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Lettre aktuell 4/2022




Lettre International 139 / Neue Ausgabe


 

Verehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde,

heute, am 8. Dezember 2022, erscheint mit der Nr. 139 die Winterausgabe von Lettre International und liegt ab sofort im Buchhandel, am Kiosk, an Bahnhöfen und FlughĂ€fen und ab Verlag fĂŒr Sie bereit. Brisante Themen und profunde Texte erwarten Sie, begleitet vom malerischen Figurentheater Anna Boghiguians, deren historische Protagonisten uns durchs Heft navigieren. „Time of change“ ist der Titel ihrer zeichnerischen Serie, und den VerĂ€nderungen unserer Zeit sind auch zahlreiche TextbeitrĂ€ge des Heftes gewidmet. Der verheerende Krieg Rußlands gegen die Ukraine ist ein uns alle zutiefst beschĂ€ftigendes Thema, ein höchst gefĂ€hrliches und uns alle existentiell betreffendes Ereignis. Wie schon im Sommerheft Lettre 137 versuchen einige anspruchsvolle Texte, HintergrĂŒnde und Ursachen des Geschehens zu interpretieren. Wir wĂŒnschen fesselnde und bereichernde LektĂŒre!


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UND DAS ERWARTET SIE / UNSER KURZMENÜ

+++ ABSCHIED Einer seiner letzten Texte Jean-Luc Nancy: Des Atems beraubt, begleitet von einer kurzen EinfĂŒhrung von Emmanuel Alloa: Zu Jean-Luc Nancys „Être soufflĂ©â€œ +++ KRIEG UND FRIEDEN Georg Witte: Das Verhör +++ Oksana Timofejewa: Butscha ist ein Spiegel +++ Ksenia Golubovitch: Wanderer sein ... Tolstoi und die Erfahrung der Gewalt in der russischen Geschichte +++ Philippe Videlier: Stelldichein in Kiew +++ KLASSIK UND AVANTGARDE Alfred Brendel: Goethe und Beethoven +++ FM Einheit: Maschinenmusik +++ Peter Brötzmann: Mister Machine Gun +++ Jean FrĂ©mon: Geburt, mit drei Zeichnungen von Louise Bourgeois +++ Sergio Benvenuto: Jean-Luc Godard +++ ERKUNDUNGEN Anne-Felicitas Görtz: Kairos Katzen +++ Jean Malaurie: Neugeboren. Mit dem Hundeschlitten allein durch die nĂ€chtliche Arktis +++ Jan Borm: Malauries Weg +++ Suzanne CĂ©saire: Tropen – Große Maskerade +++ Michael Ostheimer: Die Stimme des Styx +++ WEGBEREITER RĂŒdiger Görner: Der FĂŒlle ein Horn +++ Suzanne BrĂžgger: Henry Miller – Rosafarbene Kreuzigung +++ Nedim GĂŒrsel: Sait Faik in Istanbul+++ FASCHISMUS Pedro BarcelĂł im GesprĂ€ch mit Alexander Kluge: Spanischer BĂŒrgerkrieg +++ Alexander Kluge: Der spanische Posten und Dr. Cervix +++ BRIEFE & KOMMENTARE & KORRESPONDENZEN Johannes Balve: Benjamins Moskauer Tagebuch +++ Carl von Siemens: Liebe machen in ErdöbĂ©nye +++ Ulysses Belz: Kleine Diktatoren-Revue +++ Herbert Maurer: Quantensprunggymnastik +++ Piero SalabĂš: Poesie und Dritte Landschaft +++ KUNST & PHOTOGRAPHIE Anna Boghiguian: Time of Change und Martin Bogren: Passenger.


DES ATEMS BERAUBT

In seinem berĂŒhrenden Text konfrontiert uns der Philosoph Jean-Luc Nancy mit einer dĂŒsteren Diagnose unserer welthistorischen Situation. „Wir sind des Atems beraubt, und diese Atemlosigkeit findet nichts anderes zu sagen als dies: Man wird Lehren ziehen mĂŒssen aus dem, was also geschehen hatte können. Doch dieser Imperativ, der uns immer und ĂŒberall eingehĂ€mmert wird, verbirgt die Tatsache, daß wir in bezug auf die Zukunft völlig unwissend sind. Dieses Nichtwissen ist neu fĂŒr uns und lĂ€ĂŸt uns erstaunt zurĂŒck: Wir waren derart daran gewöhnt, ZukĂŒnfte zu projizieren, daß wir seit drei oder vier Jahrhunderten im Vertrauen auf einen Fortschritt lebten. Einen nicht nur technischen, sondern auch sozialen, moralischen oder, alles in allem, zivilisatorischen Fortschritt. Heute erscheint uns unsere Vergangenheit jedoch wie aufgeblasen: aufgeblĂ€ht von illusorischen Befriedigungen. ‘Morgen wird alles bessergehen’, diese Parole des Modernismus erlaubt nichts anderes mehr zu erwarten als immer schlimmere Morgen. Unsere genetische Ausstattung Ă€ndert sich. (...)
Es fehlt uns an Luft, das heißt an Denken, an jenem Denken, mit dessen Hilfe der Geist das Undurchdringliche erkennt. Atemlos staunend verharren wir vor dem, was uns ĂŒbersteigt ... Was bleibt? Vielleicht nichts. Oder vielleicht die Spur eines Hauchs: ‘Du hast deinen Wohlgeruch verströmt, ich habe den Hauch eingesogen und seufze atemlos nach dir.’“
Emmanuel Alloa, Freund Nancys, schildert die Vorgeschichte dieser traurig-testamentarischen öffentlichen Intervention des großen Philosophen.


