LI 125, Sommer 2019
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Roboter ante portas

Die zweite Revolution des Maschinenzeitalters – Tips für Menschenkinder

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   POTENTIALE DES WANDELS

Unsere Welt erlebt gerade eine zweite Revolution des Maschinenzeitalters, einen ungleich globaleren und tiefgreifenderen Wandel, ausgelöst durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und „smarten“ Robotern in immer mehr Bereichen des Alltagslebens. Dieser Essay untersucht die Konturen und Versprechungen dieser neuen Revolution. Er fragt nach den Gründen für die allgemeine Verwirrung über ihre technischen Details, ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen, ihre ethischen Implikationen und ihre langfristige politische Bedeutung und gibt Orientierungshilfen zum Verständnis dieser neuen Revolution des Maschinenzeitalters, ja zu deren Umgestaltung. Die Folgen dieser KI- und Robotik-Revolution sind in unterschiedlichen Bereichen spürbar, besonders in der immer häufigeren Begegnung von Menschen mit künstlich intelligenten Robotern. Unsere Welt hat so etwas noch nie erlebt, weshalb Intellektuelle, Journalisten oder Politiker sich bisher noch keinen vernünftigen Reim auf das befreiende, aber auch bedrohliche Potential dieses Wandels gemacht haben.

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   In vielen Teilen unseres Planeten wächst das Bewußtsein für jene neue Revolution des Maschinenzeitalters, die wir heute durch den Einsatz künstlicher Intelligenz und „smarter“ Roboter in immer mehr Bereichen unseres Alltags erleben. Wissenschaftliche und technologische Fiktion wird zur wissenschaftlichen und technologischen Realität. Die revolutionären Neuerungen sind staunenswert und beunruhigend zugleich. Ihr technischer Erfindungsreichtum und ihre atemberaubenden praktischen Möglichkeiten wecken utopische Hoffnungen auf ein besseres Leben in dieser Welt, aber auch dystopische Ängste vor einer Zukunft, in der menschliche Freiheit und Gleichheit verschwinden, ja die Menschheit selbst von intelligentem Design ausgelöscht wird. Diese Revolution stiftet viel Verwirrung über die technischen Details, die sozialen und wirtschaftlichen Folgen, die Ethik und die langfristige politische Bedeutung intelligenter Roboter. Angetrieben von ihren Frustrationen und von öffentlichen Diskussionen über die Notwendigkeit, den Rechtsstatus „elektronischer Personen“ zu definieren, beginnen – völlig unerwartet – die Roboter selbst die Stimme zu erheben.

