LI 125, Sommer 2019
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Ultraschall

Ich gehöre einer Generation an, der man einreden wollte, daß die Geschichte zu Ende sei – und mit ihr auch die Literatur und die Philosophie. Wir haben schon in jungen Jahren gelernt, daß wir zu spät kommen. Unsere Großeltern hatten den Krieg erlebt, unsere Eltern haben an die Revolution geglaubt. Wir, wir kamen danach. Nach dem Horror und nach der Hoffnung. Alles (auch das Schlimmste) war getan, geschrieben, gedacht worden. Uns blieb das Gedächtnis: Erzählungen und Bilder, die es zu verarbeiten galt, Millionen Tote, die es in unseren inneren Krypten zu begraben galt – unser ganzes Leben würde dazu nicht ausreichen. Wir wuchsen mit Wiedergängern auf; aber auch mit dieser Gewißheit: Es würde nicht wieder anfangen, es konnte nicht wieder anfangen. Die Vergangenheit verging nicht, die Zukunft leuchtete nicht mehr, aber zumindest an der Oberfläche war für uns Spätgekommene die Gegenwart schmerzlos und befriedet. Wir waren 18, und es war Schluß mit der Berliner Mauer, mit den lateinamerikanischen Diktaturen, mit der Apartheid. Grenzen öffneten sich. Es gibt kein Gelobtes Land, es gibt kein unschuldiges Land, und die Hacienda muß immer erst noch gebaut werden, aber man zählte auf der Karte mehr und mehr bewohnbare Orte.
   Ich versuche hier ein Gefühl der Geschichte wiederzufinden, das so vage und diffus ist wie die Luft ringsum, eine affektive Tonart, in der unsere Weigerungen und unsere Wünsche wurzelten und von der ich nur weiß, daß sie sich radikal geändert hat. Wir waren nicht einfältig, wir blieben auf der Hut – man kämpfte noch, und mochte man auch den Eindruck haben, daß wir in immer kleinerem Maßstab die Kämpfe unserer Eltern, die Kriege unserer Großeltern wiederholten, man demonstrierte: gegen die Hochschulreform von Alain Devaquet und zur Erinnerung an Malik Oussekine, gegen den Front national und die Holocaustleugner, gegen die Einwanderungsgesetze von Charles Pasqua und die Rentenreform von Alain Juppé, und zwar an der Seite derjenigen, die man damals die „sans-papiers“ nannte, die Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung. Man marschierte mit ihnen zum Klang der Tamburine und der Lieder, die von der Bewegung der Motivés aufgegriffen worden waren, Hasta siempre und Le Chant des partisans, man tanzte, Kinder schwenkten große Papierdrachen auf Stangen auf und ab, die Straße gehörte kurz ihnen, sie waren nicht unter den Zelten an den Rändern der Stadt verkrochen, am Quai d’Austerlitz, am Kanal Saint-Martin oder unter der Hochbahntrasse der Metro, sondern standen deutlich sichtbar in der Sonne mitten auf den Boulevards und den Avenuen.
 

   ERDRUTSCHE

Die Geschichte ist nicht zu Ende. Und die Geschichte wiederholt sich nicht, entgegen der Behauptung von Marx, daß sie zuerst eine Tragödie und dann eine Farce sei. Hier steckt eine doppelte Binsenweisheit, deren pragmatische Konsequenzen man hinterfragen muß (daß wir uns über die Auswirkungen unserer Glaubensinhalte Sorgen machen müssen, ist das Kennzeichen dafür, daß die Geschichte nicht zu Ende ist und uns mehr als je zuvor benötigt). Die Geschichte wiederholt sich nicht, das versteht sich von selbst. Oder um es anders auszudrücken: Wir sind nicht in den dreißiger Jahren. Zunächst einmal, weil wir – wieder eine Binsenweisheit, aber das ist jetzt auch schon egal – die Erinnerung an diese Jahre haben und wissen, in welchen Horror sie geführt haben, einen Horror, den niemand vorwegnehmen konnte und dessen Ausmaß erst Jahrzehnte danach erkannt wurde, stand doch das Trauma des Ersten Weltkriegs lange Zeit der Bewußtwerdung der Schoah im Weg. Das historische Bewußtsein ist aus diesen Verspätungseffekten, aus diesen Verdunkelungen zusammengesetzt. Es ist kein stabiler, regloser, klar sedimentierter Boden, in ihm kommt es zu Erdrutschen, zu jähen Einbrüchen, Verschüttetes tritt wieder zutage. Wir sind nicht mehr unschuldig. Wir wissen, daß das Schlimmste zwar nicht wiederkehren, aber in neuen Formen und neuen Maßstäben geschehen kann.

   (…)

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 124
Aus dem Französischen von Dieter Hornig
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