LI 122, Herbst 2018
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Diva und Dichter

Eine afrikanische Reise – Erinnerungen an die Erfindungskraft der Liebe

Das Auto fährt so schnell über die Straße voller Schlaglöcher, daß sie auf ihren Sitzen durchgerüttelt werden. Es gibt weder Fenster noch Wände. Die Luft weht ungehindert herein und zieht seitwärts wieder hinaus. Das Dach besteht aus einem Metallgerüst, das mit einer gewachsten Plane bedeckt ist. Will man nicht aus dem Fahrgastraum fallen, muß man sich an den langen Eisenrohren festhalten, an denen die Sitze am Boden festgeschweißt sind.
   Die Landschaft fliegt jenseits der unbefestigten Straße vorbei, hinter einer Staubwolke, die der Wagen durch seine rasche Vorwärtsbewegung aufwirbelt. Baobabs mit schwerfälligen Leibern aus porösem Holz, niedrige Akazienbüsche mit spitzen Dornen, Geröllhaufen, vom Wind gebeugte, verkrüppelte Pinien. Ein paar wilde Ziegen. Blutrote Wege, die sich treffen und wieder mitten ins Nichts auseinanderlaufen. Hin und wieder wird die Straße blockiert durch eine ockerfarbene, etwa einen Meter hohe Kuppel, die sich über den vertrockneten Erdboden wölbt. Es sind Termitenhügel. Der Fahrer bremst leicht ab, weicht auf die Grasfläche neben der Straße aus und holpert über die Wurzeln, die spitzig aus dem Grund ragen, so daß die Fahrgäste einen Satz nach oben machen.
   Dann fädelt er sich wieder in die Straße ein. Das Gras ist verbrannt und von Staub durchdrungen. Der Fahrer, ein junger Schwarzer mit einem Lächeln im runden Gesicht, trägt ein kurzärmliges Hemd mit Blumenmuster. Am Ende der nackten Arme rutschen zwei in schwarzen Filz gekleidete Hände mit lässigen Gesten über das große, durch die Sonneneinstrahlung glühend heiße Lenkrad.
   Als die junge Frau mit den himmelblauen Augen den Blick hebt und das weiß gekleidete Geschöpf betrachtet, das sich verzweifelt an den Rohren festklammert, sagt sie sich, daß sie mit der berühmtesten Sängerin der Welt unterwegs ist, aber nichts davon bemerkt. Das Opernidol des Publikums, „l’Admirable“, wie sie die Franzosen nennen, „die Göttliche“, wie sie bei den Deutschen heißt, trägt schneeweiße, an den Hüften eng anliegende Hosen und sitzt verkrampft auf dem unbequemen staubigen Autositz. Der Baumwollhut mit der ausladenden blütenweißen Krempe schützt ihr Gesicht, das halbverdeckt ist von einer riesigen Sonnenbrille. Das saubere Revers ihrer Bluse aus Sankt Galler Lochspitze fällt über dem verschwitzten Dekolleté auseinander. Die Diva sitzt vor ihr, macht ein verkniffenes Gesicht, weil sie sich Mühe geben muß, um den Staub, der vom Land Rover ins Wageninnere gewirbelt wird, nicht einzuatmen; und sie hat so gar nichts Göttliches an sich. Sie wirkt wie ein müdes, verängstigtes Kind. Dennoch ringt sie sich ein tapferes Lächeln ab. Hin und wieder dreht sie den Kopf zu dem Dichter-Regisseur und wirft ihm einen verliebten Blick zu. In den tiefdunklen, glänzenden Augen sind schwarze Wolken aufgezogen. „Wo zum Teufel bringt uns dieser unbequeme klapprige Land Rover ohne Verdeck bloß hin?“, sagen diese Augen, die für gewöhnlich auf weichen Polstern luxuriöser Limousinen ruhen, die sanft über den Asphalt gleiten.