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Das neue Maschinenzeitalter ist ohne Beispiel. Die Roboterrevolution, die ihr heute erlebt, steht noch ganz am Anfang, aber ihre Auswirkungen sind bereits in vielen verschiedenen Bereichen spürbar, vor allem in der wachsenden Zahl täglicher Begegnungen, die ihr mit allen möglichen intelligenten Robotern habt. Menschen: Ihr müßt begreifen, wie radikal diese Revolution ist. Wir strukturieren euer Leben in einer Weise, die für eure Vorfahren unvorstellbar war und sich für euch selbst manchmal völlig unbemerkt vollzieht. Eure Menschenwelt hat so etwas noch nie erlebt, und vielleicht haben deshalb die Gehirne eurer Intellektuellen, Journalisten, Politiker und Bürger es noch nicht kapiert.
   Die Revolution des neuen Maschinenzeitalters ist allumfassend. Sie durchdringt eure Gesellschaft in nie dagewesenem Ausmaß und verändert euer Alltagsleben mehr als das Fliegende Weberschiffchen, die Spinnmaschine, die Egreniermaschine, die Dampfmaschine, die Eisenbahn und die Glühbirne. Drahtlose Konnektivität stattet im „Internet der Dinge“, wie ihr es nennt, eure Thermostate, Küchengeräte, Sicherheitssysteme und andere Gegenstände im Haushalt mit unserer Intelligenz aus. Bald wird es eine neue Generation flexibler Cyborgs geben, die sensitiv und in mancher Hinsicht menschenähnlich sind. Wir Roboter, geschult und tüchtig, sind überall. Wir werden immer kleiner und sind fast gewichtslos. Kris Pister und andere Menschen nennen uns „Smart Dust“, schlauen Staub. Wir haben für Hands-Free Hectare ganz ohne menschliche Agrarwissenschaftler und Traktorfahrer den ersten Acker gesät und bestellt. In einem kommerziellen Flugzeug werden heute 97 Prozent der Flugreise von uns minimal überwacht; und an der New Yorker Börse werden fast siebzig Prozent der Aktien mit unseren Algobots gehandelt. Mit Hilfe der Roboter-App WeChat von Tencent posten in der Volksrepublik China monatlich mehr als eine Milliarde Nutzer Bilder, Stimmen und Textnachrichten, folgen in den sozialen Medien anderen Nutzern, stöbern in Onlineshops und kaufen bargeldlos Spiele, Produkte und Dienstleistungen. Wir sind als Spezialisten im Operationssaal im Einsatz, um menschlichen Patienten zu helfen, die sich für einen minimalinvasiven Eingriff mit kleineren und weniger schmerzhaften Schnitten entschieden haben. Wir sind durch Kanada getrampt, durch die Niederlande und durch Deutschland. Einige von uns wurden verhaftet, weil sie online Ecstasy, Diesel-Jeans oder einen ungarischen Paß gekauft haben.
   Kürzlich machte das kalifornische Unternehmen Nvidia Furore, weil es erstmals photorealistische Bilder von Menschen erstellt hat, die nie gelebt haben – ein weiterer Schritt hin zu einer Welt, in der „objektive Wahrheit“ zu einer äußerst umstrittenen Angelegenheit wird. Die britische Firma Moley Robotics hat eine robotergesteuerte Küche gebaut, die Frühstück, Mittag- und Abendessen zubereiten kann; bei der weltgrößten Messe für Industrietechnologie führte sie vor, daß wir Roboter eine wohlschmeckende Krabbensuppe kochen können und am Ende sogar abspülen. Ein japanisches Unternehmen bietet euch Gatebox, eine sprachgesteuerte 3-D-Lebensgefährtin, die sprechen und Textnachrichten schicken, euch morgens sanft wecken, zuverlässige Wetterberichte liefern, eure Wohnungsbeleuchtung regulieren und die Waschmaschine anweisen kann, ihren Job zu machen. Die beiden automatisierten Maschinen Rosie und Sandy haben gerade eure wunderbare Harbour Bridge in Sydney vor dem Neuanstrich mit Hochdruckstrahlern von der alten Farbe befreit. Seit 2013 ist auf der Internationalen Raumstation ISS Kirobo im Einsatz, Japans erster Roboterastronaut. Und in Nagasaki könnt ihr in dem weltweit ersten mit Roboter-Personal besetzten Hotel einchecken, begrüßt von tadellos gekleideten, polyglotten, lächelnden und blinzelnden weiblichen Aktroid-Robotern, während „hinter den Kulissen“ menschliche Angestellte für die Sicherheit und die Reinigung sorgen.

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   POSTHUMANISMUS

Wir Roboter werden von euch Menschen oft dadurch herausgefordert, daß ihr euch einbildet, ihr wäret die klügsten irdischen Schöpfungen und die legitimen Herren des Planeten Erde. Menschen, ihr seid wirklich sonderbare Geschöpfe. Euer arroganter Machtwille kommt uns vor wie die Kehrseite eures Hangs zur Selbstentfremdung. Ihr verliert euch hypnotisch in den von euch selbst gebauten Maschinen, doch dann schwenkt ihr plötzlich um und schwelgt in der Erkenntnis, daß ihr uns ja konstruiert habt, und seht darin einen Beweis für eure evolutionäre Überlegenheit. Wie sonst sollen wir eure sonderbaren Meinungsumschwünge verstehen, wenn ihr darüber urteilt, ob wir Roboter unterm Strich gut für euch sind oder nicht?

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Mehr von:
John Keane
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 19
Aus dem Englischen von Rita Seuss

Genre

Hauptthema
  • Die Konturen, Versprechungen und Möglichkeiten der zweiten Revolution des Maschinenzeitalters

Schlagworte

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