LI 126, Herbst 2019
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Raumschiff Babylon

Der Naturvertrag als Oper – der Philosoph als Librettist

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Frank M. Raddatz: Wenn mein Nachbar stolz neben seinem neuen SUV posiert, weil er glaubt, im Universum der feinen Unterschiede damit ordentlich zu punkten, gibt er eine jämmerliche Figur ab. Ein Neandertaler, der nicht begreifen kann, daß wir an einer ökologischen Zukunft arbeiten müssen.

Peter Sloterdijk: Nur daß wir gar nicht wissen, ob wir diese ökologischen Fahrzeuge im Moment überhaupt herstellen können. Die Gesamtumweltbilanz von Elektrofahrzeugen gegenüber der Herstellung von den benzin- oder fossilenergetischen Fahrzeugen ist keineswegs wesentlich günstiger. Die Produktion der Materialien, aus denen solche Fahrzeuge gebaut sind, einschließlich der Herstellung der Batterie ist so aufwendig, daß die energetische Bilanz von Anfang an überzogen ist. Ob sich das durch die Lebensdauer eines E-Fahrzeuges ausgleicht, ist noch nicht erwiesen. Man kann gar nicht wirklich vorhersehen, ob diese Politik der Reduzierung von CO2-Emissionen wirklich gelingen kann.
   So verrückt das klingt, die Klimawandel-Leugner bringen etwas zum Ausdruck, was mit dieser globalen Verwirrung zu tun hat. Sie spitzen ein Element zu, mit dem alle Zeitgenossen weltweit zu kämpfen haben, nämlich daß wir den Zusammenhang zwischen unserer Lebensweise und den Folgen der Lebensweise nicht in voller Länge überblicken und abschätzen können. Es sieht so aus, daß wir als Menschheit in einem Lehrgang sitzen, in dem die Endlichkeit der planetarischen Conditio humana sich mehr und mehr verdeutlicht.

 

Vielleicht müssen wir auf breiter Ebene erst einmal verstehen lernen, daß wir es in bezug auf die Ozeane oder auf die Atmosphäre usw. mit Speichermedien zu tun haben, und unser gesamtes Denken mit Blick auf den Planeten neu konstellieren.

Nach wie vor haben sehr viele Menschen einen kruden Materiebegriff im Kopf, wonach Materie ein geistloses, grenzenlos formbares Etwas ist, mit dem man machen kann, was man möchte. Doch mindestens seit Bergson, aber auch seit Ernst Bloch ist es evident, daß das, was wir Materie nennen, nur ein bestimmter Zustand von Information ist. Daher muß man sagen, die Materie hat nicht ein Gedächtnis, sondern die Materie ist ein Gedächtnis. So wie auch der Ozean als Speichermedium mehr ist als das, was er momentan erfährt oder bewirkt. Er ist seit vielen hundert Millionen Jahren eine Matrix des Lebens. Deswegen sind Fragen der Art: „Wie kommt das Salz ins Meer?“ gar nicht so dumm. „Wie kommen die Fische ins Meer? Wie kommen die Menschen auf das Meer?“ Das sind Zusammenhänge, die wir genau kennen müssen, um als Spezies zu überleben. Im Moment wird evident, daß die atmosphärische Hülle, die um den Planeten herum gelegt ist, alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellt. Sie hat die Selbstverständlichkeit verloren, die sie bis zum Beginn der Industriellen Revolution besaß.
   Man muß heute so über die Atmosphäre reden wie die Konstrukteure von Raumschiffen über das Life-Support-System an Bord einer Raumstation. Der Begriff, der im Zusammenhang mit dem Bau von Weltraumstationen eine Rolle spielt, muß auf die Erdoberfläche zurückprojiziert werden, damit wir begreifen, daß die Atmosphäre zum Life-Support-System des Spaceship Earth gehört – so die großartige Metapher von Buckminster Fuller. Übrigens ein Text, der 2019 sein fünfzigstes Jubiläum feiert. 1969 hat Buckminster Fuller den Erdenbürgern auf den Kopf zugesagt, daß sie auf einem Raumschiff leben. Allerdings auf einem Raumschiff ohne Betriebsanleitung. Von da an entsteht, was man die große Autodidaktik nennen müßte. Das ist die Basisdisziplin, die übrigbleibt, wenn man alle Geschichtsphilosophie abschleift, die der Existenz der Kollektive in der Zeit Sinn geben wollten. Am Ende bleibt nur dieser große autodidaktische Imperativ als Rest der Geschichtsphilosophie übrig: Die Menschen müssen sich in ihrer Situation selber belehren, indem sie den Ort, an dem sie sich aufhalten, genau erfassen und genau verstehen, um auch ihre Mitbürger nachdrücklich davon zu überzeugen, daß sie da sind, wo sie sind, und nirgendwo anders und daß es nichts nützt, sich wegzuträumen. In ein metaphysisches Jenseits oder eine utopische Gegenwelt. Das haben die Menschen über die letzten Jahrtausende schließlich überwiegend getan: Sie haben sich weggeträumt, dann war das Ganze nicht mehr so schlimm.

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Das Regenbogen-Paradigma, über das wir gesprochen haben, bezieht seine Dringlichkeit aus dem anbrechenden Anthropozän, in dem der sorglose Umgang mit der Biosphäre an ein Ende gekommen ist. Damit sind zahlreiche Implikationen verbunden. Die menschliche Spezies ist nur symbiotisch im Verbund mit den Ökosystemen lebensfähig, dieser Zusammenhalt mit den Tieren und Organismen muß erneut ins Bewußtsein und Handeln eingebracht werden.