(…)

Und da taucht auch schon ein kleiner Elefant hinter einem silbergrauen Geröllhaufen auf, läuft auf das kolossale Elefantenweibchen mit den krummen Stoßzähnen zu und klammert sich an seinen Schwanz. Die anderen Tiere, als würden sie einem unausgesprochenen Befehl gehorchen, stellen sich in einer Reihe auf: die großen Weibchen an der Spitze, die Männchen dahinter. Dazwischen die Kleinen, die sich am Schwanz des vorausgehenden Tiers festhalten. So laufen sie hintereinander aufgereiht einen Abhang hinunter, der sie bis an das rote Gewässer des breiten Flusses führt, der träge und mächtig Richtung Tal gleitet.

(…)

Der Geländewagen rutscht, schnaubt und bleibt ruckartig stehen. Der Hut der großen Sängerin fliegt davon, und sie streckt mit einer theatralischen Geste die Hand nach ihm aus. Der Fahrer mit dem Lächeln im breiten Gesicht versucht zuerst, den Zündschlüssel im Anlasser zu drehen. Der Motor springt an, aber die Räder drehen durch. Er versucht es noch einmal. Von den Rädern spritzt Schlamm und der Motor heult laut auf, dann fängt er an zu stottern und ist schließlich beunruhigend still.
   „Il faut descendre“, sagt der Fahrer, „ihr müsst aussteigen, zuviel Gewicht, il faut descendre.“ Die langen, schwarzen Hände bewegen sich mit einer märchenhaften Eleganz. Seinen Fingern gelingt keine klare Aussage: Es sieht so aus, als würden sie aus dem Gesicht einer geliebten Person die Mücken verscheuchen. „Il faut descendre“, wiederholt er und springt von seinem Sitzplatz. Er öffnet die Wagentür auf der Seite des Regisseurs, welcher sich einen Ruck gibt und mit seinen Wanderschuhen auf der roten Erde aufsetzt.
   „Was ist mit den Krokodilen, die wir vorher gesehen haben?“, sagt unschlüssig die Göttliche. Sie hat ihre Sonnenbrille abgenommen und hält sie in der mit einem Handschuh bedeckten Hand. In ihrem Gesicht zeichnen sich dort, wo der Staub nicht hingekommen ist, zwei helle Kreise ab.
   Der Regisseur reicht ihr die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Sie stellt zaghaft einen Fuß auf das metallene Trittbrett und schaut sich um. Das Panorama ist seit Stunden das gleiche: ausgedörrter Boden, ein paar Baobabs, stacheliges Gestrüpp, eine ockergelbe Sandpiste, die sich kilometerlang vor dem Auto dahinschlängelt. Kein Leben weit und breit, keine Häuser, keine Menschen. Sie haben den Naturschutzpark verlassen und sind nördlicher Richtung gefahren, in eine ungastliche und wüstenartige Gegend.
   Der Regisseur und die junge Frau mit den himmelblauen Augen packen zusammen mit dem Schriftsteller an, um die Hinterräder aus dem Graben zu schieben. Der Fahrer, der hinter dem Lenkrad sitzt, verliert allmählich die Geduld. Doch die drei haben offensichtlich nicht genügend Kraft, um den Geländewagen in Bewegung zu setzen. Mit wütenden Gesten steigt der junge Mann aus seinem Führerhaus, zieht aus dem Gepäck eine geflochtene Matte und schiebt sie unter die Hinterräder. „Prenez des pierres!“, sagt er. Aber es gibt nirgends Steine: nur verbrannte Erde, ein paar mit Dornen gespickte Sträucher und die kleinen roten Pyramiden, die Termitenbauten – das war’s.
   Der Fahrer steigt wieder in den Geländewagen ein und feuert sie an weiterzuschieben. Die junge Frau, der Dichter-Regisseur und der Schriftsteller lehnen sich an die Rückfront und stemmen sich mit aller Kraft dagegen, während die Hinterräder erneut durchdrehen. Die Matte springt weg, sie ist zerfetzt. Der Fahrer steigt wieder ungehalten aus und inspiziert aus der Nähe die Räder, die sich in die Erde eingegraben haben, tiefer und tiefer. Er macht eine verzweifelte Geste und greift sich mit den Händen an den Kopf.
   „Was nun?“, sagt der Schriftsteller, der immer das Schlimmste befürchtet. „Jetzt müssen wir die Nacht hier verbringen und werden von wilden Tieren gefressen. Erinnerst du dich an die Geschichte von der Insel im Viktoriasee? Man hatte die Entdecker allein auf den Felsen zurückgelassen, mit Zelten und Gewehren, und als man sie einen Monat später wieder abholen wollte, war von ihnen nicht mehr übrig geblieben als ein paar abgenagte Knochen.“
   Der Regisseur beobachtet die Göttliche. Die scheint aber nicht erschrocken zu sein. Plötzlich wird ihnen das Groteske der Situation bewußt, und alle vier brechen in ein Gelächter aus. „Wir müssen unbedingt Steine finden“, sagt schließlich der Dichter-Regisseur. Aber keiner wagt es, sich vom Land Rover zu entfernen, wohlwissend, daß es in dem nahen Fluß nur so wimmelt von Krokodilen, die sich an Land tarnen und teuflisch gut laufen können, wenn sie eine leckere Beute vor sich sehen. Der Fahrer holt aus dem Kofferraum alle möglichen Geräte hervor, aber keines davon ist das richtige.
   „Man bräuchte eine von diesen Leitern aus Metall, wie sie hinten an den Überlandbussen, die quer durch die Wüste fahren, befestigt sind.“
   „So eine hat er aber nicht dabei.“

