LI 134, Herbst 2021
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Die Influenza von 1918

Geschichten über Seuchen und die evolutionär-ökologische Erzählung

(…)

Die große Grippewelle der Jahre 1918–19 ist die totemische Pandemie unserer Epoche. Mit ihr wurde die größte Massensterblichkeit in den letzten zweihundert Jahren erreicht, ganz gleich, welche Berechnungsmethode man ansetzt – absolute Zahlen oder Bevölkerungsanteile. In dem Maße, in dem die Experten für historische Demographie ihre Anwendung statistischer Techniken verbessert haben, sind die Schätzungen von einer zeitgenössischen Größenordnung von 21 Millionen Toten angestiegen auf die verläßlichste Schätzung der Gegenwart, die irgendwo zwischen 60 und 100 Millionen liegt. Die große Spanne zwischen den verschiedenen Schätzungsergebnissen wirft ein Licht auf den Charakter der Grippe als Alltagskrankheit und auf ihre Neigung, indirekt zu töten – dadurch, daß sie anderen Krankheiten wie Tuberkulose oder Herzleiden einen tödlicheren Verlauf gibt. Die Ziffer der Toten ist mindestens dreimal so hoch wie die derjenigen, die im Ersten Weltkrieg fielen, und entspricht der Gesamtsumme aller durch Gewalt und Hunger im Zweiten Weltkrieg Umgekommenen.
     Noch eigenartiger als Kafkas Erzählung ist der Vorgang, wie das treibende Element der Weltgeschichte sich – einen Augenblick lang – vom Kriegsgott in das winzigste quasilebende Wesen verwandelte, jenes Agglomerat aus Ribonukleinsäure, welches den verwandlungsfähigen Grippevirus ausmacht. Die Geschichte dieser Grippe zu schreiben, würde Kafkas Fähigkeit erfordern, das zu sehen, was fremd im Vertrauten und normal im Ungewohnten ist. Jene Grippepandemie ist das tiefste Geheimnis in der Seuchengeschichte.

 

Virenernte
Und so blieb es uneingeschränkt achtzig Jahre lang. Wo kam das Virus her und wohin verschwand es? Die Grippevariante der Pandemie von 1918 verfügte über eine vorher nie dagewesene Kombination von Übertragbarkeit und Virulenz. Die meisten Pathogene, die bei einem dieser beiden Charakteristika vorne liegen, schneiden bei dem anderen nicht gut ab – ein leicht durch die Luft übertragbares Virus, das einen mobilen Wirtskörper braucht, wird in der Regel keine raschen, oft letalen Symptome erzeugen, während es sich bei einem typischerweise in Krankenhäusern stationär florierenden Bakterium für gewöhnlich umgekehrt verhält. Das Grippevirus neigt zu Mutationen, mit einer jährlichen Lotterie genetischer Neusortierung.
     In der ersten Hälfte des Jahres 1918 kam plötzlich eine Variante auf, die in höchstem Maße für schnelle Übertragung, rasches Fortschreiten der Erkrankung zum Tode und den bevorzugten Befall junger, vor allem männlicher, Erwachsener ausgerüstet war. Sie durchlief die Welt mit großer Geschwindigkeit und verschwand dann. Keine spätere Variante ist ihrer Wirkmächtigkeit nahegekommen. Die Pandemien von 1928, 1957 und 1968 haben jeweils über eine Million Menschen getötet, aber die speziellen Eigenschaften des Virus von 1918 blieben ein furchterregendes Rätsel, bis der Virologie endlich die Lösung des Puzzles gelang. Das wurde erst durch bestimmte wissenschaftliche Fortschritte möglich, die um die Jahrtausendwende gemacht wurden, insbesondere die genetische Sequenzierung.
     Ein Team unter der Leitung von Terrence Tumpey, das im U. S. Center for Disease Control arbeitete (unter Bedingungen der biologischen Sicherheitsstufe drei), konnte Proben des Virus von Opfern sicherstellen – die Lungen eines Mannes waren in einem Militärhospital konserviert worden, der Leichnam eines anderen fand sich tiefgefroren im arktischen Permafrost. Das Team arbeitete nachts, wenn die Laboratorien normalerweise verlassen sind. Seine Mitglieder waren erfolgreich und rekonstruierten ein lebendes Virus: Als dieses Mäusen injiziert wurde, vermehrte es sich mit einer Geschwindigkeit, die nach vier Tagen eine Virenpopulation ergab, die neununddreißigtausendmal größer war als bei anderen Varianten.
     Eine bemerkenswerte Leistung – Tumpey sah darin das mikrobiologische Äquivalent zur Mondlandung. Doch das Puzzle der Herkunft dieses Virus war damit nicht zusammengesetzt.

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Auf ähnliche Weise erkranken und sterben wir jeden Winter an der Virenernte dieses Weltkriegs, weil die Nachkommenschaft des Virus der pandemischen Grippe von 1918 immer noch unter uns ist; sie fordert ihre saisonalen Opfer, und gelegentlich formiert sie sich neu, so daß eine Pandemie entsteht. Zum Erbe der Schützengräben von Flandern gehört es, daß wir immer noch an der Grippe erkranken, die dort ausgebrütet wurde.

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Mehr von:
Alex de Waal
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 31
Aus dem Englishcen von Joachim Kalka

Genre

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