KRIEG UND FRIEDEN

Dem Umgang mancher deutscher Intellektueller mit dem Ukrainekrieg widmet sich der Dichter und Slawist Georg Witte. In offenen Briefen, Waffenstillstandsappellen, in Interviews, Artikeln, Talkshows, Radiopodcasts versucht man vielfach, die Ukrainer im Gestus aufklĂ€rerischer Argumente zur Kapitulation zu bewegen. „Wiederholt wurde von deren Verfassern betont, es gehe nicht um eine Delegitimierung des ukrainischen Widerstands, sondern nur um einen Appell an westliche EntscheidungstrĂ€ger, sich fĂŒr Verhandlungen einzusetzen. Die Implikation war, daß wir, in Deutschland, uns nicht einem, zwar irgendwie ‘verstĂ€ndlichen’, aber nationalistisch beschrĂ€nkten, das Schicksal der Welt mißachtenden Kampfeswillen der Ukrainer andienen dĂŒrfen. Das Kernproblem dieses Kriegs ist fĂŒr diesen Diskurs nicht der russische Terror, sondern der ĂŒbertriebene Widerstand. Die Ukrainer erscheinen wie ein Volk der Lemminge, das sich, unbeeindruckt durch ethische Universalien wie dem Schutz des individuellen Menschenlebens, haßtrunken in einen kollektiven Selbstmord stĂŒrzt – und die ganze Welt gleich mit hineinreißt. (...) Die Blindheit gegenĂŒber den terroristischen Exzessen russischer MilitĂ€rstrategie ist dabei erschreckend. Ein Journalist fĂŒhrt im Oktober 2022 in einem Literaturhaus ein lĂ€ngeres GesprĂ€ch mit einer ukrainischen Schriftstellerin. Es wird live im Radio ĂŒbertragen. Die Dechiffrierung des minutiös protokollierten Dialogs ergibt: Angesichts des realen Terrors und unter methodischer Ausblendung dieses Terrors wird die Rede der Opfer des Terrors angegriffen, mit Untertönen der Arroganz der Klugen gegenĂŒber den Naiven. Und eine paradoxe Form des Zynikers tritt in Erscheinung – des Zynikers im Gewand des Moralapostels. Das Verhör. Ein hochspannendes Protokoll

Oksana Timofejewa interpretiert die Gewaltexzesse der russischen Armee in Butscha als Zeichen der Agonie eines Imperiums, das verzweifelt gegen seinen Untergang kĂ€mpft. Freud identifizierte den Todestrieb als Ursprung des Krieges und der Faschismus funktioniert in Übereinstimmung damit: Eine spezifische Konfiguration aus Macht und EigentumsverhĂ€ltnissen, die sich als Nation ausgibt, versucht sich zu behaupten, indem sie ein anderes Objekt als Ziel ihrer (auto-)destruktiven Triebe auswĂ€hlt. Rußlands Krieg macht seinen Nachbarn zum Objekt von Aggression und Zerstörung. „Man könnte in Anlehnung von Freuds Theorie sagen, dass das ehemalige Imperium versucht, sich selbst zu erhalten, indem es seinen Todestrieb in eine militĂ€rische Aggression gegen sein Nachbarland Ukraine transformiert. Zu diesem Zweck ist der Despot bereit, die gesamte Bevölkerung in den Tod zu schicken.“ Butscha ist ein Spiegel. Die apokalyptischen TrĂ€ume des Imperiums im Bluttheater des Krieges

