LI 134, Herbst 2021
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Dasein in der Pandemie

Martin Heideggers Philosophie der Sorge und die Biopolitik

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Wenn die Selbstsorge der fundamentale Modus der menschlichen Existenz ist, bedeutet das nicht, daß dieser Modus ontologisch garantiert ist. Dasein kann diesen Existenzmodus auch verlieren und dadurch sich selbst. „Dasein ist je seine Möglichkeit und es ‘hat’ sie nicht nur noch eigenschaftlich als ein Vorhandenes. (...) [Es] kann dieses Seiende in seinem Sein sich selbst ‘wählen’, gewinnen, es kann sich verlieren, bzw. nie und nur ‘scheinbar’ gewinnen.“  Ein Dasein verliert sich selbst, wenn es zum Objekt der Sorge von einem anderen Dasein wird. Heidegger spricht nicht nur über die Sorge, sondern auch über die Sorge für andere, die Fürsorge.

Van Goghs Schuhe
Heidegger zufolge gibt es zwei verschiedene Arten von Fürsorge. In dem einen Fall befreie ich den anderen von seinen Sorgen und beginne statt des anderen zu handeln. In diesem Fall verliert der oder die andere seinen oder ihren Modus des Seins und hört eigentlich auf zu existieren. Der zweite Weg, Sorge für den anderen zu praktizieren, ist, ihm oder ihr beizubringen, gegen diese erste Art von Fürsorge und für das exklusive Recht zu kämpfen, um sich selbst zu bangen und für sich selbst Sorge zu tragen. Es ist offensichtlich, daß Heidegger sein eigenes Buch Sein und Zeit als authentische Form der Sorge verstanden hat, lehrt doch dieses Buch seinen Leser, jeden Versuch anderer zurückzuweisen, ihn von seiner Verpflichtung zu befreien, für sich selbst zu sorgen. Die Fürsorge anderer zu akzeptieren bedeutet eigentlich, das Dasein in einen lebenden Körper wie ein Tier oder eine Pflanze zu transformieren – in ein bloßes Ding in einer von anderen kontrollierten Welt. Faktisch kann man sein eigenes Dasein überleben. Das ist der Grund, warum die Entschlossenheit eine so zentrale Rolle in Heideggers früher Philosophie spielt: Wir sind uns selbst gegenüber verpflichtet, unseren fundamentalen Modus der Existenz als Selbstsorge gegenüber jeglichem Versuch anderer zu verteidigen, für uns zu sorgen und uns dadurch inexistent oder vielleicht bloß scheinexistent zu machen.

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Unsere Beziehung zu unserem Körper ist analog zur Beziehung einer Bäuerin zu ihrem Stück Land. Im Grunde handelt es sich um die Beziehung zu Privateigentum, um einen feudalen, präkapitalistischen und präsozialistischen Typ von Eigentum. In ihrem Buch Vita activa oder Vom tätigen Leben schreibt Hannah Arendt, die Privatheit des menschlichen Körpers sei die primäre Form des Privateigentums: die Entwicklung von Privateigentum lasse sich als Expansion der Privatheit durch den Prozeß der Inbesitznahme der Umwelt durch den menschlichen Körper betrachten. Arendt hebt die Tatsache hervor, daß sogar in sozialistischen Gesellschaften die physiologischen Funktionen des Körpers privat blieben. Sie schreibt: „In dieser Hinsicht ist der Körper wahrlich das Urbild allen Eigentums, da er dasjenige ist, was man beim besten Willen nicht gemeinsam besitzen oder mit einem anderen teilen kann. Nichts ist weniger gemeinsam und entzieht sich mit solcher Bestimmtheit der Mitteilbarkeit als körperliche Freuden und Leiden, die Lust und Unlust des Leiblichen, die sich der Sichtbarkeit und Hörbarkeit und damit der Öffentlichkeit entziehen.“  Allerdings schreibt sie weiter, führe das Auftauchen von öffentlichen und privaten Fürsorgeinstitutionen und parallel dazu das Aufkommen der Arbeiterbewegung, die auch die fürsorgetragenden Arbeiter inkludiert, zu einem Verlust von Privatheit. Mein eigener Körper gehört nicht länger mir. Seine physiologischen Funktionen, einschließlich der allerintimsten, der reproduktiven Funktionen, werden zum Gegenstand politischer Diskussionen und bürokratischer Entscheidungen. Das Private wird politisch. Diese Sozialisierung, die Enteignung des Körpers, scheint der letzte Schlag wider die Souveränität des Daseins und seines fundamentalen Modus des Seins als Selbstsorge zu sein. Statt Selbstsorge zu sein, scheint das Dasein zu einem entfremdeten Körper in der Welt anderer zu werden. Dieses Bild von der gegenwärtigen Gesellschaft ist indes falsch.

