LI 152, Frühjahr 2026
Der weisse Page
W. G. Sebald und Marcel Proust – Geometrie und Zeit der ErinnerungElementardaten
Genre: Essay
Übersetzung: Aus dem Französischen von Dieter Hornig
Textauszug: 1.573 von 22.230 Zeichen
Textauszug
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Die Geschöpfe Prousts stehen, meint Beckett, außerhalb der Gesetze des Raums und sind gleichzeitig Opfer der Zeit. Die Lösung Prousts, fügt er hinzu, die Entdeckung der unwillkürlichen Erinnerung, besteht letztlich in der Negation der Zeit und des Todes, der Negation des Todes aufgrund der Negation der Zeit. Der Tod ist tot, weil die Zeit tot ist. Auch hier kehrt Sebald diese Figur systematisch in ihr Gegenteil. Seine Geschöpfe stehen außerhalb der Zeit und sind Opfer (oder Gefangene) des Raums. Doch weil die Vergangenheit nicht wieder zur Gegenwart werden kann, weil es Gegenwart nur als vergangene gibt, das heißt in Gestalt einer Spur oder eines Gespensts, vergeht sie nicht. Sie lastet wie ein schwerer Schatten, wie ein Gewicht aus Asche. Die unwillkürliche Erinnerung nimmt nicht mehr die Gestalt einer „unmittelbaren, köstlichen und vollständigen Explosion der Erinnerung“ an, sondern die des Spuks und der Halluzination. Das Unwillkürliche wird zum Unbewußten. Was dergestalt wiederkehrt, ist nicht die Farbe eines Tages, die lebendige Wirklichkeit eines geliebten Wesens, sondern das, was aus den stummen Schmerzen und dem großen Vergessen schöpft. Damit wird ein Paradoxon Prousts gegen den Strich gelesen. Weil die Zeit nicht wiedergefunden werden kann, kann sie nicht aufgehoben werden. Und der Tod noch weniger. Wenn das Werk Prousts die Verneinung des Todes ist, so ist dasjenige Sebalds dessen Bejahung, dessen unermüdliche Betrachtung.
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