Um die Konvulsionen der Gewalt zu verstehen, die vom heutigen Rußland ausgehen, muß man sich, so die russische Philosophin Ksenia Golubovitch, seine Geschichte der Gewalt vor Augen fĂŒhren, von der Oktoberrevolution bis zum Trauma des Verlusts der Sowjetunion und der Wiederkehr des starken Staates mit den Kriegen gegen Tschetschenien und Georgien, ĂŒber die Eroberung der Krim und dem Angriff auf die Ukraine. Die Autorin spannt den Bogen auf zwischen Leo Tolstois Diagnose der Gewalt und Swetlana Alexijewitschs Befund vom Ende des Roten Menschen. Gewalt hat den neuen Sowjetmenschen im Griff, umgibt ihn ununterbrochen und ĂŒberall, Gewalt als eine Art Spiralstruktur, die die Person einhĂŒllt. Vom Soldaten zum General, vom Informanten zum Henker reguliert Gewalt das Handeln als Erfordernis der Zeit, als Notwendigkeit und Ordnung. Bereits bei Tolstoi ist Gewalt ĂŒberall zu finden, er sah sie als wesentliches Element der Gesellschaftskonstruktion, aber es ist noch weitgehend eine persönliche Gewalt: Und mit dem Verschwinden von Aristokratie und Klerus, mit dem Versinken der alten Welt, erklimmt die Gewalt des Staates die BĂŒhnenmitte. In eine Zeit nach dem verbrecherischen Massenterror konnte die Sowjetunion nie vollstĂ€ndig gelangen. Man kultivierte das Schweigen ĂŒber die Vergangenheit, um der Scham zu entgehen. In der postsowjetischen Gesellschaft wurde Gewalt nicht verarbeitet, sondern zum Trauma der Existenz, wie bei den aus dem Gulag entlassenen Gefangenen: eine Form des Alptraums, der nie zu Ende geht. Wanderer sein ... Leo Tolstoi und die Erfahrung der Gewalt in der russischen Geschichte

Der Historiker Philippe Videlier fĂŒhrt in einer archĂ€ologischen Szenenfolge durch die Geschichte Kiews und der Ukraine. Kiew galt als „Rom des Nordens“, gar als Rivalin Konstantinopels, die Stadt strotzte vor christlichen Heiligen und legendĂ€ren Ereignissen. Kiew war ein Brennpunkt ideologischer Schlachten und Lebenszentrum von Protagonisten der Revolutionsbewegung. Leo Trotzki, Alexandra Kollontai, Nestor Machno traten auf diesem Schauplatz in Erscheinung. Es begann mit dem Generalstreik vom 8. MĂ€rz 1917, es folgte die Abdankung des Zaren. Ein revolutionĂ€rer Zentralrat ĂŒbernahm die Macht, im Dezember 1917 erklĂ€rte Lenin die Anerkennung einer unabhĂ€ngigen Republik Ukraine. Die Truppen des deutschen Kaisers intervenierten und setzten als Statthalter den adligen General Pawlo Skoropadsky ein. Im Gegenzug erwartete Deutschland Weizen, Zucker, Speck und GemĂŒse. Die ukrainischen Bauern revoltierten, die Bolschewiken eroberten Kiew, die rote Revolution strahlte aus auf Europa, die Welt schielte auf das aufgewĂŒhlte Kiew. Französische und britische Interventionen folgten. Das Land erlebte 14 Machtwechsel. Alle Hoffnungen zerstoben im BĂŒrgerkrieg zwischen den Roten und den Weißen und im Stalinismus der Moskauer Prozesse: Stelldichein in Kiew – Revolutionsversuche in der Ukraine nach dem Ende der Belle Époque


KLASSIK UND AVANTGARDE

Der Pianist und Musikessayist Alfred Brendel entwirft ein faszinierendes DoppelportrĂ€t: Goethe und Beethoven. Er widmet sich den Gemeinsamkeiten und WidersprĂŒchen der beiden Genies an der Grenze von Klassik und Romantik. Gemeinsam war ihnen der Ruhm zu Lebzeiten, die Weite ihres Ausdrucksvermögens, die Breite ihrer Interessen. Goethe huldigte dem Ideal einer Universalpoesie, schwĂ€rmte fĂŒr die Kunst der Antike, verehrte Mozart und postulierte die Unantastbarkeit der Natur, deren Inbegriff in der Literatur ihm Shakespeares Geschöpfe waren. Beethovens Musik stellt seine liebende Anteilnahme an der Natur mit WĂ€rme vor uns hin, doch als Leitvorstellung seines Lebens hat ihn die Freiheit viel stĂ€rker beschĂ€ftigt. „Goethe ergreift im Streit zwischen ‘Natur- und FreiheitsmĂ€nnern’ Partei fĂŒr die ersteren.“ Goethe geht es eher um die Freiheit des einzelnen, Beethoven um die der zukĂŒnftigen, der utopischen Menschheit. Die SingularitĂ€t beider beruht auf einer kaum begreiflichen Vielfalt. „Beide lebten sie in einer Zeit historischer und kĂŒnstlerischer UmwĂ€lzung. Goethe, aber auch der um eine Generation jĂŒngere Beethoven, verehrte Napoleon, dem Goethe DĂ€monie zuschrieb. Napoleon hatte Goethes Werther nach seiner eigenen Auskunft siebenmal gelesen. WĂ€hrend Beethoven seine Widmung der Dritten Symphonie an Napoleon zerriß, als dieser sich zum Kaiser ausrief, bewunderte Goethe ihn auch weiterhin. (...) Die patriotische Begeisterung, die Napoleon in Deutschland auslöste, hat Goethe nie geteilt.“

