Direkt zum Inhalt
Cover Lettre International
Preis: 13,90¬†‚ā¨ inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis

LI 133, Sommer 2021

Il Maestro Fellini

Eine rauschhafte Liebe zum Film ‚Äď Wilde Tr√§ume und die Magie des Kinos

(...)

In den Sechzigern wurde aus Federico Fellini mehr als ein Filmemacher. Wie Chaplin und Picasso und die Beatles war er viel gr√∂√üer als seine Kunst. An einem bestimmten Punkt ging es nicht mehr um diesen oder jenen Film, sondern alle seine Filme, wie eine gro√üe Geste, die quer √ľber die gesamte Milchstra√üe geschrieben stand. Einen Fellini-Film zu sehen war wie ein Konzert der Callas besuchen oder einen Auftritt von Olivier, oder Nurejew tanzen zu sehen. Seine Filme verleibten sich sogar seinen Namen ein ‚Äď Fellinis Satyricon, Fellinis Casanova. Das einzig vergleichbare Beispiel im Film war Hitchcock, aber das war etwas anderes: eher wie eine Marke, ein Genre seiner selbst. Fellini war der Virtuose des Kinos.
     Inzwischen sind es fast dreißig Jahre, daß er von uns gegangen ist. Die Zeit, als sein Einfluß die gesamte Kultur zu durchdringen schien, ist längst vergangen. Und deshalb ist auch Criterions Box Essential Fellini, die letztes Jahr zu seinem hundertsten Geburtstag herauskam, mehr als willkommen.
¬†¬†¬†¬† Fellinis absolute visuelle Meisterschaft setzte 1963 mit dem Film Achteinhalb ein, in dem die Kamera im Einklang mit den schwankenden Stimmungen und geheimen Gedanken von Fellinis Alter ego Guido, den Marcello Mastroianni spielt, zwischen innerer und √§u√üerer Realit√§t schwebt und flie√üt und hin und her gleitet. Ich sehe mir Stellen in diesem Film an, den ich h√§ufiger gesehen habe, als ich z√§hlen kann, und frage mich immer wieder: ‚ÄěWie hat er das blo√ü gemacht?‚Äú Wie kommt es, da√ü jede Bewegung und Geste und jede Windb√∂e wie von selbst einen Sinn ergibt? Wie kommt es, da√ü sich alles so au√üergew√∂hnlich und unausweichlich wie in einem Traum anf√ľhlt? Wie kann jeder Augenblick so voller unerkl√§rlicher Sehnsucht sein?

(...)

Achteinhalb ist ein aus Fellinis Träumen gewobener Teppich. Wie in einem Traum scheint auf der einen Seite alles sicher und festgelegt, auf der anderen aber fließend und vergänglich; der Ton wechselt immer wieder, manchmal gewaltsam. Er schafft tatsächlich einen visuellen Strom des Bewußtseins, der den Betrachter in einem Zustand von Überraschung und Aufmerksamkeit hält, und eine Form, die sich laufend selbst neu definiert.
¬†¬†¬†¬† Im Grunde genommen dreht Fellini Filme vor unseren Augen, denn der kreative Proze√ü ist die Struktur. Manche Filmemacher haben sich in dieser Richtung versucht, aber ich glaube nicht, da√ü auch nur einem ann√§hernd das gelungen ist, was Fellini hier erreicht hat. Er hatte die K√ľhnheit und das Selbstvertrauen, mit jeder Art von kreativem Werkzeug zu spielen, die plastischen Qualit√§ten des Bildes zu erweitern, bis alles auf irgendeiner unbewu√üten Ebene zu existieren schien.
¬†¬†¬†¬† Selbst die scheinbar neutralen Bilder haben bei n√§herem Hinsehen einige Elemente in der Beleuchtung oder der Komposition, die einen umwerfen, die auf irgendeine Art von Guidos Bewu√ütsein durchdrungen sind. Nach einer Weile h√∂rt man auf, herausfinden zu wollen, ob man sich in einem Traum befindet, im Flashback oder schlicht in der Realit√§t. Man m√∂chte sich verlieren und mit Fellini umherziehen, sich der Macht seines Stils √ľberlassen.
¬†¬†¬†¬† In einem der H√∂hepunkte des Films trifft Guido den Kardinal im Dampfbad, eine Reise in die Unterwelt auf der Suche nach einem Orakel und eine Wiederkehr zu dem Lehm, dem wir alle entstammen. Wie im gesamten Film ist die Kamera st√§ndig in Bewegung ‚Äď rastlos, hypnotisch, flie√üend, immer das Unausweichliche ertragend, etwas offenbarend. W√§hrend Guido hinabsteigt, sehen wir von seiner Warte aus eine Reihe von Menschen, die sich ihm n√§hern, manche, die ihm Ratschl√§ge geben, um sich beim Kardinal einzuschmeicheln, andere, die ihn um einen Gefallen anflehen. Er betritt einen mit Dampf gef√ľllten Vorraum und geht auf den Kardinal zu, dessen Bedienstete ein Musselinlaken hochhalten, hinter dem er sich auskleidet ‚Äď nur sein Schatten ist zu sehen. Guido sagt dem Kardinal, da√ü er ungl√ľcklich sei, und der Kardinal antwortet, einfach, unverge√ülich: ‚ÄěWarum solltest du gl√ľcklich sein? Das ist nicht deine Aufgabe. Wer hat dir gesagt, da√ü wir auf die Welt gekommen sind, um gl√ľcklich zu sein?‚Äú

(...)

 

Preis: 13,90¬†‚ā¨ inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis
‚ĆÉ Zum Seitenanfang

Die kommende Ausgabe Lettre 145 erscheint Mitte Juni 2024