LI 122, Herbst 2018
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Namenlose Umtriebe

Über Anonymität, Freiheit und Niedertracht

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Wozu wird ein Text unter einem Namen veröffentlicht? Ist dies mehr als eine schlechte Angewohnheit? Daß das Zeichnen einer Schrift mit dem eigenen Namen – die „Onymität“, wie Gelehrte es nennen – den Autorenstolz, vielleicht die Autoreneitelkeit befriedigt, wäre eine schlechte Rechtfertigung. Weitere Gründe sind nicht ohne weiteres ersichtlich. Die Konzentration auf die Frage, ob das Vorgebrachte stimmt, fördert ein darüber gesetzter Name jedenfalls kaum. Er tut nichts zur Sache. Insbesondere wer den Verfasser kennt, sei’s auch von ferne, wird schwer vermeiden können, daß ein Zug von Sympathie oder Antipathie sein Urteil färbt. Mit einem Namen verbundene Autorität schüchtert ein, möglicherweise durchaus zu Unrecht; ein unbekannter Name wird lässig bis nachlässig übergangen, auch dies möglicherweise durchaus zu Unrecht. Zu sehr erleichtern Namen das Lesen und auch das Nichtlesen. Vielleicht wäre es besser, man veröffentlichte seine Texte anonym, damit sich nichts an den Namen dessen hefte, der sie schrieb, und alles an seine Gedanken – so wie es zu bestimmten Zeiten für bestimmte Texte die Regel war. Aber was genau ist Anonymität eigentlich?

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„Anonymität“ bedeutet der griechischen Herkunft des Wortes nach: Namenlosigkeit. Doch trifft die Etymologie den Sinn, den das Wort inzwischen angenommen hat? Ein namenloser Eremit, der in der Wüste haust, exemplifiziert nicht Anonymität. Unter diesen Begriff fällt der Spinner, der Briefe ohne Absender mit wüsten Klagen an Polizei und Zeitungen versendet. Nicht Rückzug, sondern das Zurückhalten der Information, an welcher die Person zu erkennen wäre, macht aus der zweiten dieser beiden Figuren einen Anonymus. Zur Anonymität, jedenfalls zu beabsichtigter Anonymität, gehört, daß man etwas äußert, aber nicht äußert, wer es ist, der sich äußert. (Unfreiwillig oder jedenfalls effektiv anonym wird der, von dessen Werken oder Überresten jemand anders oder der Zahn der Zeit die Zeichen tilgt, die verraten hätten, wer er war.)

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Der Denunziant (§ 21) biegt ein klassisches Mittel, von anderen in Ruhe gelassen zu werden – den Rückzug in die Anonymität –, auf den Zweck um, anderen keine Ruhe zu lassen. An solchen Akten zerbröckelt auch jede allgemeine Hoffnung, daß Anonymität versachlicht, weil man persönliche Information verhüllt hat (§ 1). Wird persönliche Information einseitig verhüllt, dann kann es eben dadurch erst zur letzten persönlichen Infamie kommen. Der, dem sie gilt, bleibt hilflos zurück. Gegen ein Phantom läßt sich weder argumentieren noch kämpfen. Es bedarf schon ganz besonderer Arrangements, damit Anonymität versachlicht.

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Auch wer hetzt und verleumdet, weil er es anonym oder pseudonym kann (§§ 21–22), nutzt eine Freiheit. Die Rede von Freiheit wird leer, wenn nicht gesagt wird, wer sie zu welchem Zweck auf wessen Kosten gebraucht. Das schlägt auf Anonymität zurück. Sie ist zugleich bedroht (§ 18) und bedrohlich. Die bedrohliche Seite der Anonymität ist aber Revers ihres befreienden Aspekts (§ 10). Je mehr Anonymität als Form von Äußerungen zugelassen wird, desto extremer werden, der Tendenz nach, Äußerungen in ihrem Inhalt. Anonym sich Äußernde exponieren den gewagteren Inhalt, weil sie sich als identifizierbare Personen nicht zu exponieren brauchen. Und dies Gewagtere reicht von der unbequemen Wahrheit (§ 12) bis zur schamlosen Lüge (§ 21), von der kühnen These bis zu ehrabschneidendem Tratsch. Da nun der Inhalt und die Qualität dessen, was einer äußert, nicht prognostizierbar sind, ist es auch ausgeschlossen, vorab die gute anonyme Äußerung zuzulassen und ihr Gegenteil zu verhindern. Was einmal geäußert wurde, verschwindet jedoch nie mehr ganz; „[t]he Internet does not forget“. Wer das Befreiende der Anonymität schätzt, muß ihr Bedrohliches hinnehmen – bis zu genau dem Punkt, an dem er auch in Sachen Freiheit Abstriche zu machen bereit ist. Daß das Internet nichts vergißt, scheint aber überraschenderweise dagegen zu sprechen, rasch Abstriche zu machen. Es ermuntert im Grunde zur generösen Erlaubnis: Anonym darf posten, wer tatsächlich ein Nichts ist. Denn wo gar nichts Geäußertes vergessen wird, unterliegen Äußerungen der Inflation. Inflationen entwerten. Ein digitaler Unflat schmiert sich zum anderen. Sobald alle anonym beflegelt sein werden – und der Tag scheint nicht mehr fern –, muß sich keiner mehr beflegelt fühlen. Auch insofern, jenseits aller revolutionären Ideale (§ 12), befördert Anonymität die Gleichheit.