FM Einheit, einst Mitglied der Avantgarde-Kultband EinstĂŒrzende Neubauten um SĂ€nger Blixa Bargeld, hat in dreißig Jahren ĂŒber 150 Theatermusiken komponiert. 1987 wandten sich die Neubauten dem Theater zu und standen bei Peter Zadek auf der BĂŒhne, kooperierten mit Heiner MĂŒller und dem Rundfunk der DDR. FĂŒr das DĂŒsseldorfer Schauspielhaus entwirft FM Einheit Soundlandschaften. Als Bildhauer der KlĂ€nge verfĂŒgt er ĂŒber ein opulentes Archiv der GerĂ€usche, das es ihm erlaubt, BĂŒhnenszenarien mit Klangwelten der Großstadt zu verweben. Sequenzen unseres akustischen Alltags zerlegt er in kleinste Bestandteile, montiert sie zu Collagen, die das darin gebundene Potential akribisch freilegen. Der Musiker erlĂ€utert im GesprĂ€ch mit Frank M. Raddatz, wie sein ƒuvre aus Tonspuren eine Silhouette der Gegenwart entwirft und verborgene ZukunftsrĂ€ume akustisch auslotet: Musikmaschinen. Die Montage der BĂŒhnensounds und die ArchĂ€ologie der KlĂ€nge

Peter Brötzmann ist die Symbolfigur des deutschen Free Jazz. Der 1941 geborene Musiker löste in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik einen Schock aus. Sein entfesseltes Saxophon, sein Trio mit dem Pianisten Fred van Hove und dem Schlagzeuger Han Bennink schrieb Jazzgeschichte. Im GesprĂ€ch mit Helmut Böttiger und Ulrich RĂŒdenauer schildert er seinen Aufbruch aus einem Deutschland voller Adenauer-Staub und BĂŒroleichen in die explosive Welt des Jazz, geprĂ€gt von amerikanischen Musikern wie John Coltrane, Charlie Mingus, Miles Davis oder Thelonious Monk. Es waren wilde Zeiten, auch in der Politik, es gab Vietnam, es gab die politischen Morde in den Staaten. Er hatte Cage gelesen, verehrte Charles Ives. Brötzmann war rebellisch, wollte weg von Museumskult und Ausstellungskram und suchte eine freiere Art des Ausdrucks. Seine Platte Machine Gun war der Höhepunkt dessen, was spĂ€ter „die Kaputtspielphase“ genannt wurde, man versuchte, alle Parameter, die bis dahin GĂŒltigkeit gehabt hatten, zu vermeiden und zertrĂŒmmerte sie dabei. Brötzmann steht fĂŒr eine Problematik der spĂ€ten sechziger Jahre, die noch heute aktuell ist: Politische und Ă€sthetische Befreiungsbewegungen drifteten auseinander. Seine RadikalitĂ€t ließ Brötzmann zum bekanntesten Avantgardisten des deutschen Free Jazz werden: Mister Machine Gun. Helmut Böttiger bringt die innovatorischen Energien des KĂŒnstlers zur Sprache.

Ein Maler wird von einem Domherrn beauftragt, ein Bild Jesu, eine Geburt Christi, anzufertigen, auf einer einzigen Tafel, denn Bilder seien eindrĂŒcklicher als Schrift. Der Domherr betonte: die Freude der Fleischwerdung. Christus und Geschlecht scheinen einander auszuschließen. Das Wort „SĂŒnde“ hĂ€lt sie voneinander fern. Das erste ist frei davon, das zweite davon durchdrungen. Darum wĂ€re ihre Koinzidenz in einem Bild ein starkes Zeichen, um zu ĂŒberraschen und die Sinne zu berĂŒhren. Jean FrĂ©mon ĂŒber die HintergrĂŒnde eines nackten Jesus in der Malereigeschichte: Geburt. Begleitet von drei eindrucksvollen Zeichnungen von Louise Bourgeois.

Der Psychoanalytiker Sergio Benvenuto liebt und verehrt Jean-Luc Godard. Was faszinierte die Baby-Boomer-Generation so ĂŒber alle Maßen an Godard? Was ließ diesen unzugĂ€nglichen Eigenbrötler zur kĂŒnstlerischen Ikone einer ganzen Generation werden? Seine filmischen Errungenschaften und Stilmittel – Brechtsche Verfremdung, VerstĂ¶ĂŸe gegen die filmische Grammatik, eine Parodie des PopulĂ€ren, ein Cinema povero und die Schönheit der Schauspielerinnen, die Klarheit, die Schimpftiraden, der Primat des Signifikanten –, bewirken sie noch einen kreativen Widerhall im heutigen Kino? Und welche jĂŒngeren Filmregisseure kommen Godard am nĂ€chsten? „Charme und Grenze von Godards Kino liegen darin, daß er die Welt verĂ€ndern wollte, wĂ€hrend er ĂŒber sie lachte. So legte er jenes Scheitern bloß, das in uns den Genuß erzeugt: Die Kunst der Moderne ist die köstliche Ergebung in ihre Zwecklosigkeit.“


