LI 119, Winter 2017
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Der Mann vom Lande

Noch einige Gedanken zu Franz Kafka

Zunächst ist dort von einer Täuschung die Rede. Noch ist der Mann vom Lande nicht eingetroffen. Nur K. und der Geistliche in dem Kapitel „Der Dom“ aus Kafkas Der Prozeß argumentieren gegeneinander. Ihr Gespräch führt zu einer Deutung der Geschichte von dem Mann, der vom Lande kommt, als handle es sich dabei um ein Gleichnis, mit dem der Geistliche K. und nur diesen allein anspricht − obwohl er sich damit an jeden anderen Menschen und sogar an alle noch lebenden Menschen hätte wenden können, um sie auf irgendeine Täuschung in ihrem Leben hinzuweisen. Hier der Wortlaut aus dem Kapitel „Der Dom“: „‘Worin sollte ich mich denn täuschen?’ fragte K. ‘In dem Gericht täuschst du dich’, sagte der Geistliche, ‘in den einleitenden Schriften zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung …’“ − mit diesen Worten beginnt auch das in der europäischen Literatur vielleicht am häufigsten zitierte Gleichnis oder das vermeintliche Gleichnis. Und siehe da, gleich an seinem Anfang, noch bevor es eröffnet und dargelegt wurde, heißt es darüber, daß es einen Fehler habe, eine Täuschung enthalte. Welcher Art aber ist diese Täuschung? Bezieht sie sich auf die aktuelle Situation von K., der diese Erzählung hört oder ihr lauscht? Und könnte oder sollte man sie überhaupt korrigieren? Auch wir, die Leser von Kafkas Prozeß, stellen uns ähnliche Fragen. Schließlich ist es natürlich, vor allem mit einem gesunden Menschenverstand nur allzu natürlich, alles zu befürworten, was in unseren Augen zur Korrektur eines Fehlers gehört, und in diesem Sinn wünschen wir in unserem Herzen auch K., daß sein Leidensweg mit der Geschichte, die er aus dem Mund des Geistlichen vernimmt, ein Ende finden möge, mit seinem Verstehen, das auch eine Einsicht in die Täuschung und vielleicht sogar deren Auflösung sein wird.
     Wie dem auch sei, es entfaltet sich nun der Inhalt der Erzählung: An das Tor zum Gesetz, an dem, wie es sich gehört, ein Türhüter steht, kommt der Mann vom Lande und bittet um „Eintritt in das Gesetz“. Möglich, daß dieser Mann aus eigenem Antrieb gekommen ist, weil ihm der Gedanke an das Gesetz keine Ruhe ließ und ihn schließlich dazu brachte, sich auf den Weg zu machen, der vielleicht lang, verschlungen und reich an Hindernissen war. Er mag zu Fuß gegangen oder auf einem Esel oder einem anderen Zugvieh geritten sein, um anderswo die Antwort auf die Gedanken zu finden, die ihn dazu gebracht hatten, seine ländliche Heimat zu verlassen. Das Land mag hier als Metapher für eine Umgebung dienen, die keinerlei Inspiration bieten kann, die nichts zu bieten hat, was ihre Bewohner zu irgendeiner schöpferischen Tätigkeit oder einem originellen Gedanken anregen könnte. Zugleich sieht es so aus, als sei die Entscheidung, vom Lande aufzubrechen, von dem Mann selbst getroffen worden und keineswegs das Ergebnis von Kontakten oder Interaktionen mit seinen Dorfgenossen oder Menschen aus anderen Dörfern seines engeren Umfelds gewesen. Das erinnert durchaus an ein anderes Gleichnis, das nicht weniger berühmt ist als das von Kafka, oh ja. Es ist Platons Höhlengleichnis, wo es ebenfalls einen Menschen gibt, der sich erhebt, in völligem Widerspruch zu allem, was bei den Angehörigen seiner Gesellschaft und seiner Gruppe, der Höhlenbewohner, als normatives Verhalten gilt, gegen die vorherrschenden Kriterien, die ihre Handlungen und ihre Beurteilungsweise bestimmen, und ganz gewiß gegen diejenigen, die sich durch eine besonders strenge Beachtung dieser Kriterien hervorheben und daher mit den von den Richtern verliehenen Preisen und Ehrerbietungen ausgezeichnet werden.
     Der Höhlenmensch handelt – er verläßt die Höhle und prägt dadurch die Entwicklung der Kultur, die nach Griechenland entsteht und die ohne weitere Erklärungen das mögliche Vorhandensein eines freien menschlichen Willens zu einer Grundvoraussetzung macht. Zudem ist es durchaus angebracht, in diesem Zusammenhang ein weiteres zu erwähnen: Der Mann, der aus der Höhle kam, erreichte sofort jenen anderen Ort, der ein Platz an der Sonne oder ein lichter Ort ist, obwohl er noch viel Zeit und Mühe brauchen wird, bis er das wirklich glauben kann, wohingegen der Mann, der vom Lande kam, einen ganzen Weg zurücklegen mußte, um seinen anderen Ort zu erreichen. War sein Weg weit? Anstrengend? Dauerte er lang? War es ein kurzer Weg?

(…)

Zeichenanzahl Exzerpt: 
4.400 von 18.000 Zeichen
Mehr von:
Shihor Rahel
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 20
Aus dem Hebräischen von Rachel Grünberger-Elbaz

Genre

Hauptthema:
  • Motive aus Kafkas Erzählung

Schlagworte

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