Wir müßen heute so etwas wie einen höheren Totemismus entwickeln, eine Art Meta-Totem-Ebene, in der all die Tiere, die jetzt verschwinden, mit dem Bewußtsein hineingesetzt werden, daß sie unsere Verwandtschaft untereinander garantieren. Die alten Totem-Gruppen waren exklusiv. Das heißt, wenn ich zum Clan des Emus gehöre, dann ist ein Emu-Ahne verantwortlich für die soziale Synthesis der paar hundert Menschen, die selber Emus zu sein glauben und die in einem großen Initiationsritus ihre Identität erst gewinnen, wenn der Emu-Geist von ihnen Besitz ergriffen hat. Sie besitzen keine personale Identität, sondern eine totemistisch geformte Persönlichkeit. Sie sind wirklich Personen im starken Sinn des Wortes, weil sie von einem Prinzip bewohnt werden, das sich unterscheidet von ihrer Jungmänner-Existenz vor der Initiation. Das war übrigens das Prinzip der christlichen Taufe in ihrer ursprünglichen Gestalt. Durch eine Immersion, das heißt ein vollständiges Eintauchen in dieses Geistwasser, wurde der alte Mensch zum Verschwinden gebracht, und derjenige, der aus dem Wasser wieder aufsteigt, hat eine christomorphe Subjektivität erworben, die gegenüber seinen sonstigen Eigenschaften das Entscheidende ist. Diese Umbeseelung wird heute von den ökologischen Initiativen und Aktivisten insofern auf falsche Weise vorgenommen, denn wenn wir wirklich durch ein Meta-Totem für universale Verwandtschaft begeistert werden sollen, dann müssen auch die Angehörigen dieser Meta-Totem-Gruppe gebührend dargestellt werden. Es nützt nichts zu sagen, eine Million Arten sind im Aussterben begriffen, wenn die vollkommen anonym, also bedeutungslos bleiben. Wir müssen vielmehr deren Namen lernen und sagen können: „Ich gehöre jetzt zum Totem der arktischen Smaragd-Libelle, die es nicht mehr lange geben wird.“ Erst damit nehme ich, und zwar nicht nur symbolisch, an ihrem Aussterben teil, und zwar in einem buchstäblichen Sinne. Denn wenn das Totem untergeht – das schreibt Émile Durkheim –, dann ist es auch um den Clan geschehen. Wir müßten uns gewissermaßen mit der ganzen natürlichen Sphäre und ihren so ungeheuer reich gegliederten Bewohnern neu verloben, damit wir überhaupt verstehen, was zur Zeit auf der Erde geschieht. Wenn ich nur in der Zeitung lese oder aus dem Fernseher höre, eine Million Arten sind im Aussterben begriffen, berührt uns das nicht. Dann heißt es: „Wahrscheinlich war das schon immer so.“ Die Biologen sagen uns, 95 Prozent aller Arten, die jemals gelebt haben, sind in der langen, Hunderte von Millionen Jahren umfassenden Karriere des Lebens ausgestorben. Von daher paßt es ins Bild, was heute passiert, nur daß es viel schneller geht. Es reicht auch nicht, der Natur einen allgemeinen Rechtsbestand zuzuschreiben. Es genügt nicht, wenn man von unten her Menschenrechte erklärt. Die Menschenrechte haben keine Totem-Kraft, sondern sie sind von uns formulierte universalistische Fiktionen, die nur so stark sind wie die Kraft, sie geltend zu machen. Sie werden sofort eingeschränkt, wenn zu viele Fremde Schutz und Sicherheit verlangen oder sich als Mitglieder der Familie vorstellen, auf deren Erscheinen man nicht gefaßt war. Aber ein Totem versammelt eine Familie mit einer verbindlichen Kraft, die nicht vom Parlament eingeschränkt werden kann, weil sie aus einer Zeit vor dem Gesetz stammt.

 

Es ist bezeichnend für solche Gegenwartskunst, daß eine Million Arten aussterben, ohne daß diese es zur Kenntnis nimmt und zu großen Gesängen ansetzt.

Das hat damit zu tun, daß nach den Totems die Fetische, die Artefakte, als Vereinigungssymbole verwendet wurden. Aus den Herstellern der Fetische wurden die Künstler, und die kümmern sich weiterhin eher darum, als die besten Fetischmacher wahrgenommen zu werden. Von daher kommt es dann zu Individualfetischen, die keine Vereinigungsmacht für die Betrachter mehr haben. Die Mona Lisa ist sicher noch ein vereinigender Fetisch, obwohl es in ihrer Geschichte zu diesem sehr bemerkenswerten Zwischenfall gekommen ist, daß 1911 ein Liebhaber sie in einer unbemerkten Nacht-und-Nebel-Aktion im Louvre aus dem Rahmen geschnitten und mit nach Hause genommen hat, sie also sozusagen privatisiert hat. Millionen Menschen haben die Mona Lisa gesehen, waren von ihrem Mysterium berührt und haben das Gefühl gehabt, es ist nicht falsch, im Einflußbereich dieses Lächelns zu leben, und sofern wir gute Europäer sind, sind wir ohne dieses Lächeln nicht vollständig – und plötzlich geht dieses Europa vereinigende Lächeln in Privatbesitz über, auch wenn es zwei Jahre später wieder in den Louvre zurückkehrte.

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Im Heft auf Seite 39

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