Direkt zum Inhalt
Cover Lettre International
Preis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis

LI 127, Winter 2019

Die deutsche Frage

Europa, die Welt und die heikle Wiedervereinigung nach dem Mauerfall

(...)

Das Ende der sowjetischen Bedrohung hat die durch den Zweiten Weltkrieg hervorgebrachte Ordnung durcheinandergebracht und damit die geopolitischen Voraussetzungen, auf denen das von Schuman verkĂŒndete europĂ€ische Projekt konstruiert war. „Der mit 1989 einsetzende plötzliche Kollaps der Sowjetmacht hat dem Einigungsprozeß des westlichen Europa einen heftigen Schock versetzt“, weil dies die Möglichkeit der Wiedervereinigung Deutschlands wieder auf die Tagesordnung der Weltpolitik brachte. Diese Aussicht beurteilten die VĂ€ter des EuropĂ€ismus nicht bloß als wenig realistisch, sondern nicht einmal als erstrebenswert: „Jener Teil der deutschen FĂŒhrungsschicht und des deutschen Volkes, die versteht, was es bedeutet und heißt, ein europĂ€isches Gewissen zu haben, werden fĂŒr die Bundesrepublik nur dann eine entsprechende Politik durchsetzen können, wenn sie die Zivilcourage haben, offen die zerstörerische Illusion der Wiedervereinigung zu verurteilen.“
     Nach dem Fall der Mauer und vor allem unter dem steigenden Druck der Demonstrationen in den StĂ€dten der Deutschen Demokratischen Republik mit ihrer „nationalistischen“ Losung „Wir sind ein Volk“ (die das vorherige antiautoritĂ€re „Wir sind das Volk“ ersetzt hatte), wurde ein schneller Wiedervereinigungsprozeß unaufhaltbar, schon um der StabilitĂ€t und des Friedens willen: „Die getrennten deutschen Staaten wĂ€ren zu jenem zusĂ€tzlichen Risikoherd im Herzen Europas geworden, den Kassandra im vereinten Deutschland vorausahnte.“
     Als entgegen jeglicher „rationaler“ Vorhersage die Möglichkeit einer Wiedervereinigung Deutschlands konkret wurde, gerieten die „befreundeten“ Staatskanzleien der westeuropĂ€ischen Staaten in Aufregung. Die Aussicht auf einen deutschen Nationalstaat, sei er auch grĂ¶ĂŸtenteils der Territorien des ehemaligen Preußens beraubt, ließ in Europa – und nicht nur in Europa – Zweifel und Argwohn aufkommen. Stand nicht etwa just die GrĂŒndung des Bismarckschen Reichs am Anfang vom Ende des mit dem Wiener Kongreß festgelegten europĂ€ischen Gleichgewichts, und war nicht dies die Geburtsstunde des Hasses zwischen Frankreich und Deutschland? Stimmte es etwa nicht – dies der historisch-politische Stein des Ärgernisses fĂŒr Andreotti, Mitterrand und Thatcher –, daß immer, wenn seit 1870 eine Krise das Gleichgewicht des Alten Kontinents ins Wanken brachte, die Hauptursache die deutsche Frage war?
     Drohte Deutschland wieder zu einem „ruhelosen Reich“ zu werden, das auf seinem Sonderweg auf eine bedrohliche und zugleich Ă€ußerst fragile Halbhegemonie zugeht, die „halbhegemoniale Stellung des Bismarckreiches auf dem Festlande“, die am Anfang (nicht aber als alleinige Ursache) der nachfolgenden europĂ€ischen Katastrophen der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts stand? Henry Kissinger hat diesen Umstand schonungslos in der Formulierung zusammengefaßt, wonach „Deutschland zu groß fĂŒr Europa und zu klein fĂŒr die Welt“ sei. Oder wie David Calleo geschrieben hat, ist es „fĂŒr die Hegemonie zu schwach und fĂŒr das Gleichgewicht zu stark“. Statt den Fall der Mauer als unerwartete und höchstwahrscheinlich unwiederholbare Chance zur Befreiung der osteuropĂ€ischen Nationen von der „babylonischen Gefangenschaft“ unter sowjetischer Herrschaft zu betrachten, kultivierten die „alliierten“ europĂ€ischen Regierungschefs ihre Bedenken: „WĂ€hrend das Fernsehen in aller Welt die Ereignisse in Berlin live ĂŒbertrug 
, verbargen die Regierungen Europas nicht ihre Überraschung und ihr Unbehagen.“