ERKUNDUNGEN

Kairo: 22 Millionen Einwohner und ein ungebrochenes rasantes Wachstum. Tauben und Katzen sind Ureinwohner der Ă€gyptischen Hauptstadt, und Anne-Felicitas Görtz folgt ihnen auf ihren StreifzĂŒgen am Nil durch Gassen, GĂ€rten, Bazare und andere Reviere. Sie streunen durch den Souk, belagern GĂ€rten und Villen, leben unter BrĂŒcken, am Nil, auf Friedhöfen, in Gassen und HĂ€userschluchten. Kairo birgt tausend Welten. Die 5000 Jahre alten Steine, die Mauern und TĂŒrme der Fatimiden-, Mameluken-, Khedivenzeit, die Pariser Haussmann-Alleen von 1863, die BauhausentwĂŒrfe und sozialistischen Monumentalbauten, die monotonen WohntĂŒrme der funktionalen Moderne, die ĂŒber die alten Viertel hinausragen, und die gigantischen Planungen fĂŒr immer neue Stadtviertel am Rande der Stadt, gekrönt von den hybriden Bauten einer völlig neuen Regierungsstadt vor den Toren der alten ... Was gehen diese Wechsel der VerhĂ€ltnisse die Katzen an? Nichts. Doch kennen sie die Stadt wie niemand sonst. Ihnen folgend entdecken wir das wahre Kairo und seine gigantischen VerĂ€nderungen: Kairos Katzen. StreifzĂŒge am Nil durch Gassen, GĂ€rten, Bazare und andere Reviere

Am 12. Dezember 2022 feiert der große Arktisforscher Jean Malaurie seinen hundertsten Geburtstag. In seiner autobiographischen Reportage erinnert sich der Ethnologe der Inuit-Kultur an seine Initiationsreise ins tiefe Grönland und eine dramatische, einsame Hundeschlittenfahrt durch die eisige arktische Nacht. Letzte Vorbereitungen werden getroffen, die Schmetterlingspuppe will sich befreien, das Ich und sein DoppelgĂ€nger entschließen sich zu einem unwiderruflichen Wagnis in schwarzer Nacht. Der junge Arktisforscher setzt alles auf eine Karte. SchlĂ€gt alle Warnungen in den Wind. Die erfahrensten Mitglieder der Inuit-Gemeinschaft geben sich ungerĂŒhrt angesichts des extrem gefĂ€hrlichen Unterfangens und unkalkulierbaren Risikos fĂŒr den Neuling aus Frankreich, der seine Bestimmung sucht. Es geht los. 16 Hunde sind eingespannt. Leithund Paapa wird zum einzigen Vertrauten durch Schnee, Eis und Finsternis. SchneewĂ€nde, WolkenschwĂ€rme, GletscherwĂ€nde – ĂŒberall droht Lebensgefahr. Das Schicksal des tollkĂŒhnen Novizen liegt in der Erfahrung und Entscheidungskraft seiner Hunde. Über den Beginn eines Forscherlebens: Neugeboren. Mit dem Hundeschlitten allein durch die nĂ€chtliche Arktis. Überlegungen von Jan Borm zu Jean Malauries Lebensweg begleiten den Text.

Eine stĂŒrmische LiebeserklĂ€rung an die Tropen verfaßt Suzanne CĂ©saire, die sich dem GlĂŒhen des tropischen Überschwangs von Martinique ergibt. „Hierzulande entzĂŒndet sich das Leben an einer lodernden Vegetation, hier, auf diesen warmen Böden, wo sich die geologischen Arten erhalten haben, wo die Pflanzen Leidenschaft und Blut in ihrer primitiven Struktur verankerten, kommen alarmierende Signale aus den turbulenten HĂŒften der TĂ€nzerinnen. Hier nehmen gefĂ€hrlich schwankende Lianen verfĂŒhrerische, luftige Posen ein, um die AbgrĂŒnde zu becircen; mit zitternden Fingerspitzen klammern sie sich an dem keinen Halt bietenden, kosmischen Beben fest, das aus den von Trommelwirbeln erfĂŒllten NĂ€chten emporsteigt.“ Große Maskerade