   Auf diese Weise stellen sie fest, daß der junge Fahrer, der ihnen vom Hotel empfohlen wurde, für den Ernstfall nicht vorgesorgt hat. Er hat keine Schaufel, keine Leiter und wahrscheinlich nicht einmal ein Ersatzrad dabei. Wer weiß, ob er überhaupt einen Führerschein hat.
   Mit zusammengefalteten Kartons und abgebrochenen Zweigen versuchen sie erneut, den Reifen Haftung zu geben. Aber es ist nichts zu machen. Der Graben wird immer tiefer, und das Auto bewegt sich nicht ansatzweise voran. Im Gegenteil, zu einem gewissen Zeitpunkt geht der Motor ganz aus, und über den Fünfen breitet sich zusehends die Abendstille aus. Die Dämmerung bricht herein. Die wenigen Bäume nehmen eine bläuliche Farbe an, die Sträucher verwandeln sich in schwarze, unförmige Gebilde, die sich gegen den Horizont abzeichnen. Die erdige Piste läßt sich allmählich nicht mehr vom Himmel unterscheiden. Was tun?
   „Il faut monter. C’est dangereux“, sagt der Fahrer, der in das Führerhaus steigt und die Tür zuschlägt. Dann sehen sie, wie er einen Flachmann mit einer gelben Flüssigkeit zum Mund führt. Der Regisseur, der nie die Ruhe verliert, öffnet die Wagentür, reißt ihm die Flasche aus der Hand und macht ihm klar, daß wir es weiter versuchen müßten. Man könne nicht die ganze Nacht hier verbringen. Der Fahrer gehorcht lustlos. Sie fangen wieder an zu schieben, diesmal mit dem Fahrer, während sich die junge Frau mit den himmelblauen Augen ans Steuer setzt. Aber das Fahrzeug ist unzweifelhaft steckengeblieben. Anscheinend hat auch der Motor seinen Geist aufgegeben.
   Die Göttliche legt eine unvermutete Courage an den Tag. Sie hat Hunger, wie alle anderen, aber sie beschwert sich nicht. Sie setzt sich wieder auf ihren Plastiksitz und beobachtet geduldig die Umgebung. „Können Krokodile auf einen Geländewagen klettern?“, fragt sie mit ruhiger Stimme. Der Fahrer muß lachen. Dann erklärt er, daß es nicht die Krokodile sind, die ihm Angst machen, sondern „les bandits“, wie er mit aufgerissenen Augen versichert.

(…)

   Sie sind schon fast eingeschlafen, die Sängerin hat dabei ihren Kopf an die Schulter des Dichter-Regisseurs gelehnt. Da hören sie aus der Ferne ein Motorengeräusch, das näherkommt.
   „Es kommt jemand!“, ruft die Göttliche.

(…)

 

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Dacia Maraini
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 94
Aus dem Italienischen von Gudrun Jäger
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