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Cover Lettre International, Jorinde Voigt
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Inhaltsverzeichnis

LI 110, Herbst 2015

Syrien

Die gekaperte Revolution

Damaskus war der Sitz der Umayyaden-Dynastie; ein Klan aus dem Stamm des Propheten hatte es zur Kapitale des ersten islamischen Imperiums gemacht.

In Syrien begann 1516 mit dem Sieg der Osmanen in der Schlacht von Mardsch Dabiq die Absorption der arabischen Welt ins Osmanische Reich; hier kam im 19.┬áJahrhundert die nahda, die kulturelle Renaissance der arabischen Welt, zur Bl├╝te; hier sollte das Vereinigte Arabische K├Ânigreich seine Hauptstadt haben, das die Briten den Haschemiten daf├╝r versprochen hatten, 1916 bis 1918 die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich zu f├╝hren; und schlie├člich entwarfen hier im Gefolge des Zweiten Weltkriegs die Gr├╝nder der Arabisch-Sozialistischen Wiedererweckungs-Partei ÔÇô der Baath ÔÇô die politisch ausgereifteste und gesellschaftlich radikalste Version des Traums von der arabischen Einheit. Au├čerdem ist Syrien die Endstation des Arabischen Fr├╝hlings.

Heute ist das Land ein Tr├╝mmerfeld; ├╝ber 200┬á000 sind umgekommen, darunter Tausende von Kindern, etwa vier Millionen leben als Fl├╝chtlinge im Irak, in Jordanien, im Libanon und der T├╝rkei; etwa sieben Millionen sind als Binnenfl├╝chtlinge unterwegs und zahlreiche St├Ądte weitgehend zerst├Ârt. Die von der tunesischen Revolution losgetretene Bewegung hat ├ägypten eine neue Phase der Milit├Ąrdiktatur von beispielloser Trostlosigkeit beschert und beschleunigt in Libyen, Jemen und Syrien den Abstieg ins Chaos. Und der wesentliche regionale Nutznie├čer dieser Entwicklung praktiziert eine islamistische Politik, deren fanatische Intoleranz, R├╝ckschrittlichkeit, rachs├╝chtiges Sektierertum und Brutalit├Ąt in unserer Zeit nicht ihresgleichen hat. Der Islamische Staat ÔÇô mit Raqqa in Syriens Norden als Hauptstadt und Kommandozentrale ÔÇô kontrolliert heute einen Gutteil Syriens und des Irak und breitet seine Tentakel nach S├╝den in die Golfstaaten und westw├Ąrts nach Nordafrika aus. Wie sollen wir diese entsetzliche Entwicklung verstehen?

(ÔÇŽ)

Mit der Amputation sowohl des Mandatsgebiets Pal├Ąstina als auch des britischen Protektorats Transjordanien hatte man Syriens S├╝dregionen historischer Gebiete ÔÇô etwa zwei F├╝nftel seines gesamten Staatsgebiets und seiner K├╝ste ÔÇô beraubt; dar├╝ber hinaus zog man Staatsgrenzen zwischen Damaskus, Beirut und Jerusalem. Als Mandatsmacht in Syrien und Libanon schnitt Frankreich ÔÇô mit Tripolis, dem Gouvernement Bekaa sowie Sidon und Tyros ÔÇô weitere Distrikte ab und f├╝gte sie dem Libanon hinzu, was einen Gro├člibanon schuf, einen Staat, der doppelt so gro├č war wie das alte osmanische Gouvernement, und Syriens K├╝ste auf die Bezirke Alexandretta, Latakia und Tartus hoch oben im Nordwesten reduzierte. Und als w├Ąre das nicht genug gewesen, trat Frankreich auch noch die gesamte Region Mossul, die man ihm im Rahmen des Sykes-Picot-Abkommens 1916 zugesprochen hatte, an die Briten ab. 1918 sagte Lloyd George auf den Hinweis, da├č die Region wahrscheinlich ├╝ber gro├če ├ľlreserven verf├╝ge und die Royal Navy ├ľl brauche, seinem franz├Âsischen Pendant Clemenceau, er wolle Mossul; Clemenceau erkl├Ąrte sich provisorisch einverstanden. Man machte den Deal schlie├člich 1926 perfekt, womit Syrien auch dieses Gebiet und damit die Aussicht auf jeden nennenswerten ├ľlreichtum verlor. Mossul und seine Bev├Âlkerung wurden ÔÇ×irakischÔÇť. 1939 schlie├člich traten Franzosen den Bezirk Alexandretta (das heutige Iskenderun) ÔÇô welcher etwa vierzig Prozent der Syrien noch verbliebenen K├╝ste umfa├čt ÔÇô an die T├╝rkei ab, die daraus die Provinz Hatay machte. Das unabh├Ąngige Syrien hat diesen Transfer nie akzeptiert; eine Karte, die ich in Damaskus gekauft habe, weist die Region Iskerendun als zu Syrien geh├Ârig aus. Nur hat Syriens Sache international nie Geh├Âr gefunden. Frankreichs letzter Schnitt bei seiner nonchalanten Zerst├╝ckelung Syriens reduzierte dessen K├╝ste auf die Provinzen Latakia und Tartus.

