LI 130, Herbst 2020
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Schiffbruch ohne Zuschauer

Warum die Universität nicht mehr Ort gefährlicher Gedanken ist

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II.
Wer spricht? Das alte Problem: An wen kann man sich wenden, wenn es gilt, eine Institution zu beurteilen? An ihre Gewinner, die, gerade weil sie es geschafft haben, im Verdacht stehen, korrumpiert zu sein? An ihre Verlierer, die umgekehrt des Ressentiments verdächtigt werden? Man kann es nur falsch machen: Daß der frisch berufene Professor die Akademie rühmt, wird niemanden überraschen, daß derjenige, der Drittmittel in Millionenhöhe eingeworben hat, dem System seine Reverenz erweist, genausowenig. Fast noch unangenehmer wirkt es, wenn ein Erfolgreicher sich umgekehrt auch noch den Luxus der Kritik erlauben wollte: Er will mitspielen und sich über die Spielregeln beklagen. Die umgekehrten Probleme haben die, die ins Hintertreffen gerieten: Daß sie in ihrem Groll Kritiker werden, ist genauso vorhersehbar und ärgerlich wie es Mitleid erregend und peinlich ist, wenn sie „einsichtig“ reagieren und ihren Mißerfolg sich selbst zurechnen, um die Institution über alle Zweifel erhaben sein zu lassen. Im Falle der Universität verschlimmert sich das Problem noch: Ist nämlich die schiere Tatsache, daß man sich für die Organisation der Wissenschaft interessiert (anstatt einfach Wissenschaft zu betreiben), nicht bereits ein starker Hinweis darauf, daß der eigene wissenschaftliche Eros erloschen ist und man folglich der letzte ist, der sich zum Thema äußern sollte? Wer also spricht im Folgenden? – Es spricht jemand, der seine Promotion überlebt hat und der sich in der Position befindet, noch lange nicht gewonnen zu haben (sich auf eine Professur gerettet zu haben), der aber auch noch nicht verloren hat. Die Forschungsanträge sind gestellt, die Bewerbungen geschrieben. Es spricht jemand, der die Universität liebt und der an der Universität leidet. Es spricht jemand, bei dem die Furcht, dieses Spiel zu verlieren, und die Entschlossenheit, dieses Spiel niemals gewinnen zu wollen, sich die Waage halten.

(…)

V.
Das „wattierte Denken“ der Wissenschaftsheroen. Die Misere der real existierenden Universität läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Sie zwingt die Wissenschaftler, existentielle Risiken einzugehen, während sie verhindert, daß sie intellektuelle Risiken eingehen. Einerseits bedeutet der Gang in die Wissenschaft ein erhebliches persönliches Lebensrisiko. Andererseits macht sich an den Universitäten zusehends eine geistige Kleinmütigkeit breit. Wie paßt das zusammen? Was hat der Heroismus derjenigen, die sich auf eine wissenschaftliche Laufbahn einlassen, mit der Verzagtheit eines Denkens zu tun, das sich nicht aus der Deckung traut?
     Die Erklärung sind zwei Großentwicklungen, die zu Recht Gegenstand konstanten Gejammers an den Universitäten sind. Zum einen hat man die Universitäten in schreckliche Arbeitgeber verwandelt. Bis auf die Professuren gibt es nur noch Stellen, die auf wenige Jahre befristet sind. Solche Stellen wären für den Normalmenschen uninteressant. Ist das der Grund, weshalb man zugleich für eine Schwemme an Doktoranden sorgt? Auf diese Weise ist zumindestens sichergestellt, daß die Nachfrage nicht abreißt. Seitdem die Stellen der akademischen Räte in die Schußlinie kamen, muß, wer an der Universität bleiben will, Professor werden wollen. Für genügsame, bescheidene Geister hat die Universität keinen Platz mehr. Die Wissenschaftler sehen sich in einen Konkurrenzkampf um unattraktive Stellen verstrickt. Die Universität ist eine Institution geworden, die ihre Angehörigen zu einem lächerlichen Karrierismus verurteilt (lächerlich, weil jeder ernsthafte Karrierist anderswo besser aufgehoben wäre). Doch die Stellensituation an den Universitäten ist nicht das eigentliche Problem. Manche könnten sogar geneigt sein zu sagen, daß Konkurrenz das Geschäft belebt. Leider verhindert der besondere Wettbewerb an den Universitäten auf systematische Weise neue, ungewöhnliche Ideen. Hier spielt die zunehmende Bedeutung von Drittmitteln und Gutachten eine verhängnisvolle Rolle, womit der zweite Grund für die Misere der Universitäten benannt ist.
     In den letzten Jahrzehnten sind die Forschungs- und Personalmittel zunehmend in die Hand von zentralen Geldgebern übergegangen, während sie zuvor der lokalen Verantwortung an den einzelnen Universitäten oblagen. Mehr und mehr können nur noch Forschungsprojekte realisiert werden, welche die Durchgangskontrolle bestimmter Gutachter und Forschungskommissionen passiert haben. Weniges könnte der Innovation abträglicher sein: Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke hat im gleichnamigen Text vom Wissenschaftsbetrieb als Wissenschaftsvernichtung gesprochen: „Wie kann man Innovation evaluieren? Muß eine revolutionäre Denkweise nicht eben deshalb, weil sie revolutionär und neu ist, heftigen Widerstand oder, mehr noch, völliges Unverständnis auf Seiten der Fachautoritäten auslösen, die darüber zu Gericht sitzen sollen?“ Das Gutachtensystem geht eigentümlich an den Realitäten der Forschung vorbei. Das Erkennungsmerkmal einer herausragenden wissenschaftlichen Arbeit besteht weniger darin, daß sie Einwänden widersteht, als vielmehr, daß sie einen Sprung der Imagination bewirkt. Ein glänzender wissenschaftlicher Vortrag ist einer, der eine lebhafte Diskussion entfesselt. Ein geniales Paper ist eines, das die Kollegen zu den unterschiedlichsten Ergänzungen, wenn nicht Einwänden verführt. Ein „führender“ Wissenschaftler ist einer, dem möglichst viele Wissenschaftler die intellektuelle Gefolgschaft gerade verweigern und der Heerscharen an Kritikern und Kommentatoren hinter sich herzieht. Kurzum: Gute Forschung ist nicht einwandfrei, gute Forschung setzt Einwände frei.

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Mehr von:
Christoph Paret
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 29

Genre

Hauptthema
  • Die Misere der real existierenden Universität und wie sie in einen Ort überraschender Erkenntnisse zurückverwandelt werden könnte

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