LI 135, Winter 2021
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Kraftfeld Jaffa

Blut und Verantwortung – Optionen für eine postkoloniale Wirklichkeit

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In meinen säkular-nationalistisch aktiven Jahren wurden die flüchtigen Glaubenskrisen, die ich von früher kannte, häufiger, länger und auch anders. Waren sie bis zu meinem 19. Lebensjahr rein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur, so gesellten sich nun, in meinem unabhängigen Leben, auch wissenschaftliche, kulturelle und politische Aspekte hinzu. Das symbiotische Verhältnis von Raum und Zeit zwischen dieser Welt und der göttlichen Parallelwelt war zusehends angespannt, und schon sehr schnell konnten sie nicht mehr nebeneinander bestehen, forderten Trennung und Brüche ein. Mit einem Male traten Brandwunden in meinem theologischen Selbstverständnis auf. Die Störung in der theologischen Bewegung des Lebens schmerzte an meinen Armen, und es kam mir vor, als würde eine mir unbekannte Kraft – eine Kraft, die ich nicht zu identifizieren vermochte, wodurch ich mich weder gegen sie wehren noch auf sie reagieren konnte – diesen Schmerz auferlegen.
     Um diese Vorgänge zu verstehen, müssen wichtige gesellschaftliche Elemente in Betracht gezogen werden. Für einige Säkulare bestand die Säkularität aus einem komplizierten, sich unterhalb der Oberfläche befindlichen Netz aus dem Verhältnis zwischen dem eher säkularen Norden und dem religiöseren Zentrum und Süden; zwischen gebildeter, patriotischer Mittelklasse und der weniger gebildeten, dem Vaterland falastin gleichgültig gegenüberstehenden Arbeiterklasse; zwischen Fortschritt, Säkularität und Feminismus und der rückwärtsgewandten Religion, dem Patriarchat und der Tradition. Für mich hatte das als gebürtige Jaffaerin klare Auswirkungen: Zwar gehörte Jaffa geographisch zum Zentrum des Landes und war über unzählige Generationen hinweg der ganze Stolz seiner Bevölkerung, aber im innerpalästinensischen Verhältnis gehörten seine Bewohnerinnen und Bewohner zur Provinz, und das nicht nur in den Augen der Säkularen. Im innerpalästinensischen Bewußtsein der nuller Jahre galt die Stadt als Hinterhof der palästinensischen Gesellschaft innerhalb des Staates Israel, als ein schicksalhaft von Armut, Kriminalität und Drogen gebeutelter Ort. Diese Haltung verengte die Wahrnehmung der Stadt ungemein, zeigte nur einen Teilausschnitt und führte zu Abwendung und Arroganz gegenüber ihren Einwohnern. Dieses Schicksal teilten sie mit der arabischen Öffentlichkeit Lods und Ramles sowie anderer benachbarter Städte, in denen eine ärmere und weniger gebildete palästinensische Bevölkerung lebte als im Norden.
     Armut, Kriminalität und Drogen waren hingegen keine Erfindung. In den 1980er Jahren, im ersten Jahrzehnt meines Lebens, gehörten Drogenabhängige zum alltäglichen Straßenbild, ebenso wie Drogendealer, für die das Wort Gefängnis سجن („sijn“) identisch war mit dem Wort Zuhause دار („dār“). Als Jaffaerin bin ich von Kindheit an damit vertraut, tagelang niedergeschlagen und mit Beklemmungen durch die Straßen zu gehen, ausgelöst durch die Blicke der Frauen der Stadt, deren Söhne ermordet wurden, nachdem sie mit den lokalen kriminellen Banden in Berührung gekommen waren. Ich wuchs auf mit Klassenkameraden, normalen Jugendlichen, als Kinder noch still und fast ohne jegliche Präsenz, die als junge Männer zu professionellen Verbrechern mutierten. Mehrmals wurde ich Zeugin der Transformation lebendiger Menschen zu leblosen Körpern, die im pathologischen Institut in Abu Kabir obduziert und zu lange in den Kühlkammern aufbewahrt wurden; der Stillstand, während die Mütter auf die letzte Rückkehr ihrer Söhne warten; die Ankunft der neuesten Toten, eingewickelt in weiße Beerdigungstücher, mit Watte in allen Körperöffnungen; das Flüstern über gestohlene Organe, entnommen ohne Erlaubnis der Familien; die Wut auf Rettungssanitäter und Polizeikräfte, die nicht rechtzeitig am Tatort eintrafen, um Leben zu retten oder die Mörder zu fangen; die lange Reihe wartender Frauen und Männer, um die kalten Wangen ein letztes Mal zu küssen; der Sarg, der auf den Schultern der Männer zum Friedhof gebracht wird; die Frauen, die nicht um den Toten, sondern über ihren eigenen bevorstehenden Verlust weinen. Ich beobachtete aus der Ferne die Männer, untätig im Trauerzelt sitzend, Rachegedanken in den Augen sich spiegelnd; es schmerzte, die Freudenfeuerwerke aus den Häusern der Mörder zu hören; der Muezzin, der den Namen des Toten verkündet und dazu aufruft, an der wöchentlichen Beerdigungszeremonie teilzunehmen; und dann endlich die Rezitation aus dem Qurʾān, die den Beginn der Trauerzeit einleitet.
     Dieser blutende Teil der Geschichte der Töchter und Söhne der Stadt ist Realität. Die Kriminalität in Jaffa ist eine Art Ersatzsprache. Was mittels der Sprache nicht erreicht werden kann, geht über zu den Händen und wird zu einem gewalttätigen Akt. Es besteht kein Widerspruch zwischen der Tatsache, daß das Verbrechen sich gegen sich selbst richtet, gegen die Kinder der Stadt أولاد البلد (awlad al-balad), und der Tatsache, daß dies der Weg ist, die Stimme gegen die Armut, die soziale Ausgrenzung, die Ablehnung und das Racial Profiling seitens der israelischen Polizei zu erheben. Die klassischen griechischen Tragödien, von Sophokles’ Oedipus Rex bis zu Euripides’ Medea, werden in der späteren Geschichte der Region, etwa in der Person des tunesischen jungen Mannes Mohammad Buʾazizi nachgespielt, der aus Protest gegen Armut und Entbehrungen seinen eigenen Körper in Brand setzte und damit Wellen regionaler Massenproteste auslöste. Verzweiflung und Selbstgeißelung können als eine Sprache des Widerstands interpretiert werden.
     Aber auch solch eine Lesart ändert nichts an der Tatsache, daß die Geschichte des Verbrechens der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts bis heute noch immer die Lichter von Jaffa verdunkelt, die Stadt, die über Tausende von Jahren einen Treffpunkt antiker Zivilisationen und Zentrum der Kultur und des Handels in der späteren Geschichte der Region darstellte. Der tragische Bruch im Schicksal der Bevölkerung der Stadt änderte nichts am nostalgischen Blick der Palästinenser des Jordanlands und des Gazastreifens sowie der Jaffaer im erzwungenen Exil – der historische Glanz der Stadt ist in ihren Augen niemals verloschen. Im Gegensatz dazu wurde für die palästinensische Bevölkerung, die unter der israelischen Regierung lebt, die Vergangenheit Jaffas zu einem Mythos, der ihren gegenwärtigen Bewohnern weder Respekt noch Anerkennung gewährt. Die Tragik der Stadt wird zuweilen mit der angeblich kriminellen Natur ihrer Bevölkerung in Verbindung gebracht, ohne jeglichen historischen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang ihrer Situation und ohne die Übernahme von Verantwortung seitens der palästinensischen Gemeinschaft in den Dörfern und Städten, in denen, relativ betrachtet, das gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Niveau sowie die politische Führung nach der Nakba erhalten blieben.

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Mehr von:
Zahiye Kundos
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 41
Aus dem Hebräischen von Michal Bondy, Lektorat von Adina Stern

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