Souveränität
Die Verantwortung des Daseins, Sorge für seinen Körper zu tragen, genießt in der Tat nicht nur generell Akzeptanz seitens der gegenwärtigen Gesellschaft, vielmehr ist genau das seine wichtigste Verantwortung. Die Arbeit der Sorge, einschließlich der Arbeit der Selbstsorge, ist harte Arbeit. Im Grunde genommen eine Sisyphosarbeit. Das weiß jeder. Tagtäglich muß das Essen zubereitet und dann gegessen werden, danach muß man wieder damit beginnen, etwas zu essen zuzubereiten. Jeden Tag ist der Raum zu reinigen – am nächsten Tag das gleiche Spiel. Morgens und abends muß man sich die Zähne putzen – um am nächsten Tag das Ritual zu wiederholen. Die Arbeit der Selbstsorge ist unser fundamentalster Beitrag für die Gesellschaft, in der wir leben. Alles andere hängt davon ab. Unser soziales, wirtschaftliches und politisches System behandelt die Bevölkerung wie eine Quelle erneuerbarer Energie, wie Sonnen- oder Windenergie. Allerdings ist der Vorrat und die Stabilität dieser Energie nicht „natürlich“ garantiert, sondern durch die Bereitschaft jedes Individuums in der Bevölkerung, Selbstsorge zu üben und viel Arbeit in die Bewahrung der eigenen Gesundheit zu investieren. Wenn die Bevölkerung sich entscheiden würde, diesem Erfordernis nicht länger nachzukommen, würde das ganze System kollabieren. Natürlich ist die Bevölkerung von der Position des politischen Staates aus und der dominierenden technischen Unternehmen eine Ressource. Aber diese Ressource fließt nicht wie der Rheinstrom. Sie ist ein Produkt der Selbstsorge. Insofern nimmt das Dasein als Selbstsorge wiederum eine souveräne Position in seiner Beziehung zum System der Gesellschaft ein und entdeckt seine Macht.
     In den gegenwärtigen Gesellschaften wurde die Arbeit der Fürsorge zu einem der am weitesten verbreiteten Modi der Arbeit. Die Sicherheit menschlicher Leben wird in unserer Zivilisation als höchstes Ziel betrachtet. Foucault hatte recht, als er die modernen Staaten als biopolitisch beschrieb. Deren Hauptfunktion sei es, Sorge für das physische Wohlergehen der Bevölkerung zu tragen. In diesem Sinn hat die Medizin den Platz der Religion eingenommen und das Krankenhaus den der Kirche. Der Körper hat die Seele substituiert als das privilegierte Objekt institutionalisierter Sorge: „Die Gesundheit tritt an die Stelle des Heils.“ Die Ärzte übernahmen die Rolle der Priester, angeblich kennen sie unsere Körper besser als wir – so wie die Priester vorgaben, unsere Seelen besser zu kennen, als wir es taten. Allerdings geht die Fürsorge für die menschlichen Körper weit über die Medizin im engen Sinne dieses Wortes hinaus. Die staatlichen Institutionen tragen nicht nur Sorge für unsere Körper als solche, sondern auch für die Art, wie wir wohnen, wie wir uns ernähren, und für alles andere, was dem Ziel dient, unsere Körper gesund zu halten. Öffentliche und private Transportsysteme sorgen dafür, daß die Körper der Passagiere unbeschadet an ihren Bestimmungsort gelangen. Die ökologische Industrie trägt Sorge für die Umwelt, um diese für die menschliche Gesundheit angemessener zu gestalten.
     Es sieht also ganz so aus, als würde das System der Fürsorge uns als Patienten verdinglichen, uns zu lebenden Leichnamen machen, uns wie kranke Tiere und nicht wie autonome Menschen behandeln. Allerdings ist dieser Eindruck, wie gezeigt, weit von der Wahrheit entfernt. Tatsächlich verdinglicht das Gesundheitssystem uns nicht, es subjektiviert uns vielmehr, wenn man so möchte. Zuallererst beginnt das Gesundheitssystem für einen individuellen Körper nur dann Sorge zu tragen, wenn der Patient sich an dieses System wendet, weil er oder sie sich unwohl, schlecht oder krank fühlt. Und tatsächlich lautet die erste Frage, die einem gestellt wird, wenn man zum Arzt geht: „Was kann ich für Sie tun?“ Mit anderen Worten versteht die Medizin sich selbst als Dienstleister und behandelt den Patienten wie einen Kunden. Den Patienten obliegt nicht nur die Entscheidung, ob sie krank sind oder nicht, sondern auch welche Körperteile erkrankt sind. Schließlich ist die Medizin hochspezialisiert, und es ist der Patient, der als erster die Entscheidung trifft, welche medizinische Institution und welcher Arzt geeignet sind. Es sind die Patienten, die primär Sorge für ihre Körper tragen. Das fürsorgetragende Gesundheitssystem spielt eine sekundäre Rolle. Die Selbstsorge genießt Vorrang vor der Sorge. Das Dasein bleibt souverän.

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Mehr von:
Boris Groys
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 25
Aus dem Englischen von Anja Dagmar Schloßberger

Genre

Hauptthema
  • Der paradoxale Charakter des gegenwärtigen bipolitischen Staates

Schlagworte

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