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Cover Lettre International 131, Antoine D'Agata
Preis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
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LI 131, Winter 2020

I want you

Traumnovelle

(...)

Salty Dog. Das Autoradio spielt Procol Harum, die an unserem Bach einen Narren gefressen haben. Ich liebe diese Frau, dieses MĂ€dchen. StĂ€ndig flĂŒstere ich den Namen und sende ihr Brief auf Brief im Gedankendunst. Wanderwolken flanieren ĂŒber das schwĂ€bische Himmelsblau Richtung Delphi. Erkenne die Lage. Hatte mir das nicht der schneebedeckte Wacholderstrauch vor einiger Zeit gesagt?
     Die Dinge an sich herankommen lassen – war das Motto des Pariser Malers Lefeu, den Jean AmĂ©ry einmal ins Spiel brachte. Die Dinge: Damit waren natĂŒrlich auch Menschen gemeint, DĂ€monen, Gestapo, Vermieter, Galeristen und eine Frau, die mir viel spĂ€ter, genauer gesagt, am Morgen des 30. Oktober 1997 in einem Pariser Hotel folgendes Henry-Miller-Zitat auf meine Herzhaut kritzelte: „Fest an das glauben, was man tut, die Überzeugung haben, daß es das Beste ist, was man im Augenblick tun kann, sich immer um Vollendung bemĂŒhen. Fortschritt (ein schlechtes Wort), Umsetzung der Idee in die Wirklichkeit (CĂ©zannes Schreckensgespenst), Meisterschaft (das Ziel des KĂŒnstlers) – sie werden erreicht durch unausgesetzten Fleiß, durch MĂŒhe und Kampf, durch Nachdenken, Selbstanalyse und vor allem dadurch, daß man gewissenhaft und erbarmungslos ehrlich gegen sich selbst ist ...“ Darauf einen Dujardin. Oder drei. Pastis. Mein Zimmer damals in der Rue Gutenberg kostete drei D-Mark und bot außer fließendem Wasser auch einen KleiderbĂŒgel und den Blick auf eine KlĂ€ranlage. LĂ€ngst hatte die Reise als Instanz sĂ€mtliche Verantwortung ĂŒbernommen, und alle Saiten in meiner Seele vibrierten. Ich fĂŒhlte mich geborgen, erleuchtet, unverletzbar. Ich war ein StĂŒck meiner selbst losgeworden und grĂŒĂŸte leichtfĂŒĂŸig die algerischen Mitbewohner in der Hotelbar, die immer und immer wieder aus der Jukebox Sexmachine von James Brown hörten. Es roch nach Kiff und Anis und Maisblatt-Gitanes. Ebenso roch es nach Abgasen, Zitronen und plumpen MĂ€nnerparfums.
    Überall lockte die Gefahr inmitten der Toten und Lebenden. Ich, die Blume aus dem HĂ€rtsfeld, betrachtete den Pariser Bienenschwarm und gab mich unbĂ€ndiger Lebenslust hin. Ich schwor, das Geschehende und Gesehene einer Geschichte zu ĂŒbergeben. Eines nahen Tages wĂŒrde ich sie dem gutgelaunten Gott in eigenen Worten erzĂ€hlen. Bevor ich Papier und Tinte kaufen wĂŒrde, gab es noch ein paar Dinge abzurĂ€umen. Ich mußte Konkurs anmelden, mein Erbe ruinieren, meine Talente vergeuden, jedweden Diskurs verweigern, alle Warnungen in den Wind schlagen, jeden Halt verhöhnen, die Liebe vernichten, mich zu Tode amĂŒsieren, nutzloses Leid erzeugen und aus großer Höhe auf alles scheißen, was mir ĂŒber den Weg lief und mir einst etwas bedeutete. Ein Brief an die Zukunft entstand frĂŒhmorgens an der Bar des Polly Maggoo, und eine harfenzarte Stimme flĂŒsterte: „Bleib bei mir!“ Wer war das?
     Ich fĂŒhlte mich an diesem Morgen unbeschreiblich jung und nahm Kurs auf einen neuen Pariser Tag mit Stadtlichtern, Sternschnuppen und dem Duft von frischem Heu. Alles war Hingabe, Glasperlenspiel, Verschwendung, zweckfreier Genuß am Rande des LĂ€cherlichen. Was flĂŒsterte da die Harfe? „Höre auf zu weinen, bitte!“ Schritt nach Schritt erfolgte, auf dem Weg in eine formidable Niederlage. Der Boulevard St. Michel wurde zur Triumphallee des Untergangs. Mein Flirt mit dem Leben ereignete sich als großartiger Schiffbruch. FĂŒr die Paare und Passanten war der Eintritt kostenlos, doch ich zahlte den vollen Preis. In jedem schwĂ€bischen Knaben ist Hölderlins Winterreise nach Bordeaux verankert. Erinnern – das ist die Sendung des Menschen auf Erden. Man muß gelegentlich in seine Tropfsteinhöhle hineinhorchen, und nach einer Weile melden sich die Glocken, und sie lĂ€uten fĂŒr uns Verletzte, die nichts und niemand mehr heilen kann, fĂŒr uns Verirrte und Verwirrte und fĂŒr all die andern, denen es so oder Ă€hnlich geht. Manch einem soll auch schon eine Glocke auf den Kopf gefallen sein. Der Zug setzte sich in Bewegung. Aber wohin sollte die Reise gehen?

(...)

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Die kommende Ausgabe Lettre 143 erscheint Anfang Dezember 2023