LI 125, Sommer 2019
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%

María Luisa Castillo

Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht! Madame Bovary als Zeitmaschine

Ich stelle etwas voran, das man vielleicht lieber nicht sagen sollte. Ich gestehe, daß ich nicht gelesen habe, was Autoren wie Jean-Paul Sartre, Guy de Maupassant, Charles Baudelaire, Marcel Proust, Émile Zola, Julio Ramón Ribeyro, Roland Barthes oder Harold Bloom über Gustave Flaubert und seine literarischen Kreaturen geschrieben haben. Wobei man wahrscheinlich eher sagen müßte, daß ich es gelesen, aber wieder vergessen oder jedenfalls nicht erneut konsultiert habe.
Aber das ist auch nicht besonders wichtig.
   Mario Vargas Llosa schrieb 1974 in seinem Essay Die ewige Orgie über Madame Bovary, Flauberts Mitte des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman: „Ein Buch wird aus vielen Gründen Teil des Lebens eines Menschen, und diese Gründe haben sowohl mit dem Buch als auch mit dem Menschen zu tun.“
   Darüber möchte ich sprechen: von den vielen Gründen, dem Leben und dem Tod von María Luisa Castillo.
   Alles andere ist bedeutungslos.

   (…)

Von Flaubert weiß ich, was allgemein bekannt ist: Er kam als viertes Kind nach drei Totgeburten zur Welt, sein Vater war Arzt und seine Mutter gefühlskalt, er war der Autor von Madame Bovary, der Vater des modernen Romans, Gladiator der freien indirekten Rede etc. etc. etc. All dem habe ich nichts hinzuzufügen. Doch wenn es stimmt, daß Oscar Wilde über Balzacs Verlorene Illusionen sagte: „Der Tod von Lucien de Rubempré ist eine der größten Tragödien meines Lebens“, könnte ich, ohne mich auch nur annähernd mit ihm vergleichen zu wollen, sagen, daß Leben und Tod von Emma Bovary Teil dessen sind, was ich bin. Oder, um es etwas weniger schwülstig auszudrücken: Sie hat ihre Spuren in mir hinterlassen.  

   (…)

Eine sehr lapidare – und sehr ungerechte – Zusammenfassung von Madame Bovary würde lauten, daß der Roman die Geschichte von Emma erzählt, verheiratet mit Charles Bovary und Mutter der kleinen Berthe, die eine Liebschaft mit einem Mann namens Rodolphe beginnt, dann mit einem anderen namens Léon, und die sich schließlich, hochverschuldet und im Begriff, alles zu verlieren, mit Arsen vergiftet.
   Ich habe Madame Bovary mit 15 Jahren gelesen, und lange Zeit glaubte ich, den Roman nicht richtig verstanden zu haben. Denn diese Emma war ganz und gar nicht die große literarische Figur, die ich mir erwartet hatte, sondern mindestens genauso dumm wie die Mädchen in meinem Dorf, die Luftschlösser bauten und dann zusahen, wie sie mit der Katastrophe der ersten Schwangerschaft oder des zweiten miesen Jobs in sich zusammenfielen. Emma Bovary war ein zyklothymisches Frauenzimmer, das nichts Besseres zu tun hatte, als einem nebulösen Ideal hinterherzujagen und dabei sich und alle um sie herum ins Verderben zu reiten. Denn was zum Teufel wollte Emma Bovary eigentlich? Wollte sie eine Nonne sein, eine Jungfrau, eine Swingerin, Millionärin, eine vorbildliche Mutter? Mir war es egal, daß sie ihren Mann betrog (tatsächlich fand ich, das sei noch das Beste an der Sache), aber ihre haarsträubend kitschigen Träumereien machten mich wahnsinnig. Emma phantasierte von Rodolphe wie meine Freundinnen und ich von John Travolta, nur wußten meine Freundinnen und ich, daß John Travolta ein Poster war, sie aber war einfach nur blind für das, was jedem sofort ins Auge sprang: daß Rodolphe kein Mann zum Verlieben war, sondern einer dieser armseligen Dorfgalane, die Frauen verspeisten und ihre Knochen ausspuckten (wie es sie in Junín wahrlich zur Genüge gab). Der gierige Drang, mit dem sie sich Léon an den Hals wirft – und ihn bittet, ihr Gedichte zu schreiben, sich schwarz zu kleiden, einen Bart wachsen zu lassen –, hat mich nicht mitgerissen, ich habe mich für sie geschämt, und ihre Schwankungen zwischen liebevoller und gleichgültiger Mutter, zwischen zärtlicher und gefühlsloser Gattin fand ich ermüdend. Übertrug man all diese Züge ins wirkliche Leben, ergab das eine ziemlich unerträgliche Frau.
   Doch sosehr mich auch die erniedrigende emotionale Nacktheit störte, mit der Emma Bovary sich ihren Liebhabern hingab, so glaubhaft fand ich es, daß ihre Tochter Berthe nicht ihr Herz erweichte und daß sie außerehelichen Sex hatte, nicht nur mit einem, sondern sogar mit zwei Liebhabern. Und ihr Selbstmord, gekrönt vom Tod ihres Mannes, der ihre Tochter zur schutzlosen Waisen macht, war in seinem herrlich ungezügelten Egoismus berückend real.
   Aber was war Emma Bovary wirklich, war sie gut, war sie schlecht, war sie feige, war sie mutig, war sie mittelmäßig? Warum flößte sie mir keine unbändige Lust ein, in ihre Haut zu schlüpfen, wie es mir mit Tom Sawyer, Holden Caulfield oder der Maga ergangen war?
   Jetzt, nach all diesen Jahren, ist diese Frage leicht zu beantworten. Emma Bovary hat mich ganz einfach ziemlich verwirrt, in einer Zeit, in der ich ohnehin schon unglaublich verwirrt war.

   (…)

   Die Jahre vergingen, und irgendwann sah ich in Madame Bovary nicht mehr ein Buch über mittelmäßige Menschen, die sich für besonders halten, sondern einen gnadenlosen Blick auf Liebe und Erniedrigung, eine grausame Warnung vor der Tragweite unserer Entscheidungen und der Gefahr, lebendig zu sein.

   (…)

Zeichenanzahl Exzerpt: 
5.035 von 20.604 Zeichen
Mehr von:
Leila Guerriero
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 108
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar

Genre

Hauptthema
  • Die Geschichte zweier Lebenswege im Licht von Flauberts Madame Bovary

Schlagworte

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