LI 139, Winter 2022
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Kairos Katzen

Streifzüge am Nil durch Gassen, Gärten, Bazare und andere Reviere

Es ist die Stadt der Tauben und Katzen, nicht des höllischen Verkehrs. Am Grunde der Häuserschluchten, wenn die Gebäude nur hoch genug stehen, sind die Geräusche der Stadt ein von weither kommendes gewaltiges Brodeln, mit dem Donner vergleichbar, dessen Entfernung man nach dem Blitz noch in Sekunden zählen kann. Denn dieses Brodeln und Sieden steigt an, wenn die Moscheen zum Gebet rufen, sich die Stimmen der Rufer an den Hauswänden brechen und ihren Schall in die Schächte hinein senden, gedämpft, aber machtvoll.
     Der gewaltige Chor von Gesängen, Sirenen, Hupen und Stimmen umkleidet die Stadt, ist ihre dicke Außenhaut. In dieser Hülle existieren die fast geräuschlosen Ecken, in denen man zu hören glaubt, wie die Katzen schleichen, und ungehalten wird über das anhaltende monotone Gurren der Tauben. Die einen treten so mannigfaltig auf wie die anderen. Die Katzen sind schlank und hochbeinig und ihr Fell von tausenderlei Musterung, diamanten sind einige, in hellem Anthrazit, tigerhaft die anderen, tiefschwarz, rötlich und manchmal scheckig wie eine Kuh. Die Tauben bescheiden sich in der Farbe ihrer Federn, die meisten tragen ein rostiges Rot mit grauem Untergefieder. Wenn sie von den bizarren Verschlägen auf Dächern und Terrassen zu ihrem abendlichen Rundflug aufsteigen, ziehen sie in mächtigen dunklen Schwärmen um die Minarette der Stadt, ein choreographischer Vogeltanz am orangeroten Himmel, zu dem die Menschen gerne aufsehen.
     Beide Tiere sind Ureinwohner der Stadt. Als 643 Fustat und 963 Kairo gegründet wurden, waren sie schon da. Eine Taube habe sich auf das Zelt des Feldherren Amr Ibn el As gesetzt, so daß er es, als er zu weiteren Eroberungen loszog, für seine Rückkehr stehenließ. Die Katze, so alt wie die Götter, die sich in ihrer Gestalt zeigten.
     Kairo birgt tausend Welten. Die Steine von vor 5 000 Jahren, die Mauern und Türme der Fatimiden-, Mameluken-, Khedivenzeit, die Pariser Haussmann-Alleen von 1863, die Bauhausentwürfe und sozialistischen Monumentalbauten, die monotonen Wohntürme der funktionalen Moderne, die über die alten islamischen Viertel hinausragen, und die gigantischen Planungen für immer neue Stadtviertel am Rande der Stadt, gekrönt von den hybriden Bauten einer völlig neuen Regierungsstadt vor den Toren der alten. Was gehen diese Wechsel der Verhältnisse die Katzen an – nichts.
     Ihre Gottheit Bastet hat sich in den Sümpfen des Nildeltas längst verloren, zusammen mit den Priestern, die in den Tempeln des Alten Reiches über die Katzen wachten und die schönsten zur Opfergabe verkauften. Es war ein verhältnismäßig bescheidener Kult, er galt den Bitten um Fruchtbarkeit, und verglichen mit den Stätten der Sonnengottverehrung, deren immer neue Entdeckungen dem Ministerium für Altertum über die Ohren wachsen, sind es wenige in Stein gehauene Abbildungen und ausgegrabene Katzenmumien, die von der Göttin, ihren zwei Gesichtern zwischen Sanftmut und Wildheit, und den rauschhaften Festen zu ihren Ehren erzählen. Unter dem Propheten – Ehre sei ihm zuteil – ist die Katze sanft geworden.
     Wie eine Botin dieser religiösen Verwandlung in die Jetztzeit erscheint die kleine Elektrikerin, die im Kairoer Viertel Zamalek die streunenden Katzen füttert. Eine wiedergeborene Katzenpriesterin. Vor ihrem schachtelgroßen Laden, wo sie zwischen Glühbirnen und Strommesser auf einem Hocker sitzt, versammeln sie sich punktgenau zur Öffnungszeit, und wenn sie schließt und nach Hause geht, folgen sie ihr ein Stück auf dem Fuß, bevor sie zurückkehren zu ihren mit Fisch und Fleisch gefüllten Schüsseln, zu der Decke und dem ausgepolsterten Karton, den sie für die Katzenkinder bereitgestellt hat. Nie würde sie den Opfertod einer Katze zulassen. Die kleine Elektrikerin liest tagein tagaus im Heiligen Buch, aus dem sie aufschaut, um mit einem Lächeln von der Frische eines Springquells und einem fröhlichen „Licht leuchte über deinem Tag“ den Kunden zu begrüßen, und sie könnte ihm erzählen, daß die Katze das Lieblingstier des Propheten war – gelobt sei sein Name. Schließlich habe Mohammed, als er sich zum Gebet anschickte, seinen Ärmel abgeschnitten, um eine darauf schlafende Katze nicht zu stören, und wo er über ihren Kopf strich, sind für alle Ewigkeit als Zeichen seiner Finger vier Streifen zu sehen, und als die Engel sein Herz reinigten und ihm das Siegel des Propheten eindrückten, war ihm die Göttliche Gegenwart in Gestalt einer weißen Katze erschienen.

(…)

Um den großen Souk, der die Straße hinunter das Zentrum der islamischen Altstadt bildet, ziehen sich in weiten Ringen die alten Werkstätten. Hier haben sowohl die Katzen als auch alle Menschen ihren Platz. Auch wer nichts selbst herstellt, hämmert, formt, bemalt, hat Aufgaben. Es sind die vielen Boten, die Teejungen, die kleinsten Helfer, die für einen Teller Bohnen dem Meister das Kissen aufschütteln, wenn er ruhen will. Sie kennen das Viertel wie sonst niemand, sie sind verwachsen mit dem Labyrinth der Gassen, hier großgeworden und nie zur Schule gegangen. Wenn ihr Kopf es mitmachte, lernten sie das Handwerk vom jahrelangen Zusehen. Diese Tradition ist brüchig geworden. Wo man noch das Handgefertigte vermutet, haben sich die chinesischen Produkte eingeschlichen. Die tausend Katzen, die auf dem Markt heimisch sind, schauen verdutzt auf ihre häßlichen Abbilder aus chinesischem Blech, wenn diese mit den Armen winkend Glück mit Geld verwechseln. Die chinesischen Aufkäufe scheinen den Gleichmut der einfachen Händler nicht zu erschüttern. Sie sind arm und warten die Dinge ab wie in einem zyklischen Moratorium, in welchem alle gleich sind.
     Dieses Verbindende, das in der Revolution unverhofft und groß aufleuchtete, ist wieder zurückgesunken in die alte Geschichte. Es nährt sich aus der Vergangenheit als „große Zivilisation“. Diese Identität hängt auch um den Ärmsten wie ein Kleid – nährt den Stolz, Ägypter zu sein. In ihr sind alle aufgehoben, nicht im Staat, nicht im System. Darin ist Raum für die unterschiedlichsten Prägungen einzelner. Persönliche Gewohnheiten werden aufs Freundlichste ausgelebt, besprochen, erwidert, ebenso wie es zu den drastischen Entscheidungen der Mächtigen kommt, zum rauschhaften Ansammeln von Pfründen, zum brutalen Ausspielen Abhängiger, zur wahrlich pharaonenhaften Inszenierung – doch alles bewegt sich im selben Gemälde, springt nicht über den Rahmen hinaus. Im Gegenteil, wo dieser zu splittern droht, wird er von den Figuren im Inneren geflickt, in vorbildlicher künstlerischer Fertigkeit. Die Metallgießer in den Gassen des Chan al Khalili sind Diener dieses großen Bildes, die Schnitzer, die Maler, die Weber und Stickerinnen, die Seiler und Ledermacher in den Winkeln der Stadt, sie alle sind ihm hingegeben. Nur die Glasbläser üben jenes kühne Gewerbe aus, in dem die großen Blasen manchmal platzen.
     Die Zeltmacher haben sich kurz vor dem Niedergang auf ihr Gewerbe besonnen. Ihre Kunst ist fast so alt wie die Stadt selbst. Von Zelten mit einem unvorstellbaren Umfang von 1 400 Cubits (circa 700 Meter) ist in alten Quellen die Rede, wenn schon im Jahr 1122 zur jährlichen Nilflut der Kalif sein Zelt vor den Toren der Stadt errichten ließ. Das Warten auf den endgültigen Wasserpegel im Nilometer war verbunden mit einem Volksfest für die Untertanen, die im Prunk des Zeltes, in der Überfülle der Stickereien und den Farben der verwobenen Seide den Reichtum des Herrschers ermaßen.
     Bahnen solchen Ausmaßes werden nicht mehr genäht. Große Wandbehänge sind geschrumpft zum gut faltbaren Maß eines Bildes oder zu Kissenbezügen. Vier „echte“ Zeltmacher werden gezählt, viele andere nähen im Hintergrund zu. Wessen Geschäft einen Namen hat, verweist freundlich auf die schönsten Muster, als entstünden sie alle nur aus seiner Hand. Was sie in verborgenen Fächern als besondere Stoffe hüten und dann doch ausbreiten, holt die auf den Kissen schlummernden Katzen aus ihrem Schlaf. Den schmalen Läden in der mittelalterlichen Gasse zugehörig, scheinen sie angezogen vom Geruch des Canvas und der Baumwolle, den gelagerten Materialien und pergamentenen Schablonen, die jene Muster auf dem Stoff abbilden, die in hochkomplizierter Verschachtelung in den alten Moscheen, an den Hauswänden der Mamelukenhäuser und auf den Toren der Stadt seit Jahrhunderten zu finden sind. Die Retter der Gilde besinnen sich auf diese alten Muster mit den unendlichen Parkettierungen islamischer Ornamentik ebenso wie auf neue Designs für einen internationalen Geschmack und erfreuen sich in ihrer Hingabe ungebrochener Standesachtung und wachsenden Reichtums. Sie haben das alte Handwerk für sich allein in die Marktgesetze von Facebook und Internet transformiert. Keiner der alten Handwerker scheint ihnen böse zu sein. Doch wo die Lust am Handel sich verloren hat, zeigen die Bruchstellen einen totenstillen Untergrund.
     Es ist die Stille nach dem unbändigen Geschrei, das seit Aufzeichnung aller Reiseberichte die Geschäfte auf dem Bazar auszeichnet: das harte Feilschen um den Preis, das Preisdrücken des Käufers dicht an der Grenze zum Affront, aber die Lautstärke hat nichts zu bedeuten. Man meint, es stünde ein Kampf mit dem Messer bevor, Hunde mischen sich bellend ein und Katzen erstarren und warten ab, aber es ist lediglich ein Handelsritual. Nur wer nach einem Kompromiß noch einmal verhandeln will, wird aus dem Laden geworfen, mit entsetzlichen Verwünschungen. Der Geschäftsablauf ist heute ein anderer.

(…)

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Im Heft auf Seite 78

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