LI 122, Herbst 2018
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Prinzip Schönheit

Theaterkunst zwischen Handwerk, Sprache und Obsession

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Die Kunst vertraut auf die Kraft der Schönheit. Die Schönheit ist das, was das Theater und die anderen Künste erschaffen können. Die Kraft der Schönheit ist immer auch politisch, insofern sie einen Gegenpol zum Bestehenden bilden wird, eine Differenz zur Wirklichkeit. Deswegen wäre für mich eine Welt ohne Musik, ohne Literatur, ohne Malerei, ohne Bildhauerei, ohne das Versprechen der Schönheit unvorstellbar.

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Mich interessiert ein Text nicht deswegen, weil er eine Meinung transportiert. Er berührt mich, weil er eine Größe – und das bedeutet in erster Linie eine sprachliche Qualität – besitzt. Wenn es die Aufgabe des Theaters und der Kunst ist, auf die tagtägliche Profanität, auf die organisierte Verblödung, wie sie uns aus den Massenmedien mit größter Selbstverständlichkeit entgegenkommt, mit Schönheit zu antworten, braucht man starke, sprachlich überzeugende Texte. Nur dann kann das Theater dieser, seiner dringendsten Aufgabe nachkommen. Die Qualität eines Textes basiert auf der Genauigkeit der Sprache, der Präzision des Gedankens und der Emotion sowie seinem rhythmischen Gefüge.
   Im Gegensatz zu unserer auf Aktualität fixierten Zeit halte ich an der klassischen Literatur fest, weil es zu den Aufgaben des Theaters gehört, diese zu erhalten. Ob man das reaktionär findet, ist mir egal. Natürlich soll das Theater auch Gegenwartsstücke spielen, sollen Gegenwartsautoren zu Wort kommen. Erhalt heißt nicht, daß man konservativen, altbackenen, irrelevanten Unsinn konserviert. Im Gegenteil: Man darf deshalb nicht darauf verzichten, Autoren wie Schiller oder Kleist auf der Bühne zu präsentieren, weil diese Autoren hochpolitisch sind und ihre sprachliche Meisterschaft zugleich einen immensen Sprachgenuß verschafft. Vorausgesetzt, ihre Stücke werden von Regisseuren inszeniert, die ihr Metier verstehen.

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Offenbar will man nicht mehr unterscheiden, was Sprache, was Sprachform, was Rhythmus, was Struktur ist usw. Das kann einen krank machen. Leider greift eine solche Verblödung rapide um sich.
   Gegen die Profanisierung und Verhunzung der Sprache muß sich das Theater wehren. Nicht nur, weil sie Genuß bieten kann, sondern weil sie unmittelbar politisch ist. Denken hat wesentlich mit Sprache zu tun. Ohne zu denken kann ich nicht sprechen. Sprache wiederum, die Entäußerung des Gedankens, erneuert den nächsten Gedanken. Augusto Boal, ein brasilianischer Regisseur, und seine Truppe bekamen in den 1960er Jahren in Brasilien Berufsverbot, weil sie zu links waren. Da sie nicht mehr spielen durften, haben sie sich in Züge gesetzt und den Analphabeten einfach nur vorgelesen, was in der Zeitung stand. Das haben sie auf eine solche Weise gemacht, daß jeder merkte: „Hier wird krachend gelogen! Hier herrscht vollkommene Ignoranz! Hier fehlt die Recherche!“

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Selbst wenn ich der letzte Mensch wäre, der an diese Form der Wachheit durch einen künstlerisch präzisen Umgang mit der Sprache glaubt, würde ich nicht ein Jota von dieser Art zu inszenieren abrücken. Das ist aber nicht der Fall. Obwohl diese sprachbeladene Inszenierung etwas über vier Stunden dauert, ist sie ständig ausverkauft. Das ist bezeichnend. Für mich bedeutet das, daß die Menschen Geschichten erzählt bekommen wollen, daß sie ausgestellte Sprache sehen und hören wollen und natürlich großartige Schauspieler. Die Theater sind nach wie vor voll. Das Burgtheater in Wien ist ausverkauft, wenn mein sechsstündiger Hamlet läuft. Das wäre wahrscheinlich in München genauso. Die Menschen wollen durchaus etwas anderes als die Banalitäten, die man ihnen im Fernsehen um die Ohren haut. Ob die Zuschauer begreifen, was auf der Bühne im einzelnen inszenatorisch gemacht worden ist, ist dabei uninteressant.

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Das Theater sattelt auf einem Wissen um Kultur und nicht auf einer Tradition als Volksereignis. Das ist bereits ein Trugschluß. Wenn diese satte Gesellschaft immer mehr Kicks braucht, um überhaupt in die Gänge zu kommen, wenn alles ständig überboten werden und noch extremer sein muß, um Aufmerksamkeit zu bekommen, darf das Theater dabei nicht mitmachen. Trotzdem ist es längst eine verbreitete Haltung der Theaterleitungen, die sich in schauerlichen Äußerungen wie „Wir brauchen Frischfleisch!“ niederschlägt, weil man glaubt, dem Publikum Abwechslung bieten zu müssen. Ich verstehe natürlich, daß diese gesellschaftliche Erwartungshaltung besonders für junge Regisseure ein Problem sein kann.
   Das Problem scheint mir, daß die Häuser heute nicht mehr von einem gemeinsamen Geist getragen sind. Heute ist alles Markt. Draußen regiert der Markt – und diesem Denken können sich weder Theater noch Oper entziehen. Die Theater sind wie Kaufhäuser. Da hole ich mir ein Paar Socken, dort greife ich mir etwas Hübsches und dann nehme ich noch eine Zahnbürste dazu, und genauso greifen die Intendanten nach allem, was auf dem Gemüsemarkt gerade angeboten wird. Alle Theater zeigen die gleichen angesagten Regisseure, wenn sie genug Geld haben, um sie sich leisten zu können. Wenn allerdings alle dasselbe Profil haben, kann sich kein einzelnes Theater mehr seine Besonderheiten herausbilden und sich beispielsweise auf die Sprache kaprizieren.

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Es geht darum, daß der Zuschauer mit seiner Imaginationskraft auf der Ebene der Vorstellung mitgehen kann. Man darf die Phantasie des Zuschauers niemals geringschätzen. Die Menschen wollen durchaus aktiv an einer Welt teilnehmen und sie nicht nur konsumieren. Also muß ich ihnen die Tür zu dieser Welt öffnen. Wenn die Zuschauer aktiv sind, weil sie weiterdichten, was sie sich anschauen, werden sie wach. Um der Vorstellungskraft Raum zu eröffnen, darf man die Phantasie nicht mit Effekthascherei oder Bildsequenzen zukleistern. Denn dann kommt die Phantasie des Zuschauers nicht mehr ins Spiel und schaltet ab.

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Mit dieser Ressource der Zuschauerphantasie muß ich behutsam umgehen und sie aufbauen, damit sie lernen kann, stärker zu werden. Überall werden die Leute als Konsumenten behandelt. Aber im Theater wird die produktive Fähigkeit der Phantasie gefordert, und wenn die Zuschauer in der Inszenierung mitgehen, kann ich sie auch schulen. Mich ärgert es ungemein, daß man im Musiktheater die modernen Opern nie über längere Zeit ins Programm nimmt, weil angenommen wird, es kämen keine Zuschauer. Man muß mit dem Publikum Geduld haben. Mozart war zu seiner Zeit auch ein moderner Komponist, Verdi ein Skandalkomponist, der Prostituierte auf die Bühne stellte. La Traviata war eine unverschämte Provokation.

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