(ÔÇŽ)

Was l├Ą├čt sich hinsichtlich des IS unternehmen? So wie die Dinge liegen, nicht viel. Lufteins├Ątze werden ihn ebensowenig aufhalten wie die korrupte und demoralisierte irakische Armee; derweilen treiben die weit aggressiveren, aber fanatisch sektiererischen Schia-Milizen die irakischen Sunniten dem IS in die Arme. Westliche Soldaten hinzuschicken w├Ąre eine Torheit, ein Geschenk an den Feind. Hier ein paar Hundert Iraker auszubilden, dort ein paar Hundert Syrer ist offensichtlich keine Alternative, bestenfalls ein alberner Ersatz f├╝r eine Politik. Was also bleibt? Nun, solange die syrische Armee nichts gegen den IS unternimmt, bleibt dieser auf unbestimmte Zeit im Gesch├Ąft.

Am 10.┬áJuni hie├č es im Telegraph, der Westen arbeitete daran, Moskau und Teheran zur Aufgabe von Assad zu bewegen. Er sei im Begriff, den Krieg zu verlieren, so offenbar das Argument der Unterh├Ąndler, also gebe es f├╝r Ru├čland und den Iran nur eine strategische Priorit├Ąt: die Verhinderung der Einnahme von Damaskus durch den IS. Selbst wenn man den ersten Teil der Pr├Ąmisse akzeptiert, ist die Idee, so wie der Telegraph sie darstellt, voller L├Âcher. W├╝rde man Assad tats├Ąchlich fallen lassen, was dann? F├╝r den Fall, da├č das Regime nicht daran zerbrechen und ohne ihn weitermachen sollte, werden die dschihadistischen Bewegungen und der IS es auch weiter bek├Ąmpfen. Warum sollte sich die syrische Armee unter diesen Umst├Ąnden besser schlagen als jetzt? Und wenn das Regime implodiert, was durchaus m├Âglich ist, kann man kaum erwarten, da├č seine Armee weiterk├Ąmpft und den IS aufh├Ąlt. Und sollte das Regime implodieren und sich ├╝ber Nacht ÔÇô wie von Zauberhand ÔÇô ÔÇ×moderateÔÇť Sunniten am Ruder sehen, wird der Staat seine engen Beziehungen zum Iran nicht aufrechterhalten; er wird seinen Kurs mit R├╝cksicht auf seine Sponsoren im Golf ├Ąndern und Teheran damit eine strategische Niederlage beibringen, die eine erhebliche Schw├Ąchung seiner Allianz mit der Hisbollah zur Folge haben wird. Warum sollten die Ajatollahs dem zustimmen? Und auch Moskau w├╝rde unter solchen Umst├Ąnden zwangsl├Ąufig einen Gutteil seiner Handhabe ├╝ber Damaskus verlieren. Der Gedanke, die Entfernung Assads w├╝rde den Sieg ├╝ber den IS beg├╝nstigen, ist reines Wunschdenken, ein Tagtraum von Spinnern. Wenn die Westm├Ąchte dem IS wirklich ein Ende machen wollen, m├╝ssen sie die dazu n├Âtigen Mittel auch tats├Ąchlich wollen.

Thinktanks scheuen sich davor, Politik vorzuschlagen, von der sie wissen, die Adressaten werden sie erst gar nicht in Betracht ziehen wollen. Ich geh├Âre jedoch keinem Thinktank an. Und abgesehen davon, da├č ich Syrien ein Ende des Krieges w├╝nsche, m├Âchte ich, wie vermutlich jeder andere wahre Demokrat, da├č man Tunesien, der einzigen Demokratie in der arabischen Welt, unter die Arme greift und gegen die Verheerungen jedweder Form von Terror sch├╝tzt.

(ÔÇŽ)
 

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Die kommende Ausgabe Lettre 141 erscheint Mitte Juni 2023