LI 122, Herbst 2018
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Babel Buenos Aires

Vom erträumten Paris des Südens zur europäischsten Stadt Amerikas

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Paris war nie das einzige europäische Vorbild für Buenos Aires, auch wenn die Beaux-Arts-Architektur den Ton für die großen, in den letzten Jahren des 19. und den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts errichteten Stadthäuser der Elite vorgab. Unterschiedliche Ideen von Stadt, darunter die der amerikanischen Metropole par excellence, New York, lieferten Bilder, auf deren Grundlage die Stadt am Río de la Plata erdacht wurde. Mit der fortschreitenden Modernisierung gewinnt der Vergleich mit New York an Einfluß. Unter der europäischen Ideenwelt liegt eine populäre amerikanische Ideenwelt. Doch New York und auch Paris sind im Grunde urbane Mythen, Mythen in dem Sinn, wie Georges Sorel diesen Begriff verwendete, eher „Systeme von Bildern“ als präzise Bauanleitungen.
   Le Corbusier nannte als Besonderheit von Buenos Aires die von italienischen Handwerkern errichteten kleinen Häuser, einfache Behausungen, die schnell auf elementare geometrische Formen zurückgeführt werden konnten. Er verwies auch darauf, daß Buenos Aires, anders als die europäischen Städte, die von emblematischen Flüssen durchströmt werden (Rom, London, Florenz, Paris, Budapest, Prag usw.), auf eine Art und Weise erbaut worden war, die es schon gegen Ende der 1920er Jahre quasi unmöglich machte, an den Fluß zu gelangen. Tatsächlich erinnert Buenos Aires an keine europäische Stadt, setzt sich jedoch aus Fragmenten zusammen, die aus vielen davon entnommen sind. In den wohlhabenderen Vierteln gibt es zahlreiche petit-hotels im französischen Stil, mit den typischen Schieferdächern, aber sie bestimmen den Ton der Stadt nicht, jedenfalls nicht mehr als die italienisch anmutende Casa de Gobierno, das eklektische Teatro Colón oder das Kongreßgebäude, der diszipliniert moderne Stil des ersten Wolkenkratzers oder die englischen Anklänge einiger Metro-Stationen. Der Zoologische Garten von Buenos Aires ist eine Stadt im Miniaturformat, deren Stilmix die ihn beherbergende Stadt heraufbeschwört. Normannische Pavillons, Pagoden, Schlangenhäuser zitieren Industriearchitekur oder Weltausstellungen.
   Auch die Kultur der argentinischen Elite war nicht ausschließlich französisch geprägt. Victoria Ocampo, die als Musterbeispiel für die Französierung in Argentinien galt, übersetzte Virginia Woolf und verlegte die Werke von Huxley, Nabokov, T. E. Lawrence und Tagore. Ihre Zeitschrift Sur, jahrzehntelang die angesehenste des Kontinents, gründete sie auf Drängen ihres amerikanischen Freundes Waldo Frank und nachdem sie den Kulturschock New York selbst erlebt hatte. Niemand könnte allen Ernstes behaupten, daß Borges frankophil ist; ganz im Gegenteil, seine respektlosesten Ausfälle richteten sich gegen Ikonen der französischen Kultur wie Proust. Die argentinische Populärkultur blickte seit den zwanziger Jahren auf die USA, auf das Vorbild der großen Massenblätter wie auch auf die Entwicklung von Radio und Kino.
   Die argentinische Kultur ist untrennbar mit den Übersetzungen aus Europa verbunden, jedoch nicht nur mit den französischen. Per definitionem ist die kulturelle Mischung also eine Mischung verschiedener Herkünfte.

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Buenos Aires ist eine Übersetzung Europas, aus vielen verschiedenen Sprachen und gegensätzlichen urbanen Narrativen, gebrochen durch die unumstößliche Tatsache seiner Lage in Amerika. Es gibt ebensoviel Imitation wie Zusammengebasteltes und Recycling.
   Buenos Aires wurde nach europäischen Modellen erbaut, die jedoch auf die Lösung von Problemen angewandt wurden, die anderer Natur waren als jene in Europa. In erster Linie, weil man in Buenos Aires, anders als in den europäischen Städten, fast bei Null anfing. Da ist der immense Río de la Plata, monoton und gelegentlich bedrohlich durch die Überschwemmungen, welche die Viertel in Ufernähe unter Wasser setzen. Was den Fluß angeht, so rückt die Stadt – wie Le Corbusier augenblicklich erkannte – allmählich immer weiter davon ab. Als Le Corbusier Buenos Aires 1929 besuchte, war der Fluß schon von nirgendwo aus mehr zu sehen. Dem Fluß gegenüber lag eine ebenfalls monotone und landschaftlich wenig attraktive Ebene. Darauf eine Handvoll alter Gebäude, ohne besonderen Charakter oder großen ästhetischen Wert: das koloniale Zollgebäude, das abgerissen wurde, die recova, die alte Markthalle, ebenfalls abgerissen, das vizekönigliche Cabildo, das einen seiner Flügel verloren hatte, einige Häuser aus der Kolonialzeit, die sich mehr durch die Weitläufigkeit ihrer Patios als durch ihre bauliche Raffinesse auszeichneten, zwei oder drei Kirchen, die ehrwürdigen englischen Lagerhallen am Hafen, die Gußeisenarchitektur einiger Eisenbahnstationen.
   Auf diesem Boden, der arm an historischen Dokumenten ist, erfindet sich Buenos Aires.

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Ein 1929 veröffentlichtes Zitat von Roberto Arlt aus einer seiner bekannten Zeitungskolumnen, den Aguafuertes porteñas, beschreibt eine Stadt, die im Entstehen ist: „Wie auf der Theaterbühne, wenn das Licht schon verloschen ist und nur noch die Soffitten bleiben, sind mittig aufgeschnittene Häuser zu sehen, Wohnstuben, in denen die städtischen Abrißbirnen wundersamerweise ein Stückchen Goldpapier oder einen Druck mit La Vie Parisienne unversehrt gelassen haben. Betongestelle, schöner ausstaffiert als eine Frau. Abwasserrohre. Bogenlampen setzen staubig gelbe Keller in sanften Schein, während die Kette des elektrischen Krans knirscht…“
   Roberto Arlt vergleicht die im Bau befindliche Stadt mit einem Bühnenbild, denn Buenos Aires wird so schnell erneuert, daß fast keine Zeit bleibt, um die Spuren dessen zu löschen, was es noch vor kurzem gewesen war, wie die Häuser, die in der Mitte zerteilt wurden, weil ihre Fassaden den Raum der großen Avenida einnahmen. Wie im Theater wird rund um die Uhr gearbeitet, im Schein der Bogenlampen, dieser technologischen Ikone der modernen Beleuchtung. Die Stadt wird in einer Art paradoxerweise geplanten Raserei errichtet, als müßte sie für die Aufführung am nächsten Tag fertig werden. Buenos Aires verändert sich ständig, fast über Nacht, die Straßen werden verbreitert oder ganze Gebäudeblocks abgerissen, um den von modernistischen Intendanten entworfenen Diagonalen Platz zu machen. Es ist das Bühnenbild, das für die moderne Metropole stehen soll, ein städtebaulicher Willensakt.

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Mehr von:
Beatriz Sarlo
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 104
Aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann
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