Michael Ostheimer reist durch Griechenland, wie magisch angezogen von einem mythischen Ziel. In Hermann PĂŒckler-Muskaus SĂŒdöstlichem Bildersaal liest er von einer „Winterreise im Gebirge des Peloponnes“ und einer Begegnung des Autors mit seinem Objekt des Begehrens: den Wassern des Styx. Oft war er dem Unterweltsfluß bei LektĂŒren begegnet, nun lĂ€ĂŸt ihn der Gedanke nicht mehr los, selbst ins Chelmos-Gebirge zu reisen, um sich den grausigen Wassern zu stellen: „Du mußt dich um dein Totsein kĂŒmmern!“ Seine Entscheidung fĂŒhrt ins Gebirge nach Kalavryta, dem Ort einer Massenerschießung als SĂŒhnemaßnahme gegen Partisanen, Schauplatz des grĂ¶ĂŸten einzelnen Massakers der Deutschen Wehrmacht in Griechenland und zugleich einer GedenkstĂ€tte fĂŒr das Niederbrennen des Ortes. Die dunklen Wasser des Styx verweigern sich ihm zuletzt, doch eine Reise zur Kykladeninsel Paros befreit ihn von der Erdenschwere. Ein Museum des vordigitalen Zeitalters, der Parische Marmor, eine BĂŒste des Archilochos, die Überreste einer Tempelanlage, der Zauber des Meeres, einer Landschaft und heiliger StĂ€tten versöhnen sich in einer kathartischen Hochzeit aus Kultur und Natur. „Jetzt könnte ich fliegen!“

Die AnfĂ€nge des schwedischen Photographen Martin Bogren finden sich in der Reportagephotographie. Als er in den 1990er Jahren die Band The Cardigans bei Auftritten begleitete, entwickelte sich seine persönliche poetische Handschrift, die seinen ungeduldigen Wunsch offenbart, der Langeweile zu entfliehen und ein Woanders zu entdecken. Als stummer Zeuge nĂ€hert er sich seinen Sujets als subtiler, wohlwollender Beobachter und verbindet einen dokumentarischen Ansatz mit visionĂ€ren Projektionen. Wir zeigen Passenger – ein Photoportfolio aus Kalkutta.


KÜNSTLERISCHE WEGBEREITER

RĂŒdiger Görner entziffert im RĂŒckblick auf 1922 Facetten unseres heutigen Kulturbewußtseins: Der Krieg war vorbei, die Nachhut der Vorkriegsavantgarde machte mobil. Albert Einstein wurde 1922 der Nobelpreis verliehen, Alban Berg hatte die Komposition seiner Oper Wozzeck abgeschlossen, Oswald Spengler veröffentlichte seine Welthistorischen Perspektiven als zweiten Band von Der Untergang des Abendlandes. 1922 begrĂŒĂŸte T. S. Eliots und Rilkes Jahrhundertdichtungen, sah Virginia Woolfs Durchbruch zum perspektivierten PortrĂ€troman Jacob’s Room und die mythentrĂ€chtige Analyse eines Tages im Leben des Dubliners Leopold Bloom: James Joyces Ulysses. 1922 war auf Zukunft bedacht. Doch Walther Rathenau war bereits ermordet worden und Mandelstam hörte schon die „FlĂŒgel der anbrechenden Nacht“ rauschen, ahnte das Aufkommen des TotalitĂ€ren: Der FĂŒlle ein Horn, Sternstunden literarischer Befindlichkeiten – Erinnerungen an 1922

„Hier wohnt ein alter Mann. Das Beste, was du tun kannst, ist, weiterzugehen und ihn in Ruhe zu lassen.“ Dies stand neben der Klingel, als die dĂ€nische Schriftstellerin Suzanne BrĂžgger in Pacific Palisades, Los Angeles, den damals vierundachtzigjĂ€hrigen Schriftsteller Henry Miller besucht. „Nach einer Weile kam ein kleiner kahlköpfiger Mann in einem rosa Pyjama hinter einem Rollator angetaumelt, der auf die alten Tage den Mut aufzubringen schien, wie ein Kind zu sein. ‘Wir sind Seelenverwandte, findest du nicht?’, sagte er.“ Es kommt zu einem GesprĂ€ch ĂŒber Literatur und Leben zwischen der Feministin und dem Mann, der die Frauen liebte, vor allem ĂŒber Millers skandalöse Romantrilogie Sexus, Plexus und Nexus. „Der Dichter Rimbaud, eines von Millers Vorbildern, betrachtete seinen Wahnsinn als heilig, weil dieser seine FĂ€higkeit als inspirierter Beobachter kanalisierte. Miller war besessen von Systematik, von der Vorstellung eines allwissenden Überblicks. Zugleich sind seine BĂŒcher – alle autobiographisch – ein unĂŒbersichtlicher, ungleichmĂ€ĂŸiger stream of unconsciousness, als wĂ€ren sie von einem Hirn geschrieben, das mit einem Hammer zerschmettert wurde wie ein Diamant. Das ist Millers Beschreibung von Nietzsches Hirn! Und doch stĂ¶ĂŸt man in seinem Werk auf steinharte, leuchtende Passagen. Er ist ein Dichter des Herzens, aber wenn er am klarsten ist, schreibt er kĂŒhl.“ FĂŒr Miller darf es zwischen ihm als Dichter und als Mensch keinen Gegensatz geben, obwohl die Übereinstimmung zwischen Fiktion und Wirklichkeit eine an Wahn grenzende Obsession ist. FĂŒr Miller war entscheidend, daß Geist und Blut miteinander verbunden waren. FĂŒr ihn war ein Buch ein Strom aus Worten, der mit der Wirklichkeit verbunden war. Das PortrĂ€t eines Freigeists der Literatur: Rosafarbene Kreuzigung, Komödie und Tragödie des Lebens – Besuch bei Henry Miller 1976

