LI 152, Frühjahr 2026
Der unmögliche Patient
Über die Aktualität der Psychoanalyse für Politik und GesellschaftElementardaten
Genre: Essay
Übersetzung: Aus dem Englischen von Rita Seuß
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Textauszug
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Die interessante Frage ist meines Erachtens nicht, ob in der Psychoanalyse Wahrheit liegt, sondern ob ihre Wahrheit uns befreien wird. Für einen Philosophen mag das eine seltsame Frage sein. Philosophen beschäftigen sich in der Regel mit Fragen der Wahrheit und der Erkenntnis – und im Fall der Psychoanalyse damit, ob sie den Status einer Wissenschaft verdient, was Freud für richtig hielt und Karl Popper für absolut falsch. Aber wenn ein Philosoph oder sonst jemand sich für Politik interessiert – also nicht nur dafür, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern –, lautet die eigentliche Frage, ob die Psychoanalyse uns befreien kann, nicht nur von den gewaltvollen Spaltungen unserer individuellen Psyche, sondern auch von den gewaltvollen Spaltungen und der daraus resultierenden Verzweiflung unserer politischen Gegenwart.
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Nach Judith Butler hilft uns die Psychoanalyse, in Akten der Herrschaft und Gewalt eine Leugnung unserer radikalen wechselseitigen Abhängigkeit zu erkennen. Und Jacqueline Rose zufolge warnt die Psychoanalyse vor der gefährlichen Versuchung, das Ereignis des Traumas zu einer „Opfer-Identität“ zu verdinglichen: eine Gefahr, die sich für Rose sowohl im Zionismus als auch im radikalen Feminismus manifestiert. „Die Psychoanalyse gibt uns zwar keine Blaupause für politisches Handeln“, schreibt Rose, aber sie ist in „einer privilegierten Position, um die Dualitäten (innen/außen, Opfer/Aggressor, reales Ereignis/Phantasma und sogar Gut/Böse) in Frage zu stellen, auf die sich so viele traditionelle politische Analysen so oft gestützt haben“. Die Psychoanalyse zwingt uns, wie Rose es ausdrückt, die „unendliche Komplexität des menschlichen Geistes“ anzuerkennen – auch des Geistes unserer Unterdrücker.
Es überrascht nicht, daß der derzeitige Aufstieg mächtiger rechtsextremer Bewegungen und Führer – in den USA, in Großbritannien, Brasilien, Indien, den Philippinen, Ungarn, Italien, Deutschland und anderswo – viele politische Denker, darunter Richard Seymour, Dagmar Herzog, Christina Wieland, Claudia Leeb und Joan Braune, zu dem Rätsel hat zurückkehren lassen, das Wilhelm Reich und andere linke Freudianer in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren beschäftigte: die psychische Anziehungskraft autoritärer Machthaber, der „Blut-und-Boden-Nativismus“ sowie regressive sexuelle und familiäre Normen. Und wie ihre Vorgänger im 20. Jahrhundert greifen diese Denkerinnen und Denker nicht nur auf Begriffe wie „Aggression“, „Rache“ und „Angst“ zurück, sondern auch auf Begehren, Phantasie und Lust.
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Seinen Mitbürger so zu behandeln, wie eine Analytikerin ihren Patienten behandelt – indem man beispielsweise seinen Zionismus als Folge eines vom Staat kultivierten Traumas diagnostiziert oder seine Feindseligkeit gegenüber Einwanderern als Ausdruck eines kindlichen Drangs nach Sicherheit und Kontrolle –, bedeutet für Rawls, aufzuhören, ihn als eine Person zu betrachten, und damit ein Grundprinzip der liberalen Demokratie aufzugeben.
Darin liegt etwas Wahres. Wenn wir alle ständig im Geist dessen miteinander umgingen, was Paul Ricœur – mit Blick auf Freud, Marx und Nietzsche – als „Hermeneutik des Verdachts“ bezeichnet hat, würden wir einander buchstäblich in den Wahnsinn treiben. Soziales Leben wäre unmöglich. Der gegenwärtige Kulturkampf gibt uns einen Vorgeschmack auf diese Perspektive.
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Psychoanalytische Praxis ist in ihrem Kern dyadisch – eine Zusammenarbeit zwischen Patient und Analytiker, wie asymmetrisch oder unbehaglich sie auch verlaufen mag und wie viele andere (Mutter, Vater, Gesellschaft, Andere) auch immer unsichtbar die analytische Bühne bevölkern. In diesem Sinn ist der Einsatz der Psychoanalyse zur Aufklärung der Politik – in theoretischen Texten von Butler oder Rose, Fanon oder Firestone – streng genommen keine Psychoanalyse im eigentlichen Sinn, sondern eine abgeleitete Anwendung ihrer Theorie. In solchen Fällen kann das Subjekt der Analyse nichts antworten; „Zusammenarbeit“ wird praktisch unmöglich. Widerstand ist so gut wie sicher.
Daraus folgt, daß die politische Bedeutung psychoanalytischer Texte selten aus einer Transformation der Psyche der analysierten Subjekte resultiert – aus der Emanzipation des Denkens von rechtsextremen Populisten, Klimaleugnern oder Völkermördern. Als politische Theorie, nicht als Praxis kann die Psychoanalyse anderes leisten. Sie kann uns helfen, besser zu verstehen, wie die Welt, einschließlich unserer Unterdrücker, funktioniert und was sich dagegen und gegen die Unterdrücker tun läßt; welche Wünsche wir für das kollektive Leben haben könnten und welche dieser Wünsche wir aufgrund des Realitätsprinzips aufgeben müssen.
Vielleicht ist es unangebracht, von der Psychoanalyse mehr zu verlangen. Aber es scheint mir wichtig zu erkennen, daß die von Freud hergestellte besondere Verbindung zwischen Wissen und Freiheit, die über den entscheidenden Mechanismus der Adressierung der Betroffenen selbst funktioniert, als Standardmethode im Bereich der Politik keine Anwendung mehr findet. Das ist keine Kritik. Aber es könnte eine Warnung sein. Zu einer Zeit, in der die psychoanalytische Theorie wieder ins kulturelle Zentrum rückt, die Psychoanalyse als therapeutische Praxis hingegen nach wie vor äußerst selten ist, vergißt man leicht, worauf Freuds ursprüngliches Versprechen der Befreiung beruht: nämlich auf einer dialogischen Begegnung zwischen dem Ich und dem Anderen.
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