     Einen eklatanten diplomatischen Fauxpas erlaubte sich Giulio Andreotti: WĂ€hrend einer Debatte zu den Festlichkeiten am Tag der Deutschen Einheit bekrĂ€ftigte er, wobei er fast wörtlich eine Formulierung von François Mauriac ĂŒbernahm: „Ich liebe Deutschland so sehr, daß ich am liebsten zwei davon hĂ€tte.“ Diese Taktlosigkeit wird ihm sein alter Glaubens- und Politikkamerad Helmut Kohl niemals verzeihen, der erbost erwiderte: „Wenn der Tiber Ihr Land teilen wĂŒrde, wĂŒrden Sie anders denken.“ Doch viel schlimmer verhalten sich Frankreich und England, die als SiegermĂ€chte zusammen mit den USA und den UdSSR die sogenannten Vorbehaltsrechte gegenĂŒber Deutschland innehatten. Mitterrand versuchte noch nach dem Fall der Berliner Mauer die Wiedervereinigung der beiden deutschen LĂ€nder zu verhindern, indem er am Ende einer ebenso abenteuerlichen wie diplomatisch verzweifelten Reise der mittlerweile im Untergang befindlichen Regierung in Ost-Berlin die UnterstĂŒtzung Frankreichs anbot. ZusĂ€tzlich hegte er die Hoffnung auf eine Wiederauflage einer Entente Cordiale mit Rußland aus antideutscher Absicht. Schließlich resignierte er Ă  contrecƓur. Aber die Aussicht auf die Wiedergeburt eines „großen Deutschlands“ jenseits des Rheins hat aus tiefsten Winkeln der französischen Seele das antideutsche Syndrom wiedererwachen lassen, dem Frankreich seit 1870 zum Opfer fĂ€llt.
     Trotz aller selbstlosen proeuropĂ€ischen Anstrengungen Frankreichs, ĂŒber den Schatten einer blutigen Vergangenheit zu springen, und trotz des Versuchs von De Gaulle und Adenauer mit der großen historischen FĂŒhrern eigenen Weitsicht und geistigen GrĂ¶ĂŸe, mittels des ÉlysĂ©e-Vertrags von 1963 einen echten Dialog zwischen Frankreich und Deutschland auf den Weg zu bringen –, im vollen Bewußtsein darĂŒber, daß „der geheimnisvolle Haß zwischen diesen beiden LĂ€ndern das Alpha und Omega Europas bildet“ – bringt ein hoher FunktionĂ€r des Außenministeriums das vorherrschende GefĂŒhl in den politischen Kreisen und Medien Frankreichs in den Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer in seinen Worten zum Ausdruck: Die Ausrufung der deutschen Wiedervereinigung wirft „einen gigantischen Schatten auf Deutschland, das viel zu mĂ€chtig ist, um nicht dominant zu werden, und seit viel zu langer Zeit gekrĂ€nkt ist, um nicht das BedĂŒrfnis nach Rehabilitierung, mehr noch Revanche zu verspĂŒren“. Gerade am nachtragenden antideutschen GefĂŒhl hat sich in den folgenden Jahren der von der Familie Le Pen angefĂŒhrte nationalistische Populismus wie auch der gauchistische SouverĂ€nismus des Jean-Luc MĂ©lenchon genĂ€hrt.
     Noch ĂŒbler verhielt sich Margaret Thatcher. In keinem anderen Land Europas ist die Furcht vor einer möglichen Wiedergeburt eines deutschen Reichs so verbreitet wie in England (Beware, the Reich is reviving, so die Schlagzeile der Times von London am 31. Oktober 1989). In diesem Land – darin stimmen öffentliche Meinung und Politik ĂŒberein – wurde die Vorstellung eines föderalen Europas immer schon als heimtĂŒckische deutsche Machenschaft betrachtet, eine auf friedlichem Wege bewerkstelligte Wiederauflage der kriminellen nazistischen Aggression der vierziger Jahre (Jetzt wollen die Deutschen mit friedlichen Mitteln ganz Europa erobern, aber „dann hĂ€tten wir es ohne große Umwege auch Adolf Hitler ĂŒberlassen können“). Dieses Syndrom spielte fĂŒr den Sieg der Brexit-BefĂŒrworter beim Referendum von 2016 eine erhebliche Rolle. In Wahrheit jedoch war die deutsche Wiedervereinigung nicht eine „durchgesehene und ĂŒberarbeitete“ Neuauflage der Bismarckschen ReichsgrĂŒndung. Dies gilt in erster Linie deshalb, weil im Unterschied zur Vergangenheit das aus der „zweiten Wiedervereinigung“ entstandene Deutschland nicht das Resultat einer Strategie der deutschen Politik, sondern das einer europĂ€ischen (und globalen) geopolitischen Transformation ist. Es ist auch nicht Ausdruck des Machtwillens, wie die von Bismarck durch „Blut und Eisen“ von Europa 1870 abverlangte Vereinigung. Sie ist das genaue Gegenteil, sofern „in dieser EuropĂ€isierung der deutschen Einheit von 1989/90 der entscheidende Unterschied zur ReichsgrĂŒndung von 1870/71 [lag]“.

(...)

Preis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis
⌃ Zum Seitenanfang

Die kommende Ausgabe Lettre 144 erscheint Mitte MĂ€rz 2024