Direkt zum Inhalt
Lettre International 152
Preis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis

LI 152, Frühjahr 2026

Die Tränen Isaaks

„Umarme mich sanft und zärtlich, wenn du mich tötest ...“

(…)

Das Schreiben ist die Kunst, Gedanken materielle Gestalt zu verleihen. Es gehört zu einer Gruppe von Künsten, die der Visualisierung und Übertragung von Ideen, Gefühlen und Intuitionen dienen. Schreiben, Malen, Lesen haben alle Teil an dieser besonderen menschlichen Aktivität, geboren aus der Fähigkeit, sich die Welt vorzustellen, um sie zu erfahren. Die darwinistische Biologie lehrt uns, daß die menschliche Spezies die Gabe der Phantasie entwickelt hat, um zu überleben. Sich etwas vorzustellen, das mag dazu geführt haben, dieses Etwas zu benennen: also das visualisierte Etwas in ein tönendes Äquivalent zu übersetzen, auf daß das Aussprechen dieser Töne das Bild des Dinges wieder heraufbeschwören konnte wie ein Zauberspruch. In manchen Gesellschaften erhielten diese Klänge ihrerseits eine materielle Repräsentation: Ritzungen in einer Handvoll Ton wie in Mesopotamien, Kerben in einem Stück Holz, Zeichen auf einem geglätteten Stein, Kritzeleien auf einem Papier. Die Erfahrung der Wirklichkeit konnte nun von der Zunge oder der Hand codiert und mit Ohr oder Auge entziffert werden. Wie ein Zauberkünstler, der eine Blume in einer Schachtel vorzeigt, sie verschwinden macht und sie dann vor dem erstaunten Publikum wieder erscheinen läßt, hat unser Urahn es ermöglicht, daß wir Magie betreiben.
     Meine erste Tat als Zauberer blieb auch meine einzige, die sich aber von da an immer und immer in gleicher Weise mein ganzes Leben lang wiederholte. Sie fand statt, als ich drei oder vier Jahre alt war. Ganz plötzlich wurde eine Form, die groß auf einem Plakat gezeigt wurde, zum Klang eines Buchstabens, und zusammen mit anderen Formen zum Klang eines Wortes. Diesem Wort folgten andere, so daß, aus dem Nichts herbeibefohlen, das Versprechen einer Geschichte sich vor meinen Augen entfaltete. Nicht nur einer Geschichte: Die Welt selbst und alles darin entsprang den Formen, die mein Auge umsetzte. Ich war ein Zauberer. Ich konnte lesen.

(….)

Worten zu lauschen, zu lesen und zu schreiben sind unsere Privilegien. Wir wissen nicht, ob Nachtigallen einander in ihren Liedern von ihren Abenteuern erzählen oder ob die Gesten von Seelöwen ihrem gewöhnlichen Bellen spezielle Stilelemente hinzufügen, aber die meisten Wissenschaftler stimmen darin überein, daß die Erfindung von Geschichten eine dem Menschen vorbehaltene Kunst ist. Verloren in einem Universum, wo unsere Grammatiken und unser Gefühl von Individualität und Andersartigkeit nicht existieren und wo unsere ursprünglichsten Wahrnehmungen von Zeit und Raum ungültig sind, hat unsere Spezies schon sehr früh damit begonnen, eine Art imaginäres Paralleluniversum zu konstruieren, etwas wie ein Architekturmodell oder eine astronomische Karte, wo wir den Dingen Namen geben und Konstellationen von Ursache und Wirkung ablesen – in einem Versuch, dem unaussprechlichen alles, das uns umgibt, eine Bedeutung zu geben. Da wir nicht zugeben wollen, daß unser Hirn die elf Dimensionen des Universums nicht begreifen kann, sind wir zu Kartographen des Unvorstellbaren geworden.

(…)

Preis: 15,00 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis
Zum Seitenanfang

Die kommende Ausgabe Lettre 153 erscheint Mitte Juni 2026.