Eisen; eine still und langsam gequ├Ąlte Materie, aus der normalerweise Dinge geschaffen werden, die den B├╝rgern und der Gesellschaft Schutz bieten. Nur Kirchen und Kl├Âster standen hier und da auf den H├╝geln. Frisch gestrichen, herausgeputzt, mit Goldblech beschlagen. Andrzej Stasiuk ├╝ber seine Reise von der rum├Ąnischen Grenze durch die Karpatenukraine nach Norden. ÔÇ×Irgendwas pa├čte nicht zusammen in dieser Landschaft.ÔÇť

KUNST

Mark Lammert

ÔÇ×Das philosophische Pingpongspiel zwischen den franz├Âsischen Denkern Alain Badiou und Jean-Luc Nancy verstr├Âmte, nachdem es 30 Jahre unterbrochen und im Jahr 2016 bei einer Konferenz in Berlin wiederaufgenommen worden war, anregende Heiterkeit in einer Atmosph├Ąre gener├Âsen Gedankenaustauschs, und der Dialog wechselte zwanglos zwischen den Sprachen. So bot es sich an, dessen gedruckte Version zweisprachig abzuschreiben. Die bei dieser handschriftlichen Transkription hervorgehenden Zeichnungen verstehen sich nicht als Illustration, sondern nehmen eine Arbeitsweise wieder auf, die bereits ein f├╝r die Veranstaltung geschaffenes Plakat gepr├Ągt hatte. Von den bemalten Knochen des Museumsdieners Eug├Ęne Petitcolin aus dem Mus├ęe Fragonard an der ├ëcole v├ęt├ęrinaire in Paris aus dem 19. Jahrhundert bis zu Motiven aus Epidaurus spielen die Arbeiten die europ├Ąischen Farben aus. Das geschah in Hotelzimmern in Peking, Schanghai und Taiwan. Und das machte Sinn.ÔÇť Mit der Trikolore spielen

Wir w├╝nschen Ihnen spannende und inspirierende Lekt├╝re!

Wir machen weiter. Gerade jetzt!

Bleiben Sie uns gewogen!

Mit den besten Gr├╝├čen,

Lettre International

Die kommende Ausgabe Lettre 143 erscheint Anfang Dezember 2023