LI 135, Winter 2021
Heftpreis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%

Ein Kunstwerk werden

Wo Religion war, ist das Design, wo Gott war, die Gesellschaft getreten

In der Geburt der Tragödie schreibt Nietzsche, es sei besser, ein Kunstwerk zu sein als ein Künstler. Wenn wir Alexandre Kojève glauben, so ist die Begierde, ein Kunstwerk zu sein, die menschlichste aller menschlichen Begierden. Tatsächlich begehrt das Tier „naturgemäß“ immer, sein Objekt zu „negieren“: Wenn ich hungrig bin, esse ich Brot, also vernichte ich es. Und wenn ich durstig bin, vernichte ich das Wasser, da ich es trinke. Aber die Begierde, gemocht, bewundert zu werden, ein Objekt der Begierde anderer zu werden, läßt mich ein Interesse an anderen und ihrer Existenz entwickeln. Das Begehren der Begierde anderer bezeichnet Kojève als „anthropogene Begierde“. In seiner Einleitung zu Hegels Phänomenologie schreibt er: „Die menschliche Geschichte ist die Geschichte begehrter Begierden.“ Die begehrte Begierde ist es, was das Selbstbewußtsein und, man kann sagen, das Selbst als solches produziert.
     Aber wie ein Kunstwerk werden? Unsere Kultur wird oft als narzißtisch beschrieben. Und oft genug versteht man unter Narzißmus die totale Konzentration auf einen selbst und das fehlende Interesse an der Gesellschaft. Allerdings interessiert sich der mythologische Narziß nicht ausschließlich für sich selbst. Sein Interesse ist offensichtlich nicht, seine wie auch immer gearteten Begierden zu befriedigen – eher weist er sie zurück. Aber auch seine „inneren“, „subjektiven“ – nur seiner eigenen Anschauung zugänglichen – Visionen sind nicht das, was ihn fasziniert und von den anderen isoliert. Ihn verzaubert vielmehr die Spiegelung des eigenen Körpers im See, die sich ihm ihrerseits als „objektives“, profanes Bild präsentiert – produziert von der NATUR und potentiell jedem zugänglich. Insofern wäre es falsch zu behaupten, Narziß sei nicht an anderen, nicht an der Gesellschaft interessiert gewesen. Im Gegenteil, er identifiziert seine eigene Perspektive komplett mit der „objektiven“, gesellschaftlichen Perspektive. Und natürlich nimmt er an, daß andere ebenso von seinem weltlichen Antlitz fasziniert sein werden. Als Mitglied der griechischen Kulturgemeinschaft weiß er, daß er mit anderen Griechen denselben ästhetischen Geschmack teilt. Wir sind unfähig, uns selbst zu mögen, wenn wir nicht davon ausgehen, daß wir von der Gesellschaft gemocht werden, in der wir leben.
     Der zeitgenössische Narziß kann sich indes seines oder ihres Geschmacks nicht so sicher sein. Die zeitgenössischen Subjekte können sich nicht auf ihr naturgegebenes Aussehen verlassen. Statt dessen praktizieren sie Selbstdesign. Das bedeutet, sie produzieren ein Bild ihrer selbst mit dem Ziel, von der Gesellschaft gemocht zu werden. Sogar die Leute, die ihre Designaktivitäten auf das Machen von Selfies beschränken, unternehmen gewisse Anstrengungen, um diese zu verbreiten und die erwünschten „Likes“ zu bekommen. Aber das Selbstdesign hört hier nicht auf, natürlich nicht. Wir produzieren ästhetisch relevante Objekte und/oder umgeben uns selbst mit solchen Dingen, von denen wir glauben, daß sie Eindruck machen oder attraktiv wirken. Und wir agieren öffentlich – bis zur Selbstaufopferung im Namen des einen oder anderen Gemeinwohls –, um von anderen bewundert zu werden.
     Dieses Interesse an Selbstdesign ist bezeichnenderweise modern, säkular und atheistisch. Solange Gott für lebendig gehalten wurde, war das Design der Seele den Menschen wichtiger als das Design des Körpers. Das Subjekt wollte seine oder ihre Seele von Gott geliebt oder zumindest anerkannt wissen. Das Begehren, von anderen, von der Gesellschaft bewundert zu werden, wurde als Sünde betrachtet, weil so die einzig wahre, die spirituelle Anerkennung substituiert worden wäre durch die „irdische“ Anerkennung und die inneren Werte durch äußere Werte. Das Verhältnis des Subjekts zur Gesellschaft war ethisch: Gutes für die Gesellschaft tat man ausschließlich, um Gott zu gefallen, nicht der Gesellschaft selbst. Der Tod Gottes bedeutete das Verschwinden des göttlichen Betrachters der Seele. Im säkularen Zeitalter wurde Gott durch die Gesellschaft substituiert. Und so wurde unser Verhältnis zur Gesellschaft erotisch – statt ethisch zu sein. Auf einmal wurde die einzig mögliche Manifestation der menschlichen Subjektivität zu deren Design: die Art der Kleidung, in der die jeweiligen Menschen in Erscheinung traten, die Dinge des täglichen Lebens, mit denen sie sich selbst umgaben, die Räume, die sie bewohnten. Wo einst Religion war, war nun das Design erschienen.

(…)

Das Hauptproblem der gegenwärtigen Kultur besteht meiner Meinung nach genau darin, daß jeder hier und jetzt gemocht werden will. Betrachtet man jedoch die Geschichte der Menschheit, angefangen bei Sokrates und Jesus Christus bis hin zu den Künstlern der Avantgarde, sieht man, daß Menschen nur dann im Gedächtnis bleiben, wenn sie zu Lebzeiten auf Ablehnung gestoßen sind. Man erinnert sich nur an das, was einem nicht gefällt. Das ist eine sehr simple psychologische Tatsache. Wenn man anderen im Gedächtnis bleiben möchte, muß man bei den Menschen systematisch auf Ablehnung stoßen. Wenn du bereit bist, nicht gemocht zu werden, hast du eine reale historische Chance. Diese Regel mag seltsam erscheinen, aber es ist eine Regel, die über Jahrtausende ungebrochen blieb. Der Grund für die Gültigkeit dieser Regel ist simpel: Die Entscheidung, nicht gemocht zu werden, macht die Menschen perplex und zwingt sie, einen genauer zu betrachten.

(…)

Zeichenanzahl Exzerpt: 
5.382 von 30.820 Zeichen
Mehr von:
Boris Groys
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 35
Aus dem Englischen von Anja Dagmar Schloßberger

Genre

Schlagworte

Heftpreis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript