LI 125, Sommer 2019
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Sprengung des Seins

Heideggers „Schwarze Hefte" und das Autodafé einer Seinssage

   (…)

   DAS SEIN, DER FÜHRER, DER ZUSAMMENBRUCH

Drittens: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“ (GA 16, S. 184) Das schreibt Heidegger 1933 nach seiner Rektoratsübernahme in Freiburg. Die Entscheidung für die nationalsozialistische Revolution ist gefallen, Heidegger erhofft jetzt einen „Wandel von Grund auf der deutschen und, wie wir glauben, auch der europäischen Welt“ (GA 36/37, S. 225). Er schreibt Sätze wie diese: „Der Feind kann in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes sich festgesetzt haben und dessen eigenem Wesen sich entgegenstellen (…)“, deshalb gelte es hier „mit dem Ziel der völligen Vernichtung anzusetzen“ (GA 36/37, S. 90 f.). Solche eindeutigen Worte sind eigentlich nicht Heideggers Sache. Aber er war „in einem Machtrausch“, wie er später eingesteht.
   Der Führer rückt hier dem Sein und Seinsgeschick also sehr nahe, zumindest ins halbgöttliche „Übermenschliche“ rückt Heidegger ihn, ein einsamer Platz, an dem außer ihm selbst (und vielleicht für eine gewisse Zeit noch Hölderlin) sonst niemand weilt. Unbestreitbar ist, daß Heidegger in der nationalsozialistischen Machtergreifung eine welthistorische Zäsur, ein „Geschick“ vom Sein selbst her erblickt, wo er nicht abseits stehen kann und darf, wie er seinem damaligen Freund Karl Jaspers anvertraut. Wie Gentile den Duce will Heidegger angesichts dieser seinsgeschichtlichen Zäsur den Führer führen. Das ist Heideggers abgründige seinsgeschichtliche Wette. Dieses „übermenschlich große“ Denken wird, wie die Schwarzen Hefte zeigen, mit Beginn des Krieges geradezu alttestamentarisch apokalyptische Ausmaße annehmen: Je größer und abgründiger die Zerstörungswut um ihn herum tobt, um so fiebriger wird, menschlich nicht ganz unverständlich, der Traum vom neu-anfänglichen Morgen nach der totalen Weltnacht.

Viertens: So weit wie 1933 hatte sich Heidegger noch nie aus dem Fenster gelehnt. Er war eindeutig, politisch geworden. Heidegger ist aber weder ein politischer Stratege noch dem operativen Alltagsgeschäft gewachsen. Schon rein gesundheitlich ist seine Konstitution den unvermeidlichen Intrigen und ständigen Kämpfen nicht gewachsen, so tritt er nach einem Jahr Rektorat zurück. Aber nicht von seinem vor-denkenden Protektorat Hitlers und des „deutschen Geschicks“. Dafür fühlt er sich weiterhin verantwortlich, berufen und zuständig. Die wachsende Kritik am nationalsozialistischen Technizismus, seiner biologisch-rassistischen Menschenzüchtung, seiner militaristisch-technoiden Vernichtungsenergie und seinem irgendwie ziellosen und ganz und gar modernen mobilmachenden nihilistisch-industriellen Willen zur Macht – diese Anmerkungen machen in den Schwarzen Heften zwar ein Vielfaches der eingangs erwähnten antisemitischen Äußerungen aus, dürfen allerdings nicht mit einer Systemkritik oder gar einer Distanzierung vom welthistorischen „Geschick“ verwechselt werden. Er vertraut seinem privaten Denktagebuch vielmehr an, um wieviel besser alles laufen könnte, wenn die revolutionäre Dynamik nur seinem einsamen Traum vom neuen Anfang folgen würde.
   Wenn Heidegger in den späten 1930er Jahren intensive Zwiesprache mit Nietzsche und bis in die 1940er Jahre mit Hölderlins Spätdichtung hält und das Denken des Seins nun als „Ereignis“ gefaßt wird, so liegt darin zwar auch der Versuch einer zurücknehmenden „Verwindung“ dieses ruchlos eingreifenden Rektoratsaktivismus, aber noch keine grundlegende Änderung der seinsgeschichtlichen Konzeption seines Denkens. Sowenig man sprachlich einfach aus der Wirkungsgeschichte der Metaphysik herausspringen kann, so wenig kann Heidegger aus dem „Geschick der Deutschen“, das kein anderer als er selbst (und zumindest für sich selbst!) so unauftrennbar mit dem Nationalsozialismus verjocht hat, „aussteigen“. So wird gleichsam ein weiterer „doppelter Boden“ in seine Seinssage eingezogen, jener, der zwischen dem Schicksal der nationalsozialistischen Katastrophe und dem Denken des Seins als ereignishaftem Geschick zu trennen scheint, um letztlich doch unter diesem Titel immer ein und dasselbe zu denken.
 

   ZERSPRENGTES SEIN

Fünftens: Das spannendste, noch kaum hinreichend beachtete denkerische Ereignis der Schwarzen Hefte liegt vielleicht in Heft IV und V des Bandes Anmerkungen. Wir wohnen hier – kurz vor Heideggers persönlichem Zusammenbruch im Frühjahr 1946 – nicht nur einem förmlichen Widerruf des Denkens des Seins als Seinsgeschichte bei, sondern sogar der „Sprengung“ des Seins (sic!).

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 51

Genre

Hauptthema
  • Heidegers Tagebücher der dreißiger und vierziger Jahre als Kommentar zu seinen Denkwegen und heillose Chronik einer Passionsgeschichte

Schlagworte

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