LI 135, Winter 2021
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Dünne Haut

Ich liege auf dem Fußboden eines Krankenhauszimmers. Das blaßgelbe Linoleum ist noch feucht, weil es kurz vorher eine Putzfrau gewischt hat, von der ich nur die Stirn und die Augen gesehen habe, alles andere war von einer Schutzausrüstung verdeckt. Trotzdem fällt mir direkt am Bettpfosten ein dunkelroter Tropfen getrockneten Blutes auf, eine kleine Spur von jemandem, der vor mir hier gelegen hat. Es ist ein früher Morgen, drei Wochen, nachdem ich mit der Diagnose Corona-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Gestern abend hat man mich von der Intensivstation, auf der ich, wie man mir sagte, zwölf Tage verbracht habe, davon sechs am Beatmungsgerät, in dieses Einzelzimmer verlegt, obwohl ich mich, so gut ich konnte, dagegen gewehrt habe.
     Als man mir sagte, daß ich die Intensivstation verlassen würde, überflutete mich unerwartet Angst, meine Kehle schnürte sich noch fester zusammen, und Schweiß strömte über meinen Körper. Ich schüttelte entschieden den Kopf: nein, nein! Diese Veränderung war für mich ein großer Schock, weil ich sie nicht erwartet hatte. Mein Bett, der Ort, an den ich mich tagelang gewöhnt hatte, die Geschöpfe mit den schwarzen Masken, die sich um mich gekümmert hatten, das war, seit ich aus der Narkose erwacht war, meine Gewißheit, das, was mir ein Gefühl von Sicherheit vermittelte. Während sie mich durch die langen kalten, von einem bläulichen Licht beleuchteten Krankenhausgänge fuhren, bereitete mir die Verlegung von der Intensivstation, aus der Reichweite der Schwestern und Ärzte, die Tag und Nacht um mich herum gewesen waren, und aus dem Raum, den ich kannte, panische Angst. Ich protestierte gestikulierend weiter, während mich zwei gleichgültige Krankenpfleger zu meinem neuen Bestimmungsort fuhren, da ich nicht glaubte, anderswo geschützter sein zu können.
     Auf dem Fußboden des neuen Zimmers kehre ich zurück zu dieser Angst vor der Trennung von dem, was mein erstes Erleben von Wirklichkeit nach dem Erwachen aus der Narkose war. Als ich ins Krankenhaus gekommen war, hatte ich keine Angst empfunden, nicht einmal, nachdem man mir die Diagnose mitgeteilt hatte. Möglicherweise verstand ich nichts mehr, weil die Krankheit schon um sich gegriffen hatte, aber ich erinnere mich, daß mich das Fieber schüttelte und mein Kopf entsetzlich weh tat, als hätten ihn Tausende winziger, scharfer Nädelchen durchbohrt. Außer dem Schmerz empfand ich nichts. Die Lähmung der Gefühle ist offensichtlich notwendig zum Überleben.
     Nachdem man mich in der neuen Abteilung untergebracht hatte, schlief ich augenblicklich ein, erschöpft von der Verlegung. Am Morgen sehe ich das Zimmer ganz anders, als ersten Schritt zur Rückkehr in ein normales Leben. Es ist groß und luftig, mit einem Fenster, das hinausgeht auf den von blaßgrünen Bäumen gesäumten Krankenhauskomplex, aber der Blick auf die Außenwelt verändert den Rhythmus des Körpers, der nicht mehr von maskierten Menschen oder unsinnigen Zeigern an einer Wanduhr bestimmt wird, sondern vom Licht, das hereinkommt oder erlischt. Trotzdem kann ich mich nicht ganz auf meine Zeitschätzung nach dem Licht von draußen verlassen. Es fällt mir schwer, die Morgen- von der Abenddämmerung zu unterscheiden, aber mir ist bewußt, daß Mai ist und die Tage immer länger werden.
     Der Saal, in dem die Intensivstation untergebracht war, sah aus wie die riesige Montagehalle einer Fabrik mit blaugrünen Vorhängen, welche die Patienten voneinander trennten. Im Halbdunkel dieses Raums, von dem mir schien, daß er im Keller untergebracht war, gab es wenige Zeichen, nach denen ich die Tageszeit hätte bestimmen können. Von der realen Welt sah ich nach dem Aufwachen Menschen mit schwarzen Gasmasken und durchsichtigen Visieren über den Gesichtern, die Köpfe bedeckt und die ganzen Körper in Schutzkleidung gehüllt, beängstigend, weil sie keine Ähnlichkeit mit menschlichen Wesen hatten. Diese Wesen näherten sich mir, genauer: näherten sich den Apparaten, an die ich angeschlossen war, nahmen mir Blut ab, maßen den Blutdruck und die Sauerstoffmenge im Blut, verabreichten mir Medikamente und Infusionen. Wenn ich wach war, gaben sie mir Zeichen: Daumen nach oben statt eines Lächelns. Oder sie tätschelten mich mit ihren in dicken, blauen Gummihandschuhen steckenden Händen. Wenn sie versuchten, mir auch etwas zu sagen, drang der Klang ihrer Stimmen kaum durch die Maske. Auch ich trug eine eng befestigte Sauerstoffmaske, die meinen Mund und meine Nase bedeckte und es mir unmöglich machte zu sprechen. Aus der Narkose erwachte ich fast völlig taub, und so mußte ich ihnen mit meinen Händen zeigen, daß ich nicht hören konnte. Und daß ich Durst hatte: Zuerst wies ich mit dem Zeigefinger auf das Ohr und drehte die Hand, dann deutete ich mit dem Daumen auf den Mund. Diese drei Gesten wiederholte ich hartnäckig bei jedem, der auf mich zukam. Mein Hals war unerträglich trocken, und ich hoffte, er würde mir vielleicht weniger weh tun, wenn ich ihn befeuchtete. Es verlangte mich danach, ordentlich Wasser zu trinken, obwohl jedes Schlucken von Speichel schmerzhaft war. Aber sosehr ich auch winkte und auf meinen Durst aufmerksam machte, die Krankenpfleger, die mich ganz sicher verstanden, reagierten nicht. Schließlich brachte ich zu ihrem Entsetzen die Kraft auf und entfernte die Maske: Wasser, geben Sie mir Wasser! Daraufhin befestigte eine Krankenschwester ein Schwämmchen an einem Stöckchen, befeuchtete es in einem Becher mit Wasser und benetzte damit meinen Mund von innen, darauf bedacht, daß kein einziger Tropfen in meinen verwundeten Hals rann.

(…)

Schon seit dem Erwachen aus der Narkose spüre ich, daß sich der Körper als erstes erholt, vor dem Gehirn. Daß der Körper alles bestimmt und die Genesung eigentlich – eine Diktatur des Körpers ist. Woraus schöpft er seine Kraft? Geradeso als handelte es sich um einen Mechanismus, den es zu reparieren gilt, und die Ärzte sind die Mechaniker. Die Kraft kann nicht allein von der Suppe, den Medikamenten, den Proteinen, vom beharrlichen Üben und von den Worten der Ermutigung kommen. Es muß noch etwas in dieser Mischung geben, eine unsichtbare Ingredienz, eine unfaßbare Energie. Woher kommt der unstillbare Wunsch zu überleben, der mir nicht bewußt ist, den ich aber spüre, wenn ich mich anstrenge zu gehen oder wenn ich die Bissen der Krankenhausnahrung schlucke. Direkt aus den Zellen des Organismus, die ihren eigenen Willen haben, oder aus der unterbewußten Sehnsucht des Wesens zu leben?
     Die Rückkehr zu sich selbst ist ein langer Prozeß. Eine schwere Krankheit bedeutet eine unerträgliche Verengung der Perspektive, eine Entfernung von den anderen, für die es fast unvorstellbar ist, wie sehr sie den Menschen isoliert und verändert. Aber ihre Stimmen, noch immer weit weg, verbinden mich wie dünne Fäden mit der Wirklichkeit.

(…)

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Kroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber

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