LI 131, Winter 2020
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I want you

Traumnovelle

(...)

Salty Dog. Das Autoradio spielt Procol Harum, die an unserem Bach einen Narren gefressen haben. Ich liebe diese Frau, dieses Mädchen. Ständig flüstere ich den Namen und sende ihr Brief auf Brief im Gedankendunst. Wanderwolken flanieren über das schwäbische Himmelsblau Richtung Delphi. Erkenne die Lage. Hatte mir das nicht der schneebedeckte Wacholderstrauch vor einiger Zeit gesagt?
     Die Dinge an sich herankommen lassen – war das Motto des Pariser Malers Lefeu, den Jean Améry einmal ins Spiel brachte. Die Dinge: Damit waren natürlich auch Menschen gemeint, Dämonen, Gestapo, Vermieter, Galeristen und eine Frau, die mir viel später, genauer gesagt, am Morgen des 30. Oktober 1997 in einem Pariser Hotel folgendes Henry-Miller-Zitat auf meine Herzhaut kritzelte: „Fest an das glauben, was man tut, die Überzeugung haben, daß es das Beste ist, was man im Augenblick tun kann, sich immer um Vollendung bemühen. Fortschritt (ein schlechtes Wort), Umsetzung der Idee in die Wirklichkeit (Cézannes Schreckensgespenst), Meisterschaft (das Ziel des Künstlers) – sie werden erreicht durch unausgesetzten Fleiß, durch Mühe und Kampf, durch Nachdenken, Selbstanalyse und vor allem dadurch, daß man gewissenhaft und erbarmungslos ehrlich gegen sich selbst ist ...“ Darauf einen Dujardin. Oder drei. Pastis. Mein Zimmer damals in der Rue Gutenberg kostete drei D-Mark und bot außer fließendem Wasser auch einen Kleiderbügel und den Blick auf eine Kläranlage. Längst hatte die Reise als Instanz sämtliche Verantwortung übernommen, und alle Saiten in meiner Seele vibrierten. Ich fühlte mich geborgen, erleuchtet, unverletzbar. Ich war ein Stück meiner selbst losgeworden und grüßte leichtfüßig die algerischen Mitbewohner in der Hotelbar, die immer und immer wieder aus der Jukebox Sexmachine von James Brown hörten. Es roch nach Kiff und Anis und Maisblatt-Gitanes. Ebenso roch es nach Abgasen, Zitronen und plumpen Männerparfums.
    Überall lockte die Gefahr inmitten der Toten und Lebenden. Ich, die Blume aus dem Härtsfeld, betrachtete den Pariser Bienenschwarm und gab mich unbändiger Lebenslust hin. Ich schwor, das Geschehende und Gesehene einer Geschichte zu übergeben. Eines nahen Tages würde ich sie dem gutgelaunten Gott in eigenen Worten erzählen. Bevor ich Papier und Tinte kaufen würde, gab es noch ein paar Dinge abzuräumen. Ich mußte Konkurs anmelden, mein Erbe ruinieren, meine Talente vergeuden, jedweden Diskurs verweigern, alle Warnungen in den Wind schlagen, jeden Halt verhöhnen, die Liebe vernichten, mich zu Tode amüsieren, nutzloses Leid erzeugen und aus großer Höhe auf alles scheißen, was mir über den Weg lief und mir einst etwas bedeutete. Ein Brief an die Zukunft entstand frühmorgens an der Bar des Polly Maggoo, und eine harfenzarte Stimme flüsterte: „Bleib bei mir!“ Wer war das?
     Ich fühlte mich an diesem Morgen unbeschreiblich jung und nahm Kurs auf einen neuen Pariser Tag mit Stadtlichtern, Sternschnuppen und dem Duft von frischem Heu. Alles war Hingabe, Glasperlenspiel, Verschwendung, zweckfreier Genuß am Rande des Lächerlichen. Was flüsterte da die Harfe? „Höre auf zu weinen, bitte!“ Schritt nach Schritt erfolgte, auf dem Weg in eine formidable Niederlage. Der Boulevard St. Michel wurde zur Triumphallee des Untergangs. Mein Flirt mit dem Leben ereignete sich als großartiger Schiffbruch. Für die Paare und Passanten war der Eintritt kostenlos, doch ich zahlte den vollen Preis. In jedem schwäbischen Knaben ist Hölderlins Winterreise nach Bordeaux verankert. Erinnern – das ist die Sendung des Menschen auf Erden. Man muß gelegentlich in seine Tropfsteinhöhle hineinhorchen, und nach einer Weile melden sich die Glocken, und sie läuten für uns Verletzte, die nichts und niemand mehr heilen kann, für uns Verirrte und Verwirrte und für all die andern, denen es so oder ähnlich geht. Manch einem soll auch schon eine Glocke auf den Kopf gefallen sein. Der Zug setzte sich in Bewegung. Aber wohin sollte die Reise gehen?

(...)

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Mehr von:
Wolf Reiser
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 72

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