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Es stünde übel genug, ginge es nur um die Heimtücke einzelner (§ 21). Doch eine solche Einschätzung würde kaum der Rolle gerecht, die Anonymität sich soeben im sozialen, politischen, kommerziellen und ökonomischen Kampf erobert hat. Denunziationen sind keineswegs nur eine Praktik entgleister oder hemmungsloser Individuen und marginaler Gruppen, sondern lassen sich erschreckend straff und komplex organisieren. In Schlachten der letzteren Art wird Pseudonymität (§ 6) bevorzugt – eine kostbare Ressource, mit der man offenbar, unter anderem, Führer an die Macht bringen, an der Macht halten oder auch stürzen kann. Gegenüber Pseudonymität ist die gewöhnliche Anonymität fast eine ehrliche Sache: Denn wer einen anonymen Text liest, weiß, was er nicht weiß, nämlich den Namen des Autors. Pseudonymes hingegen schmeichelt ihm oft vertraut klingende Namen ein, während derjenige der wirklichen Quelle ihm Verdacht einflößen würde. Pseudonymisierung anonymisiert Anonymität.
Anonyme und pseudonyme Meinungsmache reicher und mächtiger Großakteure, gesellschaftlicher oder staatlicher, scheint 2016 in nennenswertem Maße in die Auseinandersetzungen vor dem britischen Referendum über den Austritt des Landes aus der Europäischen Union sowie in den Wahlkampf um die US-Präsidentschaft eingeflossen zu sein. Diese Vermutungen könnten sich freilich nach monatelanger Recherche wieder ändern; doch das zeigt nur, wie schwer greifbar Namen hinter der anonymen oder pseudonymen Kulisse des Netzes manchmal sind. In den Wahlen zum österreichischen Nationalrat 2017 tauchte eine vielbeachtete Facebook-Seite auf, deren Titel, „Wir für Sebastian Kurz“, Unterstützung des Kanzlerkandidaten der Österreichischen Volkspartei suggerierte. Tatsächlich ging es darum, ihn zu diskreditieren, indem die Seite ihm extreme, in der österreichischen Gesellschaft weithin als inakzeptabel geltende Auffassungen zuschrieb. „Wir für Sebastian Kurz“ war aus der Kampagnenmaschine der konkurrierenden Sozialdemokratischen Partei Österreichs heraus lanciert worden. Da Journalisten unabhängiger Medien, nämlich der Tageszeitung Die Presse und des Nachrichtenmagazins profil, den Spin (zu dem neben der Facebook-Seite eine Reihe weiterer anonymer und pseudonymer Elemente zählten) vor dem Wahltermin aufdeckten, erwies er sich als kontraproduktiv; das dirty campaigning hätte jedoch, wäre es nicht zu den Recherchen gekommen, zu einem signifikant anderen Wahlergebnis führen können.
Den prominenten politischen Fällen ließen sich wenig prominente, aber in ihren Effekten, da auf den täglichen Konsum zugeschnitten, vielleicht weitreichendere an die Seite stellen, die auf Wirtschaftsunternehmen, PR-Firmen und Werbeagenturen zurückgehen. Hinter ihren Kampagnen steht die Einsicht, daß es für bestimmte gesellschaftliche Ziele wichtiger sein kann, einen Nebel von Unwissen zu verbreiten als das Licht der Erkenntnis zu entzünden. Davon wußten bereits Philosophen der Aufklärung etwas: „Es giebt eine natürliche, und eine erworbene Ignoranz. Die erste entsteht, wenn das Licht fehlt, und die zweyte, wenn man Staub ins Auge weht, der den Lichtstrahl ausschließt.“ Vielleicht nicht ganz ausschließt: Besonders wirksam scheinen unentwirrbare Mischungen von Information und Desinformation. Die Wissenschaft hat sich inzwischen solcher Einsichten angenommen und sie, wie es ihre Art ist, zu einer Disziplin ausgebaut: der Agnotologie, der Lehre vom Nichtwissen, seiner Erzeugung und Erhaltung in der Gesellschaft. Von diesem Nichtwissen ist das Nichtwissen der Namen und Identitäten, die Anonymität, nur ein Stück, doch ein bedeutsames.

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Anonymus
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 23
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