Der Schriftsteller Nedim GĂŒrsel erinnert an Fait Saik, einen legendĂ€ren EinzelgĂ€nger der tĂŒrkischen Literatur aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Saik grollt der Masse, die er „Trambahnstraßenmenschen“ nennt, er ist schĂŒchtern und reizbar, emotional zerrieben zwischen homosexuellem Begehren und den Restriktionen seiner Zeit, er versucht, seine Angst vor Istanbul zu besiegen, fĂŒr ihn die Hauptstadt der Einsamkeit und des Schmerzes. Mehr noch als Walter Benjamins Flaneur gleicht er dem „Untergrundmenschen“ bei Dostojewski, der sich in seinem Schneckenhaus verkriecht. Er versucht, dem Impuls zur Selbstaufgabe zu widerstehen. Seinen spĂ€ten literarischen Ruhm konnte er nicht mehr genießen: Sait Faik in Istanbul. Das Leben eines Außenseiters, den die Einsamkeit zum Dichter machte


FASCHISMUS

Über Lektionen des Spanischen BĂŒrgerkriegs unterhĂ€lt sich Alexander Kluge mit dem spanischen Historiker Pedro BarcelĂł. Dieser Spanische BĂŒrgerkrieg von 1936 bis 1939 bestĂ€rkte den Aufstieg des Faschismus in Europa. Alle MĂ€chte, die sich daran beteiligten, haben ihn als Experimentierfeld in unterschiedlichsten Brechungen benutzt, er ist zum Kristallisationspunkt fĂŒr die europĂ€ische Politik in der ersten Phase des 20. Jahrhunderts geworden; die demokratischen Staaten, die am meisten Grund gehabt hĂ€tten, die noch junge, zerbrechliche, bedrohte Republik und ihre Regierung zu unterstĂŒtzen, haben es, vielleicht aus Angst vor Hitler und seinem schon mĂ€chtigen Deutschen Reich, nicht getan. Das wurde fĂŒr die Republik verhĂ€ngnisvoll, es wurde eine Katastrophe in einem Laboratorium fĂŒr den großen europĂ€ischen BĂŒrgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg. Ein Blick zurĂŒck und eine Warnung vor gewissen Wiederholungen. Das PortrĂ€t einer erfolgreichen faschistischen Revolte: Spanischer BĂŒrgerkrieg. Ein SchlĂŒsselkonflikt des 20. Jahrhunderts neu bedacht.
Und dazu erinnern zwei kleine Geschichten von Alexander Kluge an den transitorischen Charakter so mancher politischer Ambitionen: Der spanische Posten und Vizeadmiral Dr. Cervix.


BRIEFE & KOMMENTARE & KORRESPONDENZEN

Das berĂŒhmte Moskauer Tagebuch Walter Benjamins und die Motive seines Verfassers erkundet Johannes Balve, er rekonstruiert die raumzeitlichen Bedingungen seiner Entstehung 1926, in der Übergangsphase der bolschewistischen Revolution zum Stalinismus. Benjamin verstand sich als Marxist, ließ sich jedoch nicht vom Revolutionsenthusiasmus vieler deutscher Intellektueller wie Ernst Toller und Egon Erwin Kisch hinreißen. Seine vielen GesprĂ€che und Beobachtungen sind Momentaufnahmen an einem historischen Wendepunkt. Und es gelingt Benjamin durch seine SouverĂ€nitĂ€t einer mehrdimensionalen Wirklichkeitserfassung, ein komplexes Panorama zu skizzieren: Benjamins Moskauer Tagebuch

„Der Vermieter des HexenhĂ€uschens hatte uns mit FahrrĂ€dern ausgestattet, auf denen wir ErdöbĂ©nye erkundeten. Noch immer war keine Menschenseele auf der steilen Hauptstraße zu sehen, wĂ€hrend die mĂ€chtigen Kastanien begonnen hatten, in der Trockenheit ihre BlĂ€tter abzustoßen. Ein Windstoß wirbelte das Laub auf und teilte die Wolken, so daß die beiden KirchtĂŒrme wie in einer Schneekugel aufleuchteten. Mittendrin raste Eszter vor mir die Straße wie auf einer Skischanze herunter, richtete sich in voller Fahrt auf ihren Pedalen auf, so als ob sie ein Zirkuspferd reiten wĂŒrde, und nahm mit zur Seite gedrehtem Kopf einen theatralischen Zug an ihrer selbstgedrehten Zigarette.“ Dieses Traumbild bleibt zurĂŒck von einer romantischen sommerlichen Reise ins ungarische Debrecen. Die vielen Störche auf den DĂ€chern mit ihrem guten Omen waren zuletzt kein gutes Zeichen. Von den Schwierigkeiten interkultureller Begegnungen und die Erinnerungen an eine Liebesgeschichte im Ungarn von heute. Carl von Siemens, Liebe machen in ErdöbĂ©nye

Aus Palma de Mallorca berichtet unser Korrespondent Ulysses Belz von einem ĂŒberraschenden Theaterereignis: Robert Wilson wurde fĂŒr eine Neuinterpretation von König Ubu gewonnen. Mit Ubu roi schuf der Poet mit der Pistole und VerĂ€chter der Bourgeoisie, Alfred Jarry, 1895 eine zeitlose Gußform fĂŒr Menschenschinder, in der jede Epoche auf Anhieb die aktiven Exemplare erkennt. „Der sich bereichernde despotische Popanz ist ein PhĂ€notyp der Macht, dessen Bestimmung auf der Welt einzig darin zu bestehen scheint, Vernunft und Recht zu verhöhnen und zur Durchsetzung der eigenen Person alle Menschlichkeit in den Staub zu treten.“ Der Autor schildert, ob und wie Bob Wilson den Stoff und die Sprachkunst des StĂŒcks bewĂ€ltigt hat: Kleine Diktatoren-Revue

Das Leben ist einfach, der Kosmos auch. Die Frage nach dem Sinn der Ordnung sollte in der Schule beantwortet oder zumindest richtig gestellt werden. Am Puls der Zeit, am Puls des Denkens? Mit dem richtigen Lehrer ist das einfacher – unser Wiener Korrespondent Herbert Maurer und der den Nobelpreis fĂŒr Physik 2022 in Empfang nehmende Quantenphysiker Anton Zeilinger, der Stockholm ĂŒberdies noch eine Vortragsreise ins „Quantenwunderland“ verspricht, hatten zeitversetzt denselben Professor Lederer als Physiklehrer in ihrem gemeinsamen Gymnasium „Fichtnergasse“ in Hietzing. Erinnerungen an eine humanistische Lehranstalt und eine höchst charmante Art im Umgang mit Wissen und Lernen: Quantensprunggymnastik.

Durch das römische Viertel EUR, erbaut im Zeichen von ModernitĂ€t und RationalitĂ€t 1942 von Mussolini und in den fĂŒnfziger Jahren architektonisch amerikanisiert, schlendert unser Autor Piero SalabĂš, dem dieses Viertel als sterile Landschaft dĂŒsterer Gleichförmigkeit erscheint. Diese anthropogene Landschaft lebt von einer extremen Funktionalisierung des Raums, der zur Verringerung der Vielfalt fĂŒhrt. Welcher Raum bleibt in einer geplanten, ĂŒberwachten, kartographierten Welt fĂŒr jene Freiheit und Vielfalt, die der Poesie und Liebe eigen sind, fragt sich der SpaziergĂ€nger und erinnert sich an Gilles ClĂ©ments Idee einer Dritten Landschaft, die von Leben wimmelt, wenn man den eigenen Blick um Millimeter verschiebt: „Die Welt ist eine WĂŒste und endlos die Beeren“: Poesie und Dritte Landschaft


KUNST

„Der Sinn der Kunst ist es, zu heilen. Es geht um den Heilungsprozeß des Lebens. Eine positive Haltung vorausgesetzt, sind Kultur und Kunst – das ist eins – PhĂ€nomene, welche die Welt heilen. Und ohne Kultur und Kunst riskiert die Welt, recht krank zu werden.“ Die in Kairo geborene Ă€gyptisch-kanadische KĂŒnstlerin Anna Boghiguian malt politische Protestbewegungen. Es geht dabei um Knechtschaft und Aufstand, Tyrannei und Freiheitsdrang, Befreiungsversuche. Die unruhigen Szenen akzentuieren den Kontrast von politischen FĂŒhrern und den einfachen Menschen. Die philosophisch inspirierte ErzĂ€hlerin thematisiert Politik und Gesellschaft, Geschichte und Literatur, Vergangenheit und Gegenwart. Es geht um die revolutionĂ€ren UmwĂ€lzungen des 18. Jahrhunderts in Frankreich und den Vereinigten Staaten, um die Geschichte Rußlands und der Sowjetunion, um Ereignisse in Haiti, Österreich, Nazideutschland und Ägypten. Time of Change

Wir wĂŒnschen Ihnen anregende und aufregende LektĂŒre und ein gutes und gesundes Neues Jahr 2023! Bleiben Sie uns gewogen!

Mit den besten GrĂŒĂŸen,

Lettre International

Die kommende Ausgabe Lettre 141 erscheint Mitte Juni 2023