LI 133, Sommer 2021
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(K)ein Mann der Zukunft

Über die vielen Bilder des Architekten Albert Speer

(...)

Tatsachen
Er war Adolf Hitlers Architekt. Er baute Hitlers Neue Reichskanzlei und entwarf den Lichtdom für die Nürnberger Reichsparteitage, der traurige Berühmtheit erlangte. In einem Alter, wo deutsche Architekten wie Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe den Internationalen Stil begründeten, tendierten seine Gebäude zu einer fade stilisierten Form des Klassizismus. Er hatte eine Vorliebe für traditionelle Materialien. Er entwarf den Masterplan für die Welthauptstadt Germania, die monumentale Umgestaltung Berlins, die Hitler für die Zeit plante, wenn Berlin die Hauptstadt der Welt sein würde; aber er beschäftigte sich nicht mehr mit Architektur, seitdem er während des Kriegs zum Rüstungsminister ernannt worden war. Er war ein gutaussehender Mann, introvertiert und belesen. Er liebte die Natur und den Freiluftsport. Er wurde in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.
     Er bekannte sich schuldig. Er erklärte, daß er, auch wenn er erst während des Prozesses vom Völkermord an den Juden und Roma erfahren habe, aufgrund seiner Rolle als hochrangige nationalsozialistische Führungskraft persönlich für die Handlungen seiner Regierung verantwortlich sei. Er wurde zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt anstatt hingerichtet. Er verbrachte sie in Spandau, einer Festungshaftanstalt vor den Toren Westberlins, wo mehrere Dutzend Wachleute der vier alliierten Mächte ihn und die sechs anderen Nazis bewachten, die in Nürnberg dem Tod oder Selbstmord entgangen waren. Als der letzte von ihnen gestorben war, wurde die Festung dem Erdboden gleichgemacht, um zu verhindern, daß sie zu einer Kultstätte wurde.
     Dies waren die entscheidenden Tatsachen, die Ende der 1990er Jahre, als Tuymans Der Architekt malte, über Albert Speer bekannt waren. Es läßt sich vermuten, daß diese Sachverhalte seiner Entscheidung zugrunde lagen, Speer zu malen und ihn so darzustellen, wie er es tat.
     Diese Fakten lassen sich hauptsächlich in zwei Büchern finden, die Speer während seiner Haft heimlich auf Papierfetzen geschrieben hat. Ein dienstbarer Wachmann schmuggelte sie für ihn nach draußen. Sie wurden 1969, drei Jahre nach seiner Entlassung, unter großer internationaler Beachtung veröffentlicht. Obwohl von dem hochangesehenen Historiker Joachim Fest herausgegeben, wurde die historischen Genauigkeit von Speers Erinnerungen in Frage gestellt.. Diese Fragen konzentrierten sich insbesondere auf Speers Behauptung – die er zunächst in Nürnberg vorbrachte und dann in den beiden Büchern über zwei Jahrzehnte lang durch den Umständen entsprechende Erläuterungen verwässert –, er habe nichts von den Vernichtungslagern gewußt. Der Zweifel an Speers Aufrichtigkeit wurde später zur Gewißheit. Es gibt physische Beweise für seine Anwesenheit 1943 in Poznan, als Heinrich Himmler sich auf grausamste Weise für das Vergasen von Kindern zusammen mit den Erwachsenen aussprach, um zu verhindern, daß sie überlebten und zurückkehrten, um Rache zu nehmen. Während die Historiker im Laufe der Jahre zunehmend den Verdacht hegten und schließlich davon ausgingen, daß Speer darüber Bescheid gewußt hatte, kam der materielle Beweis jedoch erst 2007 ans Licht, einige Jahre, nachdem das Gemälde entstanden war.
     Diese Sachverhalte sind entscheidend, um Albert Speer zu verstehen. Sind sie auch entscheidend zum Verständnis von Der Architekt? Es ließe sich natürlich vermuten, daß hier das Geheimnis liegt, auf das das Bild anspielt: Speers Schuldbewußtsein, seine Rolle bei den Greueltaten. In diesem Fall wäre Der Architekt eine Wiederholung. Denn Tuymans hatte Speer und jenem Geheimnis bereits zwei Gemälde gewidmet.
     Das Geheimnis war schon in einem Bild von 1990 gegenwärtig, einem Porträt im herkömmlichen Sinn – Speers Züge können von jemandem, der mit Photographien von ihm vertraut ist, eindeutig erkannt werden. Tuymans malt mehr oder weniger in Schwarzweiß. Speer erscheint als attraktiver junger Mann zu Beginn seiner Karriere als führender Architekt der NSDAP. Sein Gesichtsausdruck ist ruhig und bestimmt, beinahe besinnlich. Der Titel des Werks lautet „Geheimnisse“.
     Die auffallend seltenen Stellen in Speers Erinnerungen, wo er über seine Schuld nachdenkt, sind voller Hinweise auf das Sehen. In einem der deutlichsten Beispiele schreibt er, daß er als Rüstungsminister einmal eine Fabrik besucht habe, deren Zwangsarbeiter erst vor kurzem aus einem Konzentrationslager dorthin verlegt worden waren. Er berichtet, daß die Gefangenen, gefragt, ob sie lieber in ein Lager zurück wollten, wo sie nicht zu arbeiten brauchten, überraschenderweise nein sagten.
     Noch zwanzig Jahre später erinnerte sich Speer an das Entsetzen in ihren Augen bei dem Gedanken, zurück zu müssen. Und doch, schreibt er, fragte er nicht nach dem Grund für dieses Entsetzen. Er sah es nicht. „Wenn ich heute die Empfindungen ergründen möchte, die mich damals bewegten“, schreibt Speer, „… so beunruhigt mich vielmehr, daß ich in den Gesichtern der Häftlinge nicht die Physiognomie des Regimes widergespiegelt sah … Und manchmal frage ich mich, wer denn eigentlich dieser junge, mir so fremd gewordene Mann war …“
     Dieser junge Mann ist die Person, die in Geheimnisse porträtiert wird.

(…)

„Oder auch nicht“
Im Vorwort zu seinen Erinnerungen versucht Speer, der feindlichen Reaktion vorzubeugen, die ihm seitens der Öffentlichkeit bevorsteht, die ihn in erster Linie als Verbrecher gegen die Menschlichkeit erinnert. „Viele werden [meine Erinnerungen] für verzerrt halten“, schreibt er. „Das mag so sein oder auch nicht.“
     Das Bizarre dieser Aussage ist schwer zu überbieten. Ein arroganter Mann, ein Roark, hätte getönt, daß es sich bei jedem Wort in diesen Memoiren um die absolute Wahrheit handele (warum sie sonst veröffentlichen?). Ein unsicherer Mann, ein Keating, hätte wahrscheinlich vorbeugend die Fehlbarkeit des Gedächtnisses eingestanden und die unvermeidliche Milderung qualvoller Erinnerungen im Laufe einer zwanzigjährigen Haftzeit. Speer tut nichts von beidem. Von seinem Innenleben verrät er nichts. Aus der Art, wie er darüber spricht, scheint er auch keinen Zugang zu ihm zu haben.
     Die gleiche Leere kehrt jedes Mal wieder, wenn er sich an Selbsterforschung versucht. „Während der Jahre nach meiner Entlassung aus Spandau wurde ich immer wieder gefragt, … was ich tatsächlich über die Verfolgung, Deportation und Vernichtung der Juden gewußt habe“, schreibt Speer. Anschließend faßt er seine Verteidigung in Nürnberg zusammen, von der man jetzt weiß, daß es sich um eine Lüge handelt: daß ein totalitäres Regime nur funktionieren kann, wenn seine Führer vollständig voneinander isoliert sind. Infolgedessen hatte er keine Ahnung, was die SS in den Konzentrationslagern tat. Dennoch fährt er fort: „Ich gebe die Antwort nicht mehr. (…) Ich gebe all diese Antworten nicht mehr. (…)  Die vielen Jahre brütender Selbstgespräche haben meine früheren Schuldgefühle zerstreut. (…) Kein Mensch kann seine Schuld so viele Jahre lang beteuern und aufrichtig bleiben.“
     Haben sich die Schuldgefühle einmal zerstreut, bleibt nichts als Leere übrig. Diese Leere stellt dieselbe Frage, die Eichmanns Leere an Hannah Arendt stellte. Sie könnte die Grausamkeit maskieren, wie die Richter in Jerusalem behaupteten. Sie könnte die Lächerlichkeit bezeichnen, wie Arendt selbst behauptet. Speers Fall erscheint als keins von beidem.
     Auf der letzten Seite seiner Spandauer Tagebücher bestürzt die Leere am meisten. Speer hat zwanzig Jahre an ihnen gearbeitet. Er hatte eindeutig eine Publikation im Sinn, vielleicht eine Ehrenrettung, ein Comeback. Während jener zwanzig Jahre hatte er wenig anderes zu tun. Sein einziger Gedanke muß unaufhörlich dem Moment gegolten haben, in dem er frei sein würde. In diesem Moment würde sich alles überschneiden – es wäre wahrscheinlich der Punkt höchster Intensität in seinem Tagebuch und dessen Ende.
     Und dies schreibt er: „Zwanzig Jahre! Was denke ich in diesem Augenblick? (…)  Wie beschließt man so etwas? Und was für Gefühle hat man? Erleichterung, Dankbarkeit, Angst, Neugier, Leere …? Ich weiß es nicht.“

(…)

 

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 78
Aus dem Englischen von Klaudia